Archiv der Kategorie: food for thought

Anton Tschechows aktuelle Diagnose

Anton Pawlowitsch Tschechow ist nicht umsonst ein Dauerbrenner für deutsche Bühnen, obwohl ich nicht weiß, inwieweit die allseitig betriebene russophobe Psychose mittlerweile dazu beigetragen hat, dass auch seine Werke dem Bann unterliegen. Jedenfalls bis vor kurzem gehörte es zum Kanon einer einigermaßen gelungenen Bildung, etwas von ihm gelesen oder auf der Bühne gesehen zu haben. Das lag zum einen daran, dass er das menschliche Handeln im Kontext seiner jeweiligen profanen Welt so gut zu beschreiben wusste. Tschechow war ein Meister der Ent-Mystifizierung. Die Männer, so schrieb er treffend, sie fahren nicht zum Mond. Sie gehen zur Arbeit, essen Suppe und streiten sich mit ihrer Frau. Wer so auf die Realität blickt und dabei noch eine zweite Stärke besitzt, nämlich die Ergründung dessen, was man als praktische Moral bezeichnen könnte, den darf man mit Sicherheit zu den Säulen eines gehobenen kulturellen Niveaus rechnen.

Von Tschechow stammt der Satz, dass die Lüge die Seele auffrisst. Im Grunde handelt es sich dabei um eine aktuelle Diagnose. Und er hat dazu beigetragen, dass seine Leserinnen und Leser sich nicht nur darüber ihre eigenen Gedanken machen, sondern dass die Psychologie den Satz in das Feld der eigenen Forschung genommen hat. Dort werden die Auswirkungen der Lüge auf die Psyche wie folgt beschrieben.

Schutzmechanismus mit negativen Folgen:

„Lügen können als Abwehrmechanismus dienen, um das Selbstbild zu schützen, Verletzlichkeit zu vermeiden und Konflikte zu umgehen. Dieser kurzfristige Schutz kann jedoch langfristig zu einer inneren Leere und einem Gefühl der Entfremdung führen.“

Erosion des Selbstwerts:

„Das ständige Lügen kann das eigene Selbstbild untergraben, da es eine Diskrepanz zwischen dem wahren Ich und dem Bild erzeugt, das man nach außen darstellt.“ 

Schuld und Angstgefühle:

„Lügen können starke Schuldgefühle auslösen und eine ständige Angst vor Entlarvung hervorrufen, was zu Stress und emotionaler Belastung führt.“

Empathieverlust: 

„Die Fähigkeit, die Gefühle anderer einzuschätzen und mitzufühlen, kann durch häufiges Lügen beeinträchtigt werden. Das Lügen erschwert es, die Perspektive des Gegenübers zu verstehen, was zu einer Distanzierung und einem Mangel an Empathie führt.“

Soziale Isolation:

„Durch Lügen kann eine Person von ihren Mitmenschen emotional und sozial distanziert werden, was zu Einsamkeit und Isolation führen kann.“

Beeinträchtigung der Beziehungen:

„Wenn Lügen wiederholt vorkommen, kann dies das Vertrauen in zwischenmenschlichen Beziehungen zerstören und diese langfristig schädigen.“ (Zitate sind die Antworten aus einer KI-Anfrage)

Angesichts der flächendeckenden Flucht in bewusste Konstruktionen der Unwahrheit kann man sich also ohne Schwierigkeiten ein Bild davon machen, was Gesellschaft und Politik bei dem eingeschlagenen Kurs erwarten beziehungsweise, schaut man genau hin, bereits eingetreten ist: Die Erosion des Selbstwerts ist bei dem momentanen Aufpumpen vor dem Spiegel der Illusion noch nicht eingetreten, ebenso wenig Schuld- und Angstgefühle, dazu ist die Dosis der moralischen Selbstüberhöhung zu groß. Aber Empathieverlust, soziale Isolation wie die Beeinträchtigung der Beziehungen sind längst vollzogen, wenn man den Kokon des propagandistischen Gewebes verlässt und sich den Rest der Welt anschaut. 

