Archiv der Kategorie: food for thought

Krise V: Nabucco statt An die Freude!

Und die Krise bleibt ein gut geeignetes Labor! Alle Aspekte des Lebens erscheinen in ihr in einem neuen Licht, und alles gewinnt zum Teil auch neue Bedeutung. Plötzlich haben wir es da mit Mandatsträgern zu tun, die sich exklusiv auf die Wissenschaft berufen. Was vor einigen Monaten, in Bezug auf die Ökologie, undenkbar war, ist bei den Funktionsträgern plötzlich Common Sense. Das ist bemerkenswert, auch wenn es nicht die Frage verdrängen darf, ob die Bezugnahme exklusiv auf die Wissenschaft, um Politik zu gestalten, in eine diktatorische und totalitäre Welt führen kann. Nicht alles, was wissenschaftlich erwiesen scheint, eignet sich, um die sozialen Beziehungen von Menschen zu regeln, und schon gar nicht von einem wie auch immer gearteten Staat. Aber das nur am Rande.

Das Verwertungsprinzip der schnellen Mode macht auch in der Krise nicht Halt. Das, was uns aus Italien an Bildern und Tönen erreichte, wenn die Menschen sich abends aus den Fenstern und von den Balkonen darauf verständigten, ein Viva Italia oder Bella Ciao zu schmettern, und was, seien wir ehrlich, an Authentizität nichts zu wünschen übrig ließ, wurde in Germanistan prompt kopiert und endete in breitflächig organisiertem Absingen von An die Freude. Wenn man den Unterschied von Nationen kennenlernen wollte, dann war das ein wunderbares Beispiel. Jenseits der Alpen Vitalität und Spontaneität, diesseits der Alpen Technik und Organisation. Was, um in Germanistan zu bleiben, nicht harmoniert mit dem tiefen Bedürfnis nach Mythos und Pathos. Und vielleicht müssen wir daran gehörig arbeiten, sonst wird das alles nichts mehr.

Just in dem Augenblick, in dem die Politik vermittels der Wissenschaft an die Vernunft appelliert, gleiten die intellektuellen Eliten in das Pathos ab und sie überbieten sich dabei, ihr eigenes Wohlverhalten zu exponieren. Von Bannern auf den Balkons bis zu solchen in den sozialen Netzwerken wird hervorgehoben, dass man sich selbst an die Maßgaben des staatlichen Krisenmanagements hält und verurteilt all jene, die das nicht tun. Fast scheint es so, als fühlten sich manche besser, wenn sie sich abheben von den Delinquenten, die typisch für eine Massengesellschaft sind. Ihnen sei geraten, das Selbstverständliche zu tun, solange es erforderlich ist, und ansonsten sich sinnvoll zu beschäftigen und sich in keinen Orgien der moralischen Erhebung gegenüber anderen zu ergießen, deren soziales Schicksal in der Regel härter ist als das ihre. 

Was, jenseits dieses psychologischen Feldes, auffällt, ist, dass man in Germanistan geübt ist in Sachen staatlicher Ausnahmezustände. Da hatten viele gedacht, mehr als siebzig Jahre nach dem großen Krieg und mehr als dreißig Jahre nach der Vereinigung, habe sich hier die westliche Massendemokratie etabliert, da kommt eine pandemische Krise und wie auf einen Pfiff folgen alle den staatlichen Instruktionen. Das ist ein momentaner, taktischer Vorteil beim Kampf gegen das Virus, kann aber zu einem politischen Fiasko werden,  wenn man sich die Tendenz zum längst überwunden geglaubten Blockwartwesen ansieht. 

Irgendwie scheint alles vergeblich gewesen zu sein, was die Geschichte seit den Irrungen der Diktatur an Chancen zur Verfügung gestellt hat. Fast möchte man rufen, bitte besinnt Euch!, Ihr seid doch nicht auf den Kopf gefallen! Und hört nicht auf jeden Scharlatan! Wenn Ihr es schon braucht, und abends von den Balkons auch singen wollt, dann doch nicht An die Freude! Dann wählt wenigstens den Gefangenenchor von Nabucco! Das ist Pathos pur und in dem steckt schließlich die Sehnsucht nach Überwindung. Und genau das ist es, was wir jetzt alle brauchen. Dinglicher denn je! 

Krise IV: Wir liegen vor Madagaskar!

