Archiv der Kategorie: football

You´ll never walk alone!

Für zwanzig vor Acht hatten wir uns verabredet. Das Spiel der Saison, Dortmund gegen die Bayern, und wahrscheinlich die Vorentscheidung. Auch wenn wir im Südwesten leben, wer sich für Fußball interessiert, der muss sich das direkt ansehen. Wir wählten eine Sky Kneipe bei uns in der Nähe. Als ich um die Ecke bog und in die untergehende Sonne blinzelte, sah ich schon, wie Fahrräder vor dem Eingang einfach an die Wand geknallt wurden und die Leute hineinströmten. Als wir das Lokal betraten, war es bereits brechend voll. Keine Sitzplätze mehr, Stehplätze Mangelware.

Wir drückten uns an einer Ecke an die Theke. Schon jetzt, vor Spielbeginn, konnte man nur noch durch Rauchschwaden die Monitore ansteuern. Der Laden war nicht nur voll, sondern er war bis auf die Bedienung ausschließlich von Männern besucht, die alle um die Wette rauchten und tranken. Humpenweise wurde das Bier zu den durstigen Kehlen geschleppt, Tabletts voller Schnäpse schaukelten durch die Menge wie Barkassen im atlantischen Wind. Dazu wurde geraucht, was das Zeug hielt, Markenzigaretten, Selbstgedrehte und Zigarren. Es herrschte ein Lärm, dass man sein eigenes Wort nicht verstand. Viel lautes Lachen und eine Vorfreude, wie sie selten zu erleben ist. Niemand beschwerte sich, weder über den Krach, noch über den Rauch oder die ständig über die Köpfe wandernden Pizzaschachteln, die angeliefert wurden, weil immer wieder über Handy der Slogan Man Hungry? – Ding Dong Pizza!!! geordert wurde. Das war wie in der Zeitmaschine, wie früher, als der Fußball noch in der Lage war, den Lebenstakt zu bestimmen und sich kein Arsch darum scherte, was irgendwelche Wichtigtuer an Sprechblasen für die Nachrichten produzierten.

Und die ganze Sozialtypologie war wieder versammelt: Da der Ausfahrer vom Thai Delivery, dort der Maler, den die Abstraktion quält und der Postbote, der seit vierzig Jahren Frank Zappa hört, und natürlich der smarte Geschäftsführer aus der Edelgastronomie, der sich hier Schwarzen Krauser dreht, der Rentner, der sich die Chose mit dem Walkman auf ansieht und dabei Rock´n Roll hört, der Bäcker mit der Mehlstauballergie, der Mathematiker mit der chronischen Ehekrise, der Frührentner mit dem Cowboyhut, der Automatenkönig aus der Innenstadt und der Waschmaschinenhändler, der dem alternativen Buchhändler mal wieder den Vogel zeigt.

Der erste Eindruck ließ keinen Zweifel darüber aufkommen, wem sich das Publikum zugeneigt fühlte. Alles war für Dortmund, die Anhänger der Südvereine genauso wie selbst Schalker, was wiederum verdeutlichte, dass es nicht um ein Für, sondern ein Gegen ging. Bayern München und Ulli Hoeneß, die Marken, die als Inbegriff von Arroganz und Großmannssucht gelten, hatten an diesem Abend den Gegenentwurf Borussia Dortmund vor der Brust, den Club aus dem Kohlenpott, der sich nur schwer erholt vom wirtschaftlichen Niedergang und dabei ist, sich neu zu erfinden. Das war es, worum es ging und deshalb war das Ende auch so, wie es bejubelt wurde.

