Archiv der Kategorie: food for thought

Tastes Salty…

Da wurde nochmal alles aufgefahren, was das British Empire in militärischer Hinsicht zu bieten hatte. Die Truppen, die rund um den Erdball die Interessen der alles dominierenden Handelsgesellschaften mit Pulver und Klinge vertreten hatten. Von Indien bis in den Senegal, von China bis nach Rhodesien, dem heutigen Zimbabwe. Anlässlich der Beisetzungszeremonien von Elisabeth II. wurde der Weltöffentlichkeit noch einmal vor Augen geführt, wie das einstige Weltreich zu Ruhm und Ansehen gekommen war. Durch Waffengewalt, und sonst nichts. Und es war bestürzend zu sehen, wie eine Öffentlichkeit und Berichterstattung in unseren Breitengraden es schaffte, dieses Faktum komplett auszublenden und sich exklusiv in Spekulationen über die familiären Beziehungen innerhalb des Königshauses zu ergehen. Eine historische Betrachtung des British Empire und seines Niedergangs mit den Folgen für das Land wie die Welt blieben aus. Warum auch? Geschichte ist lästig geworden, vor allem, wenn sie die eigene Unwissenheit und/oder Vertuschung offensichtlich werden lässt. 

Den ganzen Tag über bekam man, ohne lange suchen zu müssen, Kostproben des großen historischen Nirvanas, das in den Köpfen der Qualitätsmedien vorherrscht. Da fabulierte in den frühen Morgenstunden bereits eine in vielen Formaten angesagte Moderatorin, für Deutsche sei das alles natürlich sehr fremd, da wir hier seit Hunderten von Jahren keine Monarchie mehr hätten. Da sich die Dame eher im U-Bereich tummelt, ohne dem Publikum allerdings ihre tiefe politische Einsicht zu ersparen, steigerte sich das Entsetzen allerdings, wenn man sich akkreditierte Polit-Journalisten anhörte, die erklärten, der chinesische Staatspräsident Xi Jinping sei nicht gekommen, weil die dortige prekäre Menschenrechtslage immer wieder seitens Großbritanniens angesprochen worden wäre. Und auch aus Indien, trotz Mitgliedschaft im Commonwealth, der Nachfolgeorganisation des Empire, war nur eine Vertretung des Staatsoberhauptes präsent. Den beiden bevölkerungsreichsten Ländern des Planeten, die durch das British Empire mit Krieg und Raub überzogen wurden, die demokratische Gesinnung abzusprechen, weil sie sich den Anblick der noch einmal aufpolierten imperialen Militärmacht ersparen wollten, beschreibt sehr gut die katastrophale Blickverengung, dem die hiesige Betrachtungsweise unterliegt.

Ob das einem flächendeckenden Bildungsdefizit geschuldet ist oder als das Werk bewusster Propaganda angesehen werden muss, ist in Bezug auf das Ergebnis sekundär. Der exklusiv koloniale oder imperiale Standpunkt hindert daran, die tatsächlichen Kräfteverhältnisse auf dem Globus richtig einschätzen zu können und die Motive politischen Handelns zu begreifen. Was folgt, ist ein Schluss, der die Irrationalität exklusiv beim getäuschten Betrachter ansiedelt. Aus Sicht der Kommentatoren, die mit einbetoniertem Kompass die Welt umsegeln, wimmelt es, egal wo sie anlegen, von Wirr- und Dummköpfen, von schlechten Charakteren und Frevlern, die nichts begriffen haben von der Großherzigkeit und Freiheit, mit der der Westen bereit ist, die Welt zu überziehen. Selbstverständlich darf man die Welt so sehen. Bei einer Annäherung an die rettenden Insel der Realität hilft es natürlich nichts. An irgend einem Riff wird man schon hängenbleiben. Aber wenigstens das ist gewiss.

Die wohl erste alte koloniale Macht, die Opfer dieser kolonialen Sichtweise ist, wird Großbritannien selbst sein. Gestern noch strahlte er ein letztes Mal, der Glanz der Weltherrschaft, die sich in dem immer wieder von britischen Seeleuten kolportierten Satz offenbarte, den sie aussprachen, wenn sie in fremde Gewässern waren. Dann streckten sie die Hand ins Wasser und probierten das Nass. Die Antwort war immer: Tatstes salty, must be British. 

