Archiv der Kategorie: food for thought

Heinrich von Kleist und die systemische Beratung

Das Schöne an der Menschheit ist ihre Vielfalt. Ausgehend von einer nahezu unendlichen Diversität ist es dennoch erforderlich, sich an bestimmten Typologien zu orientieren, wenn es darum geht, Organisationen am Laufen zu halten, Teams und ihre Dynamiken zu begreifen und unterschiedliche Interessen von Konsumenten, Produzenten oder Wählerinnen und Wählern zu identifizieren. Die Versuche der Typologisierung gehen ebenfalls ins Unendliche und reichen von sehr formalen Kriterien bis hin zu Charakterisierungen. Wer kennt sie nicht, die Choleriker oder die Romantiker, die Melancholiker und die Rampensäue. Immer wieder, ganz im Sog des jeweiligen Zeitgeistes, tauchen neue Muster auf, die sich besonders gut vermarkten lassen. Fest steht jedoch, dass, wenn sie intelligent definiert sind, sie in der Lage sind, Aufschlüsse zu vermitteln über soziale Gebilde, in denen die Menschen unterwegs sind.

Es ist müßig, sich mit Kategorisierungen zu beschäftigen, die eher Klischees bedienen und eine Welterkenntnis beinhalten, die ihrer Komplexität längst nicht mehr gerecht wird. Also ist es ratsam, nach möglichst einfachen, weitest gehend anwendbaren und der Entschlüsselung des sozialen Wirkens maximal zuträglichen Begriffen zu suchen. Das ist schwer und leicht zugleich, denn historisch haben sich bereits kluge Geister an derartigen Vorhaben versucht, und eigenartigerweise wurden die nahezu genialsten Vorschläge von der Gesellschaft nicht aufgegriffen. Andererseits sind heutige Untersuchungen aus Soziologie und Sozialpsychologie ebenfalls sehr hilfreich, weil sie Wirkungszusammenhänge identifizieren, die nahezu Universalcharakter im Zeitalter der Moderne haben.

Eine grandiose Entschlüsselung liefert zum Beispiel der ehemalige preußische Offizier und Großmeister der deutschen Sprache Heinrich von Kleist. In nachgelassenen Notizen findet sich eine Dichotomie der menschlichen Weltwahrnehmung: Diejenigen, die die Welt in Form von Formeln verstehen und diejenigen, die sie aus Metaphern lesen. Da ist mit einem Federstrich das Grundproblem der Moderne identifiziert, die Linie zwischen Philosophie und Technokratie, zwischen Wissenschaft und Kunst, zwischen Idealismus und Pragmatismus beschrieben. Und der Vorschlag Kleists, dem wir die vorwärtsstrebende Syntax verdanken, ist überall bis heute verifizierbar. Nehmt sie unter die Lupe, die Artgenossen in der Familie, im Verein, am Arbeitsplatz oder in der Politik, und es wird erstaunen, dass wir es tatsächlich mit einer Kategorisierung zu tun haben, die überall anwendbar ist. Die spannende Frage ist dabei, wo welche Kategorie das jeweilige Sozialsystem dominiert und welche Rückschlüsse auf die daraus resultierende Funktionsweise gezogen werden können.

Und vom Nachlass aus einem der großen Metaphoriker unserer Literatur in die Soziogramme aus der systemischen Beratung ist es ebenfalls ein spannender, weil gewinnbringender Schritt. Dort kursiert eine binäre Typologie, die differenziert zwischen Funktion und Person. Menschen, die sich über die eigene Person definieren, sehen alles durch diese Linse, sie definieren ihre Rolle über Status, Macht und Ansehen, sie zielen mit ihren Handlungen darauf hin, die daraus resultierenden Gewinne wiederum ihrer Person anheften zu können.

Die andere Spezies wiederum definiert sich exklusiv über die Funktion. Sie sehen sich als ein Glied einer sozialen Organisation, in der sie für eine bestimmte Aufgabe stehen. Alles, was sie unternehmen, gilt der Verbesserung der Funktion, der sie ihre persönlichen Vorlieben und Neigungen unterordnen. Auch die Dichotomie von Funktion und Person, ähnlich wie der von Formelversteher und Metaphoriker, ist überaus hilfreich, um das Wirken sozialer Organisatoren zu verstehen. Kleists Definition bezieht sich mehr auf die individuelle Perzeption der Welt, die aus der Systemik auf die Rolle der Individuen in einem sozialen Gebilde. Sie schließen sich nicht aus, sondern sie ergeben eine wertvolle Synergie in der Lesbarkeit der Welt.

