Archiv der Kategorie: Ostenmauer

Ostenmauer – 24. Fahrende Gesellen

Walter Benjamin schrieb davon, dass die hohe Schule der Erzählung bei den fahrenden Gesellen zuhause ist. Als ich das las, viele Jahre nachdem ich in der Person meines Vaters einem fahrenden Gesellen zugehört hatte, konnte ich das nur bestätigen. Mein Vater war als Schmied einige Jahre auf der Straße gewesen und hatte, auch das ist bittere Wahrheit, als Soldat im Krieg auch eine besondere Existenzform des fahrenden Gesellen erlebt. Seine Fähigkeit, Geschichten zu erzählen, war phänomenal.

Wie oft saßen wir abends in der Küche und hörten uns seine Erlebnisse an. Immer wieder hingen wir gebannt an seinen Lippen und oft war es wie ein Wunschkonzert: Erzähl doch mal die Geschichte, wo du mit Steif Dahl an der Donau…, Wie war das noch mit dem Fußballspiel im Rheinland, bei dem du eingesprungen bist … und wie hieß noch der Bauer, der die Marktkasse komplett verzockt hat? Unzählige Geschichten, und so banal manches auch schien, mein Vater konnte daraus spannende Ereignisse machen, die uns alle in ihren Bann zogen.

Das Fahren, das Wandern, das heute hier und morgen dort, ist nicht nur eine Vorbedingung für die Erzählkunst, die selbstverständlich nicht nur aus der geographischen Veränderung zu erklären ist, sondern auch aus der mündlichen Erzähltradition, deren Voraussetzung das ständige Weitererzählen von Erlebnissen ist. Meine Großmutter, genannt der Rote Zar, saß in ihren letzten Jahrzehnten in einem Raum, immer in dem selben Sessel, der einem Thron glich, gestützt auf einen Spazierstock mit einem verzierten Silberknauf, und erzählte die Geschichten, die sie selbst erlebt oder gehört hatte. Die Besuche bei ihr glichen Festivals. Zusammen mit ihrer mächtigen Erscheinung und donnernden Stimme wähnte man sich in einem Märchen, nicht aus tausend und einer Nacht, sondern, dem Ruhrgebiet entsprechend, dem der tausend Feuer. Der rote Zar breitete die Geschichte einer ganzen Epoche vor einem aus, so manches mal auf Plattdeutsch. Mit einer Intensität, die mir noch heute in den Ohren klingt. So manche Formulierung habe ich übernommen, nur für mich, wenn ich alleine und mit mir im Reinen bin. „Du bist nicht allein, aber du musst es selbst machen“. Übrigens eines der Indizien, die nach Flandern führen. Aber das steht auf einem anderen Blatt.

Das Spirituelle, das aus der Existenz von Fahrenden Gesellen resultiert, ist mir geblieben. Der Wunsch, sich zu verändern, sich unter Menschen zu wagen und das Profane als spannende Episoden zu erleben und daraus die Welt zu erklären, das eigene Erleben in einem Mikrokosmos als Form der möglichen Weltdeutung zu erleben, hat mich nie verlassen. Und immer, wenn ich fahrende Gesellen treffe, spreche ich sie an, unterhalte mich mit ihnen und denke an die Erzählungen meines Vaters. Früh hat er mich verlassen, seine Geschichten sind mir bis heute geblieben. 

Ostenmauer – 23. „Siehst du all die Sternlein stehen?“

Heinrich, ein so genanntes Original in meiner Heimatstadt, pflegte, wenn die meisten bereits schliefen, durch die leeren Straßen zu ziehen und laute Gespräche mit sich selbst zu führen. „Siehst du all die Sternlein stehen, oben dort am Firmament?“ war einer der Sätze, die er immer wiederholte. Aber er beschränkte sich nicht darauf. In die bekannte Struktur seiner Ausrufe mischte er immer wieder hoch brisante, ja politische Aussagen ein, die es in sich hatten. Dann konnte schon mal die Frage kommen „Und wen hat der Führer mit einem so schönen Auftrag bedacht?“. Wer damit gemeint war, das wusste jeder, denn es handelte sich um einen Fabrikanten am Ort, der sehr schnell seine Produktion auf kriegstaugliches Material umgestellt hatte. Aber nach einer solchen Aussage kam dann wieder ein Satz wie „Machorka! Machorka Jungs, das befreit die Seele!“ Dabei handelte es sich um russische Zigaretten, wenn man von der Brisanz absieht, dass Heinrich das wohl von den russischen Kriegsgefangenen wusste, die zu Kriegsende in besagter Fabrik arbeiten mussten.

Das Schicksal Heinrichs hat sich mir nie geklärt. Ich wusste, er hauste in einer alten Lagerhalle. Alle kannten ihn, und er gehörte einfach zum Stadtbild. Aufgrund seiner nächtlichen Ausrufe konnte man schließen, dass er über Bildung verfügte und gesellschaftliche Zusammenhänge durchschaute. Was ihn aus der Bahn geworfen hatte, darüber gab es nie Auskünfte. Aber es ist sicherlich keine Spekulation, die zu weit geht, dass es etwas zu tun gehabt haben muss mit Faschismus und Krieg. Später, als wir uns einmal trauten, Heinrich direkt anzusprechen, ließ er mehr seiner Geisteskraft aufblitzen, aber immer, wenn wir dachten, wir hätten ihn in einem rationalen Dialog, zog er sich blitzschnell auf das Sonderbare zurück und begann zu deklamieren: „Jedes Seelchen, sehnt sich nach nem Sternchen, oh Baby, das wird dir der Herr doch noch gewähren! Machorka, Towarischi!“

