Archiv der Kategorie: food for thought

Schlittern in die Agonie?

Immer öfter werde ich mit einem Phänomen konfrontiert, das, so bilde ich mir ein, vor 20, 30 Jahren eher eine Seltenheit darstellte, heute aber nahezu zu einem Standard avanciert ist. Es geht darum, dass sich Menschen, bevor sie einem Vorschlag oder einer Idee zustimmen, genau nach allem erkundigen, was in diesem Kontext an Klärungsmöglichkeit in Frage kommen könnte. Um es konkret zu machen: Neulich kam eine Mitarbeiterin zu mir, die mir mitteilte, sie wolle sich woandershin bewerben, weil sie glaube, es sei jetzt die Zeit für eine neue Herausforderung. Nach einem Gespräch sicherte ich ihr meine Unterstützung zu. Bei der Bekanntgabe dieser Entscheidung wurde ich nahezu mit Fragen der anderen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter überfallen, wer denn dann den Job der Gehenden mache, wie das organisiert werde, wie die Fristen seien, wer wo sitze, ob die Teams sich änderten etc. etc. 

Es ist ein Beispiel, und ich könnte sehr viele aus dem alltäglichen Leben anführen. Selbstverständlich sind die Fragen, mit denen ich im Nachhinein konfrontiert wurde und die ich auch im Kopf hatte, alle relevant. Aber dennoch irritiert mich diese Denkweise, weil ich immer wieder erlebe, dass sie bei der Erörterung einer einfachen Frage zu einer Komplexität aufgeblasen werden, die verhindert, dass überhaupt Entscheidungen getroffen werden. Denn diese Konsequenz, das Erzeugen eines mulmigen Gefühls gegenüber einer immer komplexer werdenden Aufgabe, erlebe ich täglich. Sie führt, so meine These, zu Passivität und Stillstand.

Und in diesem Kontext mag ich gar nicht den Bogen spannen zu der aktuellen Politik, die eben diese Befindlichkeit zu einem politischen Argument formt, das als Antwort gedacht ist an viele Formen der Kritik. Wir kennen das: die Welt ist zu komplex geworden für einfache Antworten. Natürlich steckt auch immer ein Gran Wahrheit darin. Nur ist anzumahnen, dass Akteuere, die mitten im Geschehen stecken, in der Lage sein müssen, ihr Tun mit einfachen Worten und jedermann verständlich erklären zu können. Sind sie dazu nicht in der Lage, sind sie deplatziert, tun sie es nicht, auch wenn sie es können, verdienen sie kein Vertrauen. Die Phrase, dass die Welt zu komplex geworden ist, um einfache Antworten zu geben, ist in vielen Fällen eine Nebelkerze, um schlechte Politik zu kaschieren.

Das Erzeugen von Komplexität, bevor, sagen wir, eine einfache Kausalität dargestellt wird, entspringt jedoch in erster Linie, in der einfachen Lebenspraxis aller, der Furcht vor Entscheidung. Komplexität macht es schwer, einfache Entscheidungen zu treffen. Deshalb, so meine Beobachtung, gehen doch eine Reihe von Akteuren mit durchaus Zufriedenheit ausstrahlenden Gesichtern aus stundenlangen Sitzungen, in denen man sich gegenseitig klar gemacht hat, wie komplex und kompliziert das alles ist und folglich keine Entscheidung getroffen wurde. Da funktioniert die Reflexion des Komplexen bestens als Mittel, um den Stillstand zu wahren.

Da wir es, so meine These, mit einem in der Mentalität verwurzelten Massenphänomen zu tun haben, ist zu befürchten, dass die hiesige Gesellschaft momentan nicht dazu in der Lage ist, die Entscheidungen zu treffen, die aufgrund der rasanten machtpolitischen Veränderungen auf dem Planeten erforderlich wären. Und dann kommt noch der Hinweis, dass die Entscheidungen, die in anderen Ländern aufgrund der veränderten Lage getroffen wurden, die reine Katastrophe bedeuteten. Dann lieber keine Entscheidung? Schlittert da ein großes Kollektiv in die Agonie?

Von der Utopie zur Dystopie?

