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Der babylonische Bildungskollaps

Nichts hätte die Irrationalität, den Defätismus und den Depressionskult besser bedienen können als die seit fünf Jahren immer wieder auftauchenden Testergebnisse des OECD-Projects of International Student Assessment, PISA.

Urplötzlich wird die Befindlichkeit einer immer in den Wolken der Hegemonie schwebenden Gesellschaft ins Mark getroffen. Diagnose: Trotz Milliarden, die in die Bildungs- und Schulsysteme gesteckt werden, haben die jungen Menschen, die sie durchlaufen, keine großen Erfolge und sind zudem schlecht qualifiziert. Und, trotz einer über Dekaden nach den Zielen der Chancengleichheit ausgerichteten Bildungspolitik, sind die Chancen für Kinder aus Schichten der sozialen Benachteiligung noch schlechter geworden. Deutschland, die nahezu gesetzte Heimat von Weltmeistern jeglicher Art und Güte, sieht sich seither im unaufhaltsamen Strudel Richtung Mittelmaß, und der Drang, sich dennoch wieder in die Weltspitze mit vorzuarbeiten ist so groß, dass man sich nicht scheut, sich bereits auf der Höhe Mexikos zu wähnen (Baden-Württemberg), während ein anderes konkurrierendes Bundesland (NRW) immer noch auf dem Niveau von Guatemala dahindümpelt.

Und es kam und kommt täglich noch schlimmer, die Mediokrität erfasst alles, was die Nation zu bieten hat: Wirtschaft, Arbeit, Soziales, Bildung, Sport, Kunst, Literatur. Nur in den Bereichen, die zum einen die Seelenlage der Nation betrifft, zum anderen die Politik beschreibt, wird die Mittelmäßigkeit noch unterboten.

Und es könnte gehörig missverstanden werden, wenn an dieser Stelle in dem gleichen Stile weiterfabuliert werden würde. Dann nämlich suggerierten die meisten Leserinnen und Leser zu Recht, es handele sich um das Elaborat einer umgestülpten Depression, die sich nun in Form des Zynismus Luft zu verschaffen suchte.

Mitnichten. Das Leiden an den gegenwärtigen gesellschaftlichen Zuständen ist echt und der Versuch, die vitalen Linien der Krise mit wenigen Strichen vor das Auge des Betrachters zu werfen entspringt dem Wunsch, Menschen aufzuspüren, denen nach wie vor die Energie zur Veränderung zur Verfügung steht.

Eine Diskussion, deren Ziel es sein muss, eine solide Grundlage für eine ordentliche politische Utopie zu schaffen, darf nur mit Kürze und Prägnanz die Gemüter bewegen. Daher sei es erlaubt, nur zwei Bereiche – Bildung und Politik – zu skizzieren, um Widerspruch hervorzurufen und Wallung in die Auseinandersetzung zu bringen.

Mit dem PISA-Schock setzte in der Bundesrepublik eine Diskussion ein, deren Verlauf das Dilemma einer stagnierenden und strategisch nicht mehr fruchtbaren Gesellschaft dokumentiert. Alle in den Bildungskosmos verstrickten Gruppen bringen es seit über fünf Jahren ohne Probleme fertig, die eigenen Historie und ihre kritische Reflexion auszublenden und nach Feldern einer Surrogatkritik zu suchen.
Lehrerinnen und Lehrer sind, jeweils immer nach den eigenen Referenzsystemen, noch nie so engagiert und innovationsfreudig, so emanzipatorisch und zielorientiert gewesen wie in diesen Tagen. Die Kommunen hatten noch nie eine derartige Verantwortung für die gesellschaftlichen Implikationen von Bildungsverläufen wie heute, die Landesbürokratie hat zu keiner Zeit vorher die Stimulanzen für das hoch qualifizierte pädagogische Personal besser geschaffen und mehr für die spirituelle Erbauung dieser Leistungsträger getan. Der Bund war nie liberaler und letztendlich fördernder, wenn es um Bildungsinitiativen ging und die kritische Elternschaft hat die öffentlichen Organe, die für die Organisation und Gewährleistung von Bildung verantwortlich zeichnen, nie besser kontrolliert als heute.

Da ist es schon erstaunlich, dass die Quote derjenigen, die ohne Schulabschluss dastehen, steigt, die Übergänge auf weiterführende Schulen nicht sonderlich hoch sind und diejenigen, die ihre Schule erfolgreich abschließen, nur selten eine berufliche Perspektive geboten bekommen.

