Archiv der Kategorie: food for thought

Diplomatie: Konfekt und Panda Bären

Das Gebäude der hohen Schule der Diplomatie steht in Asien. Aus einer Welt der lauten Proklamation kommend, konnte auch der Bundeskanzler bei seinem Besuch in der Volksrepublik China einen Eindruck davon bekommen. Erworben hat er sich dieses Privileg, weil er nicht wie ein ungebildeter Besserwisser und gouvernantenhafter Züchtiger bereits im Vorfeld seinen Gastgeber zu maßregeln suchte. Diese Form der Beschädigung des Verhältnisse hatte vor allem die frühere Außenministerin für sich in Anspruch genommen, was zur Folge hatte, dass sie bei Besuchen ihrerseits durch den Lieferanteneingang zu gehen hatte und niemanden von Format der anderen Seite mehr traf. Was als absoluter Tiefpunkt deutscher Diplomatie angesehen werden muss, hat nicht nur dem Verhältnis beider Staaten zueinander massiv geschadet, sondern es wird immer noch in bestimmten sektiererischen Kreisen als feministische Außenpolitik gefeiert, was den Grad der Verwirrung eindrücklich illustriert. 

Wie gesagt, Kanzler Merz ging im Gegensatz zu seinem sonstigen Habitus anders vor, hielt sich vor Mikrophonen mit Kritik zurück, betonte den potenziellen gegenseitigen Nutzen und wurde dafür von der chinesischen Seite, die in einer weit mächtigeren Position ist, fürstlich belohnt. Der deutsche Kanzler wurde mit allen Ehren, die das Protokoll zur Verfügung stellt, begrüßt, es gab ein Sonderprogramm exklusiv für die Besichtigung der Verbotenen Stadt etc.. Xi Jinping demonstrierte bereits damit die strategische Kompetenz der chinesischen Seite. Ein von den USA enttäuschtes Deutschland, das nach Neuorientierung sucht, wäre, sollten sich die deutsch-chinesischen Beziehungen wieder etwas normalisieren, ein geopolitisches Asset. 

Und, wie aus dem Nichts, und als gäbe es die jüngste dunkle Vorgeschichte der diplomatischen Eiszeit nicht, gab es auch noch eine große Schachtel Konfekt. Der chinesische Auftrag über 120 Airbus Flugzeuge, der ein ungefähres Volumen von 40 Milliarden Euro aufweist, ist keine Petitesse. Wer das bei seiner Rückkehr in die kalte Heimat vorweisen kann, wird als erfolgreicher Emissär gepriesen. Zudem gab es noch weitere Vereinbarungen, die den Handel betreffen und, auch das wieder eine typische chinesische Note, die von ihrem Symbolgehalt nicht unterschätzt werden kann, zwei Panda Bären werden zu Forschungszwecken nach München geschickt. Wer weiß, was die Chinesen mit dieser Spezies verbindet, bekommt eine Ahnung von der Dimension des Goodwill. 

Aber so ist es mit der Diplomatie. Das Kritische gehört hinter verschlossene Türen und das Gemeinsame ins Scheinwerferlicht. Ein Hauch davon wäre bei den Verhandlungen zwischen der Ukraine und Russland bei Vermittlung der USA wünschenswert. Und man achte genau darauf, wer die so profunden Regeln der Diplomatie befolgt und wer nicht. Während bei den laufenden Gesprächen die ukrainischen Vertreter und die der EU, die nicht einmal am Tisch sitzen, medial herum krakeelen, schweigen sowohl Russen als auch Amerikaner und sprechen nur von Fortschritten. Da mag ein durch was auch immer aufgeputschter Herr Ischinger sich darüber echauffieren, dass auf amerikanischer Seite bei diesen Verhandlungen gar keine Diplomaten, sondern lediglich Geschäftsleute vertreten seien. So, wie diese sich verhalten, verstehen sie mehr von Diplomatie als die mediale Kampfbrigade des selbst ernannten Werte-Westens und seinen sektiererischen Sturmabteilungen.

Es wird sich herausstellen, ob es sich bei dem China-Besuch nur um eine glückliche Episode handelte, oder ob da ein zartes Pflänzchen eines Umdenkens zu sehen war. Zumindest im Bereich der Diplomatie. Wenn beidseitige Interessen auf der Tagesordnung stehen, gibt es genug Stoff für eine konstruktive Unterhaltung. Man lernt die Bescheidenheit in diesen Tagen. 