Aus heutiger Sicht der größte Trugschluss, den man sich leisten kann. Und das betrifft bei weitem nicht nur die Briten.

The German Angst

Gesichter sagen alles. Macht einen Spaziergang durch die Welt. Und dann kommt wieder zurück. Ihr werdet feststellen, dass es große Unterschiede gibt. Nicht, dass in den unterschiedlichen Regionen dieser Welt das Glück eine weit verbreitete Erscheinung wäre. Überall existieren Probleme, sind Nöte zu verzeichnen und lauern Gefahren. Und dennoch, unabhängig von den Befindlichkeiten einzelner Regionen, hier und dort sind Unterschiede zu verzeichnen, die belegen, dass die Menschen mit ihrer Situation unterschiedlich umgehen. Aus den Augen der einen strahlt Zuversicht, aus denen anderer Unzufriedenheit, teilweise auch Defätismus. 

In Deutschland ist die Bilanz derweil nicht sonderlich ermutigend. Generell, und das sagen Beobachter aus anderen Kulturkreisen, überwiegt eine Physiognomie, aus der tiefer Grimm spricht. Sehen Sie sich die Menschen an, wenn sie unterwegs sind und glauben, unbeobachtet zu sein. Auf dem Weg zur Arbeit, bei der Verrichtung alltäglicher Routinen und selbst bei der Freizeitgestaltung. Selten sind Menschen zu sehen, die in sich hinein lächeln. Was daraus spricht? Die Antwort wäre für viele wiederum sehr einfach. Sie würden wahrscheinlich sagen, dass es die Verhältnisse seien, die keinen Anlass zur Zuversicht geben. Was sicherlich stimmen mag, es ist jedoch nicht die Ursache.

Die Frage, wie ein Mensch durchs Leben geht, hängt in sehr starkem Maße davon ab, welche Perspektive für die Zukunft dominiert. Wer sich nur mit dem Status quo beschäftigt, ist an ein Band gebunden, das auf Erhalt geeicht ist. Alles, was kommt und kommen mag, wird als eine Gefahr betrachtet für diesen Status. Es entsteht eine Übermacht der Ängste. So ist es kein Wunder, dass sich international ein Begriff etabliert hat und die hiesige Befindlichkeit beschreibt: The German Angst. 

Angst, so wissen wir, ist ein schlechter Ratgeber. Sie kann zwar Leben retten, wenn es darum geht, in akuten Gefahrensituationen das Weite zu suchen. Sie kann aber zu einer existenziellen Bedrohung werden, wenn sie sich zum alles überragenden Motto etabliert. Angst ist, was die Planung der Zukunft betrifft, tatsächlich ein schlechter Ratgeber. Sie hält davon ab, an das  Wünschenswerte zu glauben und sich das Unmögliche vorzustellen. Stattdessen ebnet sie den Weg zur Panik und verleitet zu Kurzschlusshandlungen. Diese führen in der Regel, und die Ereignisse der jüngsten Zeit belegen dieses auf eindrückliche Weise, zur Akzeptanz von Maßnahmen, die zwar vorgeben, die Gefahr zu bannen, die von ihrem Wesen allerdings dazu führen, den Zustand der eigenen Entmündigung zu verschlimmern und damit neuen Stoff für die tödliche Droge der Angst zu liefern.

Der Blick in die Gesichter belegt das Dilemma. Angst, Unzufriedenheit und eine tiefe Blockade für befreites Denken überwiegen das Bild. Das tägliche Spiel der Empörung, des Entsetzens und der wütenden Reaktion auf jede Erscheinung, die die Verhältnisse mit sich bringen, hält davon ab, eine Zukunft, die das Lächeln zurückzubringen vermag, frei von Bedenken zu entwerfen. 