Natürlich hängt alles zusammen, und gerade weil es so ist, sollte kein Hehl daraus gemacht werden, dass die Lehrerschaft im Laufe von Dekaden zu einer verbeamteten Spezialklientel mutierte, deren Besitzstandsinteressen von den freigestellten Kolleginnen und Kollegen in den Parlamenten gesichert wurden und auf deren Verpflichtung auf die Schülerschaft kaum noch jemand trotz stärkster Überlegung kommt.

Ebenso wenig verwundert es, dass die Kommunen in einem langen Erosionsprozess ihrer demokratischen Vitalität beraubt wurden. Steuerlich versiegende Hähne sorgen dafür, dass die strategische Aufgabe, sich den regional erforderlichen Bildungsfragen auch programmatisch zu widmen, untergehen in hitzigen Debatten über schulbauliche Maßnahmen, als liege der Wert und die Qualität menschlichen Denkens einzig und allein an architektonischen oder hygienischen Fragen.

Den Irrweg dieser Auseinandersetzungen haben vor allem Elternverbände geebnet, die versuchen, die Entmündigungstechniken der professionellen Politik auf die eigenen Kinder zu übertragen. Da hilft es dann auch wenig, wenn der Bund die Erfordernisse einer groß angelegten Bildungsreform formuliert, zur gleichen Zeit aber das Ruder zu einer nationalen Einflussnahme völlig aus der Hand gibt und dem miniaturaristokratischen Balztanz unserer Kleinstaaten das Wort redet.

Wer sagt, früher sei alles besser gewesen, der wagt sich am besten erst gar nicht in die Redaktionsräume der AKTION. Dennoch soll der Mut nicht fehlen, eine Entwicklung als degressiv darstellen zu können, wenn dies der Fall ist. Das, was sich in den letzten Jahren in der politischen Welt der Bundesrepublik konturiert, ist die Degression von einer interessengeleiteten Entscheidungskultur hin zu einer polyzentrischen Besitzstandsdiffusion und einer systematischen Kastration von Entscheidungspotenzialen.

Das kluge Wort, wonach man die Güte großer Organisationen danach bemessen kann, inwieweit es ihnen gelingt, gute Entscheidungen in kurzen Zeiträumen zu fällen, gerinnt zu Staub auf der Zunge angesichts dessen, was wir zu beobachten haben.

Die Ursache dafür kann anhand dreier Thesen abgearbeitet werden:

Die Expansion der Operationalität

Die Elektronisierung der menschlichen Kommunikation hat keineswegs das eingelöst, was unter dem Label der Emanzipationslogik vermarktet wurde. Freier Zugang zu allen Information, Entprivilegierung der Herrschenden in Bezug auf versteckte Wissensarsenale, freie Vernetzung freier Individuen und Assoziationen, globales Lernen und was immer noch, der Eintritt in eine neue technische Ära der Kommunikation wurde mit einer extravaganten Zunahme von Qualität versprochen.

Die Resultate verhalten sich analog zu den gleichen Wellen von Telefon, Radio und Fernsehgerät, deren Verbreitung ebenfalls unter dem Bildungs- und Aufklärungslogo betrieben wurde, bis die massenhafte Anwendung garantiert war und die repressive und eindimensionale Infiltrierung der vermassten Massen fort entwickelt werden konnte.

Allerdings hat keine der vorhergehenden Informations- und Kommunikationstechnologien derartig verheerende Wirkungen angerichtet wie das simultane Konzert aller Entwicklungsstufen bis zum Internet. Der menschliche Denkapparat hat keine augenscheinlichen qualitativen Verbesserungen erfahren, sondern die sich mehr und mehr durchsetzende Interaktion Mensch – Maschine hat zur Folge, dass die Sozialkompetenz der humanen Interaktionspartner degrediert, die Phantasie paralysiert, der Code restringiert und die syntaktische Kompetenz eliminiert wird.

Vorausgesetzt, und romantische Rekurse seien bitte erlaubt, der Mensch braucht die Fähigkeit, sich in einem sozialen Ensemble zu bewegen, er braucht Ideen, um sich selbst zu verwirklichen, seine Sprache befähigt ihn, komplex zu denken und seine Syntax ist ein ziemlich zuverlässiges Abbild seines Vermögens, logische Interdependenzen und Kausalitäten zu erkennen und zu konstruieren, dann ist der Mensch – Maschine – Dialog eine desaströse Angelegenheit.

Doch damit nicht genug: die scharfe Beobachtung Siegmund Freuds, dass der Mensch mit der kapitalistischen Instrumentalisierung und Verwertung der gegenständlichen Welt zu einer Art Prothesengott mutiere, hat sich durch das Anfixen der Arbeitsindividuen an die Rauschmittel der elektronischen Kommunikation verkehrt. Die Computer erscheinen als die Prothesengötter über die Humanwelt, die Menschen sind zu Anhängseln der Verdinglichung geworden.

