Archiv der Kategorie: Ostenmauer

Ostenmauer – 16. „Ich dreh euch jetzt den Saft ab!“

Eigentlich kam er aus Dortmund. Aber er arbeitete in Bochum. Bei Opel. Es waren unruhige Zeiten. Die Siebziger. Karl-Heinz gehörte zu denen, die immer gleich zum Kern der Sache vordrangen. Jeden Satz schloss das vertraute Wort „Woll“ ab. Wir trafen Karl-Heinz immer nur am Wochenende. An einem See im Ostwestfälischen. Dort hatte Karl-Heinz mit seiner Familie, das waren Frau und Tochter, einen Wohnwagen. Weißt du, so Karl-Heinz, jede Putze fährt doch nach Malorka, ich bin doch nicht bescheuert. Da bleib ich doch hier, ist doch viel schöner. Und schon zischte es wieder, weil er eine neue Dose Hansa Bier öffnete. Zum Bier gab es Schnaps, meisten einen, der Fürst Bismarck hieß. Die Zigaretten, die er rauchte, nannte er beharrlich Affenflöten. Wir saßen gerne bei Karl-Heinz, nicht nur, weil es etwas zu trinken gab, sondern weil er ein lustiger Vogel war. Seine Tochter, die sehr hübsch war, hatte, so Karl-Heinz, jetzt so einen Rock ´n Roll Jonny, der auf einer Gitarre herumklimpere, was sich schrecklich anhöre. Wenn die jetzt auch noch mit einem Igel ankäme, womit er ein Kind meinte, dann sei aber was los. Karl-Heinz stand mehr auf Lieder, die sich heute keiner mehr zu singen wagt. Schwarzer Zigeuner hieß so eins, das sang er, wenn der Fürst Bismarck zur Neige ging. Oh Schwarzer Zigeuner, ich hab dich tanzen gesehen, woll?

Da Karl-Heinz bei Opel in Bochum Schicht arbeitete, wollten wir wissen, was da so los sei. Wir wussten, dass dort mehr als 20.000 Menschen arbeiteten und es heftige politische Auseinandersetzungen gab. Innerhalb des Betriebes existierte eine revolutionäre Gewerkschaftsopposition, wie sie sich nannte. Listen gegen den DGB, mit marxistischen, manche sagten sogar maoistischen Kandidaten, die bei den letzten Betriebsratswahlen ein Drittel der Stimmen bekommen hatten. Das war eine Sensation. Karl-Heinz redete jedoch immer so, als wüsste er von nichts. Da laufen genug Bekloppte rum, warum also auch nicht die. So sahen seine Analysen aus.

Und dann kamen in den Nachrichten Horrormeldungen von einem so genannten wilden Streik bei Opel in Bochum. Die revolutionäre Gewerkschaftsopposition hatte dazu aufgerufen und die Produktion stand still. Es ging um Betriebsratspolitik. Polizei tauchte im Werk auf, es gab böse Verwerfungen innerhalb der Belegschaft. Die Revolutionäre im Land witterten Morgenluft. Letztendlich jedoch wurde der Streik niedergeschlagen und die Aufständischen auf dem Werksgelände festgenommen, angezeigt und gefeuert.

Als wir danach Karl-Heinz fragten, was denn da los gewesen sei, erzählte er uns zum ersten Mal, was er überhaupt dort machte. Er überwachte an einem Pult die Stromversorgung der Produktionsstraßen. Und als die Streikenden auf ihn zugekommen seien, um ihn um Unterstützung zu bitten, habe er selbst das Mikrophon ergriffen und dort hineingesprochen, ich dreh euch jetzt den Saft ab, ihr Arschlöcher. So war Karl-Heinz. Und dann gab es wieder Hansa und Fürst Bismarck.

Karl-Heinz blieb bis ans Ende seines Arbeitslebens bei Opel Bochum. Sein Wohnsitz blieb Dortmund. Sein Mallorca hieß Peckeloh. Irgendwann trank Karl-Heinz nur noch Wasser, weil sein Arzt ihm dazu geraten hatte. Dafür kaufte er sich ein Akkordeon und spielte darauf diese schrecklichen Lieder. Wir besuchten ihn weiter, weil er seinen Humor nicht verloren hatte und er einfach ein Originalton aus dem Ruhrgebiet war. Irgendwann trieb es uns in andere Richtungen. Ein paar Jahre später erfuhren wir, dass Karl-Heinz gestorben war. Früh, zu früh für sein Alter. Den Igel seiner hübschen Tochter lernte er nicht mehr kennen. Das Ende des Opelwerkes erlebte er auch nicht.

