Archiv der Kategorie: Ostenmauer

Ostenmauer – 52. Auf der Bank

Wer auf einer Bank verweilt und in die Ferne schaut, ohne sich durch die dröhnenden Schläge getakteter Zeit aus der Ruhe bringen zu lassen, dem offenbaren sich einfache Wahrheiten. Da wird deutlich, wie nichtig die gewaltig erscheinende Maschinerie um uns herum letztendlich ist. Und wie seltsam die Erwägung, man selbst spiele in dem Prozess künstlicher Erregung eine bedeutsame Rolle. Es geht seinen Gang, das hatten schon die Riesen der Vergangenheit begriffen und erzählt. Nur wissen, wissen wollten wir es lange Zeit nicht. Wir wollten glauben, dass da eine Instanz sei, die die Welt zum Besseren gedeihen lasse, sei es die Vernunft, das Gesetz oder gar ein höheres Wesen. Dass da etwas herrsche wie der Fortschritt, der das Hohe suche und das Niedere in die Archive der Vergangenheit verweise. 

Der Blick in die Ferne, dort wo die Sonne aufgeht, oder dort, wo sie verschwindet, er lehrt uns, dass der schöne Glaube an das Bessere, an das Fortschreiten und an das Gesetz eben nichts anderes als eine Illusion war. Es ist so, wie es ist. Wir sind eine Gattung unter vielen, die irgendwann auftauchen und dann auch wieder vergehen. Alles, alles ist vergänglich und nichts kommt von selbst oder bleibt für immer. Und nichts wird besser, sondern alles wird anders. 

Und auch die unendlich reiche Zeit kann nicht gemessen werden. Sie bleibt eine relative Größe. Und der Teil, der uns davon beschieden ist, bleibt verschwindend gering. Subjektiv wie objektiv, was eine große Gerechtigkeit darstellt. Es zeigt, wie gnädig die Welt ist, auf die wir keinen Einfluss haben.

Und doch, die Existenz, so gering sie sich gestaltet, bleibt etwas zu Leistendes. Das bloße Sein ist kein Verdienst. Das menschliche Vermögen, das Dasein durch Arbeit zu gestalten, bietet einen Raum, um zu etwas zu gelangen, einen Zustand herzustellen, den die Gattung in ihrer Unbeholfenheit das Glück nennt. Und die menschengemachten Verhältnisse, die diesen kleinen Gestaltungsspielraum versperren, die müssen verändert werden, um diesen Augenblick der Erfüllung zu ermöglichen. Das geht nur durch eigenes Handeln.

Nehmen Sie Platz auf dieser Bank. Sehen wir gemeinsam in die Ferne. Und wenn wir glauben, etwas beobachtet zu haben, was der Rede wert ist, dann lassen Sie uns gemeinsam beraten, was gut und vernünftig erscheint. Und woran wir arbeiten können. Die Ruhe wird uns diesen Zustand bescheren. Glauben Sie mir! 

Auf der Bank

Ostenmauer – 51. Historische Relativität

Historische Relativität! Noch so ein Begriff, der aus dem Handwerkskasten des Denkens allmählich verschwunden ist. Sein Überdenken wäre in Zeiten gravierender Veränderungen umso wichtiger. Denn alles, was entsteht, ist wert, dass es zugrunde geht. Nicht nur Mephistopheles in Goethes Faust wusste das, sondern das kritische Denken, das der klassischen Deutschen Philosophie folgte, insgesamt. Alle wussten, dass alles, was existiert, eben auch Gesellschaftsordnungen und ihre Institutionen, nur in bestimmten historischen Kontexten Bestand haben konnten und irgendwann Bedeutung wie Existenz verloren. Ein ganz normaler Vorgang also. Wenn man um die historische Relativität weiß. Kein Grund zur Panik also.