Diplomatie: Konfekt und Panda Bären

Kann Europa Subjekt?

Nun, die Angelegenheiten eskalieren seit einiger Zeit. Gerade jährt sich Russlands Angriff auf die Ukraine zum vierten Mal, die unzähligen Versuche fremder Mächte, Regierungen zu stürzen, die es seit der Jahrtausendwende gab, seien nicht erwähnt. Markant war die Zerschlagung Jugoslawiens. Der syrische Krieg ist lange nicht zu Ende. Libyen als funktionierendes Staatswesen wurde liquidiert. Alles, was im so genannten Nahen Osten geschieht, bis hin zur Tragödie Palästinas, sind die Erblasten des British Empire. Wobei auch Hongkong nicht vergessen werden sollte. Afghanistan wurde verwüstet ohne irgend eine Hinterlassenschaft, die das Manöver gerechtfertigt hätte. Gerade ist Venezuela unter die Knute genommen worden, in Grönland weiß man noch nicht so recht, ob der amerikanische Anspruch auf die dänische Kolonie nun erloschen ist oder nicht. Kuba ächzt seit 60 Jahren unter einem Embargo, das jüngst verschärft wurde und den Sturz der Regierung vorbereiten soll. Und ein großes maritimes Aufgebot lauert darauf, gegen den Iran loszuschlagen.

Ja, die Welt ist in großer Aufregung. Und ja, die alte, von Kolonialismus und Imperialismus geprägte Ordnung ist gefährlich ins Wanken geraten. Und ja, es ist noch lange nicht abzusehen, wohin das alles führen wird. Von der Faktenlage haben die erwähnten Kriege alle mit dem gefährdeten Anspruch der Dominanz zu tun. Selbst der in der Ukraine. Da ging es um das Recht auf Expansion. Unabhängig davon, was ein gedemütigter großer Nachbar davon dachte. Alle erwähnten Episoden haben eine Geschichte, die in diese Richtung geht. 

Und wenn es um die Absurdität der westlichen, so genannten Werte basierten Argumentation geht, dann ist Kuba das wohl markanteste Beispiel. Das Imperium erträgt vor seiner Küste kein anderes Gesellschaftsmodell als das eigene. Bei Russland ist es völkerrechtswidriger Imperialismus, bei den USA ein Kampf für die Freiheit.

Aber es geht gar nicht um das Imperium, das sich einer neuen Weltordnung gegenüber sieht und den Gang der Geschichte aufhalten will. Es geht um ein hin und her gerissenes Europa, das sich vom letzten großen Krieg mental nicht erholt hat und sich an die eine oder andere Supermacht glaubte auf Gedeih und Verderb anlehnen zu müssen. Das Europa, von dem hier und heute so viel die Rede ist und nur ein Bruchteil vom kontinentalen Europa ausmacht, ist immer noch Objekt. Ob es bei der Etablierung einer neuen Ordnung den Weg hin zu einem souveränen Subjekt werden kann, ist, nach den aktuellen Gegebenheiten, eher fraglich.

Und ein Anteil, so hergeholt es zunächst auch klingen mag, wird getragen von der mangelnden demokratischen Substanz, die seine Bewohner an den Tag legen. Sie haben sich ohne große Gegenwehr in eine Scheinwelt entführen lassen, in der die demokratische Kulisse aufrecht erhalten wurde. Aber hinter den schönen Institutionen, Parlamenten und Kommissionen verbergen sich andere Entscheidungsträger, die den Kurs bestimmen. Und dieser hat nichts zu tun mit dem Anliegen der Bürgerinnen und Bürger. Zum Teil wurde diese Obszönität noch ordiniert von anderem Personal der nun um ihre Dominanz ringenden Supermacht. Dass die Komparsen der Scheindemokratie nun auch noch dieser Fraktion nachtrauern, zeigt, wessen Produkt und wessen Geistes Kind sie sind.

Ja, es ist nicht einfach, Subjekt zu sein. Es verlangt sowohl eine Lebensidee als auch die Wahrheit über sich selbst. Kann Europa Subjekt? Die Existenz als Objekt ist das Billett in die Bedeutungslosigkeit.   

Kann Europa Subjekt?

