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Die Wehrmacht, die gegenwärtigen Kriege, Benjamin Franklin und der Terrorismus

Es kommt immer auf den historischen Kontext an. Und den Maßstab. Und die gegenwärtige Interessenlage. Wann hat ein Krieg den Charakter eines aggressiven Angriffs, wann ist es ein reiner Verteidigungskrieg und wann hat eine Aggression eine gar präventive Natur? Fragen, die historisch in der einen oder anderen Weise beantwortet wurden, je nach Perspektive, versteht sich, und die sich heute aktuell an mehreren Brennpunkten stellen. War die Reaktion auf terroristisch organisierte Angriffe seitens der Wehrmacht Bestandteil der begangenen Kriegsverbrechen, weil sie in keinem Verhältnis zum erlittenen Schaden standen, in Russland, in Polen, in Italien, in Frankreich – überall stehen Mahnmale, die auf diese als Verbrechen eingestuften Gräueltaten hinweisen. Aktuell sieht das alles anders aus: ein zwanzig Jahre andauernder Krieg in Afghanistan als Reaktion auf 9/11, die verbrannte Erde mit unzähligen Toten in Gaza als Reaktion auf die HAMAS-Anschläge. Allein die Überlegung zur Frage der Verhältnismäßigkeit ist gegenwärtig genauso Tabu wie zur Zeit der Vergeltungsorgien der Wehrmacht. 

Es kommt immer auf den historischen Kontext an. Und den Maßstab. Und die gegenwärtige Interessenlage. Folgen wir dem Rat Bertolt Brechts und gehen weg vom aktuellen Geschehen und reisen, zumindest historisch, in die Ferne. Da steht der Name eines Benjamin Franklin in den Büchern. Ja, schauen Sie nach. Eine beeindruckende Persönlichkeit. Sie werden dort finden seine Erfolge als Drucker und Unternehmer, sein Ruf als Erfinder, erwähnt wird unter anderem immer der Blitzableiter, seinen Beitrag an der Formulierung der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung und seine tragende Rolle bei der Gründung der USA. Und wenn Sie Glück haben, finden Sie auch noch seine nahezu zehnjährige Tätigkeit als Diplomat in Paris.

Und was hat Benjamin Franklin dort gemacht? Er hat am französischen Hof, seinerseits in einer ständigen und kriegerischen Konkurrenz mit Britannien, um Unterstützung für den amerikanischen Unabhängigkeitskampf gegen eben dieses Britannien geworben. Und zumindest bei einem Teil des Adels hatte er Erfolg. Ein gewisser Beaumarchais, seinerseits bekannt durch Libretti wie dem zur Hochzeit des Figaro, sammelte heimlich Geld und organisierte Schiffsladungen voller Waffen, die schließlich französische Häfen mit dem Ziel Nordamerika verließen. Nach einer gewissen Zeit gesellten sich auch junge Adelige hinzu und lernten in dem Kampf in Übersee, wie man Monarchien bekämpft und wie man in einer entstehenden Republik miteinander umgeht. Einer von ihnen trug den Namen Lafayette. 

Was das französische Königshaus nicht begriff, war, dass das Treiben Benjamin Franklins nicht nur für Waffen nach Amerika gut war, sondern auch dafür sorgte, dass die Idee der Revolution mit den leeren Schiffen und beeindruckten Franzosen zurück ins goldene Frankreich kam. Nicht umsonst schenkten später die Franzosen den Amerikanern die Freiheitsstatue, die bis heute das Wahrzeichen des Hafens von New York ist. 

Nach heutigen Maßstäben, in den ahistorisch angelegten Köpfen der Politkommentatoren, gälte Benjamin Franklin zum einen als Separatist, weil er für die Abtrennung der nordamerikanischen englischen Provinzen eintrat und das mit Waffengewalt. D.h. er wäre nicht nur Separatist, sondern auch noch Terrorist. Und das Erstaunliche: trotz dieser Aspekte glänzt er in den offiziellen Annalen der Vereinigten Staaten von Amerika als eine Lichtgestalt ohne Fehl und Tadel. Übrigens zu Recht. 

