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Neue Atlanten!

Plädoyer für eine Weltkarte der Kernkompetenzen, Teil I

In einem Zeitalter, das sich durch eine gewaltige Globalisierungswelle definiert und in dem der Ruf nach interkultureller Kompetenz so laut geworden ist wie nie zuvor, muss es irritieren, dass die Frage nach der Herkunft in der praktischen Konversation ziemlich aus der Mode gekommen ist. In unseren Breitengraden gilt es mehr als eine unredliche Penetrierung der Intimsphäre als an ein Signal aufrichtigen Interesses, sich nach dem Herkommen des Gegenübers zu erkundigen. Und dieses sowohl im geographischen und sozialen Kontext wie hinsichtlich der historischen Tradition. Irgendetwas scheint verstellt zu sein im Blickfeld des Reisenden, der zunehmend den Durchschnittstypus des 21. Jahrhunderts auszumachen scheint.

Aufgrund von Dogmen der Political correctness und eine sich in exzentrische Vermeidungsstrategien gesteigerte Konfliktscheue ist etwas abhanden gekommen, das in früheren Epochen das Tor der Erkenntnis immer sehr weit aufgestoßen hatte: Die Neugierde auf das Unbekannte, das Wissen-Wollen in Bezug auf eine fremde Welt und das Austarieren dessen, was das Fremde an Bereicherung mit sich bringt.

Von den oralen Gesellschaften bis zum europäischen Mittelalter, von den fahrenden Handwerksgesellen bis hin zu den Handelvertretern des frühen 20. Jahrhunderts haben sich die Europäer viele ihrer Erkenntnisse durch die mündliche Weiterreichung von Erfahrungsberichten erworben. Das Ritual, welches diese Art von Bildung eröffnete, quasi die Initiationsfrage war dabei immer: Woher kommst du, Fremder?

So scheint es nicht verwunderlich zu sein, dass wir, der heutige antike Westen, uns eine Erfahrungsquelle verschlossen haben, die auf anderen, von Energie sprudelnden Kontinenten wie dem asiatischen vitaler ist denn je. Die Blockierung der Neugierde aus Furcht, man könne etwas Falsches fragen, führt zu einer Provinzialisierung der eigenen Erfahrungswelt mit schrecklichen Folgen. Bis auf das abstrakte Informationsagglomerat aus dem Netz verfügen wir über immer weniger unmittelbare Erfahrungen. Letztere, so lehrt uns auch die historische Anthropologie, sind jedoch der Humusboden für eine Lebenspraxis, die tatsächliche Aussicht auf Erfolg hat.

Und schlimmer noch: In dem Maße, in dem wir die Frage nach der Herkunft den Anderen nicht mehr stellen, in demselben Maße geht uns die Reflexion über die eigene Existenz verloren. Nur der Vergleich mit dem Dasein des Gegenübers ermöglicht es, den eigenen biographischen Verlauf zu bewerten. Wir müssen leider lernen, dass die immer geringer werdende unmittelbare Erfahrung hinsichtlich der Identität und Lebensgeschichte der Menschen, denen wir begegnen, zu einer stetigen Verarmung an profundem Wissen über uns selbst folgt.

Wir sind an einem Punkt, an dem die Kommunikationswissenschaft ohne die Perspektive der Anthropologie nicht mehr auskommt. Kulturen, die sich die Neugierde nach dem Befinden des Reisenden bewahrt haben, gelten als die Biotope, in denen das, was wir heute die interkulturelle Kompetenz nennen, in einer beneidenswerten Blüte steht.

Kollektive Identitäten

Jenseits der Biologie existieren in einer jeden Gesellschaft Muster, die historisch geprägt sind und zur Identifikation beitragen. Bei aller Diversität der modernen Massendemokratie sind diese relativ eindeutig zu bestimmen und zu definieren. Mag ihre Deutung auch im Bereich eines heftigen Diskurses liegen, so sind die Fixpunkte in der Regel nicht Gegenstand der Auseinandersetzung.

