Alles ist ruhig. Es ist die Zeit, in der Jakarta wie üblich sich ein kleines Stündchen nimmt, um einmal tief durchzuatmen. Dennoch tut sich etwas. Unten im Kampung werden mit Bambusstangen Signale geschlagen, dann kommt aus einer benachbarten Gegend eine Antwort, so setzt es sich fort. Vereinzelt schreit ein Hahn, als wolle er zu Verstehen geben, er hätte verstanden. Im politologischen Institut, das im Dunkeln liegt, sehe ich auf einer Etage Bildschirme flackern, die Studenten verständigen sich über Internet. Jetzt schreit ein kleiner Nachtfalke, ein mir lieb gewordener Nachbar. Jaya Karta steht vor einer großen Entscheidung. Ich wünsche dieser Stadt und ihren Menschen, daß es eine gute sein wird. Nach der Rückkehr des Autokraten gab es gestern eine taktische Ruhe. Nur noch der Autokrat selbst glaubt, es sei eine strategische gewesen. Es kann sich nur noch um Stunden oder Tage handeln, bis sein teuflisches Schattenspiel zu Ende geht. Die Studenten, wo gibt es das schon, werden das alte Regime bezwingen. Mit ihren 300.000 Soldaten kann die Armee die Aufstände nicht mehr kontrollieren. Und wie sie abgesprochen sind! Gestern, als es nach Ruhe in Jakarta aussah, schlugen sie zu, auf Sumatra, Java und Sulawesi, sprich in Medan, in Bandung, Solo, Yogyakarta, Surabaya und Ujung Pandang. Und Jenderal Wiranto weigert sich, auf die Studenten zu schießen. Für nächste Woche, den 20. Mai, ist im ganzen Land der Generalstreik angekündigt. Bis dahin, spätestens bis dahin wird nach meinem Urteil die lang ersehnte Entscheidung fallen. Der Alte versucht mit allen Mitteln, das, was die Leute hier jetzt die Kleptokratie nennen, zu retten.
Wir werden dies nicht direkt miterleben. Das Auswärtige Amt und das BMZ haben in Bonn beschlossen, uns nach Singapur auszufliegen. Wir wußten das hier schneller über die CIM aus Frankfurt als von der Deutschen Botschaft vor Ort. Sei´s drum. Renate und ich gehen ungern, wir haben das Land und die Menschen hier bereits in unser Herz geschlossen. Gero hat einen Wagen aus dem Hafen organisiert, um sich und seine 82jährige Mutter auf eigene Faust in Sicherheit zu bringen. Er wollte nach Pangandaran am Indischen Ozean, mußte aber über den Punjak-Paß und an Bandung vorbei. Er wollte anrufen, wenn er dort ankommt, was noch nicht geschehen ist. Zentraljava gilt als besonders unsicher. Ich mache mir Sorgen und hoffe, er hat ein paar Guards mitgenommen.
Wir haben uns noch um Hsini, die Chinesin und ihren Mann, einen Hamburger, gekümmert, die wir mit nach Singapur nehmen wollen. Sie saßen in ihrem noch leeren Haus in Kebayoran Baru und wußten nicht, was sie machen sollen. Wir sind guter Dinge, was unsere private Sicherheit anbetrifft wie die politische Entwicklung. Ibu Renate ist großartig. Sie steht wie ein Fels in der Brandung!
Die Bambustrommeln sind verstummt, statt dessen haben die Hähne die Hunde geweckt und diese zu schlaffem Gejaule veranlaßt. Denen ist einfach immer zu heiß. Mein kleiner Nachtfalke dreht seine letzte Runde, im Kampung wird bereits der Reis gebraten. Ich lege mich noch einmal hin, der Tag kann lang werden.
Nein, gestern habe ich mich nicht mehr gemeldet. Die Spannung war einfach zu groß. Hier im Regierungsviertel fuhren die schwarzen Hundertschaften auf, sogenannte Eliteeinheiten, die mit ihrem Aussehen und ihren amerikanischen M 8 Schnellfeuergewehren überhaupt nicht lustig anzuschauen sind. Aber das ist ja auch ihr Zweck. Meinen „Arbeitskollegen“ habe ich mit viel Glück versetzen können, da ich den Auftrag bekommen habe, ein Seminar für den Juni vorzubereiten, in dem es um Auswahlverfahren und die Verbesserung von Servicequalität gehen soll. Es wird quasi meine Jungfernveranstaltung und die Teilnehmer werden aus den Mitgliedern der interministeriellen Arbeitsgruppe mit dem Ziel der Verwaltungsreform sein. Ideen habe ich auch aufgrund meiner schon gemachten Erfahrungen mit den hiesigen Prozeduren genug, aber angesichts der notwendigen Materialerstellung ist die Zeit knapp. Dennoch bin ich sehr froh, daß es endlich losgeht.
