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Der große Plan

So komplex sich das Machtgefüge global gestaltet, so deutlich werden nun die Schachzüge des amerikanischen Imperiums. Das, was erst als eine erratische Aktion erschien, die Annäherung an Nordkorea, ist wohl durchdacht und hat zum Ziel, die Ränder am erstarkten chinesischen Reich aus amerikanischer Sicht zu festigen und zu sichern. Japan ist als Säule im pazifischen Raum nur zu halten, wenn Südkorea als komplementäre Wirtschaftsmacht nicht verloren geht. Die Einigungsinitiative des Nordens hat Bewegung ins Spiel gebracht und die amerikanische Administration hat die Gelegenheit beim Schopf ergriffen, um nicht als Zuschauer einem möglichen Erosionsprozess zuzusehen. Das war, aus amerikanischer Sicht, klug, ob es gelingen wird, den koreanischen Norden mehr Richtung Süden zu treiben und damit weg von China zu locken, wird sich zeigen.

In diesem Zusammenhang sind auch die Aktivitäten auf dem eigenen Kontinent zu sehen. Mit dem massiven Versuch, in Venezuela einen Regime Change vorzunehmen, wird deutlich, dass die USA ihren Einfluss in Süd- und Mittelamerika sichern und ausbauen wollen. Die Äußerungen von Vizepräsident Pence hinsichtlich Ecuador und Nicaragua, die auch auf Destabilisierung deuten, sprechen für sich und der Krisenrat angesichts der geplanten Intervention in Venezuela, an dem sich die amerikanisch orientierten Regierungen des Kontinents, inklusive des neuen Präsidenten Brasiliens, beteiligten, haben das Kräfteverhältnis aufgezeigt. Es wird deutlich, was auf der Agenda steht.

Umso beeindruckender ist in diesem Kontext das kubanische Referendum für eine neue Verfassung. Letztere steht im Zeichen eines klaren Bekenntnisses zu den bestehenden sozialistischen Eigentumsverhältnissen bei einer gleichzeitigen Liberalisierung und Machtbegrenzung der kommunistischen Amtsträger. Das Statement bleibt, wird jedoch durch Reformen aktualisiert. Dass an diesem Referendum 84% der Wahlberechtigten teilnahmen und 87% dafür stimmten, ist eine Kampfansage der Kubaner an die reanimierte Hinterhofideologie der USA. Das kubanische Signal wird neue Aggressionen hervorrufen und es ist abzuwarten, ob sich der Kontinent nicht doch noch anders bewegen wird, wie momentan spekuliert.

Und so ist es kein Zufall, sondern der Bestandteil eines klaren Plans, dass mit den Attacken auf Deutschland und seine Energiepolitik die längst betriebene Zäsur der EU als möglicher Vertragspartner Russlands nun mit einer anderen Verve betrieben wird. Sowohl in Europa als auch in Asien wird daran gearbeitet, den Schutzwall gegen den eurasischen Block, d.h. Russland und China, zu sichern, und gleichzeitig wird versucht, auf dem amerikanischen Kontinent für Ruhe zu sorgen. Das sind alte Szenarien, die der Sicherheitsberater Johnsons und Jimmy Carters, Zbigniew Brzezinski, in seinem Werk „The Grand Chessboard“ bereits Ende der Neunziger Jahre des letzten Jahrhunderts mit klaren Worten beschrieben hat. Es geht um Weltherrschaft, und daran hat sich seit dem Niedergang der Sowjetunion und dem Erstarken Chinas nichts geändert. 

Dass in diesem Planspiel, das längst Realität geworden ist, auch die erneuten und vehementen Attacken gegen den Iran stehen, ist nur noch eine Fußnote. Der Plan steht und Donald Trump, dem so gerne als rabaukenhaftem Baulöwen der Verstand abgesprochen wird, folgt dieser Spielanleitung wie keiner seiner Vorgänger. Das macht ihn zu einem ernst zu nehmenden, gefährlichen Strategen, der ohne Schnörkel diesen Zielen folgt. 

Das Gute ist, dass dieser Plan auf dem Tisch liegt und zu erkennen ist, was als nächstes kommen wird. Schlecht ist, dass das viele noch nicht begriffen haben. Das zu ändern, ist die Aufgabe.

