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Nr. 14

Raum und Zeit. Um nichts anderes geht und ging es im Fußball. Und um Schönheit. Das, was sehr abstrakt als höchste Weisheit des Fußballs herüberkommt, wird selten beherzigt. Manche Trainer, natürlich die sehr erfolgreichen, beherzigen dieses. Wenige Spieler vermögen es, die gesamte Philosophie durch die Art und Weise, wie sie spielen, zu erklären. Ein Name jedoch ist mit dieser Quintessenz verbunden wie kein anderer. Es ist Johan Cruyff. Er verkörperte wie kein anderer als Spieler diese Philosophie. Wenn Johan Cruyff am Ball war, dann vermittelte sich diese Philosophie. Er war der, der das höchste Konzept nicht nur materialisierte, sondern auch zum Erfolg führte.

Einmal, im Jahr 1974, war das nicht der Fall. Da spielte Holland, das jener Johan Cruyff aus dem Dornröschenschlaf gerissen hatte und das kleine Land für immer zu einem Fußballgiganten gemacht hatte, den besten Fußball und wurde dennoch nur Zweiter. In diesem Turnier zauberte die niederländische Mannschaft alles weg, was sich ihr in den Weg stellte und unterlag im Finale gegen Deutschland. Der Spieler des Turniers war dennoch Johann Cruyff. Dort, wo Oranje auftauchte, verwandelten sich die ansonsten von dumpfen Kampfgesängen beherrschten Stadien in ein Volksfest. Tausende Niederländer erschienen ganz in Orange, sie tanzten, sie sangen und brachten die Blaskapelle von Ajax Amsterdam gleich mit. Die begleitete jedes Spiel mit Swing und es entstand eine Choreographie der guten Stimmung, der Lebensfreude und des Geschwindigkeitsrausches. Nichts hat jemals wieder soviel gute Laune in die Stadien gebracht, wie diese Anwandlung von Lebensästhetik.

Johan Cruyff ging von Amsterdam nach Barcelona, wo er nach seiner aktiven Laufbahn als Spieler mit seiner Philosophie den Grundstein legte für die Vision des modernen Fußballs, die bis heute herrscht und nur von ganz wenigen erreicht wird. Mit der Zeit jonglieren und den Raum als unbegrenzte Möglichkeit zelebrierend hat er den Weltfußball revolutioniert. Als Trainer war er so erfolgreich wie als Spieler und er war es, der das Talent der Jungen immer wieder entdeckte und förderte. Wenn ein Attribut auf diesen Ausnahmespieler und diese Persönlichkeit zutrifft, dann ist es die des Begnadeten. So etwas kommt selten vor und vielleicht ist das auch gut so.

In den Niederlanden nannten sie ihn König Johan. Ihnen reichte der König, sie brauchten keinen Kaiser, um seine Superlative zu beschreiben. Wer in den Jahren, als er bei Ajax Amsterdam und Barcelona spielte, oder beide Teams später trainierte einmal mitbekommen hat, was dieser Mann in seinem Land bedeutete, der wird das nicht vergessen. Da wurde, als handelte es sich um einen die Welt beherrschenden Geist nur von Johan gesprochen. Wenn sein Name viel, dann würde es ruhig, regelrecht andächtig, in den Kneipen, auf den Rängen oder den großen Plätzen. Johan war eine Instanz, die mehr galt als alle Größen aus Politik oder Wirtschaft.

Johan Cruyff war unbequem, kämpferisch und suchte den Konflikt. Er und sein Entdecker, Rinus Michels, genannt der General, hatten kein einfaches Verhältnis, aber produktiv war es und es schuf den Fußball, der mit allen Attributen verbunden wird, die das Schöne beschreiben. Johan Cruyff trug die Rückennummer 14. Sie ist seitdem Legende. Sie wird es bleiben. Mit seinem Tod gehört sie ins Museum. Soviel Schönheit, Innovation und Esprit wird nie wieder von ihr ausgehen.

Die Pocke bleibt im Keller!