Wie gesagt: Es kommt immer auf den historischen Kontext an. Und den Maßstab. Und die gegenwärtige Interessenlage. Only Time Will Tell!

Das Gesetz der Straße

Es werden traditionell viele Gründe angeführt, die gegen das Aufwachsen auf der Straße sprechen. Da ist von Verrohung die Rede und von einer Art Verwilderung, die mit dem zivilen Umgang in einer saturierten bürgerlichen Gesellschaft nichts zu tun hat. Daran ist einiges, allerdings existieren auch bestimmte Vorteile, die, sind sie nicht erworben, in Zeiten großer Krisen sogar zu einer existenziellen Gefährdung führen können.

Das erste, was man auf der Straße lernt, ist die Fähigkeit, Schläge einzustecken. Wer das nicht kann, ist schnell weg vom Areal und sollte sich dort auch nicht mehr blicken lassen. Diejenigen hingegen, die so manche Blessur wie Orden an der Brust tragen, ernten dafür sogar, auch bei den konkurrierenden Clans, Respekt. Um es kurz zu fassen: wer jammert, zumal wenn er selbst bestimmte Ansprüche formuliert und sich an Angriffen auf andere beteiligt hat, ist raus.

Die zweite, entscheidende Lehre, ist die, die Notwendigkeit eigenen Handelns bei der Erlangung eines eigenen Rufes zu erkennen. Immer nur zu sagen, wir machen es, wie der Ede sagt, weil der Ede die Nummer Eins in deinem Block ist, wird niemals dazu führen, dass der Boss aus dem anderen Block mit dir sprechen will. Der geht dann nämlich gleich zum Ede. Nur, wenn er merkt, dass du selbst was auf die Beine stellen kannst und in dem einen oder anderen Punkt nicht unbedingt mit Ede übereinstimmst und du dieses auch zu verstehen gibst, weil du den Ede nämlich nicht fürchtest und dich deiner eigenen Bedeutung sicher fühlst,  gibt es einen Grund für den Boss von der Konkurrenz, sich mit dir mal zusammen zu setzen und sich mit dir grundsätzlich zu unterhalten. 

Wenn du eine eigene Resilienz besitzt und soviel Courage, in der eigenen Formation deine eigenen Interessen und deinen Standpunkt zu vertreten, bist du im Gesamtgefüge eine respektable Nummer. Wenn es dagegen immer heißt: wir machen es so, wie Ede sagt, und dabei auch noch ersichtlich wird, dass sich der Ede bei dem einen oder anderen Punkt in keiner Weise um deine eigenen Interessen kümmert und ausschließlich sein Ding macht, bist du ein Nichts.

Das war jetzt schön theoretisch gesprochen, und es beinhaltet weder die eine oder andere Wunde, die bei einer Haltung, die auf Selbstachtung und die Wahrung eigener Interessen beruht, zu erleiden ist noch die eine oder andere Portion Dreck, die dabei zu fressen ist ausgemalt wurde, sollte die Botschaft klar sein.

Diejenigen hingegen, die diese Lehre nicht erfahren haben, weil sie nicht auf der Straße aufgewachsen sind und niemand in der Nähe war, der sie ihnen hätte vermitteln können, tappen auch bei dem großen, globalen Kampf der Kräfte in eine Falle, die die Straßenjungs in diesem Spiel zu vermeiden wissen. Sie stecken ein, sie formulieren ihre eigenen Interessen und sie scheuen weder Konflikte nach außen noch nach innen. Und so ist es keine Überraschung, dass die schweren Jungs von der anderen Seite nicht mit denen sprechen wollen und werden, die immer sagen, wir machen es so wie Ede. Die sind nämlich draußen und die bleiben draußen. So einfach ist das. Das Gesetz der Straße ist dort nämlich die Hohe Schule. 