In Deutschland könnte man historische Daten wie die so genannte Völkerschlacht bei Leipzig 1815, die Frankfurter Paulskirche 1848, den deutsch-französischen Krieg 1870/71, die beiden Weltkriege, den Mauerbau 1963 sowie die Wiedervereinigung 1990 nehmen. Das Problem historischer Ereignisse ist jenseits der tatsächlichen Zäsursetzung jedoch, dass sie von heftigen Disputen umgeben sind. Daher ist es, auch im Kontext weiterer Betrachtungen, nicht ratsam, der historischen Zeitleiste zu folgen.

Bei der Identitätssuche bieten sich andere Felder an, die die Gesellschaft radikal in ihrer Entwicklung beeinflusst haben und folglich nicht gleich einer großen Deutungsauseinandersetzung ausgeliefert sind. So könnte man sich sehr gut vorstellen, das jüngere Deutschland durch Überschriften wie Industrialisierung, Verwissenschaftlichung, Militarisierung, Traumatisierung und Sensibilisierung zu umschreiben. Die so bezeichneten Phasen bilden Ablagerungen in unserem jeweiligen Bewusstsein, zwar aufgrund der Generationenzugehörigkeit unterschiedlich nuanciert, aber überall vorhanden.

Die gesellschaftlichen Entwicklungsphasen haben mit der Industrialisierung die Tür zur Moderne aufgestoßen, mit der Industrialisierung kam eiserne Disziplin, Massenerziehung und Warenreichtum. Die Verwissenschaftlichung etablerte das methodische, reflexive und lösungsorientierte Denken. Mit der Militarisierung wurde die Industrialisierung pervertiert, die Effizienzmaschine vollzog die Irrationalität des Mordens und schuf die Vorbedingungen für eine kollektive Traumatisierung, die durch den kollektiven Schuldkomplex als Folge des Nationalsozialismus in eine mehrere Generationen erfassende Dimension gehoben wurde. Die Befriedung des Aggressors führte letztendlich zu einer starken Sensibilisierung, die zu einer Weltherrschaft in der Deutung der negativen Seite einer Errungenschaft heranwuchs.

Sollte man den gegenwärtigen Zustand Deutschlands in Bezug auf die hier benannten groben Phasen beschreiben, so sind wir wohl auf dem Weg in eine Art Postsensibilisierung, d.h. wir beginnen zu reflektieren, wie der von uns praktizierte systemische Skeptizismus, wie historisch er auch begründet sein mag und wie sehr er uns auch genützt hat, wie eben dieser Skeptizismus uns alle Kräfte zu rauben beginnt, die für die Entwicklung zukunftsfähiger Strategien erforderlich sind.

Trotz einer degressiven Bilanz über das letzte Jahrhundert können wir bei der Rekapitulierung der Frage, woher wir kommen, eine Reihe von Attributen anführen, die zu strategischem Optimismus berechtigen.

Das Tafelsilber des Westens

Die Stärken des Westens, Europas und Deutschlands sind zurückzuführen auf eine karge Natur und den frühen Zwang, durch Disziplin und Rationierung zu existieren wie der europäischen Aufklärung. Die zunächst bizarr erscheinende Nebeneinanderreihung materieller Lebensbedingungen und einem geistigen Befreiungsschlag mag verwundern, löst sich aber auf, wenn wir den Mut aufbringen, alles das einmal aufzureihen, was als Stärke im Vergleich zu anderen Weltkulturen und Weltökonomien identifiziert werden kann.

Unsere Gesellschaft basiert auf kodifiziertem Recht, das einklagbar und sanktioniert ist. Wir verfügen in unserer Konstitution über ein selbst referentielles Ich, das geschützt ist und zur Verantwortung gezogen wird. Unser Denken ist wie selbstverständlich geprägt von einer Orientierung auf Ziele und wir beherrschen das Messen, Wiegen Zählen und Buchführen. Die Staatsform, in der wir uns bewegen, ist eine Demokratie.

Die geistigen Grundlagen für unser ökonomisches und politisches Handeln entstammen aus einer ausdifferenzierten Wissenschaft, die über eine mächtige moralische Lobby verfügt. Der Mangel hat uns zu einer Planungsintelligenz verholfen, die einzigartig ist und außer Konkurrenz steht. Wir handeln anhand wissenschaftlich erprobter Methoden und entwickeln die hoch differenzierte Methodologie stetig weiter. In hohem Grade folgen wir einer in unser Denken und Handeln tief eingepflanzten und historisch gewachsenen Ressourcenökonomie, die uns letztendlich auch zu dem Feld der Ökologie geführt hat, das wir politisch beherrschen, auf dem wir uns technisch Vorteile verschaffen können und das uns in die Lage bringen kann, neue Quellen des Reichtums zu erschließen.