Beim Stöbern durch die literarischen Entwürfe dieser Tage fällt auf, dass sich die Konzepte der Dystopien dramatisch vermehren, während die Utopien nahezu vom Markt der Ideen verschwunden sind. Bis zur Jahrtausendwende war der Begriff der Dystopie, der eine dunkle Prognose auf die Zukunft beschreibt, um nicht den unscharfen Ausdruck der negativen Utopie benutzen zu müssen, nur einem kleinen Kreis von Spezialisten bekannt. Mit dem Genre selbst wächst auch seine Bekanntheit, was an sich bereits ein Indiz ist für eine Trendwende ist.

Historisch betrachtet entstehen neue Epochen jedoch mit utopischen Entwürfen. Die Menschen in Zeiten des Aufbruchs freuen sich, Zeugen einer neuen Zeit zu sein und sie betrachten die Errungenschaften, die sich in Technik und allgemeiner Lebenswelt zeigen, als eine Chance, sich und ihre Träume zu verwirklichen. Neue Epochen sind immer auch die hohe Zeit der Utopie, was nicht besser zum Ausdruck gebracht werden könnte wie der intelligente Slogan von Toyota: Nichts ist unmöglich.

Haben sich die Verhältnisse erst einmal etabliert und stellt sich heraus, dass in Gesellschaften – wie immer – manche einflussreiche Gruppen bei den rosigen Plänen nicht mitspielen, tauchen auch die ersten Dystopien auf. Plötzlich werden aus den Möglichkeiten Gefahren und die fiktionalen Entwürfe werden dramatisch. Sie ranken sich um die instrumentellen Möglichkeiten der kleinen Herrschergruppen oder die Restauration der Idee der Epoche an sich. Um das zu llustrieren, fallen Orwells „1984“ wie „Die Farm der Tiere“ ein, oder Aldous Huxleys „Schöne neue Welt“ und H.G. Wells „Zeitmaschine“. In der Zeit der zunehmenden Dystopien fällt übrigens auf, dass diejenigen, die sich mit dem Thema befassen, unsere aktuellen Zustände als schlimmer bezeichnen wie in den genannten Werken beschrieben.

Nun, wo die Möglichkeiten der Kommunikation und der damit verbundenen Leichtigkeit, mit der Zeit und Raum verfügbar geworden zu sein scheinen, wo es möglich ist, ohne Geld zu wechseln und lange an Grenzen zu verweilen die Welt zu bereisen, wo die Sprachen aufgrund der Omnipräsenz des Englischen kaum noch zum dauerhaften Schweigen verurteilen, gerade jetzt bricht die Zeit der dauerhaften, täglich reproduzierten Dystopien an. Wie das?

Zwar existieren jene Entwicklungen, die Anlass zur Sorge geben, die geboren sind aus dem inneren Kreise derer, die immer auch verantwortlich sind für den Umschlag von der Utopie zur Dystopie. Aber reicht das aus, um die positiven Potenziale dieser Zeit komplett auszublenden und sich in Untergangsszenarien zu baden? Was ist passiert mit dem Menschen der Moderne, der sich noch vor knapp drei Jahrzehnten als an der Schwelle zur historischen Unendlichkeit definierte? Wie konnte es kommen, dass er, man verzeihe den Kollektivsingular, dass dieser Mensch zu einem fürchtenden und damit furchtbaren Wesen mutiert ist?

Wenn Ängste das Dasein dominieren, kann keine Utopie entstehen. Ob Ängste, wie in einer anderen Epoche von einem konservativen Anthropologen namens Arnold Gehlen formuliert, dem Wesen des Menschen deshalb entsprechen, weil er schutzlos in diese Welt geschleudert wird und durch eine schrecklich lange Sozialisation erst lebensfähig wird, sei dahingestellt. Sicher spielt das eine Rolle, die Dichte der täglich produzierten Dystopien erklärt es nicht.

Eine andere Erklärung könnte das sein, was zu glauben viele noch nicht bereit sind. Es könnte das Ergebnis eines langen, schleichenden Entmündigungsprozesses sein, der die Angst vor Neuem nahezu systematisch hervorbringt. Da hilft kein gutes Zureden, da hilft nur der eigene Versuch, um aus der düsteren Spekulation wieder herauszukommen. Einfach mal machen! Und einfach mal lachen! So fing das mit der Aufklärung auch an. 

