Archiv der Kategorie: Ostenmauer

Ostenmauer – 32. Neckarstadt

Vor einhundertzwanzig Jahren nichts als Gärten. Heute der bevölkerungsreichste Teil der Stadt. Unterteilt in Ost und West. Man muss diesen Stadtteil durchdringen, um ihn zu begreifen. Er ist ein Prinzip. Auf der Oberfläche hört man viele Namen: Die Neckarstadt hat den Blues, das ist ein sozialer Brennpunkt, die UNO im Kleinen, der Rotlichtbezirk, Auowauowau. In den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts strotzte hier in West noch das proletarische Selbstbewusstsein. Das Geld floss, ins Portemonnaie und von dort in die Kneipen und Bars und so manches Strumpfband. In Ost wohnten Bürger und Handwerker, die immer großen Wert auf das Ost legten.  Die Arbeiter aus West zogen weg, kauften sich kleine Häuschen im Grünen. Es kamen die, die man heute Migranten nennt. Aus Spanien, Italien, vom Balkan, aus der Türkei. West wurde bunt und unübersichtlich. Nach Ost drängten Akademiker, zumeist mit Gitarren unter dem Arm. 

West blieb wild. Schießereien. Samstagmorgens. Mit der Pump Gun aus dem Freistoss in die Mausefalle. Immer mehr türkische Cafés, ohne Alkohol. Immer weniger Amerikaner, die mit jagenden Taxen über das Kopfsteinpflaster zur Neunzehnten rollten. Und dann der Balkankrieg. Risse durch Familien, Häuser und Arztpraxen. Der serbische Arzt, einer der letzten großen Mystiker der Neckarstadt, eilte nachts in Häuser und entfernte jenseits der offiziellen Protokolle Kugeln aus ehemals jugoslawischen Körpern. Dennoch, die junge Staatsanwältin erzählt, bis in die achtziger Jahre war der Beischlafdiebstahl das meist gezählte Delikt. Die Gaststätten verschwanden, die Pizzerien kamen, um den Dönerstuben zu weichen. Nach Ost kamen Inder, saturiert, cool, Hello my Friend! Ansonsten dort, die Vorboten der Kreativität. Immer noch Jazz und Blues. Libertinage im akademischen Sinn.

In den neunziger Jahren wurde West seitens der Administration der Kampf angesagt. Kein rotes Licht mehr! Es war die Abkoppelung vom Rest der Stadt. Es gab keinen Grund mehr, iwwer die Brick zu gehen. Neckarbrücken Blues. Mr. Law & Order hatte das nicht begriffen. Senor, der ehemalige Legionär, erzählte, dass er bis zum achtzehnten Lebensjahr nicht die Brücke Richtung Stadt überquert habe, weil er dachte, dazu benötige man einen Pass. West hatte seinen eigenen Adel, der schon mal beim Kartenspiel in den Kronleuchter schoss. Chico, ti amo. Die Brücken allein waren Korridore zu einem anderen Leben. Heute fahren die Straßenbahnen darüber, als wäre nichts gewesen. Urgesteine halten aus, in Ost wie West.

In Ost droht Gentrifizierung. Jeder Apple Computer ist eine Mine. Die soziale Brisanz wird eliminiert, und damit auch der Charme. Gesundes Frühstück statt Metzelsupp, Tofu-Auflauf statt Rippchen mit Kraut. Die verbliebenen Freaks, die das 22. Jahrhundert schon gedacht haben, sehen sich jungen Eindringlingen gegenüber, die das frühe Bürgertum glorifizieren. Ost ist in seiner Substanz bedroht, während alles nach West schaut. Taktik? Frankfurter Spekulanten bauen den Sanften Passivhäuser zu Preisen, die nur Erben aufbringen können. Manche räumen das Feld, um irgendwo am Rand zu verdorren.

West bleibt ein Durchlauferhitzer. Etablierte Türken vermieten an mittellose Rumänen und Bulgaren. Die nackte Armut bringt sie. Jeder Platz hier ist besser als dort, woher sie kommen. Die Neckarstadt ist ihr Portal zur Zivilisation. Sie werden es schaffen, wie alle, die einmal hier ankamen. West ist das Queens des Südwestens. Hier werden Überlebenseliten geboren. Wer das nicht versteht, der hat die Neckarstadt nicht begriffen. Der hat Mannheim nicht begriffen.  