Was in den Straßen wieder der Fall war. Die Leute sind sehr aufgebracht, immer mehr gesellen sich zu den Studenten, die Toten vom Dienstag haben den Adrenalinspiegel in die Höhe getrieben. Auf dem Weg nach Hause wurde ich Zeuge einer Auseinandersetzung in der Jalan Sudirman. Auf beiden Seiten dieser Hauptverkehrsader Jakartas standen Tausende von Studenten auf den Campi und riefen Parolen, auf dem Grünstreifen in der Mitte die Polizei, behelmt, mit Schlagstock und Bambusschild. Es war natürlich ein endloser Stau und irgendwie völlig irreal. Die Studenten, jünger als die unsrigen, klangen wie ein mehrtausend kehliger Kinderchor, nur das Outfit der Polizei verriet den Ernst der Lage. Mein Fahrer, der leichenblaß war, als er dieses Szenario sah, erinnerte an den Jenderal Sudirman, nachdem diese Prachtstraße benannt ist. Er war wohl die legendärste Gestalt des indonesischen Unabhängigkeitskampfes. Blutjung, erst in den Zwanzigern, befehligte er die Guerrillatruppen rund um Yogyakarta, wo 1947 die Entscheidung gegen die niederländische Kolonialarmee herbeigeführt wurde. Schwer erkrankt, ließ sich Jenderal Sudirman durch den Busch tragen und ebnete so durch seine strategische Brillanz und sein aufopferungsvolles Beispiel der Gründung des indonesischen Staates den Weg. Er starb nur kurze Zeit später an den Folgen der Krankheit und Strapazen. Wenn der Jenderal Sudirman dies hier sähe, sagte mir nun der Fahrer mit bebender Stimme, er würde speien – eine Ausdrucksweise, die Javaner normalerweise meiden.
Nachdem wir das Nadelöhr passiert hatten, sah ich von unserer nahe gelegenen Terrasse aus, wie dort dunkle Benzinrauchschwaden hochstiegen, was hier im Moment meistens heißt, daß eine Tankstelle in die Luft gegangen ist. Davon waren am frühen Abend drei zu sehen, immer dort, wo Universitäten gelegen sind. Laut Verfügung waren in unsrem Viertel ab 19.00 Uhr alle Geschäfte, normalerweise bis 22.00 geöffnet, geschlossen. Renate und ich sind noch zum benachbarten Institut für Politologie, wo alles relativ ruhig war und ein Theaterstück aufgeführt wurde, dessen Quintessenz die Aussage war, daß derjenige, der die Jugend metzelt, gleichzeitig die Zukunft des Landes meuchelt. Die Leute im Kampung sahen uns auf dem Weg zurück mit großen Augen an, als wollten sie sagen, Orang Asing, sprich Ausländer, ist man in solchen Zeiten nicht auf der Straße gewohnt. Wir fühlen uns bis jetzt ziemlich sicher, haben keinerlei Ressentiments erlebt, provozieren allerdings auch nicht durch Lebensstil oder Erscheinung. Und bei meinen Kollegen wächst der Respekt mit jedem Tag, an dem ich wie gewohnt im Kantor erscheine.
Die ausländische Gemeinde ist in er Tat verunsichert, was verständlich ist. Heute morgen erzählte mir eine Kollegin von der GTZ, sie habe gestern in der deutschen Botschaft angerufen und gefragt, ob es nicht angeraten sei, den Deutschen einen Lagebericht zukommen zu lassen. Ja, sei die Antwort gewesen, es gäbe auch schon einen, aber der müsse vom Botschafter unterschrieben werden und dieser sei nicht da. Wie sie später erfuhr, hatte er eine gnädig gewährte Audienz beim Vizepräsidenten. Davon zurückgekehrt, habe er verlauten lassen, Präsident Soeharto habe alles im Griff.