Ein Terminus technicus verweist auf die Grandiosität der Enthüllung, der der Standardisierung. Da kann dann immer wieder ein Intermezzo der individuellen Lösung gespielt werden, letztendlich bestimmt der Standard das Terrain humaner Kreativität und dementsprechend sieht das Areal aus: Öde, flach und depressiv.

Mit internalisierten Verhaltensstandards gerüstet, treiben sich die freien Individuen des Servicezeitalters in die spannende Galaxie einer modular vorgestellten Welt, derer sie sich aber leider nicht bemächtigen können, weil sie Intervalle der Netzunabhängigkeit immer kürzer werden und die neuerliche Verlinkung droht, welche wiederum eine Zufuhr an operationaler Pflichterfüllung mit sich bringt.

Der bleibende Eindruck elektronisch oktoyierter Operationalität ist jedoch der der Verflüchtigung. Je mehr „operatives Geschäft“ an den Suchtportalen der neuen Technik erledigt wird, desto oberflächlicher wird die Konzentration, ein quasi ätherisches Hinabsteigen in die semi-bewusste Halbfähigkeit muss als Entree gelöst werden, um die subjektive Erfahrung der Folter zu meiden und das Sedativum ungebremster Dekonzentration konsumieren zu können.

Was wir beobachten, ist eine Gerinnung des Scheins in die harten Formen der Materialität und eine Verflüchtigung realen Seins in die illusionäre Sphäre des reinen Scheins. Menschen, die dieser Transformation ausgesetzt sind, haben keinen Zugang mehr zu den Wegen in eine eigene Identität.

Die Atomisierung des Bewusstseins

Zudem ist die unaufhaltsame Auflösung der tradierten sozialen Zusammenhänge bis dato nicht abgelöst worden von neuen Strukturen, die eine Weiterentwicklung gewährleisten könnten. Alt, fad und wirkungslos ist die Medizin der Konservativen jeder Couleur, durch staatliche Trefferprämien bei der Zeugung von Kindern die antiquierte Form der Familie wieder zu etablierten. In den Metropolen der Republik dominieren die Singlehaushalte die der familiären und das nicht ohne Grund. Weder gibt es Kinderbetreuung ausreichende in den Wohnvierteln, noch am Arbeitsplatz und schon gar keine steuerlichen Anreize, die gewährleisten könnten, sich eine qualitativ ausreichende Betreuung vom freien Markt leisten zu können. Ganztagsschulen werden zwar propagiert, scheitern aber meist an der Finanzpolitik der Landesregierungen oder an den Besitzstandslobbies der Lehrer.

Je höher die Menschen qualifiziert sind, desto schwieriger wird es für sie, sich in familiären Bindungen zu arrangieren. Das, was als die biologisch regenerative Phase für die Gesamtpopulation bezeichnet werden muss, deckt sich mit der Zeit, in der die Absorption im Verwertungsprozess am größten ist. Außer beruflicher Hochleistung und notdürftiger Organisation der Reproduktion ist da nicht mehr viel drin. Sozialkontakte werden zunehmend über das Internet geknüpft und die Halbwertzeiten ihres Bestands sind allenfalls mit der Mandelblüte vergleichbar.

Vereine und kulturelle Zusammenschlüsse klagen über ein Ausdörren, erklärt wird dieser Prozess mit der demographischen Entwicklung, nicht mit dem Arbeitsleben, was dann auch haarscharf am Kern des Problems vorbei geht. Die politischen Parteien besitzen nur noch Attraktion für diejenigen, die entweder beruflich etabliert sind oder es erst gar nicht versuchen, einer bürgerlichen Geschäftsmäßigkeit nachzugehen.

Was bleibt, ist eine rudimentäre soziale Kommunikation, die sich selten nur noch auf einen fundierten Zusammenhalt stützen kann. Die atomisierten Individuen sitzen an ihren elektronischen Schaltstationen, substituieren ihre humanen Sozialbedürfnisse durch Mensch-Maschine Interaktionen und artifizielle Gemeinschaftserlebnisse. Menschliche Gesichter verkommen zu Ikonen des High-Tech, Sprachkompetenz, die in der Lage wäre eine gewisse Wärme zu erzeugen, wird syntaktisch reduziert auf Maschinencodes und das Vokabular mutet zuweilen an wie enigmatisch submarines Blubbern.

Es verwundert kaum, dass die zivilisatorische Kultur des Streits und des Aufbegehrens nur noch in metaphorischen Etüden auftaucht, die von einer kleinen und elitären Gruppe im Dunstkreis des Kulturbetriebs exerziert werden, an der großen Masse aber vorbei gehen. Die soziale Deprivation ist voran geschritten, die Individuen verletzt und vereinzelt, das gemeinsame Ziel nichts anderes mehr als ein Traum aus tiefer Ohnmacht.