Bei den Dortmundern sah man eine neue Art, Fußball zu denken und folglich auch zu spielen, in der der Prozess an sich eine große Rolle spielt und das Ergebnis die logische Folge der Prozessqualität ist, während bei den Bayern, hoch professionell, exerziert von den teuersten Artisten des Marktes, eine Spielweise präsentiert wurde, bei der nur das Ergebnis zählt und nur das als Erfolg gilt, was die eigene Überschätzung weiter nach oben treibt. Der Verein der Titel und Requisiten, der Trophäen und immensen Kollateralschäden schlich wie eine langweilige Komparse über den Platz und kam dann doch, nach dem Geniestreich des Polen auf Dortmunder Seite, fast noch einmal ans Ziel, weil simuliert und inszeniert wurde, um wieder einmal, zumindest gefühlt, kurz vor Schluss ein Elfmeter geschunden werden sollte. Das wiederum ging schwer daneben, gewonnen haben dann die schwarzen Hälse und gelben Zähne, der Kindergarten aus dem proletarischen Humusboden, und Spaß hat es gemacht.

Die Kneipe glich zu Ende des Spiels einem Dampfer auf hoher See, die vereinzelten Signale an die zeitgenössische Vernunft und das Mantra der Achtsamkeit wurden in den Wind geschrieben, längst erkannte man die Besatzung auf der anderen Seite der Planken nicht mehr, zu verschlungen lag man sich in den Armen mit Fremden und zu laut waren die Chöre, die den Sturm besangen wie den Partner des Lebens und die Zeit verlachten wie ein lästiges Insekt im kosmischen Kontext!

Tici-taca oder die Orientalisierung des Fußballs

El Flaco, der Professor, der Mann mit den 60 Zigaretten pro Spiel, Cesar Luis Menotti, einstmaliger Trainer von und Weltmeister mit Argentinien war es, der den Fußball aus der Deutungshoheit der Biertische und Tapas Bars entriss und zu einer Disziplin machte, an der sich auch politische Geister und Philosophen reiben sollten. Mit seinem Aufsatz über den Fußball und die Dritte Welt entführte er das große Gesellschaftsspiel aus der medialen Profanität und zeigte mit seinem nokotingelben Fingern auf das, was alle schon ahnten, aber nie ausgesprochen hatten: Fußball ist Kollektivsymbolik für das Leben.

Am letzten Samstag standen sich im neuen Stadion zu Wembley vor den Toren Londons, quasi im Olymp dieser Sportart, die Teams von Barcelona und Manchester United gegenüber. Der Ausgang des Spieles war eigentlich nicht das Spannende, sondern die Frage, wie sich zwei Welten von Fußball begegneten, deren Wesen nicht unterschiedlicher sein könnte. Manchester United, trainiert von der Legende Sir Alex Ferguson, spielt einen durchaus modernen, variablen, der Gelegenheit angepassten Fußball und verfügt über technisch rasante und athletisch robuste Spieler. Man spielt das Spiel der Jäger, das Fußball seit seiner Entstehung zweifelsohne ist und legt Wert auf den finalen Abschluss.

Der CF Barcelona hingegen ist seit drei bis vier Jahren das neue Paradigma. Mit einem Stil, der auf der iberischen Halbinsel allgemein tiqui-taci genannt wird, und womit das Kurzpassspiel als zentralem Gedanken in Perfektion gemeint ist, demütigte Barca die Equipe aus Großbritannien. Nicht den Hauch einer Chance bekam die Jägerformation, denn das spanische Spiel mit dem Ball in den eigenen Reihen, technisch in einer Akkuratesse und Eleganz zelebriert, setzt zunächst das Streben nach Vollstreckung völlig außer Kraft, bis der Gegner, von der Pendelei regelrecht benommen und unkonzentriert, den letalen Schlag bekommt. Mit Spielern wie Xavi, Iniesta und vor allem Messi, die das tiqui-taci im Blut haben wie die niedrigen Colesterinwerte, hat sich eine Spielkultur entwickelt, die momentan als unbesiegbar gilt.

