Archiv der Kategorie: Ostenmauer

Ostenmauer – 83. Batu Ferringhi, 21. Mai 1998

Batu Ferringhi, Malaysia, 21.05. 1998

Wir sind auf dem Penang Island angelangt, nördlich der Straße von Malacca und nicht weit von der thailändischen Grenze. Heute morgen erfuhr ich von einer Kollegin aus Jakarta, daß um 8.55 Uhr Ortszeit die Nummer Eins zurückgetreten ist und „verfassungsgemäß“ seinem Vize, J.B. Habibie, Platz gemacht hat. Nun wird auch klar, warum sich gestern trotz aller Erwartungen nichts getan hat. Hinter den Kulissen wird weiter ein javanisches Schattenspiel aufgeführt. Sicher ist, daß Habibie derjenige sein wird, der für einen würdevollen Abgang des Alten stehen wird, will heißen, letzterer wird für seinen Familienclan noch einige Milliarden aus dem Land herauspressen und sein Vasall wird ihm dabei behilflich sein. Gelöst ist dadurch gar nichts, doch warten wir den heutigen Abend ab, an dem Habibie sein neues Kabinett bekannt geben will. An seiner Besetzung wird man ablesen können, ob Indonesien vorerst zur Ruhe kommen wird oder nicht. Der neue Präsident steht jedenfalls für Unruhe, da er das alte Regime repräsentiert.

Nach unseren Erfahrungen in den letzten beiden Wochen müssen wir feststellen, daß unsere Kriterien, nach denen wir Politik beurteilen und deuten, nicht dem entsprechen, was in Indonesien vor sich geht.  Es hat viel mit Intrigen zu tun, die es natürlich ebenso im Westen gibt, aber mehr noch mit Macht, Symbolen und Mysterien. Die diabolische Chronologie der letzten Woche belegt dies in aller Deutlichkeit.

Die Studentendemonstrationen dauerten bereits seit Januar an und rissen nicht ab. Immer mehr Gruppen der Gesellschaft schlossen sich der Kritik an dem Präsidenten und dessen Clan und Gefolgsleuten an und immer mehr Mitglieder der Eliten entwickelten so etwas wie Patriotismus, indem sie für eine Beendigung dieser untragbaren Verhältnisse eintraten. Da ließ sich die Nummer Eins ein Szenario einfallen, das eher aus der Zeit der römischen Agonie zu stammen scheint als aus der Moderne oder dem, was davon übrig geblieben ist. 

Während Bapak im fernen Kairo auf dem Treffen der G15-Staaten weilte, schaltete sein Schwiegersohn Prabowo, der in den letzten 12 Monaten 14 mal befördert wurde, bis er Chef der KOSTRAD Elitetruppen war, Stufe eins des Plans. Auf einer Demonstration von Studenten der privaten, von Elitenachwuchs besuchten Trisakti-Universität, die sich in ihrem Charakter in nichts von den Protesten der letzten Monate unterschied und völlig friedlich verlief, ergriffen Prabowo ergebene Truppen die Gewehre und erschossen sechs Studenten wie auf der Hasenjagd. Botschaft: Vorsicht, ihr Eliten, auch ihr seid nicht sicher! Daß diesem Gewaltakt eine Eskalation folgen mußte, war abzusehen. Damit trat Stufe zwei auf den Plan: Die hungernden und zunehmend frustrierten Bewohner der allzu zahlreichen Armenviertel Jakartas brauchten ein Ventil, das auf keinen Fall den Meister selber bedrohen sollte. Als die Studenten zwei Tage später zu Hunderttausenden auf die Straße gingen, um gegen die Morde des Militärs zu protestieren, tauchten die dem Präsidenten treuen Pemuda Pancasila Truppen auf und begannen vornehmlich chinesisches Eigentum zu brandschatzen und Angehörige dieser einflußreichen Volksgruppe zu meucheln.  Daß sich dabei so manch armer Teufel dazu gesellte, ist unbestritten. Die bis heute genannte Zahl von ca. 500 Toten scheint mindestens um das zehnfache untertrieben zu sein. Womit der Alte und Prabowo nicht rechneten, war die Tatsache, daß der Armeechef Jenderal Wiranto nicht mehr so ganz in die glatte Kalkulation zu passen scheint und zu einem unsicheren Glied geworden war. Er wagte zwar nicht den offenen Bruch mit Number One, aber er verhängte das Standrecht über diejenigen, die beim Schießen auf unbewaffnete Zivilisten erwischt würden. Spekulationen auf eine noch bevorstehende Konfrontation zwischen der Prabowo- und Wiranto-Fraktion innerhalb des Militärs haben nach wie vor genügend ernstzunehmende Nahrung. Ersterer gehört eigentlich vor ein internationales Kriegsgericht, der zieht nämlich schon ab und zu auf seinen Besuchen in den unruhigen Provinzen Irian Jaya oder Timor selber die Pistole aus dem Halfter und füsiliert mal so eben ein halbes Dutzend Widerständler durch Kopfschuß nach Eichmann Manier. Eine zweite Rechnung, die nicht aufging, war die, daß nicht das ganze Land aufatmete, als Bapak endlich von den Gestaden des Nils nach Hause geeilt kam, um für Ordnung zu sorgen. Da die Javaner das Schattenspiel als solches nur zu gut kennen, durchschauten sie das Spiel und die Rufe nach der Demission wurden nur noch lauter. Ob der Kuhhandel mit der Edelkomparse Habibie nun von der mittlerweile breiten demokratischen Volksbewegung hingenommen wird oder zumindest so verfeinert präsentiert wird, daß er die Fähigkeit besitzt, diese zu spalten, werden wir in den Nächsten Tagen sehen. 