Ein Motiv, das als Ursache des Lügens immer wieder genannt wird, ist das der Feigheit. Sollte das bei der gegenwärtigen Disposition tatsächlich das Hauptmotiv sein, dann sind alle aufgezählten Folgen ein Maß an Strafe, dass nicht nur aus Feigheit, sondern auch aus Niedertracht zustande kommen kann. Und vergessen Sie nicht, Anton Tschechow  zu lesen. Und wenn Sie den Russen mental rehabilitieren, haben Sie bereits einen ersten Schritt der Besserung vollzogen. Und, ich habe recherchiert, in der kommenden Spielzeit werden Werke von Tschechow in Berlin, Göttingen, Krefeld, Leipzig und Magdeburg zu sehen sein.

Anton Tschechows aktuelle Diagnose

Der geistige Fraß der Zerstörung

Hätte man eine böse Zunge, dann könnte man voller Stolz die Bilanz ziehen: Es ist vollbracht! Gemeint ist das Gericht, das Ende der siebziger, Anfang der achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts auf den Herd gesetzt wurde und vielleicht einmal als die Ursache für den letztendlichen Zusammenbruch eines politischen Systems bewertet werden kann. Nicht die Ökonomie, die immer als die Basis eines solchen gilt, sondern die langsame, schrittweise Aushöhlung dessen, was den Kapitalismus in einer gewissen historischen Phase so fortschrittlich und bahnbrechend gemacht hatte. An den Besitzverhältnissen hat sich seitdem nicht viel verändert, sieht man einmal von dem astronomischen Reichtum einer Handvoll Menschen auf der einen und der fortschreitenden Armut der großen Masse auf der anderen Seite ab. Aber das System, das den Kapitalismus so revolutionär wie erfolgreich gemacht hatte, entsprang auch der Vorstellung, dass Gleichheit, Solidarität und Freiheit einander bedingten und einer Wechselwirkung unterlagen. 

Es ging um formelle Gleichheit vor dem Gesetz, es ging um die Unterstützung der Schwachen durch die Gemeinschaft und es ging um die Freiheit des Individuums und seiner Entscheidungen. Und das alles fußte auf der Überzeugung, dass das zentrale Maß für alles die Leistung ist. Ganz nach der so treffend von Jean Paul Sartre formulierten Maxime: Die Existenz ist etwas zu Leistendes.

Der geistige Fraß, der dieses Fundament seit nahezu einem halben Jahrhundert zerstört, resultiert aus der damals aufkommenden Überzeugung, dass nicht die Leistung, nicht das, was der Mensch aus sich macht oder was er beiträgt, seinen Wert ausmacht, sondern seine ethnische Zugehörigkeit, seine Hautfarbe, seine individuelle Befindlichkeit und Beschaffenheit. Die Leistung wich der Befindlichkeit, und wenn man sich diese Entwicklung im historischen Kontext und nicht unter den Parteifarben derer, die mit diesem Unsinn begonnen haben und ihn dann kultivierten ansieht, dann handelt es sich streng genommen um eine grundlegende Abkehr von der bürgerlichen und einer Rückkehr zu feudal-despotischen Gesellschaft. Da wurden die Menschen nach Herkunft, Hautfarbe und Beschaffenheit klassifiziert und nicht nach Leistung.

Längst spielen die materiellen Grundlagen der bürgerlichen Gesellschaft keine Rolle mehr. Weder die Leistungen der Wirtschaft, noch die Beiträge der Bürgerinnen und Bürger und nicht die aus Leistung und dem Vermögen, Leistung zu erbringen resultierenden Interessen. Befindlichkeit und Moral sind die herrschenden Messsysteme, die ihrerseits noch dahingehend pervertiert werden, indem sie nahezu systemisch einen doppelten Boden haben.

Da werden Aktionen anderer beklagt, derer man sich regelmäßig selber schuldig macht, da werden ganze Gesellschaften wie Individuen beargwöhnt und dämonisiert, wie man es aus der Inquisition kannte ohne gleichzeitig einen eigenen Nervenzusammenbruch verhindern zu können, wenn andere aus ihrer Sicht das eigene Handeln kritisieren. Jeden Tag gipfelt das, was einmal als gesellschaftlicher Diskurs bezeichnet wurde, in einem hysterischen Bacchanal gegenseitiger Verleumdungen und Beschuldigungen. Niemand fragt mehr nach Ursache und Wirkung. Keiner arbeitete noch das jeweilige Interesse heraus. Deshalb stehen auch zumeist nur noch Schreihälse auf der Bühne, in der Politik wie im Kabarett und meistens ist nicht mehr zu unterscheiden, was denn nun was ist. Alle hacken aufeinander herum, ohne Sinn und Verstand. Die einzige Leistung, die die Produkte aus der Herrschaft der Befindlichkeit noch zustande bringen, ist die, den jeweiligen Grad der Beleidigung noch zu erhöhen. Respekt, Ehre, Freiheit, Maß – alles dahin.   

