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Eine archetypische Angst vor dem Risiko

Es muss noch einmal nachgefasst werden. Anlässlich des Erdogan-Besuches ist deutlich geworden, woran die politisch vermittelbare Orientierung scheitert. Es fehlen Haltung und Standpunkt. Es geht nicht um eine unzulässige Vereinfachung der Welt, sondern es geht um die Erklärung dessen, was man erreichen will, frei von ideologischer Camouflage. Ist es eine Vereinfachung zu sagen, ein Bündnis mit einem so volatilen Partner wie der gegenwärtigen Türkei ist ein zu hohes Risiko für eine Mitgliedschaft in einem Militärbündnis, das bei kriegerischen Konflikten die Beistandspflicht festgeschrieben hat? Handelt es sich um eine Simplifizierung, wenn gesagt wird, dass ein Staat, der die Vernichtung der demokratischen Institutionen nach dem Muster der deutschen Nationalsozialisten voran treibt, kein Partner für wirtschaftliche Zusammenarbeit sein kann? Ist die Welt wirklich so kompliziert, dass ein Standpunkt die hohe Lehre des Begreifens völlig vernichtet?

Es ist die Erzählung der politischen Geschäftsführung in diesem Land überhaupt. Alles hängt mit allem zusammen, alles ist interdependent, und alles hat den Grad einer Komplexität erreicht, sodass aus einer einfachen Operation etwas sehr Kompliziertes wird, das gut durchdacht sein will. Nicht, dass das alles nicht stimmen würde, die Flucht vor eindeutigen Entscheidungen, die Nachteile in Kauf nehmen und benennen, aber letztendlich das Handeln ermöglichen, ist keine neue Verhaltensweise im Zeitalter der Globalisierung. Es handelt sich dabei um ein Verhaltensmuster, das in großen Apparaten bereits eine lange Tradition hat. Mit dem Verweis auf Interdependenz und Komplexität lässt sich immer eine Aktion verhindern. Wichtig ist, darauf zu verweisen, dass es sich dabei – obwohl es immer wieder so erscheint – nicht um den Versuch der Sabotage handelt, sondern um eine archetypische Furcht des Konservators vor der der eigenen Verantwortung.

Wer Verantwortung scheut, ist von Angst getrieben. Er oder sie möchte sich nicht dem Risiko aussetzen, für Taten Rede und Antwort stehen zu müssen, deren Erfolg nicht sicher ist. Es ist jedem Menschen überlassen, sich solchen Risiken nicht auszusetzen, obwohl es ratsam wäre, weil sonst der Weg zum Glück mit großer Sicherheit für immer verstellt ist. Sich keinen Risiken für das eigene Handeln aussetzen zu wollen, ist jedoch im Bereich der Politik so etwas wie kollektiver Selbstmord. Und, die zurück liegenden Dekaden betrachtet, hat sich diese Dysfunktionalität bereits in der Ära Kohl extrem ausgebreitet. Und sie ist in der Ära Merkel zur letalen Reife gekommen!

Aus Sicht derer, die den Regierenden ein politisches Mandat gegeben haben, wird erwartet, eine Politik zu betreiben, die von einem festen Standpunkt ausgeht sowie Ziele und Risiken benennt. Der Überdruss, der herrscht, ist in diesem Defizit zu suchen. Besser als der Besuch Erdogans kann nicht illustriert werden, was die Bevölkerung von der Regierung verlangt. Und was macht diese? Bis auf wenige Ausnahmen laviert sie zwischen verschiedenen Optionen herum und tut nichts. Genau darin ist die Misere zu suchen. Die Regierung kann nicht mehr erklären, warum sie das macht, was sie macht und die Bevölkerung ist in großen Teilen an dieser Erklärung interessiert. Da diese ausbleibt, wird alles Mögliche vermutet und der Spekulation wird Tür und Tor geöffnet. 

Die Benennung von Interessen und Motiven politischen Handelns vereinfacht die komplexe Welt nicht unzulässig. Wer das behauptet, gehört zum Lager der Hasenherzen, die jedes Risiko scheuen und sich politisch enthalten sollten.

Was sofort in Angriff genommen werden muss!