Lebte der deutsche Staat von Pferdewetten, es gäbe ihn schon gar nicht mehr, mit einer solchen Sicherheit setzt die deutsche Außenpolitik alles auf die falschen Pferde. Und noch einen Rat an die Deutschen in Jakarta: Bewaffnet Euch, bewegt Euch auf schnellstem Wege dorthin, wo die Rauchsäulen aufsteigen, schießt scharf und schreit dabei Revolutionsparolen! Glaubt mir, liebe Landsleute, Euer wertes Leben wird sicherer sein, als wartetet Ihr auf Weitsicht und Vorsorge der hiesigen Botschaft! 17.40 Uhr: Jakarta brennt. Um 12.00 Uhr benachrichtigte mich eine völlig aufgelöste Direktorin für Auslandskontakte. Ich solle sofort nach Hause, alle gingen, die Jalan Veteran stehe in Flammen. Den Weg nach Hause fuhren wir mit 120 km durch die Stadt oder standen im Stau. Panik griff um sich, alle Geschäfte waren verbarrikadiert. Jetzt sitzen wir zu Hause auf der Terrasse und blicken auf die brennende Stadt. Immer wieder sehen wir neue Rauchsäulen, den Westen und Norden können wir nicht mehr erkennen. Immer wieder klingelt das Telefon, es sind private Kontakte, durch die wir uns gegenseitig informieren. Laut Internet hat sich die Familie des Präsidenten aus dem Land gemacht. Doch das interessiert uns momentan überhaupt nicht, obwohl es gut ins Bild paßt. Kaufhäuser stehen in Brand, chinesische Geschäfte werden samt Besitzern verbrannt. Im Westen, wo die ersten Toten am Dienstag zu beklagen waren, haben Studenten eine Blockade der Elite-Marines durchbrochen. Die Telefonleitungen ins Ausland sind unterbrochen, alle Wege zum Flughafen blockiert. Von der Deutschen Botschaft haben wir nichts gehört, das Telefon wird dort nicht abgenommen. Nun steigen Rauchwolken aus Cikini auf, dem Nachbarviertel von Menteng, dem Diplomatenviertel. Glodok, das chinesische Geschäftsviertel brennt, Tamang Abang, der Rotlichtbezirk macht seinem Namen alle Ehre. Eben beginnen die Muezzins zu rufen, was mich zum ersten Mal in die Stimmung versetzt, zu ihren Moscheen zu laufen und mit einem Knüppel deren Schrabbelmegaophone zu zerschlagen. Vielleicht wäre ein bißchen Verstand jetzt angebrachter als Allahs Größe zu preisen. Auf Anraten unserer Nachbarin haben wir einen kleinen Rucksack gepackt, in dem unsere Dokumente und etwas Geld sind – die Feuer kommen immer näher. Dennoch sind wir erstaunlich ruhig. Wie auch im benachbarten Kampung eine an sich zu große Ruhe herrscht. Zum Teil ist die Situation auch skurril. Nicht weit von hier stehen Bauarbeiter auf einem Dach und lassen Drachen steigen. Soeben hat Jenderal Wiranto, militärischer Chef der Streitkräfte, eine Pressekonferenz gegeben, in der er zur Eintracht aufforderte und die Studenten darum bat, zusammen mit dem Militär und „den anderen Kräften der Gesellschaft“ das Land aus der Krise zu führen. Ein letztes Ultimatum oder tatsächlich guter Wille? Doch solange das Symbol des verhaßten Regimes noch seine Rückkehr aus Ägypten ankündigt, wird aus einem Einvernehmen gar nichts werden. Nach diesen wenigen Zeilen ist mit ihrer üblichen Geschwindigkeit die tropische Nacht hereingebrochen. Angeblich soll in der Jalan Sudirman noch eine Großdemonstration stattfinden. Eben hören wir, daß der Präsident sein in Kairo gemachtes Angebot, zurückzutreten, wenn das Volk ihn nicht mehr wolle, doch nicht so gemeint habe. Und Jenderal Wiranto soll 15.000 Soldaten in die Stadt beordert haben. Ich unterbreche mal wieder, wir müssen uns auf dem laufenden halten und hoffen, daß dieses gebeutelte Land einen Ausweg findet. Wir können nur beobachten und abwarten. Es ist schwarze Nacht, überall flackern die Feuer des Aufstandes und in der Ferne, im Zentrum, leuchtet ganz zart die Monas, die Flamme der Freiheit…
Als wollte mir die Zeitgeschichte einen Streich spielen, läßt sie mir in diesen wichtigen Stunden kaum die Gelegenheit, meine Beobachtungen zu formulieren. Gerade jetzt, wo das alte Regime sein Heil in der Anwendung militärischer Brutalität sucht, sitze ich mit meinem neuen „Freund“ hier in Klausur und erarbeite ein Konzept, daß voller Abstraktionen über den Reformprozeß ist. Heute kommt es sicherlich zum Bruch, schon gestern in den Abendstunden habe ich ihn fast aus der Contenance gebracht, indem ich immer wieder bei seinen schönen Formulierungen die Fragen Wie und Was gestellt habe.
