Archiv der Kategorie: food for thought

Fehlbar sind immer nur die Anderen!

Kennen Sie diese Menschen? Die, sobald etwas nicht so funktioniert, wie es sollte, jeglichen Zusammenhang zwischen der jetzigen Situation und ihrem eigenen Handeln leugnen? Ich stelle einmal die Behauptung auf, dass ich hier nicht von einigen, verirrten Individuen spreche, sondern von einem Massenphänomen rede. Die meisten Menschen halten ihr eigenes Handeln nur dann für existent, wenn etwas gelingt. Läuft etwas in die falsche Richtung, dann waren es zumeist andere, wie auch immer zu identifizierende Akteure. Oder der große Gott des Unerklärlichen. Aber selbst, selbst hatte man doch alles richtig gemacht, oder?

Trainerinnen und Trainer, die Menschen beibringen, wie sie mit neuen Techniken umgehen können, kennen das Phänomen aus jeder Einheit. Da macht ein Gerät etwas anderes, als es machen soll, und die jeweiligen Teilnehmer leugnen vehement, etwas mit dieser Fehlleistung zu tun zu haben. „Ich hab nichts gemacht!“ heißt es dann, aus dem Brustton der Überzeugung. Etwas, das bei der Fehlersuche natürlich auffliegt. Irgendein Knopf wurde gedrückt, irgend ein Befehl wurde genuschelt oder was auch immer. Das Instrument, seinerseits verpflichtet auf Logik und Befehlsstrukturen, setzt es um und dann stellt sich heraus, dass der so genannte Input unangebracht war und zu dem unerwünschten Resultat geführt hat.

Dass diese Art des individuellen Umgangs zu einem Massenphänomen für alle Lebensbereiche hat anwachsen können, ist ein Mysterium, das unbedingt zu entschlüsseln ist. Weil es letztendlich die Stärke von Gesellschaften, die sich in ihren Ursprüngen einmal auf Aufklärung und Vernunft gegründet haben, erodiert hat. Um es allgemein verständlich zu formulieren: wer jegliches Verschweigen fehlgeleiteten Handelns akzeptiert und jede dumme Ausrede widerspruchslos hinnimmt, steht bereits auf dem Humus totalitärer Gesellschaften. Und wenn dann noch hinzukommt, dass die Klage über die schlechte Entwicklung mit ein bisschen Hass zu einem drallen Feindbild aufgehübscht wird, dann ist der Himmel dieser Gesellschaft dauerhaft bedeckt.

Es ist nicht erforderlich, im eigenen Alltag zu suchen, um diese Entwicklung zu dechiffrieren, obwohl auch das aufschlussreich ist. Nein, es genügt, sich den Umgang mit den vielen Krisen in der uns umgebenden Politik zu beschäftigen, die uns umgeben. Da überfällt plötzlich Russland die Ukraine, da attackiert die Hamas ganz überraschend friedliche Menschen und metzelt sie hin, da schießen Huthi unvermittelt auf Schiffe im Roten Meer, da kommen Afghanen, Iraker, Syrer und Libyer in großen Kohorten und beantragen Asyl, da laufen Menschen Amok im eigenen Land – egal, was man nimmt: ein Zusammenhang mit der eigenen Politik und mit den Aktivitäten all derer, die im eigenen Bündnis beheimatet sind, wird nicht hergestellt. Die Ursache für diese Krisen, in denen unzählige Menschen gequält und getötet, in denen blühende Landschaften in Trümmerwüsten verwandelt und in denen die Zukunft für eine zivilisatorisch erstrebenswerte Entwicklung versiegelt wird, liegt exklusiv am Charakter von Autokraten und den schäbigen Intentionen anderer Entitäten.  

Steht das eigene Handeln in irgend einem Kontext zu dem, was da zu beobachten ist? Hört man sich an, was aus dem öffentlichen Diskurs an unsere Ohren dringt, dann ist die Antwort Nein! Eigene Aktivitäten nicht, eigene Fehleinschätzungen nicht, eigene Schwäche nicht, nicht der eigene Verstand und nicht die eigene Haltung. Ist es die eigene Selbstüberschätzung? Oder die Unterschätzung anderer, die ihrerseits eigene Ziele haben? Kann das sein? Auf keinen Fall? Fehlbar sind immer nur die Anderen. Damit das klar ist!

