Archiv der Kategorie: food for thought

Einige Gedanken zum Desaster-Management

Auch zum Desaster-Management existieren zahlreiche Publikationen. Sie sind in der Regel für jene gedacht, die sich plötzlich, wie aus heiterem Himmel, einer fatalen Situation ausgesetzt sehen und froh sind, dass sich kluge Leute irgendwann einmal zusammengesetzt und ein Vorgehen beschrieben haben, das rational und folgerichtig ist. Damit wäre allerdings auch schon die Voraussetzung eines effektiven Desaster-Managements beschrieben. Selbst wenn man es vorher nicht einkalkuliert hat, was nachlässig ist, zumindest beim Eintreten eines wie auch immer gearteten Infernos sollte der Kopf kühl bleiben und in der Lage sein, sich des Besteckes der Logik zu bedienen. Wer emotional, hysterisch oder gar halsstarrig reagiert, dem ist selbst durch einen solchen mächtigen Fingerzeig des Schicksals beim besten Willen nicht zu helfen.

Was hingegen immer hilft, sind eine Reihe von Fragen. Sie haben die attraktive Eigenschaft, Gefühlslagen wie Zorn, Wut, Scham oder Ressentiments zumindest für einen gewissen Zeitraum zurückzudrängen. Dieser sollte genutzt werden, um an einer Perspektive zu arbeiten, die in der Lage ist, die fatale Situation möglichst bald hinter sich zu lassen.

War das, was nun zu beklagen ist, voraus zu sehen? Wenn die Frage mit Ja beantwortet wird, aber im Vorfeld nichts geschehen ist, was das Ereignis hätte verhindern können, dann befindet man sich bereits in einer äußerst heiklen Lage. Denn wenn nichts unternommen wurde, was Wirkung hätte zeigen können, was hat man dann getan? Alles auf sich zukommen lassen, nach dem Motto der Rheinischen Verfassung: Et hätt noch emmer joot jejange? Oder hat man sich auf Manöver beschränkt, die zwar zeigen, dass man etwas tut, von denen aber alle wissen, dass sie nichts bewirken. Hat man sich ein Alibi verschaffen wollen? Ohne einen einzigen Versuch der Problemlösung? Oder hat man sich damit begnügt, nach vielen Gründen für das herannahende Unheil zu suchen, die alle außerhalb der eigenen Verantwortung liegen? Lag es an der Durchtriebenheit der Konkurrenz? Lag es an der Begriffsstutzigkeit Dritter? Man sieht, Lösungswege aus dem Desaster müssen sich mit der Entstehungsgeschichte desselben und der eigenen Verantwortung auseinandersetzen. Ist dieses nicht der Fall, dann stehen die Zeichen auf Wiederholung, mit immer schlimmeren Ergebnissen.

Dagegen ist das Aufräumen nach einem Desaster nahezu ein Kinderspiel. Man muss die Situation emotionslos beschreiben, so wie ein Bericht an die Versicherung. Man muss die Teile und Akteuere herausfiltern, die noch zu gebrauchen sind und sich von dem trennen, was irreparabel verwüstet ist. Da sollte man so kalt sein wie eine Hundeschnauze.

Und dann geht es an die Beschreibung dessen, was man unter Berücksichtigung der Schadensbilanz erreichen kann. Und zwar wie, mit wem, in welchem Zeitraum und zu welchen Kosten. Und diese Strategie ist allen zu kommunizieren, die dabei mitmachen und benötigt werden. Zu empfehlen auf dem Weg zu einem neuen Projekt ist immer der Blick in den Rückspiegel und sich dessen bewusst zu sein, was zu dem Debakel geführt hat und in Zukunft auf jeden Fall vermieden werden sollte.

Die Motivation erwächst jedoch aus der Perspektive. Wenn es gelingt, glaubhaft einen Plan zu präsentieren, der die Ursachen des Desasters durch eine andere Art des Handelns negiert, dann besteht Hoffnung auf Besserung. Sonst nicht. Dann wiederholt sich genau das, was man vermeiden wollte.