Die Unfähigkeit, strategisch zu denken

Wie kann es da verwundern, dass sich das ganze gesellschaftliche Ensemble so schrecklich schwer tut, Entwürfe strategischen Ausmaßes zur Welt zu bringen? Der Blick bleibt introvertiert, asozial und mit viel Glück manchmal retrospektiv. Als Entschuldigung für das Unvermögen, weite Perspektiven zu entwickeln, in denen sich die Menschen, die in der Lage wären, Veränderungen vorzunehmen wieder finden, wird entschuldigt mit der unüberschaubaren Komplexität und Diversität des Seins.

Die Erklärung ist bereits ein Dokument der Mystifikation. Nicht das Sein ist so unüberschaubar komplex und divers geworden, sondern der Schein hat sich ins Millionenfache aufgefächert, er überstrapaziert die kognitiven Sinne, weil er eine kosmische Unergründlichkeit vorspiegelt, die das archaisch soziale Dasein überstrahlt. Topoi wie die von Herrn und Knecht, von Dominanz und Abhängigkeit, von Macht und Ohnmacht, von Selbst- und Fremdbestimmung, von Verwirklichung und Entfremdung sind noch auszumachen an jedem Terminal, in jedem Koordinationsbüro, in jeder Fabrikhalle und jedem Laptop in der Karibik.

Der Rekurs auf eine Reflexion der Befreiung beginnt mit der Ableuchtung des Scheins. Das Surfen durch das vermeintlich brisante Wellenmeer der unkritischen Begriffe, hypertropischen Events und der thematischen unendlichen Verlinkung droht die letzte, gattungsspezifisch unabdingbare Kompetenz zu verstümmeln, die erforderlich ist, um eine voluntative Gestaltung der Lebenswelt bewerkstelligen zu können.

Insofern kollabieren nicht einzelne Subsysteme unserer Gesellschaft, sondern die Grundfunktionen des menschlichen Gedankenapparates drohen zu veröden, wenn wir nicht die Notwendigkeit sehen, uns zumindest von Zeit zu Zeit von den sublimiert geladenen Teilchen einer Kommunikation abzukoppeln, deren Verlauf und Inhalt wir selbst nicht mehr bestimmen.

Vom Unwillen, befugt zu sein, seinen Willen durchzusetzen

Es ist immer erfrischend zu sehen, wie kreativ die Torheit vorgeht, wenn sie dem Dogma der political correctness dient. Allenthalben wird nun von Bildungsferne geredet und der Begriff hat allerbeste Chancen, in der Hall of Fame des Dummdeutsch einen privilegierten Platz zu erhalten. Was damit gemeint ist, lässt sich folglich auch schwer deuten. Es soll wohl so etwas ausdrücken wie unterprivilegiert, sozial ausgegrenzt, proletarisch oder einfach auch nur ungebildet.

Es stellt sich die Frage, warum das Problem nicht so offen benannt wird, wie es sich stellt. Und die Antwort ist ebenso einfach wie die Darstellung des Problems. Obwohl wir in einer so genannten Wissensgesellschaft leben, d.h. es theoretisch und praktisch jedermann möglich wäre, sich über alles zu informieren, erwerben immer mehr Menschen immer weniger Wissen. Und, man soll es kaum für möglich halten, sie sind regelrecht ungebildet. Warum das so ist, darüber wird noch zu reden sein, aber dass es so ist, darf am Hofe der elektronischen Demokratie und des E-Government nicht laut ausgesprochen werden.

Und wieder einmal erwischen wir die Sprache des political correctness als eine vorbürgerliche, d.h. anti-aufklärerische Herrschaftssprache, die verbietet, Tatsachen beim Namen zu nennen und die eine Salonfähigkeit versprüht, die nach Puder und Schminke aus dem Ancien régime stinkt.

Nun stellen wir also fest, im Deutschland des dritten Jahrtausends sind viele Menschen ungebildet, weil sie mit wenig Erfolg in wenig erfolgreiche Schulen gegangen sind, vielleicht auch, weil sie zuhause nicht gelernt haben, warum und wie man lernt oder, und das ist der subversivste Grund, weil sie nicht einsehen, warum man überhaupt etwas lernen soll.

Letzteres ist, so scheint es, das große Problem. In der bundesrepublikanischen Realität stellen sich viele Menschen die Frage, was es bringt, ein wissender Mensch zu sein, eine gute berufliche Qualifikation zu haben und über einen kulturellen Horizont zu verfügen. Ob oder ob nicht, so denken immer mehr, es ändert nichts an dem Leben, das vor einem liegt.