KI-Visualisierung des Textes zur Neckarstadt

Ostenmauer – 31. Ali

Es möge noch einmal erlaubt sein, in einer anderen Zeit, in der vieles von dem nicht mehr zu gelten scheint, als in der, um die es geht. Es geht um die Zeit, als auf der Welt noch Vorstellungen herrschten, dass es gerechte wie ungerechte Kriege gebe, und dass es Rufe gab, die hießen Freiheit oder Tod. Heute nennen Historiker die Zeit, in der es das nicht mehr gibt, die post-heroische. Folglich muss der Abschnitt, um den es jetzt geht, ein heroischer gewesen und herausragende Persönlichkeiten noch Helden gewesen sein.

Ein Held meiner Kindheit und frühen Jugend war ein Boxer namens Cassius Clay aus Louisville,  Kentucky. Später wurde er unter dem Namen Muhammad Ali weltberühmt. Er räumte von unten, im wahren Sinne des Wortes, sozial, rassisch und politisch im amerikanischen Boxsport auf. Er flog von Kentucky direkt in den Himmel, wo er alle vorführte, die bereits einen Namen hatten. Ali war schnell der Größte, was er auch sagte. 

Niemand beherrschte das Clausewitz´sche Diktum vom Kriege so perfekt wie er, niemand war so schnell, so unberechenbar, so elegant, so gnadenlos, so smart und so intellektuell. Ali erschuf die Rap-Batttle, bevor es Rap gab, er hinterließ eine Lyrik, die sich mit Sinn für Gutes zu zitieren lohnt, er miniaturisierte den großen Kosmos des Lebens im Boxring. Und er schrieb Weltgeschichte. In New York, in Kinshasa und in Manila. Da bezwang er Giganten, die das Pech hatten, in einer Ära zu leben, in der neben den Irdischen noch ein Intergalaktischer wandelte: George Foreman und Joe Frazier. 

Muhammad Ali verweigerte den Militärdienst und ging nicht in den ungerechten Krieg in Vietnam. Dafür durfte er in seinen besten Jahren nicht boxen. Er trat zum Islam über und gehörte damit zu denen in den USA, die den Islam politisierten. Er ließ sich von den daraus entstehenden Machtverhältnissen nur bedingt instrumentalisieren. Ali bereiste Afrika, um den Menschen dort die Verbundenheit der nordamerikanischen Schwarzen mit ihrer Herkunft zu demonstrieren und forderte sie auf, stolz zu sein und sich nicht zu beugen. Nicht alles, was Muhammad Ali in seinem Leben tat, war klug und bis zum Ende durchdacht. Aber Ali zahlte immer alle Rechnungen. Ohne zu murren. Heroisches Zeitalter.

Nachts um Zwei ging die Schlafzimmertür auf. Dann stand dort mein Vater und rief, es geht gleich los. Das war, wenn Ali an der Ostküste kämpfte. Dann wurde das live angesehen. Dann brannten alle Lichter in unserer Straße. Dann wurden wir Zeugen, wie es ist, wenn ein inspirierter Geist die alte organisierte Macht bricht. In unseren Herzen waren Alis Kämpfe Befreiungskriege. Alle diese Kämpfe sind noch im Kopf, jeder Zug, und dazu ein passendes Zitat, das die kalte Strategie und Taktik in große Lyrik taucht. Morgens, müde, in der Schule, wurde das alles immer und immer wieder analysiert, auch im Unterricht, mit den Lehrern. Wir wussten, wir erlebten Großes.

Was bleibt, die immer währende Frage, wenn ein Gigant sich aus unserem Dasein verabschiedet? Ali fehlt mir, ehrlich gesagt, schon lange. Nicht, weil er fast dreißig Jahre lang unter einer unheilbaren Krankheit litt, mit der er für zu viele Kämpfe bezahlte. Nein, vielleicht weil der Rausch des Siegens längst verflogen ist. Aber zu wissen, dass es etwas gibt, für das es sich zu kämpfen lohnt und daraus noch ein Kunstwerk machen zu können, das verdanken wir Ali! 

Grace til the End

Ostenmauer – 30. Im Quartier

Es begann mit einer Begebenheit, die alltäglich erschien. Just in dem Moment, als die koreanische Opernsängerin aus der Nachbarschaft sich zum tausendstel Male in ihrer Wohnung warm sang, bevor sie sich zu den offiziellen Proben im Theater begab und die Tonskalen hoch und runter stieg, erschien auf einem der Balkons im Hinterhof eine beleibte Frau, mit nichts als einem bunten Küchenkittel aus Kunststoff bekleidet und einem großen Messer in der Hand und die laut schnaufend schrie, jetzt reicht es, heute bringe ich sie um, da schien im Viertel ein Stein ins Rollen geraten zu sein. Obwohl viele, die die rasende Frau sahen oder hörten, schmunzeln mussten, und obwohl die Sängerin aus dem geduldigen Asien wahrscheinlich von der Drohung gar nichts mitbekommen zu haben schien, gab die gute Frau ein Signal auch für andere.

