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Cherie Ribéry

Wollen wir nicht skandalisieren und keine Vorurteile pflegen. Es ist ratsam, sich die Chronologie dessen, was momentan die französische wie die deutsche Presse beschäftigt, uns kurz zu vergegenwärtigen. Schon Monate vor der Weltmeisterschaft in Südafrika erfuhren wir, dass auch gegen den Bayern-Profi Frank Ribéry ermittelt werde, und zwar wegen des sexuellen Kontaktes zu einer minderjährigen Prostituierten in einem Pariser Bordell und auch noch anderswo. Als handele es sich um ein Mannschaftsbulletin wurde in diesem Kontext die Information publiziert, bei dem Pariser Edelbordell handele es sich um ein Etablissement, in dem regelmäßig die französische Nationalmannschaft verkehre. Das klang nicht nur lapidar, sondern es regte in Frankreich die Öffentlichkeit auch nicht sonderlich auf, denn es hätte vor der WM, für die man sich schon skandalös genug qualifiziert hatte, die Stimmung unnötig getrübt. Lediglich die französischen Ermittlungsbehörden machten das, wozu sie durch das Gesetz angehalten sind, sie untersuchten den Fall.

Während der WM war der Fall kein Thema, die französische Nationalmannschaft sorgte durch eine desaströse Leistung für großen Unmut, vor allem in Frankreich. Hinzu kam ein kompletter moralischer Verfall der Mannschaft zum Vorschein, der sich in Drohungen, wüsten Beschimpfungen und Rüpeleien manifestierte, die das klägliche Spiel auf dem Feld noch überschatteten. Selbst Präsident Sarkozy griff in die Diskussion ein und prägte das Wort „inacceptable“. Die Truppe schied aus und kam als Scherbenhaufen auf dem Pariser Flughafen Orly an.

Während die französische Öffentlichkeit nach den Ursachen für das Debakel suchte, die von mangelnder Disziplin des nicht mehr vorhandenen Teams bis hin zu einer gescheiterten Integrationspolitik gesehen wurden, kamen die französischen Untersuchungsbehörden zu dem Ergebnis, dass im Falle Ribéry, und rufen wir uns das noch einmal in Erinnerung, wegen einer sexuellen Beziehung zu einer minderjährigen Prostituierten, ein Verfahren zu eröffnen sei.

Nun kam die Stunde des FC Bayern, oder, um diesem Verein gerecht zu werden, der Herren Rummenigge und Hoeneß. Sie traten ihrerseits vor die Presse mit einer abenteuerlichen Sündenbocktheorie. Ribéry wurde, unabhängig vom den Ergebnissen eines hoheitlichen Gerichtsverfahrens, zum Opfer deklariert. Man brauche, so die beiden Sportsmänner, einen Sündenbock für die Schlechtleistungen der französischen Nationalmannschaft. Ob Ribéry im Rahmen des französischen Rechts schuldig gesprochen wird oder nicht, die beiden Bayernbosse wuschen ihn rein, um ihre sportlichen Erfolge nicht zu gefährden.

Mal abgesehen von der Vorbildfunktion, die Fußballprofis für junge Menschen haben, transportieren wir den Fall doch einfach einmal gedanklich nach Deutschland. Stellt euch vor, vor der WM wäre ein deutscher Stürmer in den Verdacht geraten, sexuelle Kontakte zu einer minderjährigen Prostituierten gehabt zu haben, und stellt euch vor, man hätte auch noch beschwichtigend hinzu gefügt, das sei in einem Bordell geschehen, wohin unsere Nationalmannschaft regelmäßig nach den Spielen ginge. Was hätten wir erwartet? Von den Ermittlungsbehörden, vom DFB und den Vereinen? Momentan steht der komplette FC Bayern unanständig weit im Abseits.

Cesar Luis Menotti und der Fußball als Kollektivsymbol

Argentinien wurde 1978 Fußballweltmeister. Die damals unbezwingbare, genial aufspielende Elf hatte nicht nur die Ästhetik auf ihrer Seite, sondern auch das Volk. Ar-gen-tina, die Geschändete, hatte die Schmach der Militärdiktaturen mit ihren unsäglichen Foltermethoden satt und der Untergrund bereitete sich vor, den Korridor der Demokratie zu betreten. Neben der Mannschaft, die die erwachende Lebensfreude verkörperte, machte ein Stratege von sich reden, der als Trainer auf der Bank saß: Der kettenrauchende, immer etwas elegant-nachlässig gekleidete Grandseigneur des Offensivfußballs, den sie alle ehrfürchtig den Philosophen nannten und dessen Name vielen bis heute wie ein Glücksmoment des Fußballs in den Ohren klingt: Cesar Luis Menotti. Nach dem grandiosen Finale, in dem die Fillol, Pasarella, Tarantini, Ardiles, Kempes und Houseman die Niederländer trotz ihrer immer intelligenten Raumaufteilung einnahmen wie ein verlassenes Dorf, nach diesem Finale war nichts mehr so in Argentinien, wie es einmal war.

Cesar Luis Menotti schrieb kurz darauf einen Essay, der in viele Sprachen der Welt übersetzt wurde und das formulierte, was wie wahren Aficionados schon immer wussten: Es gibt einen Zusammenhang zwischen Fußball und Politik. Die Art und Weise, so Menotti, wie Fußball gespielt würde, lasse Rückschlüsse darüber zu, in welcher psychosozialen Verfassung eine Nation sei und in welche Richtung die Determinanten der Politik zeigten. Satte Nationen verwalteten normalerweise die Ergebnisse, im Aufschwung begriffene, revolutionäre nähmen die Gegner mit Euphorie im Sturm und gelähmte, eingeschüchterte Staaten wären eine leichte Beute. Argentinien, so der Fußballphilosoph, konnte 1978 trotz der herrschenden Diktatur so spielen, weil die Kräfte der Demokratie längst erwacht waren und das Volk erfasst hatten. Fünf Jahre später fiel die Militärdiktatur und drei Jahre darauf, 1986, wurde man noch einmal Weltmeister.

