Archiv der Kategorie: football

Das Fieber steigt

Wenn auch nicht alle, so haben sich bei der Fußballweltmeisterschaft 2014 viele Leserinnen und Leser dieses Blogs als sehr am Fußball Interessierte herausgestellt. Das für mich selbst sehr Schöne an dieser Erkenntnis war, dass sich eine Diskussion um diesen Sport und dieses Turnier entfalten konnte, die eben nicht die furchtbare Ökonomie, die korrupte Bürokratie und die einfältigen Nationalismen und Ressentiments ausblendete, die ein solches Ereignis auch sehr stark bestimmen. Und dennoch, es ist uns hier damals gelungen, die Faszinationskraft dieses Spiels und seiner unzähligen Varianten immer wieder zu entschlüsseln und die große Metaphorik, die der Fußball in der Lage ist zu schaffen, zu feiern.

Nun, zwei Jahre später, am Tag der Eröffnung der Europameisterschaft in Frankreich, stellt sich die Frage, ob dieses Turnier wieder eine solche Episode der diskursiven Übung hervorbringen kann. Bis jetzt bin ich skeptisch. Da sind die Nachwehen der WM, die den Bundesliga-Alltag zu einer relativ langweiligen Veranstaltung gemacht haben, weil die Monopolbildung so weit fortgeschritten ist, dass nur noch interessiert, wer letztendlich den Löffel abgibt und nicht, wer das Rennen macht. Und da sind immer wieder Terroranschläge, die in ihrer psychischen wie physischen Verheerung noch sehr viel diabolische Wirkung nach oben haben. Und da ist natürlich eine Weltmeisterelf, die nach dem Triumph ohne große Euphorie in den Niederungen wieder ankam.

Trotz einer gewissen Skepsis, die allerdings sehr schnell verfliegen kann, sobald ein Team beginnt, den Zauber zurück zu holen, bleibt eines wiederum so spannend wie immer. Es handelt sich dabei um die Frage, was sich im Fußball bzw. in der Art, Fußball zu spielen verändert hat und was diese Veränderung aussagt über die Gesellschaften. Das ist die politische Dimension des Ganzen, und, ehrlich gesagt, mich persönlich interessiert das am meisten. Und, offen gestanden, auch, ob es Akteure geben wird, die in die große Reihe der Magier eintreten können, die immer wieder junge Menschen dazu inspirieren können, einen Traum zu leben, trotz einer furchtbaren Tristesse, die sie umgibt.

Und es wird wieder erschreckende Erkenntnisse darüber geben, wer das Spiel wie zu missbrauchen gedenkt, um sein eigenes, unwürdiges Spiel attraktiver zu gestalten. Hier in Deutschland hat die neue Rechte damit begonnen, einzelne Spieler zu diskreditieren, weil ihre DNA anders gelagert ist als die arische aus dem Ideologielabor. Wir alle wissen, dass das anachronistischer Schwachsinn ist, der zur Barbarei führt. Aber wir wissen auch, wie schnell sich dieses Gift in der Lage ist, fortzupflanzen. Insofern wäre wünschenswert, dass die Ensembles, die einer modernen Form des Bürgertums entsprechen, sehr erfolgreich sind. Denn der wirkungsvollste Treibstoff für die Motivation, einen Weg weiter gehen zu wollen, kommt aus dem Erfolg. Mögen die Teams, die Toleranz symbolisieren, die erfolgreichsten sein!

Das Wägen hat in einigen Stunden ein Ende. Vieles wird hier, in Germanistan, auch wie immer sein. Noch ist alles ruhig, aber in wenigen Stunden fahren die Konvois zu den Getränkemärkten, um die heimischen Depots zu versorgen, und in wenigen Stunden wird das Wetthissen von Fahnen beginnen, wo zu lesen ist, dass die benachbarte Italienerin einen Portugiesen geheiratet hat, sich die spanischen Nachbarn immer noch gerne etwas isolieren wie auf ihrer Halbinsel, die Kroaten dagegen noch nie Berührungsängste hatten, die Türken die Fahne heraushängen, obwohl sie kräftig blutet und der einsame Schwede mit einem Hörnerhelm auf dem Balkon steht und alle hoffen, dass er den Anpfiff noch erlebt und die Briten, auch wie immer, schon den Titel feiern, bevor das alles begonnen hat. Ok, ich merke, wie das Fieber steigt…