Heinrich war nicht der einzige dieser Art. Da gab es noch Arthur, der nachts über den Friedhof lief und heulte wie ein Hund. Sein Schicksal war jedoch den meisten Mitmenschen klar. Er hatte die zwölf Jahre der Diktatur in KZs überlebt, weil er zufällig einen seltenen Nachnamen trug, den auch eine Nazi-Größe hatte. Das hatte ihn immer wieder vor der Exekution bewahrt, aber nicht am Gesamtschicksal. Und dann war da noch Gras Grün, der immer alte Zeitungen sammelte, um sie dann zum Verkauf anzubieten, als wären es neue. Von bürgerlichem Namen hieß er Valentin und war Verleger gewesen, bis sein Besitz arisiert wurde. Wieso er immer noch oder wieder in der Stadt war und noch lebte, lässt sich nur vermuten. Sicher ist, dass einige Bauern aus dem Umland jüdische Mitbürger über Jahre vor dem Zugriff durch die Nazis versteckt hatten. Da war auch ein später sehr bekannter Mann dabei, deshalb wurde diese Tatsache bekannt und dokumentiert. Die Bauern nannten ihn Männken Spiegel, er war Viehhändler gewesen und allein die Tatsache, dass sie ihm halfen, war ein Schlag ins Gesicht derer, die gerade die jüdischen Viehhändler so verunglimpft hatten.

Wenn ich die Erinnerung bemühe, dann fallen mir immer mehr Personen und Dinge ein, die dazu geeignet sind, im eigenen, kleinen Mikrokosmos nach den vielen Indizien zu suchen, die ein Geschichtsbild ausmachen. Ich möchte dazu ermuntern. In die eigene Erinnerung zu schauen. Die Welt liegt im Detail!

Ostenmauer – 22. Stillstand

Objektiv existiert er nicht. Da muss ich immer an den schönen Satz von Friedrich Engels denken: Der Ursprung allen Daseins ist die Bewegung. Recht hat er. Was sich nicht bewegt, existiert nicht. Und genau das ist es, was mir den Stillstand so suspekt macht, der natürlich immer nur gefühlt sein kann, weil er objektiv ja gar nicht existiert. Der Stillstand ist das Ansinnen, die Spielregeln des Lebens nicht einhalten zu wollen. Auch das ist verständlich, weil die absurde Bewegungsrichtung des Lebens letztendlich immer der Tod ist. Insofern scheitern wir alle. Wenn wir das nicht reflektieren, so handelt es sich um ein intendiertes Tabu, um den Spaß an der Sache nicht zu verlieren. Wer hat schon Lust, immer zu wissen, dass man irgendwann sowieso dem Sensenmann in die Arme läuft.

Und diejenigen, die die Vorwärtsbewegung durch den inszenierten Stillstand aufhalten wollen, machen das aus dem Motiv der Todesangst. Sie wollen die eherne Gesetzmäßigkeit des Lebens außer Kraft setzen und nehmen dabei sogar in Kauf, die Zeit, die hier auf diesem Planeten bleibt, nicht etwas besser, schöner, sinnvoller machen zu wollen. Nein, es soll alles so bleiben, wie es ist, und wenn möglich, möglichst lange. Wenn man so will, der Tod im Leben. Die Apologeten des Stillstandes wollen den Tod im Leben, um den Tod am Ende möglichst lange hinauszuschieben. Absurd aber wahr. Deshalb gibt es auch zwanzigjährige Greise und Vierzigjährige, die über Erfahrungen von Achtzigjährigen verfügen.

Neben denen, die den Stillstand favorisieren, existieren nämlich auch noch die, die über eine, um zu zitieren, neurasthenische Angst vor dem Stillstand verfügen. Sie versuchen alles zu gestalten und zu beschleunigen. Ob sie sich, analog zu den Verfechtern des Stillstandes, wirklich immer bewusst machen, was sie treiben, sei dahin gestellt. Sicher ist jedoch, dass sie über die Qualität, die die Beschleunigung des Daseins mit sich bringt, die gefühlte Lebenszeit essenziell bereichern, weil sie sie mit Erfahrung verdichten. Auch sie werden scheitern, das ist die Regel, und wenn schon zu Lebzeiten, dann spätestens an der Erkenntnis, dass die Dauer des Aufenthaltes auf diesem Planeten immer zu kurz ist, um die Komplexität des hiesigen Daseins zu erfassen. Dennoch werden sie weitermachen, denn die Neurasthenie ist nicht zu unterschätzen. 

Über diesen Clash of Civilizations ist in der Moderne noch nicht sonderlich viel nachgedacht worden, sollten wir aber machen. Denn die unterschiedliche Position zum Sinn des Lebens einmal festzumachen an der gewissen Endlichkeit, ist gefährlich. Die Menschen in unaufgeklärten, tief religiösen Epochen waren da cooler. Sie wussten um die Endlichkeit und hatten ein Konzept für das Danach, was ja nicht unangenehm sein musste. Mit der Materialisierung der Betrachtung des Daseins, d.h. Aufklärung, Wissenschaft und Industrialisierung war dieser Spuk vorbei. Aber der große Wurf ist epistemologisch dennoch nicht gelungen. Anstatt einer famosen Begründung für die Liquidierung des Gottes zugunsten einer neuen Dimension, wurde ein recht antiquiertes Tabu errichtet. Wir denken einfach öffentlich nicht mehr über die Endlichkeit nach. 

Unabhängig davon ist der beständige Kampf zwischen Stillstand und Beschleunigung das wohl probateste Stilmittel der menschlichen Existenz. Der Stillstand fordert die Geister der Gestaltung heraus und bietet ihnen die Reibungsfläche. Daraus entsteht oft vieles, das nützlich ist und manchmal sogar etwas Großes. Und das wegen eines Phänomens, das im strengen Sinne gar nicht existieren kann.

Irgendwo brennt immer ein Licht