Der geistige Fraß der Zerstörung

Wie Nietzsche in Turin?

Wenn der intellektuelle Mob, egal welchem Lager er zuzurechnen ist, beginnt, einzelne Begebenheiten aus einem großen Zusammenhang zu reißen und sie als repräsentativ für denselben zu missbrauchen, dann entstehen Bilder, die Ignoranz und Vorurteile prägen. Eines der historisch bedeutungsvollsten ist jene Szene aus Turin im Januar 1889, als Friedrich Nietzsche beobachtete, wie ein Kutscher brutal auf sein Pferd einschlug. Nietzsche rannte daraufhin über die Straße, umarmte weinend den Hals des Tieres und brach schließlich zusammen. Es war das tatsächliche Ende des an der Syphilis erkrankten Mannes, der bis zu seinem Tod, der elf Jahre später eintrat, in geistiger Umnachtung in verschiedenen Psychiatrien oder privater Obhut verbrachte. 

Den drittklassigen Kolporteuren der Philosophie, die seine Schriften mit ihrem Missbrauch durch den aufkommenden Faschismus gleichsetzten, fiel daraufhin nichts Besseres ein, als aus einem vorgeblich den Machkult verehrenden Philosophen eine idiotische Memme zu machen. Dass Nietzsches Schriften mehr boten als die lächerliche Rezeption durch die nationalsozialistischen Ideologen, blieb der Masse verborgen. Was hängen blieb, war der Rat, die Peitsche nicht zu vergessen, wenn man zum Weibe geht und eben diese Episode des Turiner Zusammenbruchs. Dass eine ganze Generation den Zarathustra als ein Befreiungsschlag gegen den Kleingeist, die Bevormundung und die Denkverbote durch Tabus begriff und sich auf den Weg machte, emanzipatorische Lebenswelten zu entwerfen, fiel unter den Tisch der Kolportage. 

Bücher wie Überlieferungen sind voll von solchen Geschichten. Sie belegen zumeist die alte Gewissheit, dass diejenigen, die in bestimmten historischen Phasen die Oberhand gewonnen haben, auch bestimmen, was in den Büchern steht. Oder, um es auf eine heutige Formulierung zu bringen: die Sieger oder Herrschenden schreiben die Geschichte. Und so ist es kein Wunder, dass momentan, in einem Prozess globaler Veränderungen, sehr unterschiedliche Darstellungen der jüngeren Geschichte kursieren. Dass man in den USA die Geschichte des II. Weltkrieges, des Kalten Krieges wie der Phase danach anders darstellt als in Russland, ist nur logisch. Und dass man in China im Falle Hongkongs oder Taiwans das anders sieht als in Großbritannien, den USA oder Japans ist ebenso folgerichtig wie die Sicht des heutigen Indiens auf seine eigene Vergangenheit. 

Die Diversität der Perspektiven hat etwas zu tun mit dem eigenen Erleben, mit den Siegern im eigenen Lager wie mit deren Interessen. Das ist kein Frevel. Das ist die Normalität. Zu denken, dass die eigene Sichtweise deckungsgleich mit der gesamten Welt ist, konnte man bei einem Alexander dem Großen, Dschingis Khan oder römischen Kaisern genauso beobachten wie bei britischen Königen oder einem Adolf Hitler. Sie dachten allesamt imperial. Und die imperiale Denkweise ist es, die gewaltsame Expansion und gewaltige Zerstörung nach sich zieht.

Und nun betrachten wir noch einmal, was derzeit vor sich geht. Die Reduktion auf die eigene Sichtweise und die Ausblendung der Interessen des Restes der Welt wird die gleichen Resultate zeitigen wie die Bilanz der erwähnten Herrscher. Mit der Einschränkung, dass denen, die derzeit in maßloser Überschätzung ihrer eigenen Potenziale das Weltmonopol beanspruchen, durchaus ein Ende blühen kann wie das des Friedrich Nietzsche in Turin. Wobei, auch das sei gesagt, sie diesem bis heute nicht das Wasser reichen können. 

Wie Nietzsche in Turin?