Es ist Halbzeit und die Pocke bleibt jetzt erstmal im Keller. Nach der WM im letzten Jahr war alles anders. Der Titel in Brasilien wirkte wie ein Intermezzo, über das sich so niemand richtig freuen konnte. Zuerst wohl, aber nachhaltig, wie es hier so furchtbar heißt, nachhaltig war die Freude nicht. Das lag daran, dass alle wussten, wie langweilig die nachfolgende Bundesliga werden sollte. Und alle behielten Recht. Nach der gefühlten Schmach von zwei Dortmunder Titeln hatten die Bayern den Krieg erklärt, Werkspionage und Agentenkauf betrieben und dann noch das Monster mit der neuen Fußballtechnologie verpflichtet, das als Separatistenikone von Katalonien in den Freistaat wechselte. Dort implementierte er den fußballerischen Drohnenkrieg, sehr erfolgreich, aber todlangweilig.

Und jetzt, nach der Hälfte der Folgesaison, nahezu das gleiche Bild. Mental hat es das Publikum aber immerhin geschafft, sich damit abzufinden, dass der Titel schon vergeben ist und der Rest um andere, auch attraktive Plätze spielt. Das hört sich nett an, aber den wirklichen Kick vermittelt es nicht, Hand aufs Herz. Das ist wie Casino ohne Geld oder Brause aus Sektgläsern. Die Monopolisten von der Isar haben dem republikanischen Publikum die Schule fürs Leben versaut. Ja, der paradigmatische Charakter des Fußballs offenbart die ganze Misere.

Fußball ist immer eine Metapher für die Kooperation im Inneren und den Wettstreit der Kooperationssysteme gegeneinander. War der letzte große Paradigmenwechsel im Fußball die Rolle des Einzelnen gewesen, der vom Spezialisten zum Allrounder wurde und alle Aufgaben wahrnehmen musste, so wie jeder im Arbeitsleben das auch zu durchlaufen hatte, so ist das System Guardiolas das des Wettstreits. Sein System ist das des Nicht-Kontakts, des Zuschlagens aus dem Nichts, analog zur Drohnentechnologie. Es geht nur untergeordnet um Kooperation, in Wahrheit aber um einen einseitig sauberen Krieg und Dominanz. Das Spiel Bayern Münchens ist ein Abbild der Misere unserer Zeit. Die Ethik liegt im Gully, Dominanz an sich ist das Ziel. Erdacht haben sich diese Skala pathologische Narzissten, und die Resonanz zeigt, dass ihr krankes Hirn noch fasziniert.

Der Rest der Liga macht das, was die Konkurrenz im Arbeitsleben eben auch macht. Sie sind mal gut und mal schlecht, diejenigen, die viel investiert haben und nicht das entsprechende Ergebnis erzielt haben, gucken entweder dumm aus der Wäsche oder sie suchen Schuldige. Verantwortung dafür tragen in erster Linie immer die Trainer und einige von ihnen wurden bereits entlassen. Andere, die mehr erreicht haben, als sie vorher spekulierten, sie machen ein anderes, ebenfalls bekanntes Spiel, denn sie schauen vielsagend in die fragenden Gesichter, um zu suggerieren, dass sie mehr wussten, als sie erzählt haben. Aber spätestens nach der nächsten Niederlage ist dieser Zauber dahin.

Die großen Traditionsclubs, die die syndikalistische Professionalisierung a la Bayern nicht vollzogen haben, sind in diesem großen Kampf ins Schlingern geraten, der HSV scheint sich zu berappeln, Stuttgart muss ernsthaft bangen und Schalke, ja Schalke ist immer besser als der Rest, egal, wo sie stehen, sie sind der Verein der Solidarität, ihn ficht eigentlich nichts an.

Nun geht der Pep und Ancelotti soll kommen. Das kann dem deutschen Fußball nur gut tun. Letzterer hat mit Drohnen nichts am Hut, das ist ein kultivierter Mann, da fragt sich nur, wie lange es er bei den Barbaren aushält. Und Dortmund wird sich etwas einfallen lassen müssen. Ob ein Trainer, der eine esoterische Terminologie absondert, eine Krise im rauen Stimmengewirr des Ruhrgebiets übersteht, das ist schon eher zweifelhaft. Aber, es bleibt spannend, wenn der Atem lang ist!