Organisation und Entscheidung

Entscheidungen sind so eine Sache. Kaum eine Angelegenheit des Willens und des Intellekts erweckt so viele Emotionen wie die Entscheidung. Ganze Kulturkritiken setzen gar an ihnen an. Und tatsächlich: Wenn etwas das Leben einzelner Menschen und ganzer Gesellschaften bestimmt, dann sind es Entscheidungen. Dafür, dass dieses so ist, was sicherlich auch kaum jemand bezweifeln wird, machen wir uns allerdings wenig Gedanken zu dem Thema. Ganz versteckt, in den Kammern der Wissenschaft oder der Philosophie, werden leise Diskurse über das Wesen der Entscheidung geführt, aber dort, wo diese laufend getroffen werden, da regiert die Situation und der Bauch.

Manche gehen so weit, dass sie das Wesen eines Gemeinwesens anhand der von ihm und in ihm geführten Entscheidungen glauben diagnostizieren zu können. Einer von ihnen war der Soziologe Niklas Luhmann, hierzulande als Mentor und Protagonist der soziologischen Systemtheorie bekannt. Aber selbst er, der wenig Ehrfurcht vor Tabus hatte, hatte entweder innerlich noch nicht mit dem Thema abgeschlossen oder nicht die Courage, eine Erkenntnis noch zu Lebzeiten in den Diskurs zu speisen, die vielleicht eine bittere Diagnose zur Folge gehabt hätte. Nämlich eben die, dass der Zustand von Organisationen ablesbar ist an der Geschwindigkeit, mit der sie in der Lage sind gute, d.h. richtige, vorausschauende und nachhaltige Entscheidungen zu treffen. Das war die Erkenntnis, die gewissenhafte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in seinem Nachlass fanden und zu dem letzten Buch dieses außergewöhnlichen Autors formten. Es trug den Titel „Organisation und Entscheidung.“

Nicht umsonst haben wir in der deutschen Sprache bestimmte Begriffe, die in der Lage sind, eine gewisse Komplexität zu erfassen als auch das zu charakterisieren, was gerade passiert. Obwohl wir in einer Phase der virulenten Globalisierung leben, existieren dennoch kulturelle Unterschiede, die vielleicht das ausmachen, was die positive Spannung in der Welt genannt werden kann. Im Deutschen heißt es nämlich, wir hätten hier Entscheidungsträger. Gemeint ist damit, dass diejenigen, die über Macht verfügen, auch die Konsequenzen der Entscheidung tragen müssen. Da liegt die Konsequenz des Aktes schon im eigenen Begriff, was nicht überall so ist. Im Englischen z.B. wird von decision maker gesprochen, d.h. der Akt des Entscheidens als aktive, willentliche Tat beschrieben, deren Konsequenz in der begrifflichen Beschreibung bedeutungslos bleibt. Der deutschen Version wohnt bereits eine moralische Verpflichtung inne, die nicht immer entscheidungsfördernd wirkt.

Da schöne chinesische Sprichwort, das da besagt, keine Zeit zu haben heißt, sich für etwas anderes zu entscheiden, trägt vom Charakter her den nächsten Kern, der hierzulande Entscheidungsprozesse in gewisser Weise entschleunigt. Bei Entscheidungen geht es nämlich nicht nur um die Frage, was durch sie bejaht, sondern auch um die, was durch sie verneint wird. Eine Entscheidung zwischen fünf Alternativen bedeutet eine Absage an vier Optionen. Letzteres verursacht schon bei vielen, die für das Entscheiden engagiert sind, einen gewissen Stress. Nein zu sagen gehört vielleicht gegenwärtig zu den größten Schwierigkeiten, vor der unsere Gesellschaft steht. Absage, Trennung, Abschied und Negation sind schicksalsbeladene, emotional überaus komplexe Gebilde, mit denen unser kultureller Kontext, der sich immer aus holistischen Weltbildern gespeist hat, nur sehr schwer umgehen an. Im Gegensatz zu dem Pragmatismus der anglophonen Welt, die dagegen gefühlsarm und extrem kalt wirkt. Vielleicht deshalb auch das Ressentiment. Hier fällt das Nein-Sagen schwerer als die Bejahung. Ein Diskurs über die Entscheidung, ihre Entstehung, die Belohnungen, wenn keine getroffen wird und die Kräfte, die sie beflügeln, steht noch aus.