Wir gehen jedenfalls davon aus, daß wir in den nächsten fünf bis zehn Tagen zurück nach Jakarta reisen werden. Ich kann mir nämlich vorstellen, daß mittlerweile im Auswärtigen Amt und mehr noch im Hause des Deutschen Botschafters in Jakarta die Sektkorken knallen werden, ist man doch in diesen Gefilden der deutschen Politik fest davon überzeugt, in Habibie einen treuen Bündnispartner zu haben. Schließlich besitzt dieser eine wunderbare Villa im Alten Land bei Hamburg, einige fette Konten auf deutschen Banken und ein kleines rotes Päßlein, das ihm was weiß ich für eine sentimentale offizielle Seele des Deutschen Staates zum großen Dank für alles irgendwann einmal in die Smokingweste gesteckt hat.  Ich mit meinen freilich bescheidenen Einsichten kann da nur warnen und meinen Landsleuten raten, mal bei anderen Adressen in Jakartas Straßen vorstellig zu werden, wo unter so manchem alten Sarong mehr Macht und Einfluß steckt  und unter dem traditionellen Pendopo die Verläßlichkeit ein bißchen mehr zu Hause ist als in den futuristischen Katakomben des Luftfahrtingenieurs.

Nun muß ich wieder einmal Schluß machen und mich ans Telefon setzen und unsere Informanten in Jakarta anrufen. Deren Nachrichten sind zeitiger, präziser und sicherer als die von CNN! Von unseren Telefonrechnungen in Jakarta, Kuala Lumpur und Batu Feringghi erzähle ich ein andres mal…

Ostenmauer – 82. Kuala Lumpur, 19. Mai 1998

Kuala Lumpur, 19.05. 1998

Die Zeit meines heutigen Eintrages ist begrenzt, da der Akku des Notebooks nur noch halb voll ist und hier in Malaysia andere Steckdosen sind. Nach einer dramatischen Ausreise aus Indonesien am Sonntag sitzen wir nun seit zwei Tagen in Kuala Lumpur im Radisson Hotel, direkt gegenüber den berühmten Twin Towers. Mit uns sind ca. 20 andere Deutsche Experten, die aus Jakarta flüchten mußten. Die Deutsche Botschaft in Malaysia hat sich hervorragend um uns gekümmert und uns nachts am Flughafen abgeholt. Uns geht es hier wirklich bestens, anders als unseren indonesischen Kollegen. Auch hier im Hotel werden wir mit aller erdenklichen Aufmerksamkeit bedacht, vom Zimmermädchen bis zum Manager, sie behandeln uns wie Kriegsveteranen und lesen uns jeden Wunsch von den Augen ab bzw. erfüllen uns zum Teil Wünsche, die wir noch gar nicht haben.

Auf einem Empfang der Deutschen Botschaft, von dem wir gerade kommen, sagte man uns, daß mittlerweile alle Deutschen aus Indonesien ausgereist sind. Ein bißchen ist hier die Atmosphäre aus Menschen im Hotel, alle versuchen irgendwie ihre Kanäle nach Jakarta aufrecht zu erhalten und an Informationen heranzukommen. Die Lobby gleicht einer Nachrichtenbörse, auf der die neusten politischen Entwicklungen besprochen werden. Innerlich sind wir hier noch gar nicht angekommen. Fest steht, daß der Präsident bis zum letzten Atemzug an der Macht festhält, egal was der alte Taktiker auch erzählt. Wir warten alle mit angehaltenem Atem auf den morgigen Tag, an dem unseres Erachtens die Entscheidung über das weitere Schicksal Indonesiens getroffen wird. Millionen werden auf der Straße sein, es kann zu einem Blutbad kommen oder vielleicht auch zu einem Ende der Ära S.. Die Fragen, die sich einem solchen anschließen würden, sind nicht minder brisant. Wer wird überhaupt in der Lage sein, das völlig am Boden liegende Land aus der Depression zu führen? Und selbst wenn es solche Leute gäbe, wer gestünde ihnen die dazu notwendige Zeit zu? Wir wagen momentan gar nicht, darüber nachzudenken. Allzu schnell würden diese mit den „guten alten Zeiten“ des großen Schattenspielers zu Unrecht konfrontiert. Vox populi – Vox Rindvieh, auch das wahrscheinlich ein Universalgesetz.