Wir verfügen über ein kritisches Ich, das uns in die Lage versetzt, unser eigenes Handeln einer Bewertung zu unterziehen und Fehler unabhängig von moralischen Komplikationen zu ergründen. Zudem verfügen wir über eine Infrastruktur, die es uns ermöglicht, schnell zu sein. Bis dato gesellen sich zu den Vorteilen sogar noch Wohlstandsreservoirs, die uns vor Zornphilosophien schützen und das Handeln aus einer gesicherten Existenz in großem Maße erleichtern.

Die globale Dominanz des Westens resultiert aus der Emanzipation der Philosophie von der Religion, aus der Individualisierung der Verantwortung, aus der Kodifizierung von Recht und aus der Legitimation durch Verfahren. Sie ist das Produkt einer Versachlichung der Welt und ihrer Befreiung von Mythen. Der Doppelcharakter dieser Art von Aufklärung ist hinreichend beschrieben worden, die positiven Ergebnisse jedoch sind nicht von der Hand zu weisen.

Das Tafelsilber des Westens ist mit der Qualität kritischen Denkens und mit dem Bild der physischen Vernetzung, sprich mit Bildung und Infrastruktur am besten zu beschreiben. Es hat noch beträchtlichen Wert, wird allerdings zunehmend unter Kurs verspielt.

Kontexte der Sozialisation

Bei der Bestimmung wesentlicher Einflussfaktoren auf unsere Persönlichkeitsstruktur finden sich nicht nur die direkten Interventionsgestalten wie das Elternhaus, die Schule oder der Betrieb wieder. Wir sind zudem geprägt von einer bestimmten spirituell und kulturell zu definierenden Schwingung, die wir oft profan den Zeitgeist nennen. In der psychosozialen Dimension sind wir heute sehr geprägt von den Phasen der Traumatisierung als Kriegsfolge und der überprägten Sensibilisierung, die sich in Skeptizismus und Defätismus äußert. Unabhängig davon existierten und existieren bei unserer Sozialisation weiterhin positive Kraftfelder, die sich aus den Assets unseres Kulturkreises speisen.

Das, was als das Tafelsilber des Westens bezeichnet wurde und mit den großen Überschriften von Bildung und Infrastruktur benannt werden kann, wird komplettiert durch die Vorteile des sich selbst reflektierenden Ichs in seiner aufgeklärten Disposition. Neben der Selbstverständlichkeit einer physischen Infrastruktur und der ebenso vorhandenen Gewissheit, einen Zugang zu Bildung zu bekommen, haben sich Denkweisen in die Individualität westlicher Menschen eingepflanzt, die keiner Sozialisationsinstanz direkt gutgeschrieben werden können, sondern als kulturell-nationale Identitäten verstanden werden müssen.

Kein Mensch in der globalen Sphäre ist so von einer Zielorientierung geprägt wie der westliche. Das Denken in Zielen sowie in Mittel-Zweck-Relationen ist ihm quasi von der Wiege her mitgegeben und prägt den gesamten existenziellen Rhythmus. Bis zur Herausbildung einer eigenen Disziplin, der Teleologie, hat sich der westliche Kulturkreis mit dem Zweck der Dinge, mit den Mitteln zu seiner Erreichung, was sich in der Methodologie ausdrückt, intensiv beschäftigt. Von der Beherrschung handwerklicher Technik bis zur Handhabung der Macht wurde die Relation von Zweck und Mittel verwissenschaftlicht und somit einer moralischen Kontrolle enthoben. Die Kritik an letzter Entwicklung wurde in dem Vorwurf der Technokratie und des Utilitarismus manifest, dem die Kritik an einer rein technisch definierten Form der Beherrschung und der Befreiung jeglicher gesellschaftlicher Moralität innewohnt.

