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Gesellschaftsdiagnostik über Leseverhalten

Manch konservative Eltern sind mit der penetranten Frage in Erinnerung geblieben, aus welchen Verhältnissen ein neuer Freund oder eine neue Freundin denn stamme. Damit assoziiert kam dann immer die Weisheit, sage mir, mit wem du verkehrst, und ich sage dir, wer du bist! Das, was von vielen Heranwachsenden als statusbezogene Belästigung und Einschränkung der Freiheit der sozialen Assoziation angesehen wurde, würde heute, aus anderen Motiven versteht sich, Vertreterinnen und Vertreter der systemischen Theorie als eine ur-vernünftige Betrachtungsweise einstufen. Die Frage des Sozialstatus ausgeklammert, wäre das Studium der Psychogramme und Verhaltensmuster derer, mit denen ein Individuum verkehrt, hoch aufschlussreich im Hinblick auf die eigene Befindlichkeit, psychische und soziale Disposition. Insofern ist der oben zitierte Satz durchaus verifizierbar.

Eine andere Möglichkeit, sich Aufschluss über Menschen und Gesellschaften zu verschaffen, ist den Fokus auf das zu richten, was kulturell produziert und konsumiert wird. Dabei sollte der Fehler vermieden werden, lineare oder gar Spiegelschlüsse zu ziehen. Filme, die in einer Gesellschaft en vogue sind, müssen nicht die dortigen Verhältnisse abbilden, sie können auch den Wunsch zum Ausdruck bringen, dass alles ganz anders wird. Das ist der Doppelcharakter, von dem Karl Marx in der Einleitung zur Hegelschen Rechtsphilosophie sprach, als er über die Religion räsonierte. Einerseits, so schrieb er, sei sie affirmativ, in dem sie auf den Himmel verweise, andererseits protestativ, weil ihre Idealbilder die Realität heftig negierten. So ist es, oder andererseits, so einfach, wie sich viele das gerne bei der Deutung der Phänomene auch machen, ist es eben nicht.

Literatur eignet sich, in dieser Betrachtung eine Rolle zu spielen. Justiert an den anfangs zitierten Satz, sei die provozierende These erlaubt, sage mir, was du liest, und ich sage dir, wer du bist. Und noch mehr, sage mir, was eine Gesellschaft liest, und ich sage dir, was sie ist. Gemäß dieser Arbeitshypothese leben wir im Sommer in goldenen Zeiten. Jetzt, während der Ferien, genügt ein kleiner Spaziergang am Strand oder eine Runde am Swimmingpool, um einen Eindruck von dem Spektrum dessen zu bekommen, was momentan gelesen wird. Findet dann auch eine Kategorisierung derer, die dort versammelt sind statt, nach Nation und sozialer Klasse, dann wird es eine hoch interessante Geschichte. Wir bekommen eine Blitzdiagnose über die Befindlichkeit verschiedener Gesellschaften, ohne einen großen wissenschaftlichen Aufwand betreiben zu müssen.

In diesem Sommer fällt auf, dass in den Mittelständen der Mittel- und westeuropäischen Länder die Lektüre politischer Bücher eher die Ausnahme darstellt. Wenn Politik ein Thema ist, dann findet es in den zunehmend banaler werdenden Magazinen statt. En vogue sind nach wie vor skandinavische Autoren, die mit einer zumeist großen Akribie über die Details von Verbrechen berichten, die im Dutzendplagiat vorliegende Einführung in den mittelständischen Sado-Masochismus und historische Romane, die die steinigen Wege der Erkenntnis romantisieren. Bei Amerikanern ist es etwas anderes, dort existiert seit einiger Zeit eine Sorte Literatur, die die Neudefinition der Identität zum Thema haben, während seit dem 11.September 2001 eine Thriller-Literatur in puncto Terror und Terrorbekämpfung den Markt überflutet, der das Ausmaß der wahren Traumatisierung nur ahnen lässt.

Die Sommerlektüre hierzulande lässt vermuten, dass sich der Mittelstand nach mehr Aufregung sehnt, sich aber nicht traut, eher satt und gelangweilt, aber ohne Courage ist, während die USA nach der Definition einer neuen Rolle lechzen und nach wie vor von Albträumen verfolgt werden, was die eigene Sicherheit betrifft. Erkenntnisse vom Strand.