Jerome Boateng und die drei großen Ts

Der nordamerikanische Ökonom und Politologe Richard Florida machte vor anderthalb Jahrzehnten zum ersten Mal mit seinen Thesen zur Stadtentwicklung Furore. Er hatte sich weltweit die Städte angesehen, die in vielerlei Hinsicht eine rasante Entwicklung genommen hatten und mit einer strukturalistischen Analyse bestimmte Gemeinsamkeiten freigelegt, die diese erfolgreichen Städte verbanden. Florida nannte die Faktoren letztendlich die drei großen Ts. Diese waren Toleranz, Talente und Technologien. Und tatsächlich: Im Wissen um diese Faktoren ist in vielen Fällen augenscheinlich, dass genau Investitionen in diesen Bereichen zu Entwicklungserfolgen führen. Städte, die sich um ein weltoffenes, tolerantes Klima verdient gemacht haben, die in Logistik und Infrastruktur investiert haben und die dafür arbeiten, dass junge und qualifizierte Menschen kommen und bleiben, haben die größten Chancen, erfolgreich zu sein. Der Erfolg misst sich nicht nur hart ökonomisch, sondern auch in Kreativ- und Zufriedenheitsindizes.

Soweit, so gut. Selbstverständlich können diese Faktoren nicht gestärkt werden, wenn ganz mechanisch, ohne soziale und kulturelle Intuition daran herum geschraubt wird. Aber das ist mit allen Konzepten so. Manchmal verifizieren sich derartige Konzepte aber auch auf ganz anderen Feldern, an die weder der Finder des Zusammenhangs, d.i. Richard Florida, noch diejenigen, die sie konzeptionell angewandt haben, jemals gedacht haben. Eines dieser Beispiele ist nämlich der deutsche Fußball.

Ungefähr zur gleichen Zeit, als Florida über die Städte forschte, musste der deutsche Fußball eine Krise konstatieren, die vor allem darin bestand, dass durch die Profi-Praktiken der Nachwuchs bzw. die Nachwuchsarbeit gelitten hatte. Es gab die Millionenstars und dann wurde es schwierig. Der deutsche Fußballbund zog daraus Konsequenzen, die in hohem Maße eine Konformität zu dem Florida-Konzept vermuten lassen.

Man begann, Talente zu scouten und zu fördern, Nachwuchszentren wurden geschaffen und in hohem Maße professionalisiert. Die Betreuung sowohl dieser Zentren als auch die der Nationalmannschaft wurden detailliert geplant und mit den neuesten Technologien ausgestattet. Von Motivationstrainern, Psychologen, Physiotherapeuten, Medizinern bis zu Ernährungswissenschaftlern wurde ein ganzes Ensemble, gerüstet mit den neuesten Erkenntnissen aus Wissenschaft und Technik in den Fußball geschickt. Und letztendlich wurden die Talente, derer man habhaft wurde und die Immigranten waren, mit der Perspektive konfrontiert, eingebürgert werden und für Deutschland spielen zu können. Dazu war eine andere Atmosphäre vonnöten, als sie vor 15, 20 Jahren in vielen Stadien herrschte. Mit Toleranz- und Respektkampagnen wurde ein Klima geschaffen, das eine neue Ära einläutete.

Der vorläufige Erfolg dieser drei großen Ts war ein Fundus von ca. 50 auf Weltniveau spielen könnenden Akteueren, über die vorher noch nie eine DFB-Auswahl verfügte. Nicht die notwendige, aber die logische Konsequenz war dann der Gewinn der Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien, bei der das System der Toleranz, der Talente und der Technologien dermaßen Furore machte, dass mittlerweile alle renommierten Fußballverbände dieser Erde nach Deutschland kommen, um sich zwecks Kopie klug zu machen.

Es ist eine tatsächliche Erfolgsgeschichte, die etwas zu tun hat mit einem qualitativ politischen Denken. Die Namen, die vor allem mit dem Toleranzaspekt korrelieren, sind Özil, Khedira und Boateng. Andere sind gefolgt und haben das System bestätigt. Der Affront vor allem gegen Jerome Boateng, der durch seine eigene Vita, seinen Sportsgeist und sein soziales Engagement noch einmal eine besondere Qualität unter Beweis stellt, dokumentiert mit welch einem abgrundtiefen Unverständnis wegweisende, auch politisch zu reflektierende Erfolgskonzepte konfrontiert Und gefährdet sind.