Die Boshaftigkeit der Wahrheit und der eigene Bauchnabel

Nun wollen wir einmal gemein sein an einem solchen Tag. Oder nein. Sprechen wir einfach von der Wahrheit. Nicht ist erregender, wie wir alle wissen. Menschen, die von morgens bis abends ihr eigenes Ich im Zentrum der Betrachtung haben, mögen in friedlichen Zeiten und unter wohlständigen Verhältnissen durchaus durch den Tag kommen. Und vielleicht sogar durch den Großteil ihres Lebens. Irgendwann jedoch stoßen sie auf Phänomene, von denen sie ein falsches Bild hatten und die ihnen den Weg versperren. Dann sind sie ratlos. Und sie werden aggressiv oder depressiv. Je nach Disposition. Es ist nicht einmal jenes Unbekannte, dessen Opfer sie werden. Nein, es ist der eigene Egozentrismus, der sie an Grenzen geführt hat. Wer seinen Blick nicht weitet, wer das Fremde nicht versucht zu beschreiben und zu verstehen, muss irgendwann sehr irritiert sein. Und die Irritation treibt ihn in einen Zustand, der die Regeln des Sozialen hinter sich lässt. Dann ist es entweder die Krankheit an seiner selbst oder die Feindschaft zum Anderen.

Die Teufel und Hexen haben bei der bisherigen Lektüre längst begriffen, dass es nicht nur um verlorene Individuen geht, sondern auch um Entitäten. Wie zum Beispiel ganze Länder und Kontinente. Immer, wenn der Zentrismus alles überstrahlt, ist die Prognose berechtigt, dass der Verlauf der Geschichte auf ein unschönes Ende hinweist. Die neunmalschlauen Geschichtsbücher sind voll davon. Sie erzählen uns eine Geschichte nach der anderen über den Aufstieg, die Blüte und den Niedergang von Imperien, die letztendlich an verschiedenen Malaisen scheiterten. Zum einen waren sie satt und unersättlich zu gleich. Sie vergaßen die Mühen, die den eigenen Aufstieg garantierten. Und sie sahen nicht die Anstrengungen anderer, die noch auf dem Weg nach oben waren. Sie glaubten, ihre Attraktivität wie Macht währten ewig und sie neigten zu dem, was an einer anderen Stelle in den Journalen die strategische Überdehnung genannt wird. Sie mussten irgendwann mehr Mittel aufwenden, um ihre Macht zu erhalten, als die selbst erwirtschaften  konnten. 

Ihre längst erworbene eigene Schwäche und ihre Unkenntnis gegenüber denen, die auf dem Weg nach oben waren, wurde ihnen zum Verhängnis. Erzählte ich hier die Geschichte über Alexander den Großen, das Römische Reich oder das British Empire, dann widerspräche mir niemand. Erboste ich mich aber, dass es auch eine Skizzierung dessen wäre, was die USA und ihre europäischen Verbündeten beträfe, trüge ich sehr schnell das Prädikat eines Verschwörers und dem Irrsinn Verfallenen. In diesem Kontext erlaube ich mir, auf den Umgang untergehender Imperien mit denen hinzuweisen, die ähnliches von sich gegeben haben. Sie landeten in Kerkern oder im Exil. Ihre Stimme durfte nicht gehört werden. Sie war lebensgefährlich für die, die den Niedergang begleiteten, ihn aber nicht wahrhaben wollten und leugneten. Sie bezogen ihren eigenen kritischen Blick nicht auf die selbst zu verantwortenden Zustände, sondern auf die Boshaftigkeit der Konkurrenz und deren subversiven und intriganten Charakter. 

Letzteres ist der Schlüssel zur Aktualität der Zustandsbeschreibung. Nicht die ernst gemeinte Kritik an Zuständen, die die Dinge zum Besseren wenden könnte, hat den Charakter der Subversion, sondern ihre Kriminalisierung. Und da sind wir in sicheren Händen. Wer allerdings nur auf den eigenen Bauchnabel blickt, kommt aus dieser Falle nicht heraus.

Ackergäule, Rennpferde und die Beratungsbranche

Kennen Sie das? Da spricht ein Mensch zu Ihnen, der vieles kritisiert und die Meinung vertritt, er oder sie wüsste, wie man es besser machen könnte? Und in vielen Worten werden die Gegenstände und ihre Dysfunktionalitäten erklärt und ganz zum Schluss kommt dann die Formulierung: Aber mich fragt ja keiner! 

