Ich weiß nicht, wie lange ich gejammert habe. Ich weiß nicht einmal, ob ich gejammert habe. Oft habe ich geklagt, ja. Über meine Kindheit. Über mein Schicksal. Über meine Verhältnisse. Mal habe ich daraus eine Tugend gemacht, mal habe ich meine Unentschlossenheit und meine Wut damit entschuldigt. Was ich weiß, ist, dass ich irgendwann damit Schluss gemacht habe. Und zwar in dem Augenblick, als man mir Verantwortung gab. Verantwortung für andere. Da war der morbide Selbstzweifel gebannt. Dann ging es bergauf. Daher weiß ich heute kaum noch, wie die lange Zeit vor dem Tag aussah. Ab diesem Tag, als ich das Heft in die Hand nehmen durfte, galt für mich der Satz aus Jean Paul Sartres Werk „Das Sein und das Nichts“: „Die Existenz ist etwas zu Leistendes!“ Der Satz hat für mich bis heute Geltung. Alles andere halte ich für Unsinn. Das Reklamieren des bloßen Seins, das heute so sehr in Mode gekommen ist, erinnert mich an die alten Zeiten, in denen ich mehr gelitten als genossen habe. Daraus kann nichts Gutes erwachsen. Da liegt etwas im Verborgenen. Und, ehrlich gesagt, da soll es auch bleiben. Denen, die mir das Vertrauen schenkten und mir die Macht gaben, in die Verantwortung zu gehen, bleibe ich bis ans Ende meiner Tage zu Dankbarkeit verpflichtet. Egal, wie sie sich auch entwickelt haben. Das Leben ist kein Strich. Und die, die auch in schlechten Zeiten den Glauben an mich nicht verloren haben, bleiben meine Sterne am Himmel. Die Grundform allen Daseins ist die Bewegung. Amen.
Oft ist nicht die Frage interessant, ob uns eine Erinnerung einholt, sondern, warum sie ausgerechnet zu einem bestimmten Zeitpunkt auftaucht. Diese Frage werde ich beantworten müssen und auch wollen, aber sie geht nur mich etwas an. Die Erinnerung selbst ist es wert, erzählt zu werden.
Es handelt sich um eine Frau, die in ihrer Zeit Furore machte und die viele Menschen durch ihr Tun und Handeln geprägt hat. Geboren wurde sie Ende des neunzehnten Jahrhunderts in einer kleinen Industriestadt an der Schnittstelle zwischen Ruhrgebiet und Münsterland. Sie heiratete, wie das in der Zeit und der vom Katholizismus geprägten Gegend üblich war, früh. Ihr Mann war ein Kaufmann, der sehr jung ein damals so genanntes Kolonialwarengeschäft aufgemacht hatte. Dort gab es neben den westfälischen Kartoffeln und Rüben Nüsse und besondere Obstsorten. Der Mann der jungen Frau, die auf den Namen Maria hörte, gehörte zu denen, die in dem kleinen Städtchen die Sozialdemokratische Partei Deutschlands gegründet hatten. Das war, zu Beginn des 20. Jahrhunderts in der Provinz, ein schweres Vergehen. Als dann 1914 ganz Europa von denen, die das Treiben des jungen Kolonialwarenhändlers nicht mochten, in den Krieg geritten wurde, bekam der sofort einen Stellungsbefehl. Ihm erging es nicht anders als vielen anderen, die seine Auffassung teilten. Sie steckten ihn sofort in Todeskommandos in die erste Frontreihe und nur kurze Zeit nach Kriegsbeginn bekam Maria die Nachricht, dass sie jetzt Witwe sei.
Maria ging zu diesem Zeitpunkt mit einem zweiten Kind schwanger. Eine Tochter war bereits geboren und der Sohn, der es dann wurde, sollte seinen Vater nie kennen lernen. Maria war eine starke Frau. Sie übernahm den Kolonialwarenladen in eigener Regie, was das gesamte Umfeld in helle Panik versetzte. Eine Frau ist kein Geschäftsmann, hieß es. Sie ließ sich nicht beirren, führte den Laden mit eiserner Hand und behauptete sich gegen eine von Männern dominierte Welt. Wenige Jahre nach der Geburt des zweiten Kindes, einem Sohn, heiratete sie wieder und bekam noch einmal zwei Kinder. Der Glaube, in dem sie tief ruhte, gab ihr Kraft und Vertrauen, Pfarrer, die auf sie einredeten, sie dürfe so nicht leben, schmiss sie kurzerhand auf die Straße. Legendär waren ihre Auftritte auf den Hamburger Märkten, zu denen sie fuhr, um für ihr Geschäft die Überseeware einzukaufen. Auf diesem Pflaster des Männermonopols schlug sie auf, feilschte wie ein alter Fuchs und kaufte sich windige Zeitgenossen. Schon bald kannten alle die Maria aus dem Münsterland, wie sie dort genannt wurde, und so manch einer war sogar enttäuscht, wenn er sie nicht traf. Sie galt als Attraktion.
Als sich die Nacht über dem ganzen Land ausbreitete, war es für Maria keine Frage, dass sie, als die Verfolgungen zur Tagesroutine wurden, den jüdischen Viehhändler, den alle im Beinamen Männken nannten, über den ganzen Krieg mit Lebensmitteln belieferte, die sie selber zu dem Bauern brachte, der ihn versteckte, da sie nicht wollte, dass andere der Gefahr des Erwischtwerdens ausgesetzt würden. Als der Krieg vorbei war und Männken, der später ein bekannter und bedeutender Mann wurde, sich bei ihr bedanken wollte, antwortete sie nur „Dummes Zeug“ und beendete das Gespräch.