Fastenzeit und das analoge Dasein

Die Vorstellung hat Geschichte, dass neue Übertragungstechniken in der Lage wären, etwas in Sachen Bildung und Weiterentwicklung zu bewirken. Das war mit dem Radio so. Da wurde davon geschwärmt, dass bis in den letzten Winkel der Welt Wissen transportiert werden konnte und somit die Organisation von Bildung auf einem ganz anderen Niveau stattfinden könnte. Als dann das Radiogerät zum Haushaltsstandard avancierte, war davon nicht mehr die Rede. Es diente, je nachdem, wer die Hoheit über die Sendeanstalten hatte, der ideologischen Indoktrination, der Berieselung und letztendlich der Verdummung. Egal, wer die Oberhand hatte, Feigenblätter, gedacht für ein kleines Segment der Gesellschaft, waren erlaubt. Aber sie änderten nichts an dem Charakter. 

Nach dem Radio kam das Fernsehen. Und die Propagierung der Möglichkeiten, die dieses Gerät mit sich brachte, folgte dem gleichen Muster. Mit Bildung und kultureller Teilhabe wurde geworben, bis das Gerät in jedem Wohnzimmer stand. Und auch dann kam etwas anderes. Nämlich ideologische Indoktrination durch die, die über die Sendeanstalten verfügen konnten und ein immer gewaltiger auf die Köpfe zurollender Klamauk, der den Zugang zu klarem Denken systematisch vernebelt. Sowohl beim Radio als auch beim Fernsehen wurde zudem von einem Meilenstein in Richtung Demokratie gesprochen. Den Zustand letzterer bei der Verfügbarkeit dieser beiden Technologien möge jeder überprüfen.

Bei den heute verfügbaren Kommunikationsmitteln wiederholte sich die gleiche Argumentation. Bildung, kulturelle Teilhabe, Demokratisierung. Gemeint war vor allem die Möglichkeit auch derer, die weder über größere Mittel noch aufwendige Techniken verfügten, sich zu Wort zu melden und sogar zu organisieren. Mancher Aufstand wurde nicht zu Unrecht der Fähigkeit der No Names zugeschrieben, sich zu verständigen. Aber auch vieles von dem, was da in den Äther geblasen wird, ist eher ein Testat für das allgemein desolate Bildungsniveau als sein Gegenteil. Nur zweieinhalb bis drei Jahrzehnte nach der Massenverfügbarkeit dieser Technologien ist ein Status erreicht, der den Vorgängertechniken von Radio und Fernsehen ähnelt. Gewaltige Indoktrinationsprogramme, autokratischer wie demokratischer Trash. Den Rest erledigen zunehmend Zensur und Blockade. 

Zwei Fragestellungen mögen in diesem Kontext erlaubt sein. Die erste richtet sich auf die Verfügbarkeit über die Techniken. Vom Pariser Zeitungsbaron aus dem 19. Jahrhundert bis zu den aktuellen Social-Media Tycoons aus dem Silicon Valley hat sich nichts an der Tatsache geändert, dass der Privatbesitz einzelner Personen oder Gruppen darüber bestimmt, was dem Plebs an Information und Desinformation serviert wird. Auch heute sind es Monopolisten, die Geschäftsinteressen verfolgen und das auf den Markt werfen, was Macht und Rendite bringt. Bildung, kulturelle Teilhabe, Demokratie? Stupid!

Die zweite kritische Betrachtung geht in Richtung der psychologischen Wirkung des Konsums. Medizinische und psychosoziale Betrachtungen führen zu dem Befund, dass eine Überdosis dessen, was immer noch hinter dem beschönigenden Namen Social Media steht, zu Suchtverhalten, Konzentrationsschwächen, sozialer Depravation führen und therapiebedürftig sind. Auch unter diesem Aspekt kann längst nicht mehr von Bildung, kultureller Teilhabe und Demokratie die Rede sein. Wie so vieles, was der Privatbesitz an Produktionsmitteln zutage fördert, steht hier am Ende ein gerüttelt Maß an Zerstörung.

Das Etikett des Maschinenstürmers oder Technologiefeindes verteilt sich leicht. Die dargelegte Perspektive ist kein Plädoyer gegen die Technik. Allerdings gegen die Besitzverhältnisse und die daraus resultierende Gestaltung der Programme. Die angebrochene Fastenzeit, übrigens gleichermaßen für Christen und Muslime, wäre doch einmal, ganz weltlich, eine gute Gelegenheit, den Konsum des kommunikativen Trashs drastisch zu reduzieren. Genießen Sie mal eine Weile das analoge Dasein!    

Fastenzeit und das analoge Dasein