Diese Panik aber ist es, die derzeit viele Diskussionen überstrahlt. Warum? Weil viele Menschen davon ausgehen, dass mit dem Untergang von Ordnungen und Institutionen, so wie wir sie kennen, der Untergang der gesamten Gattung Mensch oder gar des Planeten einherginge. Wer sich ein Bild von der Untergangsphantasien vorheriger, längst überlebter Epochen machen will, möge das tun, große Bibliotheken sind reich gefüllt mit den Horrorszenarien der letzten Tage untergehender Ordnungen. Dass die Zerstörungspotenziale in Bezug auf Menschheit und Planeten in einem nie gekannten Ausmaß vorhanden sind, ist nicht zu bezweifeln. Wie wäre es jedoch, ihre Destruktivität in Verbindung gerade mit dem Funktionieren der bestehenden, wankenden Ordnung in Beziehung zu setzen?

Wenn das Prinzip der Kapitalverwertung und des damit korrelierenden permanenten Wachstums Ursache für die krisenhafte Entwicklung sind, dann kann der Zerfall dieser Ordnung zuversichtlich stimmen. Die Frage ist nur, ob mit dem Zerfall der politisch und gesellschaftlich relevanten Institutionen nicht gerade die alte, destruktiv wirkende Ordnung einen weiteren Versuch startet, ihre eigene, unangefochtene Herrschaft weiter auszubauen? Auch dafür existieren historische Beispiele. Notbremse für historisch überlebte Systeme bildet immer die Diktatur. Auch, wenn eine solche nur herausschiebende Wirkung hat, von den humanen und kulturellen Schäden einmal abgesehen.

Und noch einmal zurück zur historischen Relativität. Das, was momentan zu beobachten ist, dokumentiert nahezu eine klassische Situation eines solchen Falles. Die bestehende Ordnung produziert eine Krise nach der anderen und ihre eigenen politischen Institutionen sind nicht mehr in der Lage, diese Krisen so zu managen, dass die Benachteiligten und Opfer der Ordnung nicht zunehmend zu der Überzeugung kämen, dass sich grundsätzlich etwas ändern müsste. Insofern befinden wir uns in einer komfortablen Situation. Das Nadelöhr, durch das die Erkenntnis von der historischen Relativität der alten Ordnung und dem Versuch von etwas Neuem muss, ist die politische Artikulation des Willens.

Und auch in diesem Kontext stellt sich die Frage nach der historischen Relativität. Sind Mittel wie politische Zusammenschlüsse und Parteien im altbekannten Sinne noch die Instrumente, die dabei helfen, Menschen so zu vereinen, dass sie als politisch organisierter Wille in der Lage wären, Veränderungen zu gestalten? Scheitert es an der Organisationsform solcher Zusammenschlüsse oder sind die Menschen, die heute anzusprechen sind, bereits sozial nicht mehr dazu in der Lage, weil sie durch die exzessive Fortführung des systemimmanenten Individualismus nicht befähigt oder willens sind, ihren alltäglichen Willen einem höheren sozialen Ziel unterzuordnen? 

Die Hitze, die in allen mit den aufgeworfenen Debatten entsteht, führt nicht zu den Ergebnissen, die erforderlich sind, um kühlen Kopfes die notwendigen Veränderungen zu gestalten. Das Phänomen der historischen Relativität dabei im Kopf zu behalten, ist ein empfehlenswertes Mittel, um den Pulsschlag nicht allzu sehr nach oben zu treiben. Was sich überlebt hat, geht auch unter. Und was kommen muss, das kommt. Mit und ohne eigene, innere Erregung.

Historische Relativität

Ostenmauer – 50. Im Nebel der Utopie

Gibst du nicht, dann nimmst du,

Ein bisschen Leben vor dem Tod

Ist eine feine Sache,

Wissen, worauf es ankommt,

Sich den Kopf zerbrechen 

Über den Umgang mit den Überfluss.

Tote Sterne, die nicht leuchten,

Berge, die niemand mehr besteigen will,

Meere, besiedelt von Urgesteinen,

Die jedes Gewürm überleben,

Totenmessen, die keiner hört.

Alte Lieben kehren wieder,

So, als wäre nichts geschehen,

Erinnerungen an die Zeiten,

Die zu überwinden alles gegeben wurde.

Reisen, die nach Hause führten,

Dort, wo du noch nicht warst.

Die Illusion, Brot der Jugend,

Lukullus kommt erst mit dem Tod.

Freund Hein, der Sensenmann,

Ein lustiger Genosse, 

Verspricht nichts und malt nicht aus,

Das eine Wort gilt, 

Darauf ist Verlass.

Im Nebel der Utopie