Eine ganze Industrie hat sich herausgebildet, die ununterbrochen damit beschäftigt ist, das Spiel der Angst am Laufen zu halten und die Emotionen, die daraus resultieren, zu kanalisieren. Das größere Unterfangen wird sein, diese Industrie stillzulegen und zu beseitigen. Beginnen muss es mit ihrer Ignorierung und Isolierung. Hinsichtlich der Bedeutung von Zuversicht ist das wichtiger als alles andere. Nur wenn der Blick auf die Zukunft frei wird, ungetrübt von Angst, kann etwas entstehen, das die tödliche Starre beendet. 

One of these days

In allen Sprachen existieren Redewendungen, die treffen es einfach. Aus ihnen spricht die Unendlichkeit der kollektiven Erfahrung. Deshalb haben sie sich etabliert, deshalb haben sie sich gehalten. One of these days, dieses Beispiel aus dem Englischen, gehört dazu. Ich habe es überall gehört, auf verschiedenen Kontinenten. Es hat Musiker wie Filmemacher inspiriert und ist zu einem spirituellen Evergreen avanciert. 

Die Bedeutung ist so wuchtig wie einfach. Es geht darum, eben einen jener Tage zu benennen, an denen nichts so geschieht, wie es üblich ist, an denen etwas schief geht, in denen Verkettungen von Ereignissen zu absonderlichen Reaktionen führen, in denen das Kalkulierbare auf der Verliererstraße ist. Diejenigen, die diese Redewendung benutzen, sind allerdings alles andere als entsetzt oder depressiv, was hinsichtlich des Anlasses durchaus möglich wäre. Nein, sie wollen mit der Redewendungen signalisieren, dass es zwar jene Tage, an denen die eigene Absicht und Hoffnung eine Abfuhr erhalten hat, zur menschlichen Existenz gehören. Die Redewendung relativiert das Desaster zu einem nicht sonderlich gewünschten, aber immer wieder realistischen Ereignis. 

One of these days birgt die Kenntnis, dass es Niederlagen gibt, dass Fehler gemacht werden und dass nicht alles so wird, wie man sich das wünscht. Bezüglich der Geschichte unserer Gattung handelt es sich also quasi um einen pädagogischen Hinweis aus der kollektiven Weisheit, dass Scheitern zum Leben gehört und Gram die schlechteste aller möglichen Antworten darstellt. Das Leben ist so, wie es ist. Es existieren Tage des Glücks wie des Unglücks und der Verlauf des Ganzen hängt auch davon ab, wie man mit dieser Gewissheit umgeht. Vielleicht ist die beste Eigenschaft, die es ermöglicht, mit dieser harten Tatsache umzugehen, die schlichte Gelassenheit.

In unseren Tagen, wie wir sie erleben, könnte man allerdings sehr oft, vielleicht sogar täglich diese Redewendung anbringen. Es vergeht derzeit kein Tag, an dem sie nicht angebracht wäre. Ob in der Politik, national wie international, in der Kultur, im öffentlichen Leben wie im privaten Bereich. 

So ist das, wenn die Zeiten bewegt sind. So ist das, wenn Ordnungen erodieren und neue noch nicht etabliert sind. Es sind Tage, Monate und Jahre, in denen alles im Fluss ist und immer und immer wieder etwas passiert, was man sich so nicht vorgestellt hat und das die Vorstellungen von Verlauf und Zukunft enttäuscht. 

Wer da resigniert den Kopf senkt, gibt das Pfund, das dazu ermächtigt, Einfluss auf die Zukunft zu haben, im Kleinen wie im Großen, einfach aus der Hand. Und ja, oft ist es schwer, aber die erwähnte Gelassenheit ist das Einzige, was oft bleibt, wenn man konfrontiert ist mit dem konfusen, irren, nostalgischen, reaktionären und unsinnigen Gestammel, das sich im Äther verbreitet angesichts des rasenden Tempos der Veränderung. Es ist Ausdruck der Panik über den Verlust von Gewissheit. 

Aber es hilf nichts. Auch heute, und morgen, und übermorgen werden wir wieder Grund dazu haben, one of these days zu sagen, aber indem wir das tun, gestehen wir ein, dass es diese Tage eben gibt. Manchmal mehr davon, manchmal wenige, zur Zeit sehr viele. Denken wir an den Sinn dieser Formulierung, aus dem die Weisheit spricht. Verzagen wir nicht! Bleiben wir gelassen!