Das Phänomenale und Außergewöhnliche des zeitgenössischen spanischen Fußballs im Allgemeinen und des barcelonesischen im Besonderen, ist die Einführung der Prozessorientierung in ein antikes Denksystem der finalen Ergebnisorientierung. Bei tiqui-taci handelt es sich um die Kultivierung des Prozesses als Hauptziel eines Spiels, das laut Reglement immer noch mit dem Zählen der geschossenen Tore endet. Letzteres ist bei der Philosophie des tiqui-taci allerdings ein Nebenprodukt, zu dem es aber meistens reicht. Die exklusive Orientierung auf den Prozess ist es, die selbst alte Hasen des Metiers so verstört und sprachlos macht und die Frage weiterleben lässt, wie das System der Abwendung vom zählbaren Erfolg von der Erfolgsserie eigentlich abgebracht werden kann. Bei dem in Iberien entwickelten System des tiqui-taci hadelt es sich um die erfolgreiche Orientalisierung des Fußballs, der Finalismus wurde von der Prozessorientierung abgelöst. Das verursacht gewaltiges Herzrasen im ganzen Abendland, nicht nur wegen de Bedeutung für den Fußball.

Mesut Özil und Manuel Neuer

Auch wenn vielen Leserinnen und Lesern die letzte Männerdomäne im Land per se suspekt ist: Der Fußball gibt immer wieder Aufschlüsse über gesellschaftliche Zusammenhänge. Sei es die Spielphilosophie, die sehr viel verrät über die psycho-soziale Disposition einer Gesellschaft, sei es das Verständnis des Raumes, das immer wieder Zeugnis ablegt über die geostrategische Dimension des eigenen Landes und seien es die Charaktere, die letztendlich das Spiel dominieren.

Brandaktuell können wir das Verhältnis von Migranten und deutscher Stammbevölkerung anhand zweier Spieler sehr gut beleuchten, die quasi täglich aufgrund ihrer Leistungen und Lebenswege in den Medien diskutiert werden. Beide stammen aus Gelsenkirchen, einem Ort, der fast schon museale Qualität besitzt, will man die typischen Lebensformen des klassischen Industrieproletariers des 20. Jahrhunderts illustrieren. Beide gingen den Weg des Fußballprofis und begannen ihre Karriere in dem Traditionsclub Schalke 04. Manuel Neuer, Jahrgang 1986, derzeit gehandelt als einer der besten Torhüter der Welt und Mesut Özil, Jahrgang 1988, Mittelfeldspieler und ebenfalls gehandelt als einer der Weltbesten, ersterer auch schon mal als „Die Wand Gottes“, letzterer als „göttliche Regie“ in den Himmel gehoben.

Das eigentlich interessante ist aber tatsächlich ihre Sozialisation und das sich daraus entwickelte Verhalten in Krisensituationen. Manuel Neuer, eher aus kleinbürgerlichen deutschen Verhältnissen, verband neben seinen sportlichen Fortschritten eine unbedingte Loyalität mit seinem Club, die erst brüchig wurde, als klar zu werden schien, dass Schalke 04 nicht das Format besaß, um ihm dauerhaft die Praxis in internationalen Wettbewerben zu bieten. Fast folgerichtig für einen derartigen deutschen Prototypen, orientierte er sich zu dem einzigen deutschen Verein hin, der das zumindest in der Vergangenheit konnte. Er ignorierte die den internationalen Markt per se. Die internationalen und die nationale Option wurden kommuniziert als eine Risikoabwägung.

Mesut Özil, unter anderem gemanagt durch seinen Vater, erkannte früh seinen gestiegenen Marktwert, verhandelte härter mit Schalke, ging früher nach Bremen und nutzte die WM, um nach Madrid zu wechseln. Er sah darin in erster Linie die Chancen, die er prompt nutzte. Er setzte sich in Madrid durch und wird in den spanischen Medien regelrecht zelebriert. Der Underdog mit Migrationshintergrund aus dem ultra-proletarischen Gelsenkirchen-Bismarck schaffte es in kurzer Zeit in die Hall of Fame des Weltfußballs und scheint sich in der spanischen Metropole pudelwohl zu fühlen.

Obwohl es sich bei Manuel Neuer und Mesut Özil um sympathische junge Leute mit außerordentlichen Fähigkeiten handelt, hat ihr Schicksal sie in sehr unterschiedliche Lebenswelten katapultiert. Die Mainstreamsozialisation eines Manuel Neuer trieb ihn aus Sicherheitsdenken in die bayrische Provinz. Dem Migranten, der sich hatte in einem feindlichen Milieu hoch kämpfen müssen, gelang der Sprung in die Welt.