Archiv der Kategorie: Ostenmauer

Ostenmauer – 39. Imperialismus und Krieg

Rückblickend kann ich sagen, in einer aufregenden, von Frieden umsäumten Zeit mein Leben gestaltet haben zu können. Wären da nicht die letzten Jahre. Sie haben die Illusion des Friedens zurück in die Realität geholt. Viele meiner Wegbegleiter kamen aus Regionen dieser Welt, in denen Bürgerkriege und Kriege tobten. Sie kannten alles, von der Folter am eigenen Leib, der Flucht und dem Verlust von Familie und Heimat. Alles das ist meiner Generation bis heute erspart geblieben, auch wenn der Krieg sich langsam wie eine Raupe immer mehr in unsere Biosphäre vorschiebt. 

Ich kannte den Krieg und seine Auswirkungen aus der Familiengeschichte. Die Traumata, die er bei denen hinterließ, haben mir gereicht, um nie, in keiner Situation, in einen wahnhaften Rausch der Kriegsbegeisterung zu verfallen und denen zuzujubeln, die ihn wieder haben wollten. 

Heute, in den wiederum unheilvollen Zwanziger Jahren des 21. Jahrhunderts, scheint das bei vielen keine Basis mehr zu sein. Sie feiern einen Krieg nach dem anderen, sie bejubeln die Bellizisten, sie verachten diejenigen, die ihn als kein Mittel der Konfliktlösung ansehen. 

Aus meiner Sicht sind sie das Produkt einer immer geschichtsloser werdenden Gesellschaft, eines fortschreitenden Verlustes unmittelbarer Erfahrung und vor allem einer sich auf alle erdenkliche Ebenen ausgeweiteten Propaganda des Imperialismus. Ja, die Erkenntnis ist alt und aktuell zugleich. Solange es Imperialismus gibt, gibt es Krieg. Und solange Menschen glauben, sie lebten in einer von sozialen Antagonismen freien Gesellschaft, wird man ihnen auch erzählen können, dass irgendwelche Bösewichter, die sich gegen den unaufhörlichen Prozess der Räuberei stellen, das Problem wären, hat die Option des Krieges eine Chance. Wer diesen Konnex nicht sieht, wird irgendwann mitten drin sein: im tödlichen Gemetzel, an dem aus weiter Ferne immer wieder gut verdient wird.  

Imperialismus und Krieg

Ostenmauer – 38. Papiertiger

In Phasen der großen Ratlosigkeit ist es klug, sich ähnliche Situationen aus der Vergangenheit zu vergegenwärtigen. Wann war es schon einmal so, wie im Moment? Was habe ich da gemacht? Was hat mir geholfen? Mit wem habe ich mich beraten? Was hat mir Erleichterung verschafft? Und wer konnte mir weiterhelfen?

Diesen Rat gab ich vor wenigen Tagen einem alten Bekannten, der zu mir kam und bekannte, dass er nicht mehr weiter wüsste. Er verwies auf den ihn umgebenden Allgemeinzustand und sprach von einem Krisengeflecht. Und als ich ihm die obigen Fragen nahelegte, winkte er enttäuscht ab und beteuerte, dass er das alles bereits durchgespielt habe. Das Problem sei nur, dass er noch nie so ratlos gewesen sei, wie im Moment. Immer habe er einen Funken Hoffnung in sich getragen, damit sei es aber seit geraumer Zeit vorbei.

Und als ich ihn fragte, was ihn denn konkret so umtriebe, sah er mich an, als sei ich ich ganz bei Sinnen. 

„Da fragst du noch? Na hör mal! Da ist eine Politik, die sich nur noch um Krieg und seine Befeuerung dreht, da ist eine Öffentlichkeit, die das auch noch feiert, da ist keine Stimme, die sich erhebt und dagegen aufsteht. Da wird alles Geld der Welt in die Vernichtung von Mensch und Umwelt gesteckt und immer mehr Rentner leben aus der Mülltonne, immer mehr Kinder gehen ohne Frühstück in die Schule, immer mehr Menschen können von einem Job nicht mehr leben, immer mehr Menschen stehen irgendwann ohne Ausbildung da, der öffentliche Verkehr funktioniert nicht mehr, die Straßen sind kaputt, und immer mehr Menschen müssen die wenigen Oasen des Luxus und der Selbstergötzung umschiffen wie feindliche Riffe. Und nichts tut sich: Ein moralischer Aufschrei reicht, und alle blasen ins gleiche Horn. Und wer seinen eigenen Verstand gebraucht, der wird gemobbt und für unzurechnungsfähig erklärt. Und da fragst du mich, was denn los ist? Hast du irgend etwas verpasst?“