Die Teleologie der Individuation

Müßig und alt sind die Diskussionen, die sich um die deterministische Variante des wahren Daseins mühen. Der Verweis auf die Rahmenbedingungen der Existenz zu ihrer ausschließlichen Erklärung entschuldigen das Subjekt, für das eigene Dasein verantwortlich zu sein. Sie formen das Subjekt zum Objekt um. Die exklusive Fokussierung auf das Individuum neigt dazu, die Bedingungen, unter denen menschliches Handeln wirkt, zu bagatellisieren. Die Anwendung dieses Deutungsmusters führt in der Regel zu einer zynischen Atmosphäre, die der Suche nach Erklärung nicht gerecht wird.

Bei kritischer Betrachtung der tatsächlichen Individuation menschlicher Existenz in Post-Moderne und Kommunikationszeitalter fällt auf, dass eine Gegenbewegung gegen den aufklärerischen Gedanken, der die Verantwortung des Individuums in einem virulenten Gemeinwesen in den Mittelpunkt stellt, kompromittierende Akzente gesetzt hat. Die Frage nach der individuellen Verantwortung spielt keine relevante Rolle mehr, zumindest nicht in Stadien des Selbstreflexion des Individuums.

Fragestellungen, die sich mit diesem für das Gemeinwesen wie für das Individuum gefährlichen Missstand beschäftigen, können kaum noch anders als unter Deckung erörtert werden. Die Thematisierung in einer omnipräsenten Öffentlichkeit führt zu Ausgrenzung und Verdächtigung nach den erprobten Mechanismen der politischen Marginalisierung essentieller Kritik. Die kritische Überprüfung des eigenen Ichs wird zu einer systemischen Bedrohung der entmündigten Gemeinschaft.

Die beabsichtigte Wirkung einer Individuation in Gemeinschaft kann wie folgt beschrieben werden: Das Individuum will dem Ziel näher kommen, den unabdingbaren Maximen des Lebens in Gemeinschaft im eigenen Wirken zu entsprechen. Es muss danach trachten, Gesten der Demut und der partiären Passivität zu internalisieren. Das Zuhören darf nicht als Qual empfunden werden, der Respekt gegenüber dem Gegenüber muss als Axiom begriffen werden und das Voraussetzen einer gemeinsamen Intentionalität darf nicht dem Zweifel unterliegen.

Indem sich Gemeinschaften etablieren, die unabhängig von den gesellschaftlichen Gravitationskräften existieren, bieten sie dem Individuum die Möglichkeit, die Maxime „Du musst dein Leben ändern“ zu erproben. Sie ermöglichen einen Diskurs mit hoher Fehlertoleranz, eine der Lebenslinien lernender Organisationen, und die damit verbundene Perspektive neuer Horizonte. Das Individuum kann sich erproben im Respekt von heterogenen Auffassungen, in dem es lernt, die redlichen Motive anderer Meinungen zu beobachten, ohne auf die eigene empfundene Mission zu verzichten.

Das erfordert Disziplin im Sinne von Selbstkontrolle, die Domestizierung von Affekten und die Formung der Tugend der Geduld. Der Diskurs als Modell der eigenen Verfeinerung und Verbesserung transferiert die Einsicht, dass eine vitale Verbindung von Mikrokosmos und Makrokosmos existiert, die sich als interdependent entlarvt. Nur wenn das Individuum begreift, dass die Funktions- und Sinnzusammenhänge der komplexen Existenz Analogien zu den eigenen Mustern im individuellen Dasein aufweisen, wird es ihm gelingen, die Arbeit an sich anzugehen.

In der Phase, in der das Erlernen zentral ist, muss das Weitergeben noch warten. Es geht darum, die Rauheit der eigenen Oberfläche zu erfühlen, die Sensibiliät für das bei anderen Anstößige zu entwickeln und damit zu beginnen, an den Irritationen des eigenen Ichs zu arbeiten, ohne das Charakteristische, welches zur Aufnahme in den Kreis der exklusiven Gemeinschaft geführt hat, preiszugeben. Das an sich arbeiten, um im Diskurs mit Gleichgesinnten gedeihlich zu bestehen, ist die Voraussetzung für die Entwicklung der Gemeinschaft. Es aktiviert die archaische Frage, wie der Prozess des Menschen als sozialem Wesen zu gestalten ist. Das Wort geht der Tat voraus, beurteilt wird die menschliche Existenz nach ihren Taten. Die Existenz selbst ist etwas zu Leistendes.