Die Vergänglichkeit des Seins

Ostenmauer – 15. Unterwerfung und Harmonie

Mit bestimmten Typen meiner Gattung hatte ich zeitlebens Probleme. Einem davon hat Heinrich Mann exemplarisch einen ganzen Roman gewidmet. Der Untertan ist eine ganz besondere Spezies. Ich habe immer wieder versucht zu ergründen, warum sich Menschen Verhältnissen unterwerfen, die weder ihren Interessen noch ihren Vorlieben entsprechen. Manchmal mit Murren, aber ohne offenen Widerspruch. Immer zuerst die Unterwerfungsgeste. Dann, sollte sich ein Mensch mit etwas mehr Selbstbewusstsein in der Nähe befinden, mit dem Versuch einer Erklärung. Zumeist werden entweder gar nicht so schlechte Motive des Unterwerfenden angegeben. Wobei, das meine Vermutung, die sich Unterwerfenden genau wissen, dass es sich dabei um eine Ausrede hinsichtlich des eigenen Versagens handelt. Eine weitere Begründung ist der Wunsch nach Harmonie.

Bei letzterem fallen mir immer meine javanischen Freunde ein. Sie gehören dem Kulturtypus an, in dem die Harmonie eine herausragende Rolle spielt. Auch sie halten alles aus, was man sich nur denken kann. Nur, wenn sie eine Quelle ausmachen, die aus ihrer Sicht den Zustand der Harmonie systemisch stört, dann bricht ein Sturm los, der so gewaltig ist wie der Ausbruch des Krakatau. Manchmal, so sagte mir ein javanischer Kollege, ist eine Revolution nötig, um die Harmonie wieder herzustellen. Das gefiel mir und ließ mich die vielen Gesten der Duldsamkeit verzeihen.

Nur hier, in unserem Kulturkreis, verhält es sich anders. Da bleibt Unterwerfung einfach Unterwerfung. Dahinter steckt nie eine emanzipative Ratio. Und das ist das Elend. 

In Jakarta trägt ein Stadtteil den Namen

Ostenmauer – 14. Vom Kriege

Der und der war gefallen. Der eine in Russland und der andere an der Westfront. Und wieder ein anderer war gar nicht weg gewesen, sondern hatte die ganze Zeit in KZs verbracht und dennoch alles überlebt. Dafür rannte er jetzt nachts auf dem Friedhof herum und weinte stundenlang laut. Der große Krieg, wie sie ihn nannten, war die Schule meines Vaters und seiner Generation gewesen. Es war nicht so, dass sie nicht darüber sprachen. Aber zumeist waren es einzelne Sätze oder Erzählfetzen und alle wussten Bescheid. Da kamen russische Partisanen vor, die Haltung bewahrt hatten, obwohl sie wussten, dass ihre letzten Minuten angebrochen waren. Da gab es einen ganz brutalen Hund in der Kompanie, der am Heiligen Abend im russischen Winter in Tränen ausbrach. Die Metaphern, in denen etwas geschildert wurde, kamen meistens aus dem Krieg. Da war jemand voll wie eine Haubitze, da schlug eine Bombe ein oder da gab es Frauen, die als Granaten bezeichnet wurden. 

Sie hatten vieles erlebt und das zu ihrer besten Zeit, wie man so unbedacht sagt. In jungen Mannesjahren. Da wurden Soldaten, die nicht angreifen wollten, von ihren Vorgesetzten Granaten in die Hacken geworfen. Alkohol bei den niederen Graden und andere Drogen beim Offizierskorps sorgten dafür, dass sie vieles überhaupt aushielten. Und, obwohl der Krieg immer präsent war, auch in der Zeit danach, in denen sie sich zurück holen wollten, was sie verpasst hatten und sich dabei oft aufführten wie die Vandalen. Vieles blieb im Dunkeln. Weil sie es nicht erklären konnten, weil sie es nicht erklären und weil sie nach vorne blicken wollten. 

Diese sperrigen Typen, die durch die harte Schule des Krieges gegangen waren, die Entbehrungen und Krisen kannten, schufen, zusammen mit den Frauen, die jahrelang den Laden an der Heimatfront geschmissen hatten, das Land, in dem ich aufwuchs. Die Werte, die dabei eine Rolle spielten, kamen aus der Krise. Und zwar aus einer, in der es um Leben und Tod ging. Da fandest du Anerkennung, wenn du unter schwierigen Bedingungen etwas zustande gebracht hast. Da hattest du dann die Arschbacken zusammen gekniffen, wie es hieß, und dafür bekamst du Respekt. Hast du dich dagegen beklagt, über schlechte Bedingungen oder Ungerechtigkeiten, dann warst du eine Memme. Dann warst du schwach. 

Zeiten sind so, wie sie sind. Es ist aus meiner Sicht absurd, aus einer anderen Epoche moralisch über sie zu urteilen. Das Beste, was einem gelingen kann, ist, sie zu verstehen und die Umstände, die dazu geführt haben, zu begreifen. Vielleicht, wenn alles gut gelingt, auch, um eine Wiederholung zu verhindern.  In Anbetracht erneuter Kriege bin ich sprachlos,  wie schnell wieder eine Begeisterung für dieses Gemetzel hergestellt werden konnte. Natürlich von Leuten, die da nicht hin müssen. Hegel hatte wohl Recht, als er davon sprach, dass eine Lehre aus der Geschichte sei, dass die Menschheit aus ihr nichts lerne. 

Picasso demaskiert den Krieg. Arbeit an Guernica