Eine ähnliche Form der Weltherrschaft wurde durch einen weiteren Sozialisationskontext bewirkt. Das Wissen in den gemäßigten Zonen um die Begrenztheit und Endlichkeit von Ressourcen führte seit archaischen Zeiten zu einer eisernen Disziplinierung und einer Perfektionierung des ressourcenökonomischen Denkens. Vorratsbildung, Rationierung und Sparsamkeit sind Tugenden, die nicht aus einem abstrakten Ethos, sondern aus Jahrtausenden bitterer Erfahrung abgeleitet wurden, und die in Bezug auf die Güter der Vergangenheit vielleicht nicht mehr so aktuell sind, aber durch Komplexe wie Natur, Energie und Umwelt heute und in der Zukunft abgelöst werden.

Um in dem Feld einer globalen Komparatistik zu bleiben: Zielorientierung und Ressourcenökonomie sind aus den Sozialisationskontexten des Westens generierte Denk- und Verhaltensweisen, die bis dato andere Kulturkreise zu dominieren in der Lage sind, sofern sie nicht in ihren Hochburgen erodieren.

Das westfälische Abendmahl

Die klassische Deutsche Philosophie konnte sich durch das Einwirken der Aufklärung von der Universalität ihres Anspruchs nie ganz frei machen. Kant, der ursprünglich ganz vehement die systemische und systematische Universalität eines philosophischen Gebäudes reklamierte, hielt sein eigenes Postulat nur noch begrenzt durch. In der Dichotomie von reiner und praktischer Vernunft war er bereits auf Abwegen. Hegel löste das Schisma des in sich Geschlossenen wesentlich radikaler durch die dialektische Hermeneutik auf. Und Marx verweltlichte die göttliche-vernünftige Dialektik Hegels durch die Infusion der Materie. Geblieben war lange Zeit trotz allem die Vorstellung, mit dem gewählten philosophischen Ansatz die Welt in ihrer Komplexität erklären zu können. Das Anwachsen der Komplexität und die weltweit gesellschaftlich unterschiedlichen Entwicklungsstufen sorgten in der Moderne dafür, dass diese Vorstellung nicht mehr durchgehalten werden konnte.

Lange vor dem historischen Durchschlag der Moderne und als Zeitgenosse der großen Dialektiker sprengte der jüdisch-rheinische Schriftsteller Heinrich Heine in seinem Pariser Exil jedoch die Idee des philosophisch geschlossenen Systems, in dem er sich aus pädagogischen Gründen an eine Artikelserie machte, die in der Literaturgeschichte unter dem Titel „Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland“ einging. Mit diesen Beiträgen beabsichtigte Heine, dem französischen Publikum einen Einblick in die deutsche Denkweise und Volkspsyche zu geben. In meisterhafter Art und Weise beschrieb Heine zum einen den Ursprung der klassischen Philosophie in Deutschland aus der Religion und ihre Transformation durch die luthersche Reformation in die Philosophie. Und er skizzierte die rasante Entwicklung der so entstandenen modernen Philosophie durch die investigative und emanzipatorische Dimension der Aufklärung.

Das Revolutionäre an Heines Aufzeichnungen indes ist in dem von ihm hergestellten Konnex zur Volkspsyche zu suchen, die sich in den Mythenbildungen finden lässt. In einzigartigen Metaphern illustriert Heine den ewigen Kampf zwischen Spiritualismus und Sensualismus, zwischen Kopf und Bauch im Denken, Handeln und Fabulieren des Volkes. Und es gelingt ihm, das Entstehen der philosophischen Schulen in diesen Mustern zu suchen. Heine endet in seinen Ausführungen bei der Dialektik und der sich daraus ableitenden Folge der bürgerlichen Revolution. Und anhand der dargestellten massenpsychologischen Befindlichkeiten der Deutschen warnt er die Franzosen in nahezu prophetischer Qualität vor den Eruptionen der Deutschen.

Als zu Beginn des 14. Jahrhunderts im westfälischen Soest der Beschluss gefasst wurde, die Wiesenkirche zu bauen, entwarfen die dortigen Baumeister ein Werk der Gotik, das als solides Produkt der Zeit betrachtet werden kann. Einzig der lokale Künstler, der den Auftrag bekam, das Abendmahl im Hauptschiff auf einer Bleiverglasung darzustellen, hielt er sich nicht an den Mainstream der herrschenden Mutterkirche. Es entstand ein ziemlich derbes Gelage und an der noch heute zu betrachtenden Tafel waren nicht die obligatorischen Brotstangen und Weinkrüge zu sehen, sondern ein Schinken, ein Schweinskopf, Pumpernickel und viel Bier und es wurde kräftig zugelangt.

