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Der Zauber des Derbys schlechthin

Der Stellenwert von Fußballderbys wie des Fußballs insgesamt wird von politisch interessierter Seit seit Jahren in diesem Land in Frage gestellt. Ohne Erfolg. Auch die aktive Umgestaltung des Images derer, die sich in den Arenen bewegen, von ehemals arroganten Siegertypen, wie eine spanische Zeitung über die erfolgreichen deutschen Fußballer schrieb, zu sympathischen Verlierertypen, hat sich durch sportliche Misserfolge nicht als geeignet erwiesen, die letzte Männerdomäne zu schleifen. So wie es scheint, sind die Zeiten der Jogis, Hansis, Schweinis und Poldis vorbei. Doch das, wenn überhaupt, nur als Randnotiz.

Das Derby in Deutschland überhaupt ist die Begegnung zwischen Borussia Dortmund und Schalke 04. Im Ruhrgebiet selbst läuft schon Wochen vorher der Countdown. Ein wie überall in der Republik durchaus breit angelegtes Gesprächsangebot reduziert sich an den Theken zwischen Rhein und Ruhr, zwischen holländischer Grenze und Siegerland zunehmend, es wird monothematisch. Mögliche Mannschaftsaufstellungen und Spieltaktiken werden diskutiert, alte Ressentiments zwischen den Lagern aktiviert und es wird alles getan, um die Emotionen hoch zu peitschen. Vielen, aber das wissen alle, ist ein Sieg über den Rivalen wichtiger als Meisterschaft oder Pokal. Und wenn eins schmerzt, dann ist es die Bezeichnung Nummer Eins im Revier.

Treffen die beiden Mannschaften dann aufeinander, wie gestern, zum 141. Mal, dann muss niemand mehr etwas tun, um die Adrenalinspiegel zu steigern, sondern die Verantwortlichen beginnen, zumindest in den letzten Jahren, der Strategie der De-eskalation zu folgen, um das Schlimmste zu verhindern. Und wenn, nach den Schlachtgesängen und Ritualen der Anpfiff erfolgt ist, dann sieht man in der Regel ein ganz gewöhnliches Fußballspiel, das mal die eine, mal die andere Mannschaft gewinnt. Gestern war es Schalke, verdient, aber beim nächsten Mal kann alles wieder ganz anders sein.

Was auffällt, hinter den Kulissen, ist der große Sachverstand und Respekt, der vorherrscht und der das ist, was eine wahre Rivalität ausmacht. Es ist das Wissen um die Notwendigkeit eines Rivalen, dessen Dominanz man nie und nimmer will, dessen dauerhafte Schwäche aber das Geschäft verdirbt. Und es ist das Wissen um die Ähnlichkeit. Beide Vereine, Schalke wie Dortmund, sind mit Kohle und Stahl groß geworden, auch wenn der Dortmunder Anhang immer industriell-proletarischer war als der Schalkes, da kamen immer noch die Bauern aus dem Münsterland dazu. Dortmund war immer eine Bastion polnischer Immigranten, Schalke die der Ostpreußen und Niederländer. Aber das sind Feinheiten, vergleicht man beide Clubs mit anderen der Republik, dann sind sie dem selben Schoß entschlüpft, und das macht, wie in den besten Familien, die Rivalität so einzigartig.

Wer einmal in Dortmund bei einem solchen Spektakel war und die Münchner Arena erlebt hat, dem wird klar, worin der Unterschied zwischen denen, die den Fußball in unseren Breitengraden populär gemacht haben und denen, die damit Prestige zu erreichen suchten, besteht. Mögen die Söldnerensembles an der Isar auch noch so erfolgreich sein, den Geist, die Seelenkraft und das Klassenbewusstsein, das der Fußball im Ruhrgebiet bis heute hervorbringt, werden sie nie erreichen, genauso wie ihrem Anhang es immer verschlossen bleibt, was es bedeutet, im Wettstreit zu liegen, zu kämpfen, und dennoch so etwas wie Respekt und Fairness zu bewahren. Man wird es ihnen erklären können, aber als Reaktion bleibt immer nur der leere Blick.

Gestern, beim 1:2 für Schalke, vor über 80.000, ging es wieder hart zur Sache, und danach werden die Wunden wieder geleckt. Und hinterher, beim Pils unter Gleichen, kam es zu tiefen Einsichten, bodenständig, ehrlich, so wie es den Zauber dieser Region ausmacht.