Eine solche Situation haben wir sicherlich alle schon einmal erlebt und, ehrlich gesagt, hinterlässt sie immer auch ein Schmunzeln. Denn dass man, auch wenn man glaubt, man wisse es besser, nicht gefragt wird, hat in der Regel damit zu tun, dass man selbst nicht in der Verantwortung steht, aus der die gegenwärtige Situation resultiert. Warum das so ist, sollte sich jeder oder jede selbst fragen. Für gesellschaftliche Zustände ist es jedoch von keiner Relevanz.

Viel interessanter ist, dass diejenigen, die in besagter Verantwortung stehen, durchaus sehen, dass sie in dem einen oder anderen Fall Hilfe benötigen. Und es existiert eine Branche, die in solchen Fällen ihre Dienste offeriert. Es ist die der Beratung. Und sie hat sich ausdifferenziert spezialisiert auf Wirtschaftsunternehmen, Organisationen unterschiedlichster Art und die Politik. 

Dass es in dieser Branche nicht nur unterschiedliche Qualitäten gibt, ist so normal wie in jedem anderen Segment, in der Arbeitsleistung erbracht wird. Dass dort U-Boote herumfahren, die unter der Flagge Beratung Lobby-Interessen durchzusetzen versuchen, ist bekannt. Und dass die unterschiedlichen Beratungsunternehmen auch mit sehr unterschiedlichen Denkansätzen unterwegs sind, kann sogar als Bereicherung angesehen werden. Und wenn Beratungsunternehmen kompetent sind und sich während eines solchen Prozesses immer ihrer Rolle bewusst sind und darauf achten, dass sie dieser treu bleiben, dann kann ein solches Engagement sehr hilfreich sein und helfen, bestimmte Probleme zu lösen. 

Entscheidend ist meines Erachtens die Frage, ob die angefragte Beratung sich gleich daran macht, die Produkte eines Unternehmens oder die Inhalte einer Politik zu beeinflussen oder ob sie sich darauf konzentrieren, die Akteure Vorgehen wie Ausrichtung selbst bestimmen zu lassen und ihnen bestimmte methodologische, soziale, kommunikative und strategische Werkzeuge in die Hand geben und ihnen helfen, diese anzuwenden. Bei letzterem, so mein Rat, im Falle dass mich jemand fragen sollte, sind die Hilfe und Unterstützung Suchenden gut beraten. Im ersten Fall, so mein Rat, geleiten Sie die Anbieter persönlich und in aller Höflichkeit direkt zum Ausgang und wünschen ihnen alles Gute.

Da wir uns in Zeiten befinden, in denen die Branche der Beratung sehr gefragt ist, ist es sinnvoll, sich genau anzuschauen, wer aus diesem Segment wo unter Vertrag steht und ob die eingesetzten Mittel tatsächlich zu einem Ziel führen. Was festzustellen ist, sind erhebliche Defizite in den Zentren der Verantwortung, die nichts zu tun haben mit den Zielen und Ausrichtungen, sondern in der Analyse des Bestehenden und der handwerklichen und methodischen Vorgehensweise. Da dümpelt vieles dahin. 

Und, zu dieser Erkenntnis bedarf es keines Beratungsunternehmens, sondern da reicht es, auf den Erfahrungsschatz des kollektiven Bewusstseins zurückzugreifen. Man kann aus einem Ackergaul kein Rennpferd machen. Und bei denen, die das wissen, ist das alles andere als despektierlich gemeint.

Das heißt, wenn irgend jemand fragen sollte: Was sind die Stärken, mit denen wir identifiziert werden und die wir erhalten müssen, um Selbstwert und Identifikation wie Kraft bewahren zu können? Wo hakt es, wo ist zwar vieles vorhanden, was gut läuft, aber wo müssen wir da nacharbeiten? Des Weiteren, auf welchem Feld verkünsteln wir uns, bringen nichts so richtig zustande und vergeuden Ressourcen und sollten einen Schlussstrich ziehen? Und letztendlich, welche Ideen haben wir für die Zukunft und was müssen wir tun, um dahin zu kommen?

Diese vier Fragen gehören zusammen. In der angesprochenen Branche nennt man so etwas eine Portfolio-Analyse. Gut aufgestellte Organisationen wenden diese in bestimmten Intervallen immer wieder an. Hilfe dabei zu holen, kann nie falsch sein. Das alles zu ignorieren schon. 

Ungefragt zu Papier gebracht.