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Es flackert noch ein Licht

Es ist ein leises Wimmern. Überall zu vernehmen. Wenn die Sinne noch funktionieren. Es ist die Klage über zu viele schlechte Bilder. Die in den Köpfen Platz genommen haben. Krieg, Vernichtung, Rache, Eigennutz. Der Blick für das Paradies ist verstellt. Vor allem der für das irdische. Und die Klage ist in aller Munde. Über das schlechte Leben. Obwohl das im Vergleich zu vielen anderen Plätzen auf der Welt eine Unverfrorenheit ist. Deshalb versteht man die nicht, die tatsächlich im Schatten stehen. Und es ist seit langem klar, dass der Geldsack in der eigenen Hand nicht der Zugang zum Glück ist. Doch die Erkenntnis nützt dem wenig, bei dem es in der Tasche nicht klimpert. Ja, es ist nicht einfach. Aber ist es schwer? Trotz aller Möglichkeiten, die weit über denen vieler anderer liegen? Was sollen die sagen, die ihre Primärbedürfnisse nicht befriedigen können? Über das Wetter klagen, über die unfreundlichen Nachbarn? Oder über andere Lebenskonzepte? Nicht ein Hinweis, wie es besser werden könnte. Schreit denn alles nach dem großen Desaster, um schätzen zu lernen, was das Dasein ohne den großen Wurf, den es sowieso nicht gibt, bieten kann? Nichts, was du nicht bräuchtest, kannst du nicht erreichen. Wenn du nur willst und Menschen findest, die mit dir gleich tun. Der Individualismus ist eine feine Sache. Bist du seine Grenzen siehst. Bist du begreifst, dass alles ohne die anderen nichts ist. Dann ist alles schrecklich. Schrecklich einsam, schrecklich langweilig, schrecklich monoton. Ganz weit hinten, im letzten Winkel dieser unserer Welt, flackert noch ein Licht, das die Erkenntnis bescheint. Wir sind ein soziales Wesen, das nur in Kooperation eine Zukunft hat. In menschlicher, in sozialer, in kultureller und in politischer Hinsicht. Und alle, die die Raubritterfahne schwingen, egal wo sie stehen oder woher sie kommen, wollen, dass wir diesen Winkel nicht finden. Aber es gibt ihn. Und die dort verborgene Erkenntnis wartet, entdeckt zu werden. Mit oder ohne Desaster. Mit oder ohne Hilfe. Nicht unbegrenzt. 

Der gute Hirte?

Die Begründungsbemühungen für das, was gegenwärtig politisch auf dem Globus geschieht, sind ihrerseits ein einziges Abenteuer. Einerseits kommen die Politologen, Historiker und Beobachter vor Ort auf ganz alte, ja archaische Muster, die sie zu entdecken glauben. Andererseits erblicken sie Phänomene, die nur durch einen detaillierten Ritt durch die Weltgeschichte erklärbar werden. Dass da die vermeintliche Gegenseite an Schlichtheit nicht mehr zu überbieten, das eigene Agieren jedoch das Subtilste wie Komplexeste ist, was die Weltgeschichte bisher zu Gesicht bekam, findet kein Gegenargument. Skepsis ist angebracht, wenn da auf der einen Seite die blutigste, despotischste, und unberechenbarste Reaktion am Werk ist, und es nur durch die Allianz der Erleuchteten zu einer Form der Linderung kommen kann.

Da durchdringen Begrifflichkeiten den Orkus, dass es nur noch so scheppert. Da existieren Hüter und Hegemonen, Trabanten, Vasallen und gleichberechtigte Partner, da wird die liberale Demokratie um die Welt getragen, auch wenn dabei nicht Tausende, nicht Hunderttausende, sondern Millionen über die Klinge springen, dann sind das Kollateralschäden, die nun einmal immer anfallen. Und dass die Blutrünstigen, sollte man jemals mit einer Bilanz von Opfern einverstanden sein, in den letzten Dekaden weit weniger Köpfe haben fallen lassen, um ihre Einflusssphären zu sichern, wird abgetan wie ein lässlicher Rechenfehler. Sei es drum. Wer für das Gute unterwegs ist, darf auch einmal über die Stränge schlagen.

Und die semantische Aufteilung der Welt hört mit den Trennlinien zwischen dem eigenen Lager und dem Feindesland nicht auf. Auch innerhalb der Allianz werden Fraktionen geortet, die den Unterschied ausmachen. Damit sind nicht die kleinen Stinker gemeint, die aufgrund ihrer lokalen Nähe zum ausgemachten Feind ein wenig leise treten wollen, sondern drüben, in der transatlantischen Schaltzentrale, konkurrieren zwei Lager miteinander. Das der Guten, die sich als Hüter des Bündnisses sehen und die Egomanen, die nur ihr eigenes Interesse im Auge und den Charakter eines Hegemonen haben. Ja, die USA,  die global gesehen ihre alleinige Vormachtstellung gefährdet sehen, treten mal mit dem Gesicht des Hüters auf (Joe Biden) und mal mit dem des Hegemonen (Donald Trump). Und deshalb sei es geraten, den ersten mit seiner Politik zu unterstützen und den zweiten zu fürchten. So die allseits versierten Analysten. 