Liverpool: Das Tödliche an der Besitzstandswahrung

Franz Beckenbauer hat eines dieser Erlebnisse in seiner launigen Art selbst geschildert. Beim Endspiel um die Champions League 1998, als der FC Bayer in der 87. Minute noch mit 1:0 gegen Manchester United in Führung war, machte sich Beckenbauer im Stadion Nou Camp zu Barcelona oben von der VIP-Tribüne auf den Weg zum Aufzug, um passend zum Schlusspfiff und der anschließenden Siegerehrung direkt am Feld zu sein. Als er unten aus dem Aufzug ausstieg, stand es 2:1 für Manchester. Als ihm der erste, den er sah, diese Information zukommen ließ, dachte Beckenbauer an einen schlechten Witz. Aber es war die Realität.

Gary Lineker, eine englische Stürmerlegende, der nach seiner aktiven Laufbahn immer wieder den Fußball mit köstlichen Bonmots kommentiert hat, beschrieb das Schwierige an deutschen Teams einmal mit dem Satz, man könne sich erst sicher sein, gegen sie gewonnen zu haben, wenn man bereits mit dem Mannschaftsbus auf der Autobahn sei. Wer Lineker kennt, weiß um seine Hintergründigkeit. Denn eines sollte man wissen: Mit englischen Mannschaften ist es nicht anders.

Das bereits zitierte Spiel FC Bayern gegen Manchester United bekam seine für Bayern tödliche Wende, als der damalige Trainer Ottmar Hitzfeld glaubte, kurz vor Schluss Lothar Matthäus auswechseln und auf Halten spielen zu können. Der Fehler kostete Bayern den Titel. Wiederum in einem Endspiel um den Titel der Champions League, im so genannten und beworbenen Endspiel dahoam zu München, trafen besagte Bayern 2012 auf den englischen Club FC Chelsea. Das Muster wiederholte sich. Bayern ging kurz vor Schluss mit 1:0 durch ein Müller-Tor in Führung, Trainer Heynckes wechselte eben diesen Stürmer aus, um die Defensive mit einem anderen Spieler zu stabilisieren. Auch das ging bekanntlich schief. Chelsea egalisierte in der letzten Spielsekunde durch einen Kopfball von Didier Drogba, die Verlängerung ergab nichts und München unterlag im Elfmeterschießen.

Und nun gestern. Dortmund führte bereits nach 11 Minuten mit 2:0, in der zweiten Halbzeit zwischenzeitlich mit 3:1 und dann dachte Trainer Tuchel, er könne auf Halten spielen, wechselte offensive Spieler gegen defensivere aus. Und wiederum erteilte der Fußball dem richtigen Leben eine Lehrstunde, bzw. es wurde wieder einmal deutlich, wie nah der Fußball am richtigen Leben ist. Es wurde zu einem Höllensturm Liverpools und zu einem schrecklichen Debakel für den BVB. In den sprichwörtlich letzten Minuten drehte Liverpool das Spiel und gewann mit 4:3. Tuchel kann sich damit trösten, dass andere große Trainer vor ihm auch diesen Fehler begangen haben, und zwar nicht, weil sie dumm waren, sondern weil sie einem anthropologischen Muster erlagen.

Das gestrige Spiel  in Liverpool ist eine Blaupause für den Wunsch, einen Zustand, der alles erfüllt, was man sich erhofft hat, in seinem Status Quo zu erhalten. Um einen anderen Begriff einzuführen, es ging um Besitzstandswahrung. Auf Besitzstandswahrung zu setzen bedeutet immer auch die herrschende Dynamik ignorieren zu wollen und nach etwas zu streben, was historisch immer nur begrenzt, für trügerische Augenblicke des Stillstandes, scheinbare Geltung hat. Der Kampf um das goldene Kalb herrscht immer und überall und die einzige Strategie, die solide Validität hat, ist die, die auf alle Möglichkeiten bis zur letzten Sekunde setzt. In diesem Punkt war das gestern ein rauschendes Beispiel. Wie damals in Barcelona und wie vor einigen Jahren in München. So ist das Leben, liebe Freunde. Und gestern war das richtige Leben in Liverpool.