Die Zustände, die allgemein beklagt werden, haben sich nicht so einfach aus unglücklichen Umständen heraus entwickelt. Sie sind das Ergebnis bestimmter Handlungen und bestimmter Unterlassungen. Das festzustellen und konkret auszuführen ist erforderlich, es permanent zu wiederholen, ohne Schlüsse daraus zu ziehen, ist genauso negativ wie der eine oder andere Fehler, der gemacht wurde. Bei der Gestaltung der menschlichen Gesellschaft geht es immer darum, den Blick nach vorne zu richten. So manches Problem unserer Tage ist hausgemacht. Eines davon liegt im Bereich der Bildung, gekoppelt mit gesellschaftlicher Praxis. Drei Beispiele seien genannt, die den Bedarf neuen Handelns sehr deutlich machen.

Da ist zum einen die nahezu massen- und mangelhafte Fähigkeit, mit kritischem Blick Texte zu lesen. In den staatlichen Bildungseinrichtungen wird nicht oder nicht mehr oder zu rudimentär vermittelt, Texte auf ihren Charakter hin zu untersuchen. Was ist der Zweck eines Textes? Welcher Mittel bedient sich der Autor, um was zu erreichen? Welche Attribute werden verwendet, um Zustände zu beschreiben? Oder werden sie bereits bewertet? Es ist in hohem Maße interessant, die Printmedien, die als seriös gelten und diejenigen, die aus den Sturmabteilungen radikaler Propaganda kommen, daraufhin zu untersuchen. Jeder Artikel ist eine Fundgrube für Erkenntnisse über die Möglichkeiten guten Journalismus wie heimlicher oder offener Meinungsmache. So wie es scheint, sind leider nicht viele Menschen in der Lage, sich in dieser Weise mit Texten auseinanderzusetzen. Insofern müssen diese Fähigkeiten und Fertigkeiten vermittelt werden.

Das zweite Defizit, welches aus der ritualisierten Konsensfindung resultiert, ist die mangelnde Fähigkeit, in den Dissens zu gehen. Um es deutlich und ohne Umschweife zu sagen: ohne Streit ist die Einigung auf eine Lösung im Interesse aller Beteiligten, die das Resultat dann auch bereit sind zu tragen, eine Illusion. An dieser Illusion zerbricht momentan vieles, da der vermeintliche Konsens allzu oft die Version der Lösung ist, die von vornherein von bestimmten Interessengruppen gesetzt wird. Streit wird generell als eine negative Angelegenheit gesehen und diskreditiert. Nein, die Gesellschaft muss lernen, heftig zu streiten, ohne die beteiligten Personen zu zerstören. Auch das kann gelehrt, vermittelt und eingeübt werden. Dieser Vermittlungsprozess beschränkt sich nicht auf Bildungsinstitutionen, er kann überall stattfinden. Der vermeintlichen Einigkeit, die keine ist, muss die Maske der Herrschaft entrissen werden und dem Streit nach Regeln eine positive Wertigkeit zugesprochen werden.

Als 1990 des Ende der Geschichte ausgerufen wurde, schien es nicht mehr nötig zu sein, Verfassung wie Verfassungsorgane weiterhin zu vermitteln. Was vorher in einer flächendeckend angebotenen politischen Bildung stattfand, war in dem Augenblick anscheinend überflüssig, in dem keine systemische Konkurrenz mehr vorhanden war. Eine komplette Generation scheint heute überfragt zu sein, wenn demokratische und Koalitionsrechte, Gewerkschaften, die Presse, die Gewaltenteilung oder was auch immer zur Sprache kommen. Das hat es den Regierenden leicht gemacht, ist aber in einer demokratischen Krise eine tödliche Schwäche. Folglich muss die politische Bildung wieder Pflicht werden.

Textanalyse, Diskursfähigkeit und das Wissen um den Staat und seine Organe sind Themenfelder, die sogleich bespielt werden können. Wenn das gelingt, wird vieles andere nicht mehr so einfach gelingen. Von den Fake News über die Konsensbetäubung bis hin zum amtlichen Verfassungsbruch. Legen wir uns ins Zeug!