The Bitter End

Eigentlich wollte ich mich gerade an eine Einschätzung dessen machen, was heute bei den Landtagswahlen in Thüringen und Sachsen zu erwarten ist. Dann dachte ich, lass es lieber. Dazu haben sich bereits viele kluge Köpfe geäußert und zahlreiche Scharlatane abgearbeitet. Widme dich lieber einmal etwas Schönem. Und, so klug ist das Unbewusste, mir fiel spontan etwas ein, das sehr weit weg liegt und doch zum Denken über die aktuelle Situation anregt. Aber eins nach dem anderen.

Im Jahr 1961 gründete Jeff Weintraub in der Bleeker Street in Greenwich Vilage, Manhattan, New York, einen kleinen Club. Er nannte ihn „The Bitter End“. In dem Club wurde Live-Musik gespielt und angeboten. Ob es aus Geldgründen oder aus der genialen Idee von Talentförderung entstand, darüber wird heute spekuliert. Fakt ist, dass an mehreren Abenden in der Woche die Bühne frei war, für Musikerinnen und Musiker, die sich trauten, hier in New York, im Big Apple auf die Bühne zu gehen und zu zeigen, was sie konnten. Die Preise im Bitter End waren gemäßigt und das Publikum durfte entscheiden, ob die, die auf die Bühne gingen, weiter machen dürfen oder nicht. Die Liste derer, deren Weg über das Bitter End in die Berühmtheit führte, ist lang. Stevie Wonder, Bob Dylan, Randy Newman, Lady Gaga, Norah Jones und viele andere mehr.

Einer der New Yorker Bürgermeister, meines Wissens war es Ed Koch, anerkannte die Verdienste dieses kleinen, schäbigen Clubs in der Talentförderung und deklarierte jeweils einen Tag im Jahr, den 23. Juli, als Bitter-End-Day, an dem nicht nur der Club mit diesem Namen geehrt wird, sondern alle jungen Musikerinnen und Musiker aufgefordert sind, ihr Zeug zu schnappen und überall dort aufzutreten, wo es ihnen passt.

Sollten Sie jemals in New York sein, dann kann ich Ihnen nur empfehlen, ins Bitter End zu gehen und sich anzuhören, wie viele hochkarätige No-Names sich dort auf der Bühne tummeln und was für ein kluges, kenntnisreiches Publikum bei einer Flasche Bier den Daumen nach oben oder nach unten hält. Für manche Musiker ist es dort auch das Bitter End. So grausam kann das Leben sein. Für andere ist es aber auch der Weg zu ganz anderen Höhen. Wer hart an sich arbeitet, wer Niederlagen einsteckt und weitermacht, der kann Großes erreichen. Und ein Publikum, das sich seiner Macht bewusst ist, das viel gesehen und gehört hat und sich ein Urteil zutraut, ist ein wichtiger Faktor auf dem Weg nach oben wie nach unten.

Vor vielen Jahren war ich dort für eine gewisse Zeit Stammgast. Ich habe beeindruckende Musikerinnen und Musiker erlebt. Ich habe aber auch ein Publikum erlebt, das sich nie hat etwas vormachen lassen, das immer sah, wo die Stärken und die Schwächen waren, das aber nie abfällig oder arrogant war. Wer nicht weiterspielen sollte, bekam ein Bier ausgegeben und man nahm ihn in den Arm. Und wer überzeugte, hatte den grandiosesten Abend in seinem noch jungen Leben. The Bitter End – ein überwältigendes Konzept. Dort, in Greenwich Village, Manhattan, New York. Und eigentlich auch überall sonst.