Das unter dem Namen „Das westfälische Abendmahl“ eingegangene Gelage in der Soester Wiesenkirche ist eine mächtige Illustration der Bodenständigkeit, ohne deren Existenz die elaborierteste gedankliche Programmatik sich ins Nichts auflöst.

Der babylonische Bildungskollaps

Nichts hätte die Irrationalität, den Defätismus und den Depressionskult besser bedienen können als die seit fünf Jahren immer wieder auftauchenden Testergebnisse des OECD-Projects of International Student Assessment, PISA.

Urplötzlich wird die Befindlichkeit einer immer in den Wolken der Hegemonie schwebenden Gesellschaft ins Mark getroffen. Diagnose: Trotz Milliarden, die in die Bildungs- und Schulsysteme gesteckt werden, haben die jungen Menschen, die sie durchlaufen, keine großen Erfolge und sind zudem schlecht qualifiziert. Und, trotz einer über Dekaden nach den Zielen der Chancengleichheit ausgerichteten Bildungspolitik, sind die Chancen für Kinder aus Schichten der sozialen Benachteiligung noch schlechter geworden. Deutschland, die nahezu gesetzte Heimat von Weltmeistern jeglicher Art und Güte, sieht sich seither im unaufhaltsamen Strudel Richtung Mittelmaß, und der Drang, sich dennoch wieder in die Weltspitze mit vorzuarbeiten ist so groß, dass man sich nicht scheut, sich bereits auf der Höhe Mexikos zu wähnen (Baden-Württemberg), während ein anderes konkurrierendes Bundesland (NRW) immer noch auf dem Niveau von Guatemala dahindümpelt.

Und es kam und kommt täglich noch schlimmer, die Mediokrität erfasst alles, was die Nation zu bieten hat: Wirtschaft, Arbeit, Soziales, Bildung, Sport, Kunst, Literatur. Nur in den Bereichen, die zum einen die Seelenlage der Nation betrifft, zum anderen die Politik beschreibt, wird die Mittelmäßigkeit noch unterboten.

Und es könnte gehörig missverstanden werden, wenn an dieser Stelle in dem gleichen Stile weiterfabuliert werden würde. Dann nämlich suggerierten die meisten Leserinnen und Leser zu Recht, es handele sich um das Elaborat einer umgestülpten Depression, die sich nun in Form des Zynismus Luft zu verschaffen suchte.

Mitnichten. Das Leiden an den gegenwärtigen gesellschaftlichen Zuständen ist echt und der Versuch, die vitalen Linien der Krise mit wenigen Strichen vor das Auge des Betrachters zu werfen entspringt dem Wunsch, Menschen aufzuspüren, denen nach wie vor die Energie zur Veränderung zur Verfügung steht.

Eine Diskussion, deren Ziel es sein muss, eine solide Grundlage für eine ordentliche politische Utopie zu schaffen, darf nur mit Kürze und Prägnanz die Gemüter bewegen. Daher sei es erlaubt, nur zwei Bereiche – Bildung und Politik – zu skizzieren, um Widerspruch hervorzurufen und Wallung in die Auseinandersetzung zu bringen.

Mit dem PISA-Schock setzte in der Bundesrepublik eine Diskussion ein, deren Verlauf das Dilemma einer stagnierenden und strategisch nicht mehr fruchtbaren Gesellschaft dokumentiert. Alle in den Bildungskosmos verstrickten Gruppen bringen es seit über fünf Jahren ohne Probleme fertig, die eigenen Historie und ihre kritische Reflexion auszublenden und nach Feldern einer Surrogatkritik zu suchen.
Lehrerinnen und Lehrer sind, jeweils immer nach den eigenen Referenzsystemen, noch nie so engagiert und innovationsfreudig, so emanzipatorisch und zielorientiert gewesen wie in diesen Tagen. Die Kommunen hatten noch nie eine derartige Verantwortung für die gesellschaftlichen Implikationen von Bildungsverläufen wie heute, die Landesbürokratie hat zu keiner Zeit vorher die Stimulanzen für das hoch qualifizierte pädagogische Personal besser geschaffen und mehr für die spirituelle Erbauung dieser Leistungsträger getan. Der Bund war nie liberaler und letztendlich fördernder, wenn es um Bildungsinitiativen ging und die kritische Elternschaft hat die öffentlichen Organe, die für die Organisation und Gewährleistung von Bildung verantwortlich zeichnen, nie besser kontrolliert als heute.