Es lohnt sich, Menottis Gedanken bei der Betrachtung von Weltturnieren im Kopf zu behalten. So wie es aussieht, verlieren sie weder an Aktualität noch an Akkuratesse. Niederländer spielen wegen ihrer Befindlichkeit unter dem Meeresspiegel immer mit einer virtuellen Raumaufteilung und sind somit fast zeitlos modern, die Engländer kommen immer mit dem Anspruch des Empires, in dem die Sonne nicht untergeht, um als bereits historisches Empire zu scheitern, auch das einstige französische Kolonialreich trumpfte nur einmal auf, und zwar mit einer Söldnertruppe und scheitert seitdem am gesetzten Großmachtsanspruch und Italien stellt immer wieder unter Beweis, dass eine eigenartige, befremdliche Mixtur aus Kreativität und fast destruktiver Disziplin das Überleben in jeglichem Umfeld zu garantieren scheint, wie auch die nationale Politik immer wieder unter Beweis stellt.

Bleiben noch die Deutschen, die eigentlich zeigen, dass sie nur fähig sind, an Aufgaben zu wachsen, die sie von anderen und gegen ihren Willen gestellt bekommen. 1954 war es die Aufbruchstimmung nach dem Krieg, 1974 die Abrechnung mit den nationalistischen Vätern, 1990 ging die andere Diktatur unter und 2010? Da zeigen sich Ansätze, wie fruchtbar die gelebte Einsicht sein kann, dass wir ein Einwanderungsland sind. Sehen wir weiter genau hin, und denken an Cesar Luis Menotti!

Mikrokosmos Südafrika

Die Zeiten vor und während Olympiaden und Fußballweltmeisterschaften sind immer eine Lehrstunde für angewandte Länderkunde im Medienzeitalter. Nie wird intensiver über fremde Länder berichtet als dann, allerdings wird auch nie mehr Ideologie an den Mann oder die Frau gebracht. Die Olympiade in Australien bescherte uns ein Hohelied auf die intoleranteste und weißeste Gesellschaft in der westlichen Welt, die in China dagegen eine einzige Tirade gegen das Reich der Mitte. Idealisierung und Dämonisierung liegen ganz eng beieinander, eine ausgewogene, der normalen Widersprüchlichkeit eines zivilisierten Landes gerecht werdende Berichterstattung findet sich nicht. Bei Fußballweltmeisterschaften ist das nicht anders, mit dem einzigen Unterschied, dass das einende Band der Afficionados, der einfach nicht mehr zu erklärenden, abgöttischen Liebe zu diesem Spiel die Völker vielleicht mehr vereint als alles andere. Dafür bekommen wir dann aber immer noch eine Lektion besonderer Arroganz: Auch wenn wir, die Deutschen, es nicht auf dem Rasen schaffen, so sind wir dennoch immer noch die Weltmeister der perfekten Organisation, wie man an der dilettantischen Vorstellung der Gastgeberländer dann illustrieren kann.

Das Wohltuende an Südafrika ist, dass es irgendwie in die beschriebene Schablone nicht passt. Kaum ein Land ist von kolossaleren Widersprüchen gekennzeichnet und durchzogen wie dieses, und kaum ein anderes Land kann eine emotionale Spaltung der Weltmeinung besser für sich reklamieren wie dieses. So ist es nicht leicht zu sagen, in diesem Land sei alles easy und es wird schon werden, genauso wenig wie sich behaupten lässt, dort am Kap herrsche uneingeschränkt das Grauen. So wird aus dem ideologisierten Erdkundeunterricht dann eher ein Gestammel, das sich in Phänomenologischem ergießt und selten die Fragen aufwirft, die auch für den interessierten Europäer von Interesse sein könnte.

Nach einer einzigartigen Abschaffung des Apartheidregimes, die positiv durch die Figur Nelson Mandelas symbolisiert wurde, schlitterte das neue Südafrika wie andere, ehemalige Kolonialstaaten des Kontinents in eine sehr schmerzhafte und schmutzige Phase der Vergangenheitsbewältigung. Waren die Startbedingungen durch eine Kapitalflucht, eine mutwillig zerstörte Infrastruktur und ein für die Masse der Bevölkerung verheerendes Bildungswesen nicht schon schlimm genug, so kamen die organisierte Kriminalität und eine durch Korruption durchsetzte neue schwarze Elite noch hinzu. Gleichzeitig stieg die AIDS-Rate wie kaum woanders auf der Welt und für viele wurde Südafrika das Synonym für die Tragik der Welt. Und trotzdem, jenseits der Schlagzeilen, gelang es den verschiedenen Regierungen, das Land allmählich auf einen Weg zu führen, der Anlass für berechtigte Hoffnungen ist. Der Haushalt Südafrikas gehört heute zu den wenigen, die nach Wirkung gesteuert werden, das Investitionsklima hat sich verbessert, die Anzahl der Arbeitsplätze ist gestiegen, das Gesundheitssystem macht genauso Fortschritte wie das Bildungssystem und die Gleichberechtigung zwischen den Rassen ist keine theoretische Größe mehr. Das alles zeugt von einer Kraft, die sehr beeindruckt. Und das sollte vielleicht mehr im Zentrum der Betrachtung stehen wie eine Gruppe von Fans, die mit einem lebenden Löwen zum Stadion ziehen, auch wenn das wirklich nicht so ohne ist!