Kaspar Hausers profane Logik

Vertrauen in unruhigen Zeiten III

„HIC JACET CASPARUS HAUSER AENIGMA SUI TEMPORIS IGNOTA NATIVITAS OCCULTA MORS MDCCCXXXIII“

„Hier liegt Kaspar Hauser, Rätsel seiner Zeit, unbekannt die Herkunft, geheimnisvoll der Tod 1833.“

Etwas Besseres als die obige Beschreibung Kaspar Hausers auf dessen Grabstein kann nicht passieren, um der Legendenbildung Tür und Tor zu öffnen. Es geht nicht darum, zumindest nicht hier an dieser Stelle, was von seinem Leben verifiziert werden und was als phantastische Erzählung eingeordnet werden muss. Der Streit über seine Existenz, vor allem über seine Herkunft, die Deutung seines Todes, die medizinischen Journale, alles das mündet in seriöse historische Quellenarbeit, die wichtig und notwendig ist, wenn es um die historische Figur geht.

Die Legende ist reich. Besagtes Kind, das bei Dunkelheit und karger Nahrung sein ganzes Leben versteckt gehalten worden sein soll, das der Sprache kaum mächtig war und dennoch durch eine brisante Intelligenz sogleich auf sich aufmerksam gemacht hat, dieser Kaspar Hauser wurde selbst zu Beginn des 19. Jahrhunderts über Nacht zur Sensation für Wissenschaftler aller Art, allen voran Mediziner und Philosophen. So ließ es nicht lange auf sich warten, bis das Interesse so weit führte, dass das Phänomen voller Wunder vorgeführt wurde.

Bei einer dieser Gelegenheiten, bei der sich die klugen Köpfe ein Bild machen wollten von den intellektuellen Fähigkeiten Kaspar Hausers, gaben sie ihm eine Aufgabe, die tückischer nicht hätte sein können. „Kaspar, du stehst an einer Weggabelung“, so lautete die Aufgabe, „und du weißt nicht, woher die beiden Wege kommen. Was du weißt, ist, einer kommt aus einem Dorf, in dem alle Menschen immer die Wahrheit sagen. Und der andere Weg kommt aus einem Dorf, in dem alle Menschen immer lügen. Du, Kaspar, stehst an der Kreuzung und du weißt nicht, wo die beiden Dörfer liegen. Und nun kommt dir auf einem der beiden Wege ein Mensch entgegen. Du hast nur eine einzige Frage, um herauszubekommen, aus welchem Dorf dieser kommt, aus dem Dorf der Lüge oder dem der Wahrheit. Was fragst du ihn?“

Die klugen Köpfe des Gremiums hatten lang diskutiert, wie wohl die Antwort lauten müsste. Reichte eine bloße Verneinung, kam man dem Lügner mit der Negation der Negation auf die Schliche, was durfte und konnte ein Mensch aus dem Dorf der Wahrheit alles sagen und was auf keinen Fall? Und war ein Lügner nur mit einer Frage überhaupt überführbar?

Die Spannung war groß, als der etwas ungelenke Jüngling sich mit seiner brüchigen Stimme daran machte, den hohen weisen Herren eine Antwort zu geben. „Verzeiht mir“ so begann er, „aber das, was ihr mir als Frage stellt, ist doch ganz einfach“. Bereits diese Einlassung verursachte bei den Mitgliedern des Gremiums teils überhebliches Lächeln, teils hochgezogene Augenbrauen. „Und“, so zischte der Wortführer zurück, „wie lautet dann die Antwort?“

Darauf Kaspar Hauser: „Hohe Herren, ich würde einfach fragen: Bist du ein Laubfrosch? So wüsste ich gleich, ob er lügt oder die Wahrheit spricht!“

Auch diese Überlieferung möge uns Mut zusprechen in jenen unruhigen Tagen, in denen wir unser Dasein zu führen haben. Wir brauen Mut, um Dinge auszuprobieren (Das Ei des Kolumbus), wir brauchen Entschlossenheit, um Kompliziertes zu lösen (Der gordische Knoten) und wir brauchen eine einfache, uns aus der eigenen Lebenserfahrung lehrende Logik (Kaspar Hausers profane Logik), um die Welt um uns herum zu begreifen und zu gestalten.