Ich muss gestehen, dass ich seine Beschreibung tatsächlich zu einem Großteil teilen musste. Und dass die Verhältnisse so sind, ist für viele weder ein Geheimnis noch das Resultat einer Verirrung in Verschwörungstheorien. Und, indem ich meinem Bekannten gut zusprach und es mit Humor versuchte, ging ich die Fragen, die ich ihm zuerst zur Orientierung gegeben hatte, noch einmal für mich durch. Die Antworten halfen doch. Ich kann mich zugegebenermaßen auch nicht daran entsinnen, dass die Lage bereits schon einmal in meinem bewussten Miterleben so war wie heute. Zwar hatte ich krisenhafte Situationen bereits erlebt und da hatte mir immer geholfen, mir ein Ziel zu setzen und direkt auf es zuzugehen, egal, wie groß der Widerstand war. Denn Krisen, so mein Resümee, sind durch Mutlosigkeit nicht zu überwinden. Und beraten hatte ich mich immer mit meinem konkreten Umfeld. Und dann wurden Beschlüsse gefasst und gehandelt. Egal, was andere sagten oder dachten. Und weiterhelfen konnten mir diejenigen, die in so etwas erfahren waren und ihren Biss nicht verloren hatten. Die Zauderer und Relativierer halfen da nie, nur die Mutigen konnten die eigene Entschlusskraft befeuern. Und jeder aktive Schritt verschaffte Erleichterung. Das bloße Betrachten führte dagegen zu Mutlosigkeit und Defätismus.

Das alles erzählte ich dann meinem Bekannten. Und wir waren uns einig, dass das Aussprechen dessen, was ihn so verdross, der erste Schritt gewesen war, um sich auf den Weg zu begeben und aktiv zu werden. Und dann betrachteten wir noch die Papiertiger, die in jeder Vitrine stehen und den Zustand in seiner ganzen Fragwürdigkeit und Erbärmlichkeit repräsentieren. Und dann mussten wir sogar lachen. Unterschätzen, das haben wir uns dann versprochen, wollten wir sie nicht. Aber Angst, das war uns klar, wäre zu viel des Guten. Das wäre lächerlich. Ein Papiertiger bleibt nun einmal ein Papiertiger. 

Papiertiger

Ostenmauer – 37. Wölfe

Im Russischen existiert das schöne Bild eines Wolfes, der viel Schnee gesehen hat. Es geht um Alter und Erfahrung. Ein Bild, das Würde und Respekt ausstrahlt. Und eine Referenz an die Natur. Nur wenigen Menschen wird diese Metapher zugestanden. Es sind die, die vieles gesehen haben und Schlüsse daraus gezogen haben, die das ausmachen, was landläufig auch Weisheit genannt wird. Das Bild, das in einer technisierten und maschinisierten Welt, in der ein kleines Rudel schon Untergangsphantasien auslöst, vom Wolf gezeichnet wird, entspricht in keiner Weise seinem Wesen. Wölfe sind nicht die marodierenden, angriffslustigen und blutrüstigen Wesen. Sie sind Beobachter aus der Distanz, gehen Gefahren wo möglich aus dem Weg und setzen nur dann zur Jagd an, wenn es um ihr eigenes Überleben geht. Allein dieses Verhalten ist bereits weise. Wie eben vieles, was einer natürlichen Entwicklung und Ordnung unterliegt. Die Brüche, die in der menschlichen Existenz so verheerende Folgen haben und die durch das Changieren von Schein und Sein entstehen, haben aus der Perspektive des Wolfes keine Relevanz. Ein Volk, das den betagten Wolf zu einer Metapher bemüht, weil ihm diese Irritation der menschlichen Zivilisation erspart geblieben ist, kann ebenfalls als weise bezeichnet werden. Und, um persönlich zu werden: ich habe mir zum Ziel gesetzt, ein Wolf zu werden, der sehr viel Schnee gesehen hat.

Wölfe
Je suis le loup