Experten der Verdunkelung

Die kollektive Geschichte besitzt Kontinuität, die individuelle nicht. Warum dieser Satz? Weil eine seltsame Kausalität für Törichte immer wieder auftaucht, die versucht, Geschichte plausibel zu erklären, obwohl sie sie abstrus entstellt. Da sind dann Sätze zu lesen wie „mit seinen Sätzen zu der Überlebensfähigkeit der Arten hat Darwin einen Stachel gesetzt für die spätere Ellenbogengesellschaft“, oder „Karl Marx hat mit seinen Vorstellungen von der Diktatur des Proletariats zu den Gulags in der Sowjetunion geführt“, oder „Carl von Clausewitz hat mit hat mit seiner Schrift Vom Kriege den Grundstein für den asymmetrischen Krieg und den heutigen Terror gelegt.“ Zumeist gehen derartig hergestellte Verbindungen einher mit so etwas wie der Zuweisung persönlicher Verantwortung. Und spätestens dort fängt die Verblendung an.

Es ist richtig, eine Verbindung herzustellen zwischen den aktuellen Zeiterscheinungen und dem historischen Hintergrund, den sie haben. Die Akteure der Geschichte sind nie geschichtslos, sie entstammen einem Kontext, der von den Erfahrungen der Vergangenheit in starkem Maße mit geprägt ist. Und die Moderne, wie wir sie im Westen kennen, wurde formuliert und initiiert von geistigen Werken, die nicht nur auf Kant und Hegel, Fichte, Schopenhauer, Hobbes, Voltaire, Rousseau etc. verweisen, sondern auch und gerade auf Marx und Darwin, auf Clausewitz und Hunmoldt. Dass sich Menschen bestimmter Gedanken, die für das gesellschaftliche Kollektiv zu Papier gebracht wurden, bedienen, hat etwas mit dem Zwang zu tun, besser akzeptiert zu werden, wenn sie sich mit Werken legitimieren, die gesellschaftliche Anerkennung genießen.

Die Verantwortung für das, was als historisches Zitat bezeichnet werden müsste, zum Beispiel  Darwin oder Marx, liegt nicht bei den Genannten, denn die sind bereits Geschichte und haben ihre Werke in bestimmten historischen Kontexten verfasst, sondern bei jenen, die sie zitieren und bei denen, die sie in dem neuen, aktuellen Kontext als gültig akzeptieren. Und wenn in diesem neuen Kontext im Rahmen des Zitats Verbrechen begangen oder Absurdes getan wird, ist das die Angelegenheit der aktuellen Gesellschaft und sonst von niemandem. 

Interessant in diesem Kontext ist, dass zumeist sehr moderne, auf den Fortschritt fokussierte Autoren und Schriften in der beschriebenen Weise diskreditiert werden sollen. Die Kräfte, die solche Parallelen herstellen wollen in der Regel damit erreichen, dass das Schriftgut nicht mehr gelesen, sondern generell abgeurteilt wird. Dieses Unterfangen allein genügt, um die unlauteren Absichten zu illustrieren. Denn wer eine bestimmte Lektüre ausschließen will, der betätigt sich als Zensor. 

Als Schmankerl am Rande, das die These durch diese verstörende Episode untermauert, könnte die französische Revolution genannt werden. Sie war, alles in allem, zumindest in bestimmten Phasen, eine sehr blutige und brutale Angelegenheit. Der Tenor der Protagonisten bei ihrer eigenen Legitimation lag auf der griechischen Antike. Bei den Historikern, die gerne alles auf die Autoren und deren Verantwortung zurückführen, wurde eine Anklage gegen die zitierte Antike nirgends gefunden. Entweder unterliegt dieses einem Tabu, oder es erhärtet sich die These, dass die moderneren Schriften und Autoren, die sich mit emanzipatorischen Gesellschaftsmodellen befassen, der Dorn im Auge der Experten gesellschaftlicher Verdunkelung sind. 

Vielleicht hilft noch der Hinweis auf die Adornos und Horkheimers „Dialektik der Aufklärung“. Dort wird, übrigens in historisch einwandfreier Weise, die Potenz der Moderne reflektiert, dass selbst die charmanteste Idee der Emanzipation in der Katastrophe enden kann. 

Die Leserschaft weiß, welcher Vorwurf auf die Bezugnahme auf diese beiden Autoren noch fehlt. Die Experten der Verdunkelung werden ihn parat haben.