O tempora! o mores! könnte da der alte Bildungsbürger schreien und ganz so falsch läge er da auch 2069 Jahre nach Catilina wirklich nicht. Das grassierende Techtelmechtel mit der kollektiven Verblödung hat nicht nur Ursachen in einer nicht mehr vermittelbaren Kausalität von wirtschaftlichem Erfolg und humaner Bildungsgüte, sondern es drängt sich der berechtigte Verdacht auf, dass es mit der Moral vorne und hinten nicht mehr stimmt. Und damit sei nicht die repressive Moral von Herrschaft gemeint, die den Opfern Werte auferlegt, die sie Opfer bleiben lassen, sondern es handelt sich um die desolate Moral derer, die durch ihr Aufbegehren Gesellschaften jung und am Leben halten. Die Moral der revolutionären Truppe ist völlig auf den Hund gekommen, weinerlich, verblödet und besoffen liegt sie im Dreck der Weltgeschichte und weiß nicht mehr weiter.

Und wundern darf es uns nicht. Die großen Illusionen der Befreiung sind längst ausgeträumt und damit ihre ureigensten Axiome. Der historisch vor allem in Deutschland verbreitete Slogan „Wissen ist Macht“, der hat sich für viele augenscheinlich nicht bewahrheitet, schließlich haben weder die erst-klassigen Universitäten des Arbeiter- und Bauernstaates noch die sozialdemokratische Bildungsreformen dazu beigetragen, mehr Demokratie im Sinne volksherrschaftlicher Gestaltungsmöglichkeiten hervorzubringen. Einzelne Individuen aus den unteren Schichten wurden befördert und ihr Glanz bestand darin, die Geschäfte der Herrschenden für begrenzte Zeit führen zu dürfen. Aber substantiell blieb es ein Spuk, der nun auch seit geraumer Zeit vorbei ist.

Diejenigen aber, die heute der Bildungsferne überführt werden, hatten archetypisch nie etwas mit denen zu tun, die sich in individuellen Befreiungsakten durch den Erwerb von Bildung auf ihre Weise emanzipieren konnten. Die Outcasts der Gesellschaft, deren Zahl wächst, waren schon immer skeptisch gegenüber der Weisheit, dass die Klugen weiter kommen. Auch die Unterschicht ist mannigfach ziseliert und so einfach klare Konturierungen aufs Bild zu werfen, ist trügerisch.

Aber der gemeinsame Geist, der durch das sozialdemokratische Bildungsideal eine zeitlang die Gesellschaft getragen hat, der ist mit dem Ende der Ost-West-Dichotomie und der Aufgehenden Sonne der Globalisierung dahin. Klassisch wäre es, jetzt die ökonomischen und sozialen Ursachen dafür freizulegen, aber es hülfe nichts. Daher sei erlaubt, den Begriff der kollektiven Traumatisierung zu vitalisieren, weil es aus Sicht des Autors bei der Sicht auf Deutschland weiterführt.

Ob es die Unfähigkeit zum Nationalstaat war, was in einer Stigmatisierung von außen durch die Formulierung des Volkes der Dichter und Denker seine Entsprechung fand, oder ob es in dem später anderen, asiatischen Völkern vorgeworfenen Plagiatentum im industriellen Zeitalter durch den Nachbau britischer Eisenbahnen seinen Ausdruck fand, was in der Sanktion endete, die Plagiatprodukte durch eine Made in Germany kennzeichnen zu müssen, es handelte sich bei jedem Großereignis deutscher Geschichte oder wirtschaftlichen Handelns um eine grandiose kollektive Umdeutung der Welt. Mit germano-zentristischer Subtilität wurde die Unfähigkeit, einen Nationalstaat zu gründen, in eine kulturelle Hegemonie deutscher Zunge verwandelt. Und mit der gleichen Chuzpe wurde aus dem Kainsmal des Plagiats ein Gütesiegel, auf das viele in der globalisierten Ökonomie noch stolz sind, obwohl es längst in die musealen Beinhäuser gehört.

Der verlorene Erste Weltkrieg war ein Dolchstoß, der Vertrag von Versailles eine Schmach, der Zweite Weltkrieg eine schlimme Sache, aber der eigentliche Sieger waren wir. Es ist ein Axiom der Geschichte, dass Völker Höhen und Tiefen erleben, dass die Sonne in manchen Ländern glänzt und dann wieder der kalte Mond sein mitleidsloses Licht auf das Schattenreich wirft. Und es ist keine Seltenheit, dass die Völker in ihren Ländern höchst wechselvoll auf ihr jeweiliges Schicksal reagieren. Mal empört, mal fatalistisch, mal manisch und mal depressiv. Aber in the long run kommen sie alle zu einer doch nicht ganz unrealistischen Einschätzung ihrer Rolle in der Weltgemeinschaft. Manche besitzen sogar die Weisheit, ihren Stellenwert kosmisch zu definieren.