Keine Situation ist besser geeignet, in sehr kurzer Zeit sehr viel zu lernen, als die Krise. Von den strukturellen Fragen war schon die Rede. Es konnte festgestellt werden, dass der Verzicht von Autonomie wegen ökonomisch rentabler Lieferketten ebenso fatal ist wie börsenorientierte Kapitalgesellschaften, denen Versicherungssysteme anvertraut werden. Und es war sehr schnell deutlich, welche Auswirkungen die Umwandlung des Gesundheitswesens in vereinzelte Wirtschaftsbetriebe hat. Dass der Zweck aus den Augen verloren wird, die Patienten leiden und zahlenorientierte Abkömmlinge aus Wirtschaftsberatungsgesellschaften über ein so hohes Gut wie die Gesundheit entscheiden. Seehofer hieß übrigens der Gesundheitsminister, unter dessen Verantwortung diese Entwicklung eine entscheidende Phase durchlief und in der niedergelassene Ärzte, die den hippokratischen Eid ernst nahmen, en bloc kriminalisiert wurden.

Neben den strukturellen Fragen, die im Moment recht schnell geklärt werden können, – ob das zu den notwendigen politischen Entscheidungen führen wird, liegt an uns allen und wird sich zeigen –  sind es die mentalen Erscheinungen, die zeigen, was in der Epoche der reinen Zasterphilosophie so alles an Empathie verloren gegangen ist. Da stehen nun die diejenigen, die für das Wirtschaftssystem, das die Ära geprägt hat und das nicht die Pandemie, aber die aus ihr hervorgehende Krise in einem gehörigen Maß zu verantworten haben in menschenleeren Sälen vor den Mikrophonen und appellieren an die Vernunft der Bevölkerung. Richtig, vernünftiges Handeln ist jetzt notwendig. Und die Dringlichkeit dieses Notwendigen resultiert aus dem unvernünftigen Agieren von zwei Jahrzehnten. Solange das nicht zur Disposition steht, solange niemand aus der Kohorte der Verantwortlichen Worte über die eigene, fehlerhafte Agenda fallen lässt, darf sich niemand wundern, wenn es rumort. Und es wird weiter rumoren, denn je länger die verordnete Ruhe mit der ihr innewohnenden gesellschaftlichen Situation herrscht, desto kritischer wird es in sozialer Hinsicht.

Dass da ein gehöriges Maß an Verblendung herrscht, wird an der Kritik an dem Verhalten derer deutlich, die sich noch im öffentlichen Raum getroffen haben. Es sei empfohlen, wenn es nicht durch die Einschränkung der Bewegungsfreiheit gefährlich werden könnte, einmal durch die verschiedenen Quartiere einer Großstadt zu flanieren. Da wird dann sehr schnell deutlich, wo die „Unvernünftigen“ und wo die „Vernünftigen“ beheimatet sind. In den Vierteln der Unterschichten ist das Treiben im öffentlichen Raum wesentlich stärker ausgeprägt, weil dort weder private Gärten noch großräumige Wohnungen vorhanden sind. Um der argumentativen Entgleisung der berufsmäßig politisch Korrekten, die exklusiv wohnen, womöglich aus kaum versteuertem Erbgut, und die sich herzzerreißend gegen die Käfighaltung von Legehennen wehren, einmal einen Vorschlag zu machen: Zieht in die Quartiere der Unterschichten und tauscht die Behausung mit jenen, die sich dort auf der Straße herumtreiben. Dann wird zu beobachten sein, wie lange sie es aushalten in den Unterkünften der Armut und Beschränkung. 

Es fällt auf, dass die chronische Ausblendung der sozialen Frage, so wie es in der Epoche des Wirtschaftsliberalismus immer und immer wieder praktiziert wurde, die Spaltung der Gesellschaft immer weiter vorangetrieben hat. Das muss sich nun ändern. Es darf keine Tabus mehr geben. Die Verhältnisse , wie wir sie momentan erleben, haben dazu geführt, dass der Park gegen die Straße pöbelt und es kaum jemand noch merkt. Diese Pöbelei ist das Unappetitliche! Wer einen leeren Magen hat, und stellen sie sich vor, davon gibt es eine große Menge, der hat keinen Appetit auf Diskurse über sublime Gewürzmischungen, sondern dem geht es um ein Stück Brot. Was die Krise zeigt? Unsere Gesellschaft hat kannibalistische Züge, und kaum jemand, selbst die gebildeten Schichten, merken es noch. Das Wasser in den Kesseln fault beträchtlich.

