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Fußball als Kriminalgeschichte

Philip Kerr. January Window

Nirgendwo werden kollektive Emotionen so ausgelebt. In manchen Familien vergleicht man es mit den großen Schicksalsschlägen, die nur Kriege und Katastrophen über Einzelschicksale bringen. Und es geht um Geld. Um sehr viel Geld. Nicht nur, weil diejenigen, die dem Genre verfallen sind, über diese Kanäle zum Konsum bewegt werden können. Sondern auch, weil sie es sind, die meistens auch woanders bestimmen, was gekauft wird und was nicht. Wie verfallen die einen, so verständnislos die anderen. Alle, die sich im Metier bewegen, ob aktiv oder passiv, teilen die Passion und die Exklusivität, und alle, die außen vor bleiben, runzeln die Stirn, weil sie die Intensität um etwas scheinbar so Lapidares kaum begreifen. Es geht um Fußball, was sonst.

Eben wegen der Intensität und der Omnipräsenz des Fußballs ist es relativ überraschend, dass er in der Literatur eine eher untergeordnete Rolle spielt. Das hat weniger mit der von den Fußballgegnern unterstellten Primitivität der sich dort tummelnden Akteure zu tun, denn die Fußballwelt ist ein realistischeres Abziehbild einer Gesellschaft als alle anderen Milieus. Und dennoch: Die schreibende Zunft hielt sich lange fern. Einer, natürlich ein Brite, genauer gesagt ein gebürtiger Schotte, der in London lebt und sich als Arsenal Fan geoutet hat, ist der Kriminalautor Philip Kerr. Als solcher genießt er internationalen Ruf, vor allem wegen seiner Romane über den in der Nazi-Zeit in Berlin ermittelnden Bernie Gunther, in denen erstklassige Kriminalgeschichten mit einer kritischen Reflexion der politischen Zeitumstände verwoben werden.

Philip Kerr nun hat sich an das Thema Fußball herangewagt und mit der Figur Scott Manson bereits den Protagonisten für weitere, in der Fußballwelt spielende Kriminalgeschichten, geschaffen. In dem Roman January Window, der Titel ist der englische Ausdruck für das Transferfenster zwischen Hin- und Rückrunde, geht es um alles, was in der intensiven britischen Fußballwelt von Belang ist. Um Spieler und deren Transfers, um Homophobie in der Öffentlichkeit und der Angst, sich zu outen, um osteuropäische Sponsoren mit ungeheuren Vermögen und zweifelhafter Vergangenheit, um versteckte Gelder und Erpressung, aber auch um Enthusiasmus, um Leidenschaft, um Ehre, um Loyalität und um Tragik. In der von Kerr gewählten Handlung tauchen reale Vereine auf, fast alle Londoner Clubs werden erwähnt, Akteure wie Arsene Wenger und José Mourino kommen zu Wort, aber die eigentliche Handlung spielt bei einem fiktiven Verein und mit fiktiven Akteuren.

Vielleicht ist diese Konstruktion genau das, was ein wenig ablenkt und irritiert oder die Fiktion etwas unglaubwürdig erscheinen lässt, weil der Lesende immer wieder versucht, das in der Fiktion Normale mit der Unglaublichkeit in der Realität zu vergleichen und zu zweifeln beginnt. Dennoch ist das Buch ein Thriller, produziert von einem, der sich bestens auskennt sowohl im Handwerk des Kriminalautors als auch im Metier des Fußballs. January Window ist vielleicht nicht der spannendste Krimi, aber es ist eine sehr gelungene Milieustudie, die die Freiheit genießt, sowohl die faszinierenden wie die abstoßenden Seiten ein und derselben Welt miteinander konkurrieren zu lassen. Vielleicht ist es dadurch sogar ein Buch, das denen empfohlen werden sollte, die mit Fußball nichts am Hut haben. Abgelenkt durch eine spannende Handlung erführen sie mehr über diese Welt, als sie es sonst, durch Vorurteile imprägniert, zuließen.