Demokratie: Mehr Strenge und Konsequenz

Die Diskussion um die Krise der Demokratie oder gar der Gefahr ihrer Existenz reicht weiter zurück als die russische Invasion in der Ukraine. Seitdem ist, zumindest was den öffentlichen Diskurs anbetrifft, völlig klar, dass hinter allen möglichen Dysfunktionalitäten die Russen direkt stecken oder zumindest mit ihrem Handeln dafür verantwortlich sind. Neuerdings, seitdem das Auswärtige Amt von Sektenmitgliedern gekapert wurde, stecken auch noch die Chinesen dahinter. Die eigenen Geschehnisse werden für den Prozess der Ent-Demokratisierung, die zweifellos anhand einiger Beispiele belegt werden kann, nicht verantwortlich gemacht. Dass das, was in Zusammenhang mit der Regierungspolitik in der Corona-Krise veranstaltet wurde, massiv zu einem Vertrauensverlust in das politische System geführt hat, wird schlichtweg geleugnet. Alle Versuche, diese Phase aufzuarbeiten, werden als staatsfeindlich diskreditiert. Wer so weiter macht, darf sich nicht wundern, dass die Zweifel wachsen.

Zu den Bedenken über die Aufrichtigkeit der politisch Handelnden gesellt sich seit einiger Zeit auch noch der stetig wachsende Eindruck, dass bei dem Management von Krisen, die sich seit langem wie bei einem Staffellauf ablösen, die Hilflosigkeit überwiegt. Die eigene Hilf- und Ratlosigkeit wird jedoch nicht eingestanden, was ein tatsächlich mutiger Schritt wäre und die Tore für einen Konsens bringenden Diskurs weit öffnen würde, sondern diejenigen, die die Überforderung beobachten und zum ansprechen, werden entweder als unwissend und naiv, oder sogar als staatsfeindlich betrachtet. Dass am Rande von Krisen auch tatsächliche Trachtenträger in der Kulisse herumlaufen und Zuspruch bekommen, ist nichts Neues und sollte richtig professionell arbeitende Menschen nicht von einer vernünftigen Strategie abhalten. Aber auch die liegt nicht vor. Das Fazit in vielen Fällen lautet: man kann die Probleme nicht lösen, man hat keine Strategie und läuft selbst Unheilflüsterern hinterher.

Wenn nur einer aus dem handelnden Politensemble den Mut aufbrächte, die Situation so zu schildern, wie er sie tatsächlich erlebt und sich nicht von der heulenden Kriegs- und Aufmerksamkeitspresse einschüchtern ließe, sähe man, wie schnell er oder sie große Resonanz aus der Bevölkerung bekäme. Der Vertuschungsmanöver ist das Gros der Menschen müde. Nach einem Vorfall wissen schon alle, was als nächstes gesagt wird und dass es nicht dazu beiträgt, die Probleme zu lösen. Wer sich selbst aufgegeben hat und sein Dasein auf den Zuspruch fremder Mächte baut, zieht immer den Kürzeren.

Das alles steht in krassem Gegensatz zu dem lange Zeit verbreiteten Mantra, dass alles verhandelbar sei. Im politischen System hat es dazu geführt, dass sukzessive alle Prinzipien verwaschen wurden, die eine Demokratie ausmachen. Das Ergebnis ist in vielen Fällen unfähiges Personal und unheilvolle Allianzen, die allesamt ihren eigentlichen Auftrag aus den Augen verloren haben. Sie haben nämlich die Interessen derer, die sie entsandt haben, wahrzunehmen. Der Zustand, dass mittlerweile von namhaften Vertretern öffentlich auf diesen Auftrag gepfiffen wird, ist der eigentliche Grund für die Krise.

Alles ist verhandelbar? Wenn es um politische Säulen geht, eben nicht. Unveräußerliche Grundrechte gehören dazu, genauso wie der Auftrag, der mit einem politischen Mandat verbunden ist. Mehr Strenge und Konsequenz hätte gut getan. Mehr Strenge und Konsequenz gegenüber den Sektierern wird erforderlich sein.