Vom Prothesengott zum Prothesenspott?

Unter Anthropologen ist es mittlerweile unstrittig, dass der Homo Sapiens des Neolithikums in seinen Fähigkeiten und Fertigkeiten dem Menschen der Moderne weit überlegen war. Die Notwendigkeit, ohne nennenswerte Instrumente in einer nicht kultivierten Umwelt überleben zu müssen, war eine große Herausforderung. Das, was unter dem Begriff des Sammlers und Jägers in die Epochenbezeichnung aufgenommen wurde, kennzeichnete das Wissen um das, was essbar und wo es zu finden war, und was wie erlegt werden musste. Dazu kam eine Menge gelerntes körperliches Geschick, Ausdauer und die Fähigkeit, sich ohne Hilfsmittel im eigenen Revier zu orientieren. Dazu dienten die Sterne wie die lokale Topographie und Gerüche. Fachleute könnten das alles noch spezifizieren, doch eines sollte bereits deutlich geworden sein: verglichen mit den Fähigkeiten und Fertigkeiten dieser antiken Ausgabe des Menschen sind wir bemitleidenswert schlecht ausgestattet. 

Wenn es einzelne Ausgaben der Gattung gibt, die den beschrieben Vorfahren überlegen sind, dann hat das etwas mit der Fähigkeit der Spezialisierung zu tun. Bestimmte, intensiv antrainierte Fähigkeiten wie zum Beispiel im Sport, die zu absoluten Höchstleistungen verhelfen, widerlegen die These nicht, dass die allgemeine Befähigung abgenommen hat, mit Ausnahme des Geistes. Und das scheint der magische Zusammenhang der Entwicklungsgeschichte zu sein. Je mehr der Denkapparat an Befähigung dazugetan, desto geringer wurde die physische und auch die spirituelle Befähigung. Je größer die Sozialisationsanteile durch die Übermittlung kollektiven Wissens, desto geringer der Anteil unmittelbarer Erfahrung.

Die Ursache scheint in dem Umstand zu liegen, dass die erdachten Werkzeuge und Instrumente der direkten menschlichen Ausführung weit überlegen sind, ihre Benutzung jedoch dazu führt, dass die ureigenen menschlichen Fertigkeiten nicht mehr benötigt werden und absterben. Man denke nur an Formulierungen, die als bloße Metapher in unserem Wortschatz verblieben sind, die jedoch als einstige reale Möglichkeiten des Menschen existierten. Oder riecht heute tatsächlich noch irgendwer Gefahr?

Je komplexer in ihrer Funktionsweise und je leistungsstärker die Werkzeuge und Instrumente wurden, desto mächtiger fühlte sich der Mensch, die Formulierung Sigmund Freuds, der in diesem Zusammenhang von einem Prothesengott sprach, bringt es auf den Punkt. Es handelt sich um die Arroganz des Geistes gegenüber dem eignen Körper. Wohin diese Entwicklung geführt hat, lässt sich beobachten. Neben der sich vermehrenden Unfähigkeit von Kindern, die von Pädagogen wie Medizinern als dramatisch bezeichnet wird im Hinblick auf Mobilität, Ausdauer, Geschick und Orientierung machen sich als dessen Ausdruck so genannte Zivilisationskrankheiten breit, die, sollte kein Umdenken stattfinden, in der Lage sind, die Dimension von Epidemien anzunehmen. Es führt übrigens dazu, dass ganz findige Finanzspekulatoren heute in Insulin produzierende Unternehmen investieren. 

Auf der anderen Seite beschert das digitale Zeitalter, in dem der Schlüssel zu jeder Lebenslage in Algorithmen zu liegen scheint, die Befähigung vom Sofa, das versaut ist mit süßen Teilchen und Erdnüssen, ganze Fabriken am Laufen zu halten oder, noch schlimmer, ganze Armeen in Bewegung zu setzen. Der Preis ist nicht nur die Entwicklung eines Großteils der Menschen vom Subjekt zum Objekt, sondern auch seine weitere physische und spirituelle Verkümmerung. Böse formuliert, befinden wir uns mittlerweile auf der Leiste vom Prothesengott zum Prothesenspott. 