Maria und ihre Stadt überlebten die Nazis wie den Krieg, während dessen sie den Bergarbeiterfamilien mit Lebensmitteln half, deren Männer wegen ihrer politischen Überzeugungen von den berüchtigten LKWs im Morgengrauen abgeholt worden waren. Mittlerweile war Maria eine respektable Person geworden, die auch physisch durch ihre Größe und ihre tiefe Stimme beeindruckte. Wegen ihrer Eigenschaften, dem Glauben an einen Gott, dem Herzen, das links schlug und der Existenz als Geschäftsfrau und wegen ihres Auftretens, das mit fortschreitendem Alter noch ein breiter Pelzkragen und ein Stock mit einem mächtigen Silberknauf krönte, wurde sie im Volksmund der rote Zar genant.
So ist sie auch mir in Erinnerung geblieben. Ich lernte sie als bereits betagte Frau kennen, die in einem Sessel saß, sich auf den mächtigen Stock stützte und mit allen, die sie besuchten, über Politik diskutierte. Seitdem sie die Geschäfte abgegeben hatte, las sie die Zeitungen und Bücher und war bestens über alles informiert. Sie wurde zu einer politischen Enzyklopädie und vertrat mit einer ungeheuren Dynamik ihre politischen Ansichten, die immer links blieben, aber stets das Dogma mieden. Im Zentrum ihres Lebens stand die Menschlichkeit, zu der sie sich gegen alle Widerstände bekannte. Als sie merkte, dass es ans Sterben ging, rief sie nach dem Pfarrer und beorderte die gesamte Familie an ihr Bett. Bevor sie sich die letzte Ölung geben ließ, rief sie diejenigen, die aufschluchzten, zur Ordnung und verwies auf die Vergänglichkeit eines jeden. Dann forderte sie alle auf, das Lied „Maria, breit den Mantel aus“ zu singen. Danach empfing sie den Segen und starb. Der rote Zar war tot. Der rote Zar war eine Frau.
Vieles, was sich Erkenntnis nennt, dämmert erst im Alter. Die Art, mit Herausforderungen umzugehen, scheint sehr früh in der Kindheit begründet zu liegen. Es scheint, als ob es ein großes Privileg sei, mit der früh erworbenen Disposition erfolgreich durch das Leben kommen zu können. Ohne immer wieder zu scheitern, auch wenn es in einem erfolgreichen Leben auch nicht ohne Scheitern vonstatten geht.
Früh aus der Sicherheit einer bürgerlichen Familie entlassen, war die Straße eine meiner wesentlichen Sozialisationsebenen. In den frühen sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts, an der Peripherie des Ruhrgebiets, mit Zechen und Fabriken hinter dem Bahndamm. Und einer ländlich und bürgerlich geprägten Welt im direkten Umfeld. Es kam darauf an, auf welche Straße ich ging. Hinter dem Bahndamm war es rau, da wurden Sachen gemacht und Wörter gebraucht, die man im Norden noch gar nicht kannte. Dort wurde noch im Spiel gelernt, auch wenn sich der Ton von dem heutiger Tage dramatisch unterschied.
Wer auf der Straße aufwuchs, hatte zwei Chancen. Entweder wurdest du Alpha-Tier oder du gewöhntest dich a die Tritte der anderen. Wer überleben wollte, musste kämpfen. Es war eine Frage, wie ich mit der Angst umging. Alle hatten. Angst, die einen wurden von ihr gelähmt und hatten nichts zu lachen, die anderen lernten, sie zu überwinden und erlebten dabei das Gefühl der Befreiung. Das ging auf Kosten anderer. Eine andere Option existierte nicht.
Erst Jahre später sang eine viel zu früh verstorbene amerikanische Sängerin die Zeilen, dass Freiheit nur ein anderes Wort für den Umstand sei, nichts zu verlieren zu haben. Nie vorher war aus dem Radio etwas gekommen, dass meiner selbst gemachten Lebenserfahrung mehr entsprach. Diese Erkenntnis hat sich bis heute gehalten. Wenn du an etwas hängst, bist du nicht frei. Freiheit bedeutet, dass dieses hohe Gut nur durch den Schmerz der Trennung gewonnen werden kann. Freiheit erlangt man nicht auf dem Sofa und nicht in der guten Stube.
Insofern war die Straße meine Schule der Freiheit. Das mag allen gängigen pädagogischen Konzepten widersprechen. Dann ist es so. Der Kampf, der der Straße eigen ist, wird getragen von einem Grundgefühl. Es ist das der Rebellion. Rebellion gegen andere Alpha-Tiere, die dir vorschreiben wollen, was du zu tun hast. Und Rebellion gegen die eigene Angst. Die Rebellion hilft dir, als Mensch zu überleben.
Der rebellische Impetus war prägend. Bis heute, wo vieles erlebt ist, wo vieles etabliert ist und wo die direkten Kontrahenten der Straße verschwunden sind, kommt er immer als erste Reaktion zum Vorschein. Wer will hier was? Will ich das? Wenn nicht, wie und wann schlage ich zu? Wenn man so will, nicht nur eine Reminiszenz an das eigene Dasein auf der Straße, sondern auch an die später gewählte Phase als aktiver Boxer. Und an viele Jahre im Berufsleben. Die Erkenntnis bleibt. Das frühe Leben auf der Straße hat seine Spuren hinterlassen.
Nach Jahrzehnten ein Besuch dort. Auf der Straße, wo alles begann. Aus heutiger Sicht ein provinzielles Idyll. Es wirkte in erster Linie langweilig. Ostenmauer. Die subjektiv erlebte Hölle, in der so manches mal der Körper schmerzte und die Seele litt.
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