Archiv der Kategorie: Ostenmauer

Ostenmauer – 43. Illusiones perdues

Mussolini schrieb in einem seiner internen Briefe an die faschistische Bewegung, dass es darauf ankomme, in den Massen zunächst die Angst zu schüren. Immer und überall. Mit einem klaren Feindbild. Wenn die Angst übergeht zur Hysterie, dann, so spekulierte er richtig, sei die Stunde gekommen, um aus ihr den Hass zu formen.

Wir wissen heute, welche Stunde er meinte. Wenn ich mir die aktuelle Entwicklung ansehe, dann sind wir kurz vor dem Scheitelpunkt, an dem aus Angst Hass wird. In Konturen ist das bereits zu identifizieren. Wie verhängnisvoll das wirken kann, ist zu beobachten. Wenn sich der aufkommende Hass sowohl gegen vermeintlich äußere wie innere Feinde richten kann. Die doppelte Zielrichtung spricht für die Potenz der Selbstzerstörung.

Deshalb scheint es richtig zu sein, zunächst alles zu tun, um der Saat der Angst den Boden zu entziehen und die Feindbilder zu zerstören. Das erfordert sehr viel Kraft. Vor allem, weil alle Fraktionen der Destruktion es nicht gerne sehen, wenn man sich an die Basis ihrer Existenz macht. 

Die Lektion hat anscheinend in Deutschland nichts gefruchtet. Die Angst ist ein Massenphänomen und der Hass nistet sich in allen politischen Lagern ein. Illusiones perdues. 

Illusiones perdues

Ostenmauer – 42. Bittere Wahrheiten

Seit Jahren sticht mir ein weit verbreitetes Phänomen in die Augen. Es handelt sich um den Umstand, dass Wahrheiten existieren, die sehr viele Fragen beinhalten. Das tun sie deshalb, weil sie die eigene gedankliche Konstruktion des Lebens außer Kraft setzen. Diese Erkenntnis ist schmerzhaft. Deshalb versuchen viele, die unzweifelhafte, aber unbequeme Wahrheit zu negieren. Nicht, in dem versucht würde, ihren Gehalt zu hinterfragen und sie dadurch zu entwerten. Sondern schlicht und einfach zu ignorieren. Das kann man machen. Vor allem, wenn Aussicht darauf besteht, dass sich weitere Menschen der Handhabung dieser Technik anschließen. Das Produkt ist ein unausgesprochener Konsens darüber, eine Information, ein Faktum, oder, in der höheren Form, eine Wahrheit nicht zur Kenntnis zu nehmen. Dann herrscht das Schweigen. Und zwar ein Schweigen, das beklemmend ist, aber angesichts der vielen Mühen und schmerzhaften Konsequenzen, die die neue Wahrheit mit sich brächte, sind viele bereit, diese Beklemmung zu erdulden. Weil sie aus Sicht derer, deren Deutung in Schieflage gerät, das kleinere Übel bedeutet. Lieber eine Beklemmung ertragen als die Erkenntnis erdulden, dass man grundlegend falsch liegt.

Wenn ich die gegenwärtigen Verwerfungen betrachte, die die Welt, unser Land und viele soziale Beziehungen erschüttern, weil Deutungen ins Wanken geraten sind, weil sicher geglaubte Annahmen falsifiziert wurden, weil Positionen nicht mehr haltbar sind, dann fällt mir auf, dass nicht nur angesichts neuer Erkenntnisse und Wahrheiten geschwiegen, sondern auch mit Vehemenz an absurden Erklärungsmustern festgehalten wird. Diese Version der Negation von Wahrheit beschreibt am besten der Begriff der Lebenslüge. Nicht selten, und in unseren Tagen oft, wird das Festhalten an der Lebenslüge nur ermöglicht durch gesteigerte Militanz und zunehmende Aggression. Wollte man einen Punkt beschreiben, der am weitesten von der Möglichkeit eines aufgeklärten Erkenntnisprozesses gelegen ist, dann ist es dieser.

Mir hat es immer geholfen, komplexe Zusammenhänge und Entscheidungsoptionen auf meinen eigenen Erfahrungsbereich zu reduzieren und mich zu fragen, wie ich handeln würde, wenn es mich direkt beträfe und ich selbst entscheiden könnte, wie ich in der Situation verfahre. Dieses Verfahren hat mir persönlich immer sehr geholfen. Und die Behandlung der Frage, wie ich damit umgegangen bin, wenn sich mir neue Wahrheiten darboten, die meine Erklärungsmuster erschütterten, dann muss ich bilanzieren, dass sowohl das Schweigen als auch das militante Festhalten an einer Lebenslüge im Desaster endete. Der einzige Weg, mit neuen, gänzlich veränderten Verhältnissen umzugehen, war die uneingeschränkte Akzeptanz der bitteren Wahrheit.  

Bittere Wahrheiten

Ostenmauer – 41. Es flackert noch ein Licht

Es ist ein leises Wimmern. Überall zu vernehmen. Wenn die Sinne noch funktionieren. Es ist die Klage über zu viele schlechte Bilder. Die in den Köpfen Platz genommen haben. Krieg, Vernichtung, Rache, Eigennutz. Der Blick für das Paradies ist verstellt. Vor allem der für das irdische. Und die Klage ist in aller Munde. Über das schlechte Leben. Obwohl das im Vergleich zu vielen anderen Plätzen auf der Welt eine Unverfrorenheit ist. Deshalb versteht man die nicht, die tatsächlich im Schatten stehen. Und es ist seit langem klar, dass der Geldsack in der eigenen Hand nicht der Zugang zum Glück ist. Doch die Erkenntnis nützt dem wenig, bei dem es in der Tasche nicht klimpert. Ja, es ist nicht einfach. Aber ist es schwer? Trotz aller Möglichkeiten, die weit über denen vieler anderer liegen? Was sollen die sagen, die ihre Primärbedürfnisse nicht befriedigen können? Über das Wetter klagen, über die unfreundlichen Nachbarn? Oder über andere Lebenskonzepte? Nicht ein Hinweis, wie es besser werden könnte. Schreit denn alles nach dem großen Desaster, um schätzen zu lernen, was das Dasein ohne den großen Wurf, den es sowieso nicht gibt, bieten kann? Nichts, was du nicht bräuchtest, kannst du nicht erreichen. Wenn du nur willst und Menschen findest, die mit dir gleich tun. Der Individualismus ist eine feine Sache. Bis du seine Grenzen siehst. Bis du begreifst, dass alles ohne die anderen nichts ist. Dann ist alles schrecklich. Schrecklich einsam, schrecklich langweilig, schrecklich monoton. Ganz weit hinten, im letzten Winkel dieser unserer Welt, flackert noch ein Licht, das die Erkenntnis bescheint. Wir sind ein soziales Wesen, das nur in Kooperation eine Zukunft hat. In menschlicher, in sozialer, in kultureller und in politischer Hinsicht. Und alle, die die Raubritterfahne schwingen, egal wo sie stehen oder woher sie kommen, wollen, dass wir diesen Winkel nicht finden. Aber es gibt ihn. Und die dort verborgene Erkenntnis wartet, entdeckt zu werden. Mit oder ohne Desaster. Mit oder ohne Hilfe. Nicht unbegrenzt. 

Es flackert noch ein Licht