Da war der im Nachbarhaus, den alle das Halbblut nannten, der es schon seit Jahren nicht ertrug, dass wiederum sein Nachbar, seinerseits ein schicker Architekt mit exquisiten Designvorstellungen, seine Balkontür, die ganz banal einfach nur klemmte, wiederum zuschlug, dass das ganze Haus wackelte. So, dachte da das Halbblut, jetzt reicht es mir auch, heute bekommst du es besorgt. Daran wirst du lange denken. Dabei rannte er in sein Wohnzimmer und schaltete seine Musikanlage an, an die er erst vor kurzem mannshohe Boxen angeschlossen hatte, die wirkten wie Wachtürme einer Anstalt und über dessen Anschaffung dessen Frau wiederum die Scheidung ins Spiel gebracht hatte. Bevor er eine CD einlegte, fuhr er den Lautstärkeregler bis zum Anschlag hoch, dann wählte er, mit eiskaltem Kalkül, eine CD von ACDC, die er, wie es schien, schon vor Jahren nur gekauft hatte, um diesen Tag irgendwann einmal zu zelebrieren. Er legte die Scheibe ein und wählte Hells Bells. Da er wusste, dass die Frau des Architekten zuhause war, die es an den Nerven hatte, war er sich seiner Sache ziemlich sicher. Das letzte, was er noch von der Außenwelt vernahm, war, dass die Dicke hinten auf dem Balkon immer noch krakeelte und sich nun zu Beschimpfungen wie dem Ausdruck Bambusratte hinreißen ließ. Doch dann erklangen schon die Totenglocken, die alles übertönten.

Als bereits die ersten Gitarrenriffs aus den überdimensionalen Boxen stoben, waren aus der Architektenwohnung bereits die ersten Entsetzensschreie zu hören. Das Halbblut ging derweilen aufs Klo und lachte sich eins. Als das Stück vorbei war, hatte die Galionsfigur vom Balkon einen zweiten Feind auserkoren und schrie etwas von der zunehmenden Bagage im Viertel, während aus der Architektenwohnung lautes Wehklagen der Frau zu vernehmen war, das sich immer wieder in der Nennung des Namens ihres Mannes ausdrückte. Es war schlicht der Hilfeschrei einer verlorenen Seele. Das Halbblut rannte wieder zu seiner Anlage und gab der den Befehl, dass die gelungene Übung wiederholt werden soll. Beim einleitenden Glockenklang klingelte es bereits an seiner Wohnungstür. die er sogleich lächelnd öffnete. Vor ihm stand der Architekt, der mit offenem Mund nach Worten rang wie ein Karpfen an Land nach Luft. Das Halbblut blieb freundlich, und bedeutete dem Architekten durch Gesten, dass es ihn leider nicht verstehe, worauf dieser wild gestikulierend wieder verschwand. 

Schräg gegenüber saß der Inhaber der Heiratsagentur für Best Ager, dessen Geschäft brummte wie nie, wie gewohnt auf den Stufen, die von der Straße zu seinem Büro führten, und rauchte seine Morgenzigarette. Er grinste in sich hinein und wusste gleich, worum es ging. Wenn jemand eine Idee davon hatte, was sich in den Häusern und Straßenzügen dieser Gegend abspielte, dann war es er. Wie bestellt lief sein alter Schulfreund, den alle die Oma nannten, an ihm vorbei und fragte sogleich, was denn da drüben los sei. Der Agent lachte nur und sagte, heute ist Zahltag, wer weiß, was da noch kommt. Im gleichen Moment erschien der neu hinzugezogene Kickboxer, der mit einem schwäbischen Model liiert war, auf seinem Balkon und schrie nur Geile Mucke und lachte ebenfalls. 

Die Dicke ihrerseits war bereits vom Balkon verschwunden, es schien bei der Bedrohung geblieben zu sein, vielleicht auch, weil die koreanische Sängerin längst aufgehört hatte. Auch Halbblut hatte seine Anlage abgeschaltet und es war wieder relative Ruhe eingekehrt. Nur die Frau des Architekten war mit einem Wimmern zu vernehmen. 

Auch in toleranten Milieus herrscht zuweilen das Ressentiment