In Deutschland ist das anders. Da leben nämlich die Weltmeister, dort ist die Wissenschaft und Hochtechnologie zuhause. Da wurden Aufgaben bewältigt, wie sie andere nicht haben schultern können. In dieser sowohl inszenierten als auch internalisierten Selbstwahrnehmung fällt es schwer, ein kritisches Bewusstsein zu entwickeln, dass Voraussetzung ist für das schwierige Unterfangen der Selbstbefreiung.

Das letzte große Trauma unseres Volkes wurde verursacht durch den Doppelschlag, zunächst große Schuld auf sich geladen zu haben und dann auch noch unterlegen zu sein. Wer nämlich Schuld auf sich lädt und herrscht, der kann es verkraften, wer guten Gewissens ist und unterliegt, der bleibt vor sich selbst unbeschadet, wer jedoch von einem schlechten Gewissen zersetzt wird und dann noch die Knute zu spüren bekommt, der muss sich in die phantastischen Welten flüchten. Aber subconscious, tief unten auf dem Seelengrund, da liegen die Requisiten des ganzen Debakels und keiner holt sie ab.

So sind wir es gewohnt, immer wieder in bestimmten Sequenzen mit donnerndem Getöse das Heldenepos zu inszenieren, freilich nur für uns, ganz klandestin, um es in der Öffentlichkeit empört von uns zu weisen, weil wir nicht den Mut besitzen, in einem Stück aufzutreten, in dem wir uns für eine Zeit wohl fühlen. Das wird verhindert durch das neue Dogma, die repressive Form der umgekehrten Freiheit, das Reservat für die Menschlichkeit, in dem dieselbe längst ausgestorben ist. Alles, was politisch korrekt ist, zerschneidet den ach so sympathischen Sensualismus mit rostiger Klinge.

Ein Volk, dessen bewusste Geschichte beginnt mit dem Nibelungenmythos, in dem der Held, dessen Trachten die Koexistenz von Geist und Materie, Herrschaft und Arbeit, Freiheit und Klugheit, Lust und Disziplin, Phantasie und Pragmatismus war, gemeuchelt wird von einem mediokren Lakaien der christlich-römischen Weltenzerteiler und dessen Gegenwart die Enttäuschung über das Ende der Teilung des eigenen Landes ausmacht, ein solches Volk hat es schwer, einen positiven Entwurf für die Zukunft zu formulieren.

Wem es einmal vergönnt war, über die mythologisch besetzten Areale in Asien zu schreiten, dem konnte auffallen, welche Erhabenheit ihn umstrahlt und mit welcher Demut er sein eigenes Individuum erlebt. Selbst die Affenschreie aus den benachbarten Dschungeln vermitteln das Gefühl einer Größe, in der sich das Kollektiv beheimatet fühlen kann. Die mythologischen Heldenfelder genießen den Schutz der Universalität des Erlebten, des ewigen Kampfes der Kreatur mit Herrschaft und Knechtschaft, Hass und Liebe, Depression und Hoffnung, Krieg und Frieden, Geist und Arbeit. Nicht, dass wir in der kalten Zone dieser Welt nicht auch den Zugang zu dieser Universalität hätten, aber das Zugeständnis, als Menschen ausnahmslos an diesem Kosmos teilzuhaben und darin eine respektierte Rolle zu genießen, dieses Zugeständnis fehlt mangels historischem Bewusstsein. Wie anders, bitte schön, sollen wir erklären, dass an dem Ort des Mordes an Siegfried heute eine Kläranlage der BASF steht? Selbst die schwärzeste Regie käme nicht auf die Idee, die materialisierte Geschichtslosigkeit in einer derartigen Skurrilität zu inszenieren.

Das Resultat einer derartigen historischen Abfolge von Debakeln, sowohl auf den dinglichen Feldern als auch in den seelischen Tiefen, konnte nicht ohne Folgen bleiben. Größe und Mut, Risikobereitschaft und vielleicht auch die manchmal nötige Tollheit, um die Welt zu verändern, all das wird nur noch in der Fieberwelt geduldet, da sind sich auch alle schnell einig, da baden wir nur allzu gern im Lustbad der Macht. Die großen Sympathien aus deutschen Landen reichen nicht umsonst vom Mackie Messer der Dreigroschenoper bis zum Mr. Wolf in Pulp Fiction.