Da ist es schon erstaunlich, dass die Quote derjenigen, die ohne Schulabschluss dastehen, steigt, die Übergänge auf weiterführende Schulen nicht sonderlich hoch sind und diejenigen, die ihre Schule erfolgreich abschließen, nur selten eine berufliche Perspektive geboten bekommen.

Natürlich hängt alles zusammen, und gerade weil es so ist, sollte kein Hehl daraus gemacht werden, dass die Lehrerschaft im Laufe von Dekaden zu einer verbeamteten Spezialklientel mutierte, deren Besitzstandsinteressen von den freigestellten Kolleginnen und Kollegen in den Parlamenten gesichert wurden und auf deren Verpflichtung auf die Schülerschaft kaum noch jemand trotz stärkster Überlegung kommt.

Ebenso wenig verwundert es, dass die Kommunen in einem langen Erosionsprozess ihrer demokratischen Vitalität beraubt wurden. Steuerlich versiegende Hähne sorgen dafür, dass die strategische Aufgabe, sich den regional erforderlichen Bildungsfragen auch programmatisch zu widmen, untergehen in hitzigen Debatten über schulbauliche Maßnahmen, als liege der Wert und die Qualität menschlichen Denkens einzig und allein an architektonischen oder hygienischen Fragen.

Den Irrweg dieser Auseinandersetzungen haben vor allem Elternverbände geebnet, die versuchen, die Entmündigungstechniken der professionellen Politik auf die eigenen Kinder zu übertragen. Da hilft es dann auch wenig, wenn der Bund die Erfordernisse einer groß angelegten Bildungsreform formuliert, zur gleichen Zeit aber das Ruder zu einer nationalen Einflussnahme völlig aus der Hand gibt und dem miniaturaristokratischen Balztanz unserer Kleinstaaten das Wort redet.

Wer sagt, früher sei alles besser gewesen, der wagt sich am besten erst gar nicht in die Redaktionsräume der AKTION. Dennoch soll der Mut nicht fehlen, eine Entwicklung als degressiv darstellen zu können, wenn dies der Fall ist. Das, was sich in den letzten Jahren in der politischen Welt der Bundesrepublik konturiert, ist die Degression von einer interessengeleiteten Entscheidungskultur hin zu einer polyzentrischen Besitzstandsdiffusion und einer systematischen Kastration von Entscheidungspotenzialen.

Das kluge Wort, wonach man die Güte großer Organisationen danach bemessen kann, inwieweit es ihnen gelingt, gute Entscheidungen in kurzen Zeiträumen zu fällen, gerinnt zu Staub auf der Zunge angesichts dessen, was wir zu beobachten haben.

Die Ursache dafür kann anhand dreier Thesen abgearbeitet werden:

Die Expansion der Operationalität

Die Elektronisierung der menschlichen Kommunikation hat keineswegs das eingelöst, was unter dem Label der Emanzipationslogik vermarktet wurde. Freier Zugang zu allen Information, Entprivilegierung der Herrschenden in Bezug auf versteckte Wissensarsenale, freie Vernetzung freier Individuen und Assoziationen, globales Lernen und was immer noch, der Eintritt in eine neue technische Ära der Kommunikation wurde mit einer extravaganten Zunahme von Qualität versprochen.

Die Resultate verhalten sich analog zu den gleichen Wellen von Telefon, Radio und Fernsehgerät, deren Verbreitung ebenfalls unter dem Bildungs- und Aufklärungslogo betrieben wurde, bis die massenhafte Anwendung garantiert war und die repressive und eindimensionale Infiltrierung der vermassten Massen fort entwickelt werden konnte.