Notwendigkeiten unbequemer Interventionen

Wer kennt sie nicht, die Situation? Irgend etwas entwickelt sich in dem eigenen Lebensumfeld, das nicht so in die Vorstellung passt, wie es laufen sollte. Zunächst sind es Kleinigkeiten, die eine leichte Irritation auslösen. Wir beobachten das Verstörende und denken, dass es sich vielleicht um etwas handelt, das sich vielleicht wieder einrenken wird. Irgend ein Verhalten von Personen, die im eigenen Soziogramm von Bedeutung sind. Erst irritiert es, dann verstört es und wenn es sich nicht mit einer wie auch immer menschlichen Laune erklären lässt, wird es ein Dauerzustand. Es ist festzustellen, dass es sich nicht um einen durch den immer wieder angeführten Zufall erklären lässt. Die Route, die bestimmte Akteure einschlagen, weicht von den von uns als Konsens unterstellten Vorstellungen ab und stabilisiert sich. Das soziale Feld ist gestört. Will man selbst als Subjekt und nicht als Objekt in der Interaktion weiter existieren, ist der Zeitpunkt gekommen zu handeln.

Selbstverständlich, so muss festgestellt werden, bieten sich noch andere Optionen. Eine, die leider allzu oft gewählt wird, ist die der inneren Abwehr, d.h. man ist zwar irritiert und unzufrieden, aber man nimmt es um des viel zitierten lieben Friedens willen hin. In der Regel wird der Konflikt, denn um einen solchen handelt es sich, unbewusst und non-verbal bearbeitet, aber es führt zu nichts. Im Grunde genommen geht es mittlerweile um einen Machtkampf, der als solcher nicht bezeichnet wird. Die Akteurinnen und Akteure, die ihr Verhalten geändert haben, hatten auch keine Gelegenheit, ihre Motive zu erklären. Es entstehen Dissonanzen, die sich nicht mehr anhand eines rationalen Dialogs klären lassen. Um es deutlich auszudrücken: Die Karre steckt so richtig im Dreck.

Die Ursachen für die beschriebene Option, die im Grunde genommen keine ist, liegen häufig in der wachsenden Unfähigkeit der Handelnden, in Konflikte zu gehen. Das hat nicht selten etwas mit dem vermeintlichen Konsens des friedlichen Miteinanders zu tun. Wer aufbegehrt und aus seiner Sicht Missstände anprangert, gilt nicht selten als Unruhestifter, der verantwortlich ist für soziale Verwerfungen. Diese Wirkung liegt an einer Ideologie, die auch als Zeitgeist bezeichnet werden kann, der immer den Konsens sucht, um Konflikte zu vermeiden, die zwar da sind, aber gar nicht gelöst werden sollen.

Ein Aspekt, der in diesem Kontext ausgeblendet wird, ist der mangelnde Respekt, der immer mitschwingt, wenn Missstände zugetüncht werden sollen. Immer wieder ist festzustellen, dass große Verwunderung gezeigt wird, wenn die These formuliert wird, dass man gegenüber jenen, deren Verhaltensänderungen die Irritation auslösen, keinen Respekt zeigt, wenn man sie nicht darauf anspricht. Genau das aber ist der Fall, weil durch das Schweigen bei gleichzeitiger Herausbildung einer eigenen Abwehrhaltung die Personen, um die es geht, keine Chance erhalten, um sich zu erklären. Letzteres allerdings hat jeder verdient.

Letztendlich geht es aber auch um den Respekt vor sich selbst. Wer Veränderungen hinnimmt, die ihm nicht passen, ohne die Gelegenheit zu ergreifen, sich selbst zu erklären, der verzichtet selbst auf das verbriefte Recht, seine eigene Position zu artikulieren. Das Schema, das den Konflikt aufgrund einer vermeintlichen Konsensbildung ausblendet, ist das eigentliche Initial für kontinuierliche soziale Dissonanz. Die Grundidee der Demokratie sieht daher den Streit nicht nur als ein individuelles, sondern auch als ein institutionelles Recht an, das selbstverständlich unter Regeln stattfinden muss, die dem Grundgedanken der Würde des Menschen Rechnung tragen. Letztere wird im aktuellen privaten, im wirtschaftlichen und im politischen Kontext mit Füßen getreten. Möglich ist das nur, weil die Individuen in ihrem eigenen, von ihnen beeinflussbaren Umfeld davon kaum noch Gebrauch machen. Es ist an der Zeit, die unbequeme Intervention wieder zu üben. Jeden Tag.