Alle Versuche, auf diesen kritischen Konnex hinzuweisen, werden abgetan oder regelrecht verfolgt. Wie immer, bei jeder technologischen Entwicklungsstufe, geht es um die Verfügungsgewalt und den Nutzen. Diese Technologie in den falschen Händen, und der Weg vom Homo Sapiens zur Amöbe ist nicht mehr weit.

Vom schleichenden Prozess der Veränderung

Veränderungen vollziehen sich nicht immer für alle sichtbar und von jedermann bemerkt. Nicht selten handelt es sich um einen schleichenden Prozess. Da wird mal hier etwas vollzogen, was unter normal empfundenen Umständen eigentlich weder gemacht noch geduldet würde. Und dann wird dort, in Bezug auf das gerade erfolgte Hier, etwas akzeptiert, was noch weiter von der eigentlichen Normalität liegt. Es handelt es sich um etwas, das ein kluger Kollege einmal subkutan, also unter der Haut liegend, bezeichnete. Und dann geht es so weiter, und plötzlich sind diejenigen, die glauben, alles unterläge noch den bekannten Regeln und Werten, in einer belächelten Minderheit. Das System hat den Wandel bereits hinter sich, und der Großteil der Mitglieder bemerkt es erst, wenn es längst zu spät ist.

Die hier beschriebene Art und Weise ist, so glaube ich, ein nicht dummes, sondern kluges Vorgehen derer, die ein System verändern wollen. Den offenen Konfrontationskurs wollen sie nicht eingehen, weil sie wissen, dass das ein hoffnungsloses Unterfangen wäre. Aber ein schleichender Prozess, der immer dann besonders Erfolg verspricht, wenn man sich in Phasen der Sättigung befindet, weil dann die Aufmerksamkeit der Oberflächlichkeit gewichen ist, ein derart schleichender Prozess hat gute Aussichten auf Erfolg. 

Besehen sie sich das Sozialsystem, in dem Sie sich hauptsächlich bewegen! Kennen Sie nicht auch Phasen, die der Beschreibung entsprechen? Ich wage zu behaupten, dass kaum jemand, der oder die diese Zeilen liest, eine solche Erfahrung im Kleinen nicht bereits gemacht hätte.

In Bezug auf das, was im Land des Michels als die „große“ Politik beschrieben wird, liegt hinter uns eine bereits lange Zeit, in der ein solcher Systemwechsel, oder, wie die Geostrategen jenseits des Atlantiks so gerne formulieren, in der ein Regime Change vorbereitet und durchgeführt wurde. Das bezieht sich auf die Bundesrepublik Deutschland, aber es bezieht sich auch noch auf andere europäische Staaten. 

In den erwähnten Ländern wurde durch einen schleichenden Prozess ein Konsens zerstört, der vorher für eine erstaunliche Stabilität gesorgt hatte. Er bestand in der formulierten Chance für alle,  auf der sozialen Leiter der jeweiligen Gesellschaft mit realistischer Aussicht nach oben kommen zu können und er bestand in einem Bekenntnis zur Schaffung einer Weltfriedensordnung. Beides ist dahin. Das Gros der nicht in teurem Tuch Geborenen hat in unseren Breitengraden das gleiche Los wie die Vorfahren, die meisten verharren im Prekariat. Und die Friedenspolitik ist einer offenen Einmischungen- und Kriegsstrategie gewichen. Daran gearbeitet haben viele, von Thatcher bis Blair, von Schröder und Fischer bis Merkel und Schäuble.

Das wenig Verblüffende eines schleichenden Prozesses des Systemwandels ist der gravierende Unterschied der Zustände, die am jeweiligen Anfang und Ende stehen. Zunehmend viele Menschen sind entsetzt über das, was sich nun vor ihren Augen ausbreitet. Wer hätte bei den vielen kleinen Lässlichkeiten geglaubt, dass eine derart perfide Agenda hinter dem Ganzen steht?

Und so, wie zwei existenzielle Faktoren des gesellschaftlichen Zusammenhalts zerstört wurden,  sind es auch zwei Schlüsse, die aus diesem Prozess gezogen werden sollten: Es existiert nichts, was es nicht wert wäre, genau auf die soziale Ausrichtung genau betrachtet zu werden und  Entsetzen allein ist kein guter Ratgeber. Wie gesagt, alles ist veränderbar.