Und, was uns ganz privat betrifft, es wird sich auch entscheiden, ob es Sinn haben wird, wieder dorthin zu gehen und dort arbeiten zu können und natürlich zu wollen. Renate und ich haben beschlossen, morgen einen Wagen zu mieten und bis zum Wochenende nach Penang zu fahren, einer malaiischen Insel an der Grenze zu Thailand. Dank der heutigen Kommunikationsmöglichkeiten sind wir nicht aus der Welt und werden über den Lauf der Dinge immer gut informiert sein. Machen können wir ja nun wirklich nichts. Und außerdem ist auch unser Akku mittlerweile nahezu leer, das ewige auf dem Sprung sein, die ganzen Turbulenzen, von denen ich hoffentlich aus Penang erzählen kann – wenn ich dort einen Adapter finde -, haben ihren Tribut von uns gefordert. Aber es waren bis jetzt Tage, die wir wohl nicht mehr in unserem Leben vergessen werden. Jetzt aber ist uns nach Strand und Meer, gutem Fisch und Ruhe. 

Kuala Lumpur, 19. Mai 1998

Ostenmauer – 81. Jakarta, 16. Mai 1998

Jakarta, 16.05. 1998, 3.15 Uhr

Alles ist ruhig. Es ist die Zeit, in der Jakarta wie üblich sich ein kleines Stündchen nimmt, um einmal tief durchzuatmen. Dennoch tut sich etwas. Unten im Kampung werden mit Bambusstangen Signale geschlagen, dann kommt aus einer benachbarten Gegend eine Antwort, so setzt es sich fort. Vereinzelt schreit ein Hahn, als wolle er zu Verstehen geben, er hätte verstanden. Im politologischen Institut, das im Dunkeln liegt, sehe ich auf einer Etage Bildschirme flackern, die Studenten verständigen sich über Internet. Jetzt schreit ein kleiner Nachtfalke, ein mir lieb gewordener Nachbar. Jaya Karta steht vor einer großen Entscheidung. Ich wünsche dieser Stadt und ihren Menschen, daß es eine gute sein wird. Nach der Rückkehr des Autokraten gab es gestern eine taktische Ruhe. Nur noch der Autokrat selbst glaubt, es sei eine strategische gewesen. Es kann sich nur noch um Stunden oder Tage handeln, bis sein teuflisches Schattenspiel zu Ende geht. Die Studenten, wo gibt es das schon, werden das alte Regime bezwingen. Mit ihren 300.000 Soldaten kann die Armee die Aufstände nicht mehr kontrollieren. Und wie sie abgesprochen sind! Gestern, als es nach Ruhe in Jakarta aussah, schlugen sie zu, auf  Sumatra, Java und Sulawesi, sprich in Medan, in Bandung, Solo, Yogyakarta, Surabaya und Ujung Pandang. Und Jenderal Wiranto weigert sich, auf die Studenten zu schießen. Für nächste Woche, den 20. Mai, ist im ganzen Land der Generalstreik angekündigt. Bis dahin, spätestens bis dahin wird nach meinem Urteil die lang ersehnte Entscheidung fallen. Der Alte versucht mit allen Mitteln, das, was die Leute hier jetzt die Kleptokratie nennen, zu retten. 

Wir werden dies nicht direkt miterleben. Das Auswärtige Amt und das BMZ haben in Bonn beschlossen, uns nach Singapur auszufliegen. Wir wußten das hier schneller über die CIM aus Frankfurt als von der Deutschen Botschaft vor Ort. Sei´s drum. Renate und ich gehen ungern, wir haben das Land und die Menschen hier bereits in unser Herz geschlossen. Gero hat einen Wagen aus dem Hafen organisiert, um sich und seine 82jährige Mutter auf eigene Faust in Sicherheit zu bringen. Er wollte nach Pangandaran am Indischen Ozean, mußte aber über den Punjak-Paß und an Bandung vorbei. Er wollte anrufen, wenn er dort ankommt, was noch nicht geschehen ist. Zentraljava gilt als besonders unsicher. Ich mache mir Sorgen und hoffe, er hat ein paar Guards mitgenommen.

Wir haben uns noch um Hsini, die Chinesin und ihren Mann, einen Hamburger, gekümmert, die wir mit nach Singapur nehmen wollen. Sie saßen in ihrem noch leeren Haus in Kebayoran Baru und wußten nicht, was sie machen sollen. Wir sind guter Dinge, was unsere private Sicherheit anbetrifft wie die politische Entwicklung. Ibu Renate ist großartig. Sie steht wie ein Fels in der Brandung!

Die Bambustrommeln sind verstummt, statt dessen haben die Hähne die Hunde geweckt und diese zu schlaffem Gejaule veranlaßt. Denen ist einfach immer zu heiß. Mein kleiner Nachtfalke dreht seine letzte Runde, im Kampung wird bereits der Reis gebraten. Ich lege mich noch einmal hin, der Tag kann lang werden. 

Jakarta, 16. Mai 1998