Archiv der Kategorie: Ostenmauer

Ostenmauer – 35. Vom Hinfallen

Mein Vater, wie alle die Väter meiner Generation, hatte einen Rat immer parat: Hinfallen ist nicht schlimm, aber liegen bleiben. Wie das kommt? Sie waren im Krieg. Der hatte sie diese schlichte Wahrheit gelehrt. Wer liegen blieb, der war so gut wie tot. Wer hinfiel, musste möglichst schnell wieder auf die Beine kommen, um weiter vorwärts oder rückwärts zu stürmen, egal in welche Richtung. Wem das nicht gelang, der wurde vom Feind oder den eigenen Leuten überlaufen und verreckte im Dreck. Das Interessante für mich war und ist, dass diese Kriegsweisheit auch im zivilen Leben nur allzu sehr den Kern trifft. Wenn du abstürzt und dich nicht wieder aufrappelst, dann bist du weg, dann nimmt dein Leben einen anderen Lauf. Dann bist du nicht Jäger, sondern Beute.

Warum so martialisch? Weil es, zumindest in der Welt, in der ich mich bewegte, stimmte. Ob auf der Straße, in der Schule oder im Beruf. Diejenigen, die Niederlagen erlitten und sich nicht davon erholten, waren aus dem Spiel. In einer netten, sozial ausgewogenen Atmosphäre ließ man sie in Ruhe dahin vegetieren, im harten Konkurrenzkampf bekam man pausenlos etwas auf die Schnauze. 

Hingefallen bin ich in jungen Jahren oft, das Aufstehen musste ich lange üben. Ohne Narben ging das nicht vonstatten. Aber, wie es so ist, wenn du den Punkt einmal überwunden hast und weißt, wie das Spiel funktioniert, dann hast du keine Angst mehr, dann spürst du keinen Schmerz mehr, sondern alle deine Energie fokussiert sich auf das Aufstehen. Der Preis war zuweilen hoch, weil das Leben in der einen oder anderen Situation sogar bequemer verlaufen wäre, wenn ich das Liegenbleiben vorgezogen hätte. Vielleicht nicht einmal so schlecht. Aber, und das ist der andere Preis, wenn du einmal aufgestanden bist, kannst du beim nächsten mal nicht liegen bleiben. Das würde dich vernichten. Weil nicht nur du von dir selbst enttäuscht wärest, sondern alle anderen den letzten Respekt vor dir verloren hätten.

Und noch einmal. Das gilt für mich. Jede Generation hat ihren Ballast, ihre Metaphern und ihre Lebensweisheiten. Auch diese Erkenntnis beruhigt. Es ist auch ein schönes Gefühl, niemanden belehren zu wollen oder zu müssen. Goethe! Der Mensch ist frei und sein Feld ist die Welt! 

Vom Hinfallen

Ostenmauer – 34. Von gehypten Knallfröschen

Die Frage ist berechtigt und stellt sich jeden Tag von Neuem. Soll ich meine Zeit vergeuden mit Knallfröschen, die in den Medien gehypt werden, weil sie mit den Wölfen heulen? Natürlich erzeugt es Erregung, wenn ich merke, dass weder Wissen noch Haltung Einfluss auf das Gesagte haben. Da wird ein Unsinn daherschwadroniert, der alles außer Kraft setzt, was in einer geglaubten abendländisch-aufgeklärten Kultur im 21. Jahrhundert einen gewissen Bestand haben sollte. Mir kommen diese Lohnschreiber und Beitragsspekulanten, die alles fabrizieren, was die Auftragslage hergibt, wie Erscheinungen in einem schlechten Rausch vor. Aber wenn ich mir die Augen reibe, dann sehe ich sie klar und deutlich vor mir. Sie existieren wirklich. Und sie bilden eine viel zu große Kohorte. Sie haben Namen und eine tatsächliche Vita, die allerdings sehr abweicht von der für das Publikum getürkten Version. Sie verherrlichen Kriege, die verleumden ehrbare Menschen, weil sie Charakter hassen wie die Pest. Sie halten hinter jeder Mülltone ihre gierige Hand auf und sie stinken aus dem Maul.

Sie sehen, die Frage hat Gewicht: Soll ich mit diesen Subjekten meine Zeit vergeuden? Natürlich nicht. Doch vieles von dem, womit sie den Äther kontaminieren, ist so ungeheuerlich, dass ich von Zeit zu Zeit doch in Wallung gerate. Ich möchte mich dafür entschuldigen. Nobody is perfect!  