Im so genannten wahren Leben aber, das regiert das Mittelmaß, die Garantie vor dem Risiko, da werden Versicherungs- und Haftungsfragen die alles dominierenden Themen, da leckt der Mainstream jede Wunde und das Verwegene hat keine Chance. Kein Wunder, dass so manch rebellischer Geist erheblich ins Schlingern gerät, bevor er mit diesem Licht- und Schattenspiel umzugehen versteht.

Die Handlungsmaximen einer jeden Generation werden aus dem historischen Bewusstsein abgeleitet, dessen sie sich zurechnet. Zum ersten Mal in der Geschichte stehen wir vor Situationen, in denen Generationen nicht mehr fähig sind, dieses notwendige und vielleicht auch verschwommene Etwas zu definieren. Sie wissen nicht mehr, woher sie kommen, wo sie stehen und wohin sie wollen. Sie kennen nicht ihre Relativität in dem großen geschichtlichen Zusammenhang. Sie haben sich noch nie die Frage gestellt, wofür es sich zu sterben und wofür es sich zu leben lohnt. Sie sind nicht in der Lage, sich zu fragen, was ihr heutiges Tun in der Zukunft zu bewirken vermag. Diese wenigen, jedoch essentiellen Fragen sind es, die einen Korridor zum historischen Bewusstsein öffnen, die Fähigkeit, zwischen Erinnerung und Zukunftsvision die eigene Existenz kritisch zu orten und zu reflektieren.

Ohne dieses Instrument degeneriert die Humanexistenz zum Amöbenhaften, wird das Sein beliebig und das Bewusstsein unerheblich. Wenn wir also die Zustände so besorgt zu sehen haben, wie dieses hier geschieht, dann müssen wir uns die Frage stellen, wie es dazu kommt. Zum Teil liegt die Erklärung vor, die psychologischen Ursachen sind in der perpetuierten Traumatisierung zu finden, die existentiellen im Verlust einer emanzipatorischen Vision, die ja gerade eine Folge dessen ist, was wir beklagen.

Das Problem ist der Unwille, Macht zu erwerben und auszuüben. Obwohl er dazu beitragen könnte, die miese Rezeption durch den Faschismus zu klären, sei der Name Nietzsche hier erst gar nicht bemüht, da die Corporate Identity des neudemokratischen Deutschland sich vor allem durch Tabus bestimmt.

Aber lassen wir doch einfach zu, dass Macht zumindest etwas positiv Ambivalentes in sich birgt. Etymologisch unverdächtig von Machen deriviert, ist es eine Beschreibung, die die Potenz zur Aktion erfasst, die das Individuum oder die Gruppe befähigt, etwas zu tun, wovon es oder sie überzeugt sind oder, besser noch im emanzipatorischen Kontext, eine Tat zu begehen, die von Repressivität befreit. Was kann schlecht sein, einen solchen Willen zu haben, außer dass er die Nebel einer ungeklärten Vergangenheit schnell vertreiben würde?

Fragen wir, um den Missklang an mögliche asiatische Despotien a priori auszuschließen, fragen wir angelsächsische Völker, ob sie der Auffassung wären, die Macht sei etwas schlechtes an sich, wir ernteten bestenfalls unverständliche Blicke. Der in Deutschland und im deutschen Gemüt beheimatete Unwille, die Macht als ein Werkzeug zu begreifen, dessen Besitz unter emanzipatorischen Gesichtspunkten erstrebenswert ist, ist der Schlüssel zu der Erklärung, warum die Kinder Germanistans keine Bücher mehr lesen wollen.

Der erwähnte, alte, aber immer noch zutreffende Slogan der Sozialdemokratie, Wissen ist Macht, im Sinne einer Möglichkeit, sich Zugang zu verschaffen, der erreicht die Menschen nicht mehr in der intellektuellen und psychischen Verfassung, in der sie sich befinden. Für sie ist es degoutant, sich um Macht zu bemühen, denn sie erleben die Macht nur repressiv und degeneriert. Und weil es so ist, darum sind auch die Zugänge zu den Arealen der Verwirklichung so suspekt.

Es herrscht eine pathologische Angst im Lande, wenn es darum geht, nach Macht zu streben und deshalb finden wir auch kaum noch einen Willen, Bildung zu erwerben. Denn Bildung ermöglicht es, sich zu einem historischen Bewusstsein aufzuschwingen, Bildung ermöglicht es, sein Leben aktiv gestalten zu können und emanzipatorische Schritte zu gehen.