Fundstück: Der große Sturm

Wir leben in besonderen Zeiten. An sich kann diese Aussage bereits als völliger Unsinn abgetan werden, denn jeder Moment der Geschichte hat etwas Besonderes, und sei es seine eigene Trivialität. Und dennoch existieren Zustände relativer Ruhe, sprich Stabilität, und solche rascher Veränderung. Da wird dann von Turbulenzen gesprochen, die Profis im politischen Geschäft sprechen dann auch von Revolution. Dann kommt der große Sturm, der alles durcheinanderbringt und verändert. Und gleich den Metaphern von Turbulenz und Sturm sind im Moment Phänomene zu beobachten, die darauf hindeuten, dass vieles, das heute in der bekannten Form existiert, bald nicht mehr so sein wird. 

In Einem unterscheiden sich menschliche Gesellschaften von den beschriebenen Naturereignissen. Letztere kommen unweigerlich und niemand versucht, sie zu verhindern. Menschen wie Tiere bereiten sich, sofern ihre Sensorik funktioniert, auf das große, zerstörerische Ereignis vor und suchen sich zu schützen, um das große, machtvolle Durcheinander zu überstehen. In menschlichen Gesellschaften allerdings, da wird versucht, den großen Sturm zu verhindern. Das verwundert nicht, denn diejenigen, die von der bestehenden Ordnung profitieren, die werden sich nicht damit abfinden, dass ihre Ordnung zerrissen wird und nicht mehr viel davon bestehen bleibt. Deshalb wird alles mobilisiert, was ihnen zur Verfügung steht, und was sie selbst als Gott und die Welt bezeichnen, um den großen Sturm zu verhindern.

Das wird dann oft eine schmutzige und ekelhafte Sache, denn den Bedrohten sind in solchen Fällen, wenn es ums Ganze geht, Schäden, die sie als kollateral bezeichnen, völlig egal. Das Hemd, so sagen sie, sei näher als der Rock. Und so werden viele Menschen, die sich immer als Stütze der vom Sturm bedrohten Ordnung sahen, plötzlich über Bord geworfen, wenn es gilt, einen neuen Wall zu bauen oder in die sich zusammenbrauenden Energiemassen vorzudringen, um sie wieder zu zerstäuben. Letztendlich, bevor das große Ereignis alles verändert, laufen die Vertreter der alten Ordnung hektisch umher, und sie bezichtigen jeden, der von dem bevorstehenden Ereignis berichtet, des Realitätsverlustes oder gar der Verschwörung. Das machen sie, weil sie sich selbst die Angst ausreden wollen. Denn eines ist und bleibt gewiss: Wenn es erst einmal so weit ist, dass die Luft zu beben beginnt, dann lässt der große Sturm nicht mehr lange auf sich warten.

Und, das sei allen gesagt, die immer noch glauben, alles gehe irgendwie vorüber und die Ordnung bliebe so, wie sie ist, irgendwann, wenn alles noch hektisch umherläuft und Dämme baut oder Wertsachen in Sicherheit bringt oder sich Fluchtwege überlegt, irgendwann wird es plötzlich ganz still. Dann ist der Augenblick gekommen, der historisches Ausmaß hat. Denn in dieser kurzen Stille hat die Menschheit einen kleinen Augenblick, in dem sie ihre Existenz noch einmal ganz kurz Revue passieren lassen kann, oder einfach sich nur seiner Werte zu besinnen, die das Leben ausmachen. Und dann ist es auch schon vorbei.

Wie mit einem Fingerschnipp sind auf einen Schlag alle Kräfte mobilisiert, die unter der alten Ordnung gelitten haben. Da wird nicht mehr gerätselt und gezaudert, da entwickelt sich die physische Kraft der Zerstörung, ohne dass irgendwelche Denkprozesse noch eine Rolle spielten. Und noch während der Zerstörungsprozess anhält, der alles in den Schatten stellt, was sich das kleine Menschenhirn so hat vorstellen können, brechen neue Kräfte hervor, aus denen vieles wachsen wird. Was, das lässt sich im Moment noch nicht sagen. Das Neue beginnt.

Herbst 2019