Krise II: Solidarität statt Voyeurismus

Es sind ungewöhnliche Einblick in unsere gesellschaftlichen Verhältnisse, die sich in diesen Tagen bieten. Die Reduktion des allgemeinen Verkehrs auf das Wesentliche, um Leben zu erhalten, nährt plötzlich die Erkenntnis, dass die Arbeit nicht unbedingt die zentrale Sphäre dessen ist, was uns existieren lässt. Es erklärt sich von selbst, dass die Produktion bestimmter Güter notwendig ist, um uns existieren zu lassen. Nun wird jedoch klar, dass die Grundbedürfnisse zählen und die künstlich erzeugten, die normalerweise als lebensnotwendig erscheinenden Gelüste in den Hintergrund treten. Vieles, so könnte die zynische Schlussfolgerung lauten, was wir als lebensnotwendig erachten, ist virtuell. Uns wird immer wieder suggeriert, und an diesem Prozess nehmen wir allzu gerne teil, dass wir das alles brauchen, was uns der immer vom Wachstum abhängige Markt so offeriert. Und jetzt stehen wir da und merken, so ist es nicht. 

Es hat sich schnell herumgesprochen, ohne dass eine amtliche Anordnung erforderlich gewesen wäre, dass es zwei Dinge sind, die unser Wesen bestimmen. Dies ist die Reproduktion und die soziale Interaktion. Ohne Nahrung und Kleidung wird es uns nicht lange geben. Ebenso ist es mit dem sozialen Kontakt. Wird der auf ein Minimum reduziert, dann bäumt sich die Gattung Mensch verzweifelt dagegen auf. Die Krise berührt beides. Und solange die basalen Bedürfnisse befriedigt werden können, ist mit Ruhe zu rechnen. Heikel wird es mit der Notwendigkeit des sozialen Austauschs. Wird der weiter herunter gefahren und sogar untersagt, dann wird das für eine gewisse Zeit, aber nicht lange, halten. Und allen, die jetzt an die Vernunft appellieren, sei gesagt, es hat mit Vernunft nichts zu tun. Menschen müssen kommunizieren und sie wollen kooperieren. Wenn sie das nicht mehr dürfen, dann gehen sie ein. Die Fähigkeit, sich mit sich selbst für eine gewisse Zeit zu arrangieren, ist sehr unterschiedlich ausgeprägt. Manche begrüßen die nun mögliche Eremitage, andere sind bereits nach wenigen Tagen mit den Nerven am Ende.

Trotz aller Kulturkritik und trotz vieler, ja so gerne publizierter Erscheinungen, die zu einer heftigen Dystopie einladen, der Blick auf das Geschen der letzten Tage im ganz profanen Kontext erlaubt es, der Hoffnung wieder einen größeren Stellenwert zu geben. Direkt vor der eigenen Haustür findet ein Leben statt, das ganz unaufgeregt der eigenen Bestimmung folgt. Da werden aus den täglichen, zumeist unter großem Zeitdruck abgearbeiteten Routinen kleine Feste der sozialen Interaktion. Da ist die Zeit und der Wille vorhanden, nicht nur seiner eigenen Agenda zu folgen, sondern da wird aufgepasst, was die anderen um einen herum so treiben. Nicht im voyeuristischen, sondern im solidarischen Sinn. Plötzlich ist überall der Wille zu verspüren, denen zu helfen, die der Hilfe bedürfen. 

Und es geht auch ohne institutionelle Organisation. Spontan, auf den Wiesen am Fluss, tauchen Akrobaten auf, die ihre Kunststückchen aufführen und dabei aus der Ferne geherzt werden, oder da sind die Musiker, die schon immer da waren und für Geld gespielt haben, die sich für ihre Beiträge zu einem Imbiss einladen lassen. Es ist keine Glorifizierung von Mangelwirtschaft, zu der eingeladen wird, sondern es ist ein Verweis auf Möglichkeiten, die in der sozialen Anlage immer noch bestehen, trotz eines immer wieder medial gepushten Krieges auf die sozialen Sinne, die in der Gattung schlummern. Und die Typen, die ansonsten die öffentliche Aufmerksamkeit geniessen, weil sie den Hals nicht vollkriegen, die wären, in der momentanen Situation des Ausnahmezustands, sehr schnell am Pranger. Dort, wo das Leben noch stattfindet, im Laden, auf der Straße, im Park. Und wir stellen fest, es geht auch ohne sie, und niemand scheint sie zu vermissen. Schleicht euch!