Ostenmauer – 33. Guernica

Ich ging noch zur Schule, da gab es so etwas wie den Radikalenerlass. Er verbot Lehrerinnen und Lehrern, sich politisch zu so genannten radikalen politischen Parteien zu bekennen. In erster Linie ging es um Kommunisten. In dieser Zeit erschien ein großes Poster, das Picassos „Guernica“ abbildete und die Textzeile trug: Der Maler dieses Bildes dürfte nicht an einer deutschen Schule unterrichten. Es spielte auf Picassos Mitgliedschaft in der Kommunistischen Partei an, ich weiß nicht einmal, ob es die spanische oder nicht sogar die französische war, da er ja in Paris lebte. Aber das war für mich nicht das Entscheidende. 

Wesentlich für mich war die Wirkung des Bildes auf mich. Damals im zarten Alter noch unbedarft vom Wissen über Symbolik und Produktionstechniken, traf das Bild mit seiner Aussage in mein Nervenzentrum. So abstrakt es ist, so gegenständlich ist es auch, so fragmentiert es zuweilen wirkt, so holistisch ist seine Aussage. Guernica, so stellte sich nicht nur damals, sondern immer wieder für mich in späteren Jahren heraus, Guernica ist das Bild meines Lebens.

Es steht für das Leiden, für das gemeinsame Interesse der Kreatur, dem zu entkommen, was als das Äußere, das Befremdende und Entfremdete, das Gewaltsame und das Destruktive steht. Trotz der Anklage gegen Faschismus, Diktatur und Gewalt inszeniert es den großen Gedanken gemeinsamer Kreativität und einer der Gattung innewohnenden Humanität. Ja, mögen sie sagen, was schreibt der denn da, und ja, das ist Guernica für mich, einen kleinen Autodidakten, der sich irgendwohin orientieren muss.

Mit dem Poster in meiner Schulzeit war es aber nicht getan. Einige Jahre später, ich war bereits Student, traf ich auf einer Fiesta an der baskischen Küste eine junge Frau, mit der ich mich anfreundete. Sie kam aus Gernika, wie es im Baskischen geschrieben wird, und sie nahm mich mit in ihre Stadt. Das Erlebnis dort werde ich nie vergessen. Die fragenden Blicke in ihrer Familie, die Gespräche, die Versöhnung, und dann, die Schulen und öffentlichen Gebäude, auf die bis heute die Schulkinder deutsche Flugzeuge malen, die schwere Bomben auf ihr Gernika abwerfen, auf eine kleine, brennende Stadt, in der fast alle auf dem Wochenmarkt sind und gerade ihr Leben verlieren.

Ich hatte also die Stadt gesehen, nach der Picasso sein großes Bild gegen den Krieg benannt hatte. Das Bild ließ mich nicht los und ich erfuhr zudem seine bewegte Geschichte. Es stand nämlich im New Yorker Museum of Modern Art, weil Picasso das so gewollt hatte. Später hat er testamentarisch verfügt, dass das Bild erst dann in seine Heimat, nach Spanien, dürfe, wenn dort eine Demokratie zuhause sei. So stand Guernica von 1939 bis 1981 in New York. Dann durfte es zurück.

Und alleine seine Rückkehr machte deutlich, wie eng die Beziehung einer demokratischen Öffentlichkeit und einem kollektiven Gedächtnis zu diesem Bild war. Als es in Madrid auf dem Flughafen ankam und von dort, verpackt, zum großen Prado gefahren wurde, standen Tausende am Straßenrand und winkten der Fracht zu! Und natürlich stand es zunächst im Prado, der großen musealen Adresse in Spaniens Hauptstadt, obwohl es dort als ein typisches Artefakt der Moderne etwas deplatziert war. 

Es gab immer wieder Versuche, das Bild ins Baskenland, sprich nach Bilbao zu holen, weil es dort aus Sicht der Basken hingehört. Doch der spanische Zentralismus ist bis heute stark. Als ich kürzlich in Madrid war, suchte ich sofort den Prado auf, um endlich, endlich, nach Jahrzehnten mehr als einen Blick auf dieses Guernica im Original werfen zu können. Zu meiner Freude fand ich dort vieles, was mich tief beeindruckte, darunter die berüchtigte Schwarze Reihe Goyas, aber leider nicht Picassos Guernica. Ich musste lernen, dass es nun bei den Kunstwerken der Moderne zu sehen sei, in dem benachbarten Museo Reina Sofia.

Dort fand ich es dann, das Bild, das mich mein ganzes Leben bereits begleitet, immer wieder aufgrund einer ganz anderen Erfahrung, als Unikat in seiner Aussage so wuchtig wie eh und je, und werkgeschichtlich spannend wie ein Thriller. Es war wie Heimkehr, und dennoch hatte ich das starke Gefühl: Die Geschichte ist noch nicht zu Ende!

Die Geschichte ist noch nicht zu Ende