Zur gleichen Zeit schoß das Militärkommando von Groß-Jakarta mit scharfer Munition in die friedlich demonstrierende Menge und tötete fünf Studenten. Der Präsident hat dieses Vorgehen mit Sicherheit vor seiner Abreise nach Kairo angeordnet, damit der Eindruck entsteht, er habe im fernen Ägypten nichts mit diesen Abscheulichkeiten zu schaffen. Doch dieser Eindruck wird nicht aufkommen, die Weltöffentlichkeit ist nicht so töricht wie die nähere Umgebung des zum Ende verurteilten Polit-Kriminellen. Es sind noch zirka 200 Leute, die mit ihren Vampirzähnen an den versiegenden Adern des indonesischen Nationalreichtums saugen und dabei ihren Sermon von Reformprozeß dahersabbern. Darüber hinaus glaubt das aber keiner mehr. Von den Busfahrern und Warungverkäufern bis in die höchsten Ränge des Staatsapparates hat sich die Überzeugung durchgesetzt, daß die Zukunft Indonesiens nur noch ohne diese letzte Ausgeburt des Kolonialismus, einer ausgemachten Kompradorenkaste, eine Überlebenschance bietet.
Amien Rais, der Führer der größten nicht-monolithischen politischen Organisation des Landes, hat einen Termin gesetzt. Er forderte den Präsidenten und seinen Vize auf, bis zum 20. Mai zurückzutreten, da sie das Volk nicht präsentierten. An diesem Tag will er, begleitet von Massendemonstrationen, eine Art Schattenkabinett, bestehend aus zum Teil unter Arrest stehenden Oppositionspolitikern, dem Volk vorstellen. Diese Ankündigung bedeutet, daß in den nächsten sieben Tagen eine Entscheidung fallen wird. So, wie es aussieht, sucht die Regierung den Waffengang. Die internationale Gemeinschaft sollte schnellstens die Verurteilung der indonesischen Regierung aussprechen, der IMF den Geldhahn sofort zudrehen. Die Regierung Kohl-Kinkel allerdings wird sich damit schwer tun, Kohl wegen seiner parasexuellen Neigung zu Männerfreundschaften mit sadistischen Charakteren, Kinkel wegen seiner Herkunft aus den Kellern des geheimen Dienstes. Im Gegenteil, Kohl wird seinem Freund noch die Solidarität versprechen und damit wieder einmal unter dem allzu großen Mantel der Gechichte in der Dunkelheit völlig die Orientierung verlieren. International wird es das letzte große faule Ei sein, das diese beiden Herren der deutschen Republik noch ins Nest legen werden. Aber das ist natürlich nicht das größte Problem.
Viel wichtiger ist die Frage, ob das Militär spaltbar ist und wenn ja, in welchem Proporz. Jetzt, wo es zur praktischen Kollision innerhalb der Gesellschaft kommt, wird sich zeigen, inwieweit die von mir mit Skepsis vernommene Einschätzung vieler hiesiger Experten zutrifft, daß zumindest innerhalb des Militärs noch die größte Raison d´Etat im Sinne einer anti-kolonialistischen Tradition und demokratischen Selbstverständnisses zu finden ist. Die gestrigen Äußerungen General Nasutions, eines Veteranen des Unabhängigkeitskampfes, haben dieses Vermächtnis angemahnt und sind als Appell an die Armee zu verstehen, die Waffen nicht gegen das Volk zu richten. Der weitere Verlauf des Tages wird Aufschlüsse darüber geben, wo das Militär oder die verschiedenen Teile davon stehen.
Ich muß jetzt in die Sitzung und hoffe, daß sich meine Aufgebrachtheit nicht auf unschuldige Zeitgenossen überträgt. Was mir, unabhängig vom Zeitgeschehen Mühe macht, sind die verbalen Ergüsse in einer globalisierten Management Terminologie, ohne daß ein Schimmer von Vorstellung dahinter verborgen zu sein scheint. Werde mich aber sicherlich heute noch einmal zu Wort melden.