Allerdings hat keine der vorhergehenden Informations- und Kommunikationstechnologien derartig verheerende Wirkungen angerichtet wie das simultane Konzert aller Entwicklungsstufen bis zum Internet. Der menschliche Denkapparat hat keine augenscheinlichen qualitativen Verbesserungen erfahren, sondern die sich mehr und mehr durchsetzende Interaktion Mensch – Maschine hat zur Folge, dass die Sozialkompetenz der humanen Interaktionspartner degrediert, die Phantasie paralysiert, der Code restringiert und die syntaktische Kompetenz eliminiert wird.

Vorausgesetzt, und romantische Rekurse seien bitte erlaubt, der Mensch braucht die Fähigkeit, sich in einem sozialen Ensemble zu bewegen, er braucht Ideen, um sich selbst zu verwirklichen, seine Sprache befähigt ihn, komplex zu denken und seine Syntax ist ein ziemlich zuverlässiges Abbild seines Vermögens, logische Interdependenzen und Kausalitäten zu erkennen und zu konstruieren, dann ist der Mensch – Maschine – Dialog eine desaströse Angelegenheit.

Doch damit nicht genug: die scharfe Beobachtung Siegmund Freuds, dass der Mensch mit der kapitalistischen Instrumentalisierung und Verwertung der gegenständlichen Welt zu einer Art Prothesengott mutiere, hat sich durch das Anfixen der Arbeitsindividuen an die Rauschmittel der elektronischen Kommunikation verkehrt. Die Computer erscheinen als die Prothesengötter über die Humanwelt, die Menschen sind zu Anhängseln der Verdinglichung geworden.

Ein Terminus technicus verweist auf die Grandiosität der Enthüllung, der der Standardisierung. Da kann dann immer wieder ein Intermezzo der individuellen Lösung gespielt werden, letztendlich bestimmt der Standard das Terrain humaner Kreativität und dementsprechend sieht das Areal aus: Öde, flach und depressiv.

Mit internalisierten Verhaltensstandards gerüstet, treiben sich die freien Individuen des Servicezeitalters in die spannende Galaxie einer modular vorgestellten Welt, derer sie sich aber leider nicht bemächtigen können, weil sie Intervalle der Netzunabhängigkeit immer kürzer werden und die neuerliche Verlinkung droht, welche wiederum eine Zufuhr an operationaler Pflichterfüllung mit sich bringt.

Der bleibende Eindruck elektronisch oktoyierter Operationalität ist jedoch der der Verflüchtigung. Je mehr „operatives Geschäft“ an den Suchtportalen der neuen Technik erledigt wird, desto oberflächlicher wird die Konzentration, ein quasi ätherisches Hinabsteigen in die semi-bewusste Halbfähigkeit muss als Entree gelöst werden, um die subjektive Erfahrung der Folter zu meiden und das Sedativum ungebremster Dekonzentration konsumieren zu können.

Was wir beobachten, ist eine Gerinnung des Scheins in die harten Formen der Materialität und eine Verflüchtigung realen Seins in die illusionäre Sphäre des reinen Scheins. Menschen, die dieser Transformation ausgesetzt sind, haben keinen Zugang mehr zu den Wegen in eine eigene Identität.

Die Atomisierung des Bewusstseins

Zudem ist die unaufhaltsame Auflösung der tradierten sozialen Zusammenhänge bis dato nicht abgelöst worden von neuen Strukturen, die eine Weiterentwicklung gewährleisten könnten. Alt, fad und wirkungslos ist die Medizin der Konservativen jeder Couleur, durch staatliche Trefferprämien bei der Zeugung von Kindern die antiquierte Form der Familie wieder zu etablierten. In den Metropolen der Republik dominieren die Singlehaushalte die der familiären und das nicht ohne Grund. Weder gibt es Kinderbetreuung ausreichende in den Wohnvierteln, noch am Arbeitsplatz und schon gar keine steuerlichen Anreize, die gewährleisten könnten, sich eine qualitativ ausreichende Betreuung vom freien Markt leisten zu können. Ganztagsschulen werden zwar propagiert, scheitern aber meist an der Finanzpolitik der Landesregierungen oder an den Besitzstandslobbies der Lehrer.