Der Kampf, vor dem die Gesellschaft momentan steht, ist der entscheidendste der Neuzeit. Die Revolutionen und Kriege des letzten Jahrhunderts waren auch Zeichen großer Vitalität der Völker, sie folgten positiven Idealen wie verheerenden Irrwegen, aber sie besaßen – für sich – eine Definition ihrer selbst und eine Vision ihrer jeweiligen Zukunft. Sollte der Kampf um einen demokratisch begründeten Bildungszugang verloren werden, dann stehen wir vor einer langen Perspektive der Geschichtslosigkeit. Es wird Friedhofsruhe einkehren, die universalen Themen der Existenz werden ohne ihre antagonistischen Pendants auskommen müssen, Herrschaft und Hass, Krieg und Neid, Missgunst und Eifersucht werden die Existenz von Generationen vergällen.

In solchen Situationen bemühte Heinrich Heine den Olymp. Vor allem jene Szene scheint angebracht, in der die Götter bei viel Sinneslust und Kurzweil, bei Nektar und Ambrosia nackt durcheinander liegen. Nur eine Frau ist darunter, die mit einem Panzer bekleidet ist und Schwert und Schild bei sich trägt: Es ist die Göttin der Weisheit.

Tanjung Priok

Ein Name, der für die Wucht der Veränderung steht. Ein Hafen, der aus den Wassern der Java See gespeist wird und dessen Vitalität für die Anarchie und die Explosivität gewaltiger gesellschaftlicher Veränderung steht. Im Norden Jakartas gelegen, ist dieser Hafen Zeuge ungesteuerter Veränderung. Dort, wo die großen Fähren mit tausenden Menschen überladen die millionenfache Stadtbevölkerung über die Meere zu den verschiedenen Inseln des Landes bringen, wenn der Fastenmonat Ramadan beginnt. Schwer beladen mit den kulinarischen Schätzen dieser ins uferlose wuchernden Metropole schwärmen sie aus in die Provinzen ihrer Herkunft, um die Daheimgebliebenen von der Früchten ihres Erfolges kosten zu lassen, so bescheiden der am Ende auch aussehen mag. Sie ziehen von allen Teilen der Fünfzehnmillionenmetropole durch das im Norden gelegene Chinesenviertel Glodok, wo sie die letzten Geschenke kaufen, die schon lange in keinen Koffer und in keine Tasche mehr passen. Vorbei an stinkenden Märkten und fauligen Supermärkten, an illustren Spielhöllen, an Bahngleisen entlang, wo die minderjährigen Huren ihre Freier in Fernsehkartons empfangen, vorbei an großen Displays, die mit riesigen Lauflettern das Glück in Form der neuesten Produkte verheißen, zu Fuß, mit Fahrradtaxen oder zu fünft auf dem Moped. Hier und da machen sie dann doch wieder Halt, um einem bärtigen Chinesen mit langem Nagel am kleinen, und einem in der feuchten Tropensonne matt glänzenden, mächtigen Rubin am anderen Finger ein letztes oleh-oleh, ein Geschenk von der Reise abzukaufen oder ein nasi goreng bei einer Tasse bittersüßem Tee zu verschlingen. Zeit bringen sie mit, denn die Schiffe sind immer ausgebucht, und manchmal springen sie noch auf, wenn es schon ausläuft, bedächtig tief liegend, stöhnend und schwer schnaubend.

In nur ein oder zwei Wochen werden sie zurück kommen nach Tanjung Priok, den Hafen Jakartas, in dem der größte Gong Asiens beherbergt ist, zu dem in der Silvesternacht Hunderttausende pilgern, wenn er geschlagen wird, um sich das Glück zu wünschen, in der jährlich mehr und mehr unter den Meeresspiegel sinkenden Metropole zu überleben. Und wenn sie zurückkehren, dann bringen sie noch Freunde und Verwandte mit aus ihrem Heimatdorf, junge Leute, die den Willen verloren haben, in den Dörfern der Reisernte oder dem Fischfang nachzugehen und auf die tropische Nacht zu warten. Was an Waren in den Provinzen geblieben ist, bekommen die Schiffe nun mit neuen Menschen in die vollen Bäuche gestopft und so schnaufen sie zurück in den Hafen Tanjung Priok und im Laufe weniger Tage nach dem lang ersehnten Fest Idul Fitri bringen sie jährlich eine halbe Millionen mehr Menschen nach Jaya Karta, die Große, die Siegreiche, und sie werden bleiben. Vom Tage Eins an werden sie sich dem Überlebenskampf stellen, die Batak, die Dayak, die Javaner, die Balinesen, die Papua, die Mindanao, die Molukker und Bugi. Aus allen Teilen des Inselreiches eilen sie herbei, um im Tiegel der südostasiatischen Kulturen gebrannt zu werden. Mit Kopftüchern geschmückt und anmutend wie Piraten aus der Vorzeit, stellen sie sich dem Kampf in einer der vitalsten Arenen der Globalisierung.