Gewaltige Emotionen und die Broker des Fußballs

Betrachten wir es kalt. Der Fußball ist ein Genre mit vielen Emotionen. Und gerade wenn sich die Ereignisse häufen oder Dinge passieren, die viele in intensive Gefühlswelten katapultieren, ist es angebracht, kühlen Kopfes mit dem Sezierbesteck zu Werke zu gehen. Nach der letzten Nacht liegen aufregende Tage hinter uns. Ein Weltverband, der aus den Fugen geraten ist und ein deutsches Pokalfinale. Die letzten Relegationsspiele stehen noch an und auch dort kann es passieren, dass gewaltige Fußballtraditionen in untere Klassen verwiesen werden.

Das Finale in Berlin war keine klare Sache. Dortmund begann couragiert und ideenreich, führte früh und verlor erst dann, als Marco Reus das 2:0 nicht gelang. Es war der Drehpunkt des Spiels. Die Dortmunder Verzweiflung über nicht genutzte Chancen führte zu Wolfsburger Toren, die brillant ausgeführt wurden, aber nur aufgrund von Fehlern der Dortmunder Abwehr möglich waren. Das 3:1 zur Halbzeit war auch der Endstand. In der zweiten Hälfte wurde dann deutlich, wie verbrannt die Ideen des scheidenden Trainers Jürgen Klopp zumindest in den Köpfen der eigenen Spieler sind. Sie traten nicht mehr auf wie ein Ensemble, das es noch reißen will. Der Sieg für den Konzernverein Wolfsburg ging in Ordnung. Der Trend zu derartigen Vereinen nicht. Dass es für Klopp Zeit war zu gehen, zeigte sich nach dem Spiel. Kein Trainer mit einem derartigen Kultstatus tut einer Mannschaft gut. Das vielleicht auch die Lehre aus dem Ganzen: Trainer müssen die Entscheidung treffen zwischen Selbstinszenierung und Sich-in den-Dienst-Stellen. Durch seine Entertainment-Qualitäten hat sich Klopp von der Mannschaft isoliert. Aber sieben Jahre haben dennoch sehr viel bewegt, und sie waren von Erfolg geprägt. 

FIFA heißt Schauderwort, mit dem medial gepunktet wird. Ja Donnerschlag, war bei den Enthüllungen, die die amerikanische Staatsanwaltschaft bis dato vorgelegt hat, irgend etwas Neues? Dass das Präsidium mit den Mitteln von Korruption, Kollusion und Nepotismus arbeitet, ist seit langem jedem bewusst, der das Geschäft des Fußball verfolgt. Und dass die europäischen Verbände nicht ihre Macht einsetzen, um diese Verhältnisse zu beenden, spricht für sich. Personell sind sie zum Teil Bestandteil des Systems. Sie sollen nicht so tun, als seien sie empört. Immer wieder grandios sind zum Beispiel die Statements des medialen Kaisers Franz Beckenbauer. Hatte er in der Vergangenheit bereits in Katar keine Sklaven in seinen gekühlten Luxussuiten gesichtet, so verteidigte er gestern noch die FIFA gegen die zahnlose Kritik der UEFFA. Da ist Vorsicht geboten. Wenn der Hoeneß freikommt, sitzt vielleicht der Franz. Und Platinis Sohn hat schon einen Posten in Katar. Alles wunderbar.

Zu kritisieren sind die europäischen Institutionen, die nichts bewirkt haben gegen dieses kriminelle Milieu. Dass nun ausgerechnet US-amerikanische Ermittlungsbehörden aufkreuzen, scheint allerdings auch kein Zufall zu sein. Zu schnell und zu deutlich wurde bei der ganzen Sache die Vergabe der nächsten WM an Russland und die danach an Katar in den Fokus gestellt. Wenn es darum geht, die nächste WM in Russland zu verhindern, dann ist die ganze Nummer ebenso perfide wie die Methoden eines Sepp Blatter. Die Rufe nach der Selbsterneuerung des Fußballs, die nun durch den Äther hallen, sind ziemlich scheinheilig. Nähmen wir, die Aficionados, sie ernst, dann verzichteten wir einfach mal ein, zwei Jahre auf den ganzen Rummel. Das halten wir genauso aus wie der Fußball selbst, nur dessen verkommene Broker, die bissen ins Gras.  