Je höher die Menschen qualifiziert sind, desto schwieriger wird es für sie, sich in familiären Bindungen zu arrangieren. Das, was als die biologisch regenerative Phase für die Gesamtpopulation bezeichnet werden muss, deckt sich mit der Zeit, in der die Absorption im Verwertungsprozess am größten ist. Außer beruflicher Hochleistung und notdürftiger Organisation der Reproduktion ist da nicht mehr viel drin. Sozialkontakte werden zunehmend über das Internet geknüpft und die Halbwertzeiten ihres Bestands sind allenfalls mit der Mandelblüte vergleichbar.

Vereine und kulturelle Zusammenschlüsse klagen über ein Ausdörren, erklärt wird dieser Prozess mit der demographischen Entwicklung, nicht mit dem Arbeitsleben, was dann auch haarscharf am Kern des Problems vorbei geht. Die politischen Parteien besitzen nur noch Attraktion für diejenigen, die entweder beruflich etabliert sind oder es erst gar nicht versuchen, einer bürgerlichen Geschäftsmäßigkeit nachzugehen.

Was bleibt, ist eine rudimentäre soziale Kommunikation, die sich selten nur noch auf einen fundierten Zusammenhalt stützen kann. Die atomisierten Individuen sitzen an ihren elektronischen Schaltstationen, substituieren ihre humanen Sozialbedürfnisse durch Mensch-Maschine Interaktionen und artifizielle Gemeinschaftserlebnisse. Menschliche Gesichter verkommen zu Ikonen des High-Tech, Sprachkompetenz, die in der Lage wäre eine gewisse Wärme zu erzeugen, wird syntaktisch reduziert auf Maschinencodes und das Vokabular mutet zuweilen an wie enigmatisch submarines Blubbern.

Es verwundert kaum, dass die zivilisatorische Kultur des Streits und des Aufbegehrens nur noch in metaphorischen Etüden auftaucht, die von einer kleinen und elitären Gruppe im Dunstkreis des Kulturbetriebs exerziert werden, an der großen Masse aber vorbei gehen. Die soziale Deprivation ist voran geschritten, die Individuen verletzt und vereinzelt, das gemeinsame Ziel nichts anderes mehr als ein Traum aus tiefer Ohnmacht.

Die Unfähigkeit, strategisch zu denken

Wie kann es da verwundern, dass sich das ganze gesellschaftliche Ensemble so schrecklich schwer tut, Entwürfe strategischen Ausmaßes zur Welt zu bringen? Der Blick bleibt introvertiert, asozial und mit viel Glück manchmal retrospektiv. Als Entschuldigung für das Unvermögen, weite Perspektiven zu entwickeln, in denen sich die Menschen, die in der Lage wären, Veränderungen vorzunehmen wieder finden, wird entschuldigt mit der unüberschaubaren Komplexität und Diversität des Seins.

Die Erklärung ist bereits ein Dokument der Mystifikation. Nicht das Sein ist so unüberschaubar komplex und divers geworden, sondern der Schein hat sich ins Millionenfache aufgefächert, er überstrapaziert die kognitiven Sinne, weil er eine kosmische Unergründlichkeit vorspiegelt, die das archaisch soziale Dasein überstrahlt. Topoi wie die von Herrn und Knecht, von Dominanz und Abhängigkeit, von Macht und Ohnmacht, von Selbst- und Fremdbestimmung, von Verwirklichung und Entfremdung sind noch auszumachen an jedem Terminal, in jedem Koordinationsbüro, in jeder Fabrikhalle und jedem Laptop in der Karibik.

Der Rekurs auf eine Reflexion der Befreiung beginnt mit der Ableuchtung des Scheins. Das Surfen durch das vermeintlich brisante Wellenmeer der unkritischen Begriffe, hypertropischen Events und der thematischen unendlichen Verlinkung droht die letzte, gattungsspezifisch unabdingbare Kompetenz zu verstümmeln, die erforderlich ist, um eine voluntative Gestaltung der Lebenswelt bewerkstelligen zu können.

Insofern kollabieren nicht einzelne Subsysteme unserer Gesellschaft, sondern die Grundfunktionen des menschlichen Gedankenapparates drohen zu veröden, wenn wir nicht die Notwendigkeit sehen, uns zumindest von Zeit zu Zeit von den sublimiert geladenen Teilchen einer Kommunikation abzukoppeln, deren Verlauf und Inhalt wir selbst nicht mehr bestimmen.