Nur Gast auf dieser Erde

Oskar Maria Graf, der seinen Anarchismus immer auf das bayrische Katholisch-Sein zurückführte, zitiert die biblische Weisheit immer wieder in seinen Romanen. Ihr seid nur Gast auf dieser Erde, heißt es dort, und was als einer der Eckpfeiler der abendländischen Ethik zu verstehen ist, nämlich das Postulat zu Demut und Nachhaltigkeit des eigenen Handelns, hat in Grafs Romankontexten immer auch die Aura der Drohung. Warte nur ab Bürscherl, auch deine Tage sind begrenzt, und wenn du in Macht und Reichtum stehst, der Tag wird kommen, an dem dich der Sensenmann zu deiner letzten Reise holen wird, oder, wie es Heinrich Heine so treffend formulierte, wenn Tantalus mit seinem schweren Wagen vorfährt, um dich zu holen.

Gast-Sein birgt also beides, zum einen eine ethische Verpflichtung, zum anderen einen unsicheren Status. Doch es kann auch mehr bedeuten als Demut, Nachhaltigkeit und eine innere Unsicherheit. Die Reise vom Okzident in den Orient bringt da eine Erkenntniserweiterung, die die Horizonte öffnet. Dort ist die Rolle des Gastes weiter gefasst. Der Gast im Orient hat durch den hohen Stellenwert, den das Gastrecht genießt, eine temporär privilegierte Stellung. Wenn er diese Stellung nicht ausnutzt und sich übergebührliche Rechte herausnimmt, dann hat er Möglichkeiten, die selbst über die des Gastgebers hinausgehen. Ist der Gast in der Lage, dem Gastgeber den Respekt zu bezollen, der ihm gebührt und glänzt zudem über Tugenden wie der der Bescheidenheit und der Einsicht in die Relativität seines Status, dann kann er in den Diskurs Aspekte einbringen, die unter normalen Umständen unter den Gravitätskräften des Alltags zermalmt würden. Das alles erfordert eine ungeheure, eine subtile und hoch sensible Sensorik beider Seiten, der Gastgeber wie der Gäste.

Generell ist das Temporäre ein Zustand, dem Rechte zugebilligt werden, die der Standard, das Prinzipielle oder das Lange-Währende nicht genießen. Das wissen wir alle. Wenn wir wissen, dass die Zeit begrenzt ist, in der wir etwas ertragen müssen, dann halten wir es aus. Wüssten wir nicht, wann bestimmte Zustände zu Ende sein werden, dann ertrügen wir es vermutlich nicht und würden rebellischer. Auch an diesem Beispiel zeigt sich der schützende Kordon um das Provisorische. Das ist vielleicht die viel wichtigere Botschaft des Bildes vom Gast auf dieser Erde. Fast drängt sich die Neigung auf zu sagen, dass Demut und Nachhaltigkeit nie verkehrt sind, aber das Recht, auf Dinge hinzuweisen, die Veränderungen nach sich ziehen, scheint angesichts die Fliehkräfte in einem technokratischen Zeitalter noch bedeutender zu sein. Das Temporäre der menschlichen Existenz wäre so auch die nahezu aus dem Wesen heraus zu erklärende Chance, die Veränderung und Gestaltung der Welt in Betracht zu ziehen.

Gestaltung schließt weder Demut noch Nachhaltigkeit aus. Gestaltung ist das Stadium nach der Negation, zuweilen auch der Zerstörung des Alten. Menschen, die ihre Existenz der Gestaltung verschreiben, zeichnen sich in der Regel immer durch den Respekt vor den Leistungen anderer aus. Sie wissen um die Energie, die Substanz und die Passion, die in der Gestaltung stecken. Und sie wissen nicht nur retrospektiv um die Historizität menschlichen Handelns. Auch um die Historizität ihrer selbst. Das ist der Preis für die Gästeliste. Doch die Namen auf ihr sind die schlechtesten nicht.