Circus Maximus

Nur im Erfolg berauscht sich die Menge an der warmen Strömung der Einigkeit. Sobald das Scheitern sein hässliches Gesicht vorzeigt, macht sich Zwietracht breit. Insofern ist alles, was wir nach dem Ende der Fußballeuropameisterschaft erleben, immer mit Blick auf den Erfolg oder Misserfolg zu bewerten. Alles richtig gemacht haben, vom berühmten Ende her gedacht, nur die Spanier. Die waren längst nicht so brillant wie in den letzten großen Turnieren, nervten sogar das Publikum mit ihrem ewigen Tiki-Taka, hatten ungemein großes Glück durch eine Fehlentscheidung des Schiedsrichters oder einen schwach geschossenen Elfmeter des Gegners, aber als es darauf ankam, da waren sie da und zeigten ihre Klasse. Und an diese Klasse ragt zumindest in Europa niemand heran. Portugal war im direkten Vergleich die einzige Mannschaft, die es hätte tun können.

Anders dagegen die Deutschen, die mit hohen Erwartungen anreisten, wenig schön anzusehende Spiele ablieferten, aber kalt berechnend bis ins Halbfinale vordrangen, wo sie ihrem Nationalcharakter erlagen: Im Kopf schon im Endspiel und auf dem Platz vernascht wie Jungs aus der Provinz. Wie das ging zeigten die Italiener in diesem Spiel, die bis auf das Finale, in dem sie mit fliegenden Fahnen untergingen, einen herrlichen Offensivfußball spielten. Mit Buffon hatten sie einen Torwart, der vielleicht ein letztes Mal über allen anderen seiner Zunft stand. Mit Pirlo einen Künstler, der den Fußball zelebrieren kann wie eine italienische Oper und mit Balotelli einen Vollstrecker, der etwas Gladiatorenhaftes ausstrahlte. Das war im besten Sinne Circus Maximus und der eigentliche Höhepunkt des Turniers.

Hervor stachen noch die Iren, die sportlich als Außenseiter kamen und wieder fuhren, deren Anhang aber zeigte, wie sinnstiftend sportliche Begeisterung sein kann und wie viel wohl gemeinte Identität dem entspringen kann. An Sportsgeist hat es den Insulanern sowieso noch nie gefehlt und ihr Begriff von Fairness muss in vielen Ländern noch aus dem Fremdwörterbuch übersetzt werden.

Die auf diesem Turnier dargebotene Philosophie der Sportart wurde eher nicht weiter entwickelt. Die spanische Vorstellung von der Prozessorientierung war wieder einmal erfolgreich, die italienische Renaissance des Spielmachers blieb eine Momentaufnahme und die Defensivtaktik einiger Hardliner verhalf auch nicht zum Erfolg. Bleibt abzuwarten, welche Spielauffassung in Zukunft in der Lage sein wird, die spanische erfolgreich zu beerben.

Der Fußball ist und bleibt eine Sportart, aus dessen Praxis man sehr gut das gesellschaftliche Leben eines Landes lesen kann. Wir können sehr viel lernen über die Art und Weise, wie das deutsche Team bei den osteuropäischen Nachbarn aufgetreten ist: Die Fähigkeiten und Fertigkeiten sind herausragend, der Teamgeist funktioniert nur bei stabilem Wetter und die kantige Individualität darf keine Rolle spielen, geschweige denn sich entfalten. Es dominiert der Größenwahn, wenn Demut und Respekt gefordert wären und es triumphiert die Angst, wenn die Stunde des Mutes an der Reihe gewesen wäre. Es fehlte die Größe, die Klasse anderer anzuerkennen und leider wurde sie nicht selten ersetzt durch das Ressentiment gegen das Andere, Fremde. Es gibt also vieles, was wir noch lernen müssen, bevor es Titel sind, die kommen.

You´ll never walk alone!

Für zwanzig vor Acht hatten wir uns verabredet. Das Spiel der Saison, Dortmund gegen die Bayern, und wahrscheinlich die Vorentscheidung. Auch wenn wir im Südwesten leben, wer sich für Fußball interessiert, der muss sich das direkt ansehen. Wir wählten eine Sky Kneipe bei uns in der Nähe. Als ich um die Ecke bog und in die untergehende Sonne blinzelte, sah ich schon, wie Fahrräder vor dem Eingang einfach an die Wand geknallt wurden und die Leute hineinströmten. Als wir das Lokal betraten, war es bereits brechend voll. Keine Sitzplätze mehr, Stehplätze Mangelware.