Fußball als Kriminalgeschichte

Philip Kerr. January Window

Nirgendwo werden kollektive Emotionen so ausgelebt. In manchen Familien vergleicht man es mit den großen Schicksalsschlägen, die nur Kriege und Katastrophen über Einzelschicksale bringen. Und es geht um Geld. Um sehr viel Geld. Nicht nur, weil diejenigen, die dem Genre verfallen sind, über diese Kanäle zum Konsum bewegt werden können. Sondern auch, weil sie es sind, die meistens auch woanders bestimmen, was gekauft wird und was nicht. Wie verfallen die einen, so verständnislos die anderen. Alle, die sich im Metier bewegen, ob aktiv oder passiv, teilen die Passion und die Exklusivität, und alle, die außen vor bleiben, runzeln die Stirn, weil sie die Intensität um etwas scheinbar so Lapidares kaum begreifen. Es geht um Fußball, was sonst.

Eben wegen der Intensität und der Omnipräsenz des Fußballs ist es relativ überraschend, dass er in der Literatur eine eher untergeordnete Rolle spielt. Das hat weniger mit der von den Fußballgegnern unterstellten Primitivität der sich dort tummelnden Akteure zu tun, denn die Fußballwelt ist ein realistischeres Abziehbild einer Gesellschaft als alle anderen Milieus. Und dennoch: Die schreibende Zunft hielt sich lange fern. Einer, natürlich ein Brite, genauer gesagt ein gebürtiger Schotte, der in London lebt und sich als Arsenal Fan geoutet hat, ist der Kriminalautor Philip Kerr. Als solcher genießt er internationalen Ruf, vor allem wegen seiner Romane über den in der Nazi-Zeit in Berlin ermittelnden Bernie Gunther, in denen erstklassige Kriminalgeschichten mit einer kritischen Reflexion der politischen Zeitumstände verwoben werden.

Philip Kerr nun hat sich an das Thema Fußball herangewagt und mit der Figur Scott Manson bereits den Protagonisten für weitere, in der Fußballwelt spielende Kriminalgeschichten, geschaffen. In dem Roman January Window, der Titel ist der englische Ausdruck für das Transferfenster zwischen Hin- und Rückrunde, geht es um alles, was in der intensiven britischen Fußballwelt von Belang ist. Um Spieler und deren Transfers, um Homophobie in der Öffentlichkeit und der Angst, sich zu outen, um osteuropäische Sponsoren mit ungeheuren Vermögen und zweifelhafter Vergangenheit, um versteckte Gelder und Erpressung, aber auch um Enthusiasmus, um Leidenschaft, um Ehre, um Loyalität und um Tragik. In der von Kerr gewählten Handlung tauchen reale Vereine auf, fast alle Londoner Clubs werden erwähnt, Akteure wie Arsene Wenger und José Mourino kommen zu Wort, aber die eigentliche Handlung spielt bei einem fiktiven Verein und mit fiktiven Akteuren.

Vielleicht ist diese Konstruktion genau das, was ein wenig ablenkt und irritiert oder die Fiktion etwas unglaubwürdig erscheinen lässt, weil der Lesende immer wieder versucht, das in der Fiktion Normale mit der Unglaublichkeit in der Realität zu vergleichen und zu zweifeln beginnt. Dennoch ist das Buch ein Thriller, produziert von einem, der sich bestens auskennt sowohl im Handwerk des Kriminalautors als auch im Metier des Fußballs. January Window ist vielleicht nicht der spannendste Krimi, aber es ist eine sehr gelungene Milieustudie, die die Freiheit genießt, sowohl die faszinierenden wie die abstoßenden Seiten ein und derselben Welt miteinander konkurrieren zu lassen. Vielleicht ist es dadurch sogar ein Buch, das denen empfohlen werden sollte, die mit Fußball nichts am Hut haben. Abgelenkt durch eine spannende Handlung erführen sie mehr über diese Welt, als sie es sonst, durch Vorurteile imprägniert, zuließen.