Ich weiß nicht warum. Aber bei der Lektüre eines dieser Essays, in denen die Welt mal vereinfacht und mal überkomplex erklärt wird, fiel mir eine Filmszene ein. Es handelt sich um den „guten Hirten“ von und mit Robert de Niro. In ihm wird die Entstehung der amerikanischen Geheimdienste während des Aufstiegs der USA zu einer Supermacht dargestellt. Mit den sozio-kulturellen Hintergründen, mit den Menschen, die man dafür rekrutierte und mit dem Selbstbildnis, dass diese Organisationen entwickelten und verinnerlichten. In einer Szene sitzt ein Agent einem italienischen Immigranten gegenüber und sucht ihn zu nötigen, Informationen über andere Bürger ihm gegenüber preiszugeben. Da fragt der Italo-Amerikaner den weißen, protestantischen Ostküstenmenschen: Die Iren haben ihre Tradition, die Juden haben ihren Glauben, wir Italiener haben die Familie und selbst die Schwarzen haben ihre Musik. Und ihr, was habt ihr eigentlich? Worauf der Agent ihm ohne eine Miene zu verziehen antwortet: Wir haben die Vereinigten Staaten von Amerika. Und ihr seid hier alle nur zu Besuch. 

Auf den Punkt gebracht!

Ein Preis, der zu hoch ist!

Wie oft habe ich sie vernommen! Die Stimmen aus dem eigenen Ich wie aus meinem sozialen Umfeld. Die mir rieten, mich doch mit anderen Kräften und Mächten zu vereinigen. Um meinen Wirkungsgrad zu vergrößern. Um meinen Einfluss in einem ganz anderem Ausmaß zu steigern. Um meine eigene Position zu festigen und auszubauen. Ich habe es nie gemacht. Ich weiß nicht, welches Erlebnis es war. Ich weiß nicht, wer mir den Rat gegeben hat. Und ich weiß nicht, wann ich selbst zu dieser Erkenntnis gekommen bin. Aber irgend etwas in mir, das stark war und jeder Versuchung widerstand, hat mir gesagt, dass es besser sei, den steinigen Weg zu gehen, zu verharren, wo ich bin und das Brot zu essen, das auf dem Tisch lag, als mich auf Allianzen einzulassen, die mich dazu gezwungen hätten, meine Unabhängigkeit als Währung in die Zahlschale zu werfen. 

Nicht, dass ich Allianzen per se für etwas Falsches halte! Ganz im Gegenteil. Wenn sich Interessen treffen und alle, die diese Vertreten nach eigenem Ermessen für einen bestimmten Zweck bereit sind, einen Tribut zu entrichten, dann bin ich dabei. Aber es gibt auch falsche Allianzen. Sie zwingen dich, irgendwann Dinge zu machen und zu vertreten, die deiner Überzeugung widersprechen. So etwas läßt sich schnell identifizieren. Und wer sich auf so etwas einlässt, ohne lange zu überlegen, um eines Vorteils Willen, der hat diese Gunst mit einer sehr hohen Rendite irgendwann zu bezahlen. 

Ich habe mir diese Menschen zur Genüge ansehen können. Sie reüssierten schnell und viele, die das sahen, raunten mir zu, ich sei ein Dummkopf, weil ich es nicht genauso machte. Aber irgendwann kam der Zahltag. Dann mussten sie Dinge tun oder vertreten, die ihnen peinlich waren. Dann konnten sie dir nicht mehr in die Augen schauen und gingen dir aus dem Weg. Und zum Schluss, wenn die große Kurve der Entwicklung ihrem Ende zuging, dann sah ich zumeist unglückliche Menschen. In einem unglücklichen Umfeld. Und alles Geld und aller Status verhalf zu keinem Trost mehr. 

Deshalb bin ich heute dankbar. Sehr dankbar, dass ich ein Sturkopf war und meiner Unabhängigkeit mehr Wert beimaß alles allem Tand der Welt. Wie heißt es so schön im Invictus? Mein Kopf ist blutig, aber ungebeugt. Und wenn ich heute sehe, was viele Menschen, die ich über lange Jahre habe beobachten können und die sehr viel konnten und wollten, wenn ich sehe, was sie heute alles erzählen müssen, um im Geschäft des Lebens zu bleiben, dann erfüllt mich große Trauer. Aber Mitleid, Mitleid habe ich nicht. Oder wie pflegte mein Freund vom Indischen Ozean, der die Welt ohne einen Cent in der Tasche bereist hatte und alle Höhen und Tiefen des Lebens als direkter Zeuge gesehen hatte? Wer mit dem Teufel ins Bett geht, pflegte er zu sagen, darf sich nicht wundern, wenn er die Hölle auf Erden erlebt!