Spannung im Maschinenraum

Noch ist die Saison nicht beendet. Dennoch lässt sich ein Resümee ziehen. Da ist die Meisterschaft von Bayern München, das sich mit seiner Politik wie nie zuvor zu einem Monopol generierte. Der sportliche Erfolg für diese Position ist nicht so, wie von den dortigen Protagonisten erwartet. Die Meisterschaft wurde unangefochten gewonnen, doch der universale Anspruch erlitt wieder einmal eine Niederlage. Mit dem Ausscheiden im DFB-Pokal gegen den Konkurrenten der letzten Jahre, Borussia Dortmund, erlitt man eine symbolisch bedenkliche Schlappe und vom CF Barcelona wurde man im Halbfinale der Champions League wie schon im Vorjahr von Real Madrid böse deklassiert. Nun, nach diesem Fazit, klingt es nahezu mimosenhaft, wenn Karl-Heinz Rummenigge mangelnden Respekt der Öffentlichkeit vor dem Meistertitel vorwirft. Wer alle Superlative für sich reklamiert, darf sich nicht wundern, dass sich Spott breit macht, wenn sie nicht erreicht werden.

Die befürchtete Langeweile in der Liga bezog sich allerdings nur auf den Titel. Der Kampf um die internationalen Plätze war dennoch spannend und das Abstiegsszenario entschädigte mit seiner Dynamik für die Tristesse an der Tabellenspitze. Dass letztendlich zumindest mit Paderborn und Freiburg eher gesetzte Kandidaten tatsachlich abstiegen, hat viele enttäuscht. Paderborn war ein Underdog, der sportlich nicht mithalten konnte, aber von der Haltung her faszinierte, Freiburg, seit Jahren Sympathieträger, wurde oft benachteiligt, wehrte sich grandios und zahlte zum Schluss doch dafür, dass es immer den Charakter eines Durchlauferhitzers für Talente hat, weil die finanziellen Mittel bescheiden bleiben. Der Verein verdient großen Respekt, weil er in der Lage ist, sehr gut mit dieser Identität zu leben und sich wieder aufrichten wird.
Ganz anders sieht es mit den großen Traditionsclubs Stuttgart und Hamburg aus. Stuttgart erhält mit dem Klassenerhalt die letzte Möglichkeit, sich noch einmal neu zu erfinden. Denn die Struktur, vor allem mit einem Honoratiorenvorstand, der eine Strategie für die Zukunft bis dato verhinderte, bedarf einer Reform. Vor einer ähnlichen Aufgabe steht der große HSV. Sollte er sich gegen den Karlsruher SC in der Relegation durchsetzen, muss eine radikale Veränderung ebenso her wie bei einem tatsächlichen Abstieg.

Borussia Dortmund hat den Schock der sportlichen Krise überwunden und es sieht so aus, dass ein weitsichtig denkender Vorstand das Schiff wieder auf Kurs bekommen wird. Anders hingegen bei dem Reviernachbarn Schalke 04, wo wieder einmal Köpfe rollen, weil das Ziel nicht erreicht wurde, aber das sich nicht anschickt, die Abhängigkeit von einem Fleischindustriellen, der wie auf einer Auktion im Kühlhaus herumschreit und den Patriarchen spielt. Das besticht dann doch die Besonnenheit, mit der man in Mönchengladbach mit richtigem Personal an langfristigen Konzepten arbeitet.

Wolfsburg, das analog zu Leverkusen mit Konzerngeld gestopft ist, hat in dieser Saison in vielerlei Hinsicht die Position Dortmunds eingenommen. Dass der FC Bayern nun erneut versucht, die Leistungsträger von Wolfsburg abzuwerben, entspricht der Jahrzehnte alten Strategie, erst einmal die Mitkonkurrenten zu schwächen. Der Ausgang ist relativ gewiss und insofern dürfen wir damit rechnen, dass es bei der Meisterschaft in der nächsten Saison wieder langweilig wird, es sei denn, in München selbst hätte man das strategische Gen in Bezug auf die Weiterentwicklung der eigenen Formation verloren. Vieles spricht dafür, dass auf der Brücke weiter über die Flaute geklagt wird, während die Spannung im Maschinenraum steigt. Warten wir es ab.