Wir drückten uns an einer Ecke an die Theke. Schon jetzt, vor Spielbeginn, konnte man nur noch durch Rauchschwaden die Monitore ansteuern. Der Laden war nicht nur voll, sondern er war bis auf die Bedienung ausschließlich von Männern besucht, die alle um die Wette rauchten und tranken. Humpenweise wurde das Bier zu den durstigen Kehlen geschleppt, Tabletts voller Schnäpse schaukelten durch die Menge wie Barkassen im atlantischen Wind. Dazu wurde geraucht, was das Zeug hielt, Markenzigaretten, Selbstgedrehte und Zigarren. Es herrschte ein Lärm, dass man sein eigenes Wort nicht verstand. Viel lautes Lachen und eine Vorfreude, wie sie selten zu erleben ist. Niemand beschwerte sich, weder über den Krach, noch über den Rauch oder die ständig über die Köpfe wandernden Pizzaschachteln, die angeliefert wurden, weil immer wieder über Handy der Slogan Man Hungry? – Ding Dong Pizza!!! geordert wurde. Das war wie in der Zeitmaschine, wie früher, als der Fußball noch in der Lage war, den Lebenstakt zu bestimmen und sich kein Arsch darum scherte, was irgendwelche Wichtigtuer an Sprechblasen für die Nachrichten produzierten.

Und die ganze Sozialtypologie war wieder versammelt: Da der Ausfahrer vom Thai Delivery, dort der Maler, den die Abstraktion quält und der Postbote, der seit vierzig Jahren Frank Zappa hört, und natürlich der smarte Geschäftsführer aus der Edelgastronomie, der sich hier Schwarzen Krauser dreht, der Rentner, der sich die Chose mit dem Walkman auf ansieht und dabei Rock´n Roll hört, der Bäcker mit der Mehlstauballergie, der Mathematiker mit der chronischen Ehekrise, der Frührentner mit dem Cowboyhut, der Automatenkönig aus der Innenstadt und der Waschmaschinenhändler, der dem alternativen Buchhändler mal wieder den Vogel zeigt.

Der erste Eindruck ließ keinen Zweifel darüber aufkommen, wem sich das Publikum zugeneigt fühlte. Alles war für Dortmund, die Anhänger der Südvereine genauso wie selbst Schalker, was wiederum verdeutlichte, dass es nicht um ein Für, sondern ein Gegen ging. Bayern München und Ulli Hoeneß, die Marken, die als Inbegriff von Arroganz und Großmannssucht gelten, hatten an diesem Abend den Gegenentwurf Borussia Dortmund vor der Brust, den Club aus dem Kohlenpott, der sich nur schwer erholt vom wirtschaftlichen Niedergang und dabei ist, sich neu zu erfinden. Das war es, worum es ging und deshalb war das Ende auch so, wie es bejubelt wurde.

Bei den Dortmundern sah man eine neue Art, Fußball zu denken und folglich auch zu spielen, in der der Prozess an sich eine große Rolle spielt und das Ergebnis die logische Folge der Prozessqualität ist, während bei den Bayern, hoch professionell, exerziert von den teuersten Artisten des Marktes, eine Spielweise präsentiert wurde, bei der nur das Ergebnis zählt und nur das als Erfolg gilt, was die eigene Überschätzung weiter nach oben treibt. Der Verein der Titel und Requisiten, der Trophäen und immensen Kollateralschäden schlich wie eine langweilige Komparse über den Platz und kam dann doch, nach dem Geniestreich des Polen auf Dortmunder Seite, fast noch einmal ans Ziel, weil simuliert und inszeniert wurde, um wieder einmal, zumindest gefühlt, kurz vor Schluss ein Elfmeter geschunden werden sollte. Das wiederum ging schwer daneben, gewonnen haben dann die schwarzen Hälse und gelben Zähne, der Kindergarten aus dem proletarischen Humusboden, und Spaß hat es gemacht.

Die Kneipe glich zu Ende des Spiels einem Dampfer auf hoher See, die vereinzelten Signale an die zeitgenössische Vernunft und das Mantra der Achtsamkeit wurden in den Wind geschrieben, längst erkannte man die Besatzung auf der anderen Seite der Planken nicht mehr, zu verschlungen lag man sich in den Armen mit Fremden und zu laut waren die Chöre, die den Sturm besangen wie den Partner des Lebens und die Zeit verlachten wie ein lästiges Insekt im kosmischen Kontext!