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Varianten einer Problemlösung

Es gehört zu den grundlegenden Kenntnissen von Organisationsentwicklung, dass die Organisation als Ganzes in ihrem Gelingen davon abhängt, wie die einzelnen Glieder zusammenwirken. Die Verfassung in doppeltem Sinne entscheidet darüber, inwieweit der Wille der einzelnen Mitglieder mit dem artikulierten Gesamtwillen korrespondiert. Zum einen existieren Schriftstücke, in denen Sinn und Zweck sowie die Verfahrensweisen der Organisation beschrieben sind. Die einzelnen Mitglieder haben dieses Schriftwerk akzeptiert, sonst wären sie nicht aufgenommen worden. Um anderen hängt die Realisierung der formulierten Pläne davon ab, wie das Geschriebene praktisch ausgeführt wird. Das wiederum wird bestimmt durch die verschiedenen Funktionsträger, die die entsprechende Macht haben, um Beschlüsse umzusetzen und auszuführen. Kommt es zu Dissonanzen, so liegt es zumeist an der Interpretation dessen, was als Allgemeingut vorausgesetzt wird. 

Es ist ebenso Realität, dass innerhalb von Organisationen ein Kampf über die Deutung der Ziele und die Wege ihrer Erreichung geführt wird. Die unterschiedlichen Partikularinteressen, die, je größer und komplexer die Organisation ist, sich nahezu selbstverständlich herausbilden, sind zumeist Ursache von Meinungsverschiedenheiten, die ausgeräumt werden müssen, will die Organisation nicht abkommen vom Weg des beschriebenen Zwecks. Es handelt sich dabei um das Alltagsgeschäft. 

Die Wege, sich mit den einzelnen Friktionen zu beschäftigen, sind sehr unterschiedlich. Eine Variante ist das „Durchregieren“ von oben, d.h. funktionsbezogene Macht duldet die Artikulation von abweichenden Interessen nicht und sucht sie zu unterbinden. Notwendige Folge ist zumeist nicht die Lösung des Problems, sondern der Austausch von Personen und, sollte das nicht helfen, eine Neuorganisation einzelner Teile. Die Folgen sind in der Regel nicht produktiv. Der machtbetonte Dirigismus schafft nur temporär Abhilfe, langfristig löst er existenzielle Ängste aus und befeuert Ressentiments innerhalb der Organisation.

Eine andere Möglichkeit ist die öffentliche Wahrnehmung des Problems und seine Beschreibung. Was als Anfang gut klingt, wird dann, wissentlich, als eine Sache von Sondergremien deklariert. Diese werden dann beauftragt, an einer Lösung zu arbeiten. Das beruhigt zunächst viele Gemüter, führt jedoch, wenn es sich um klassische Verhandlungen handelt, nicht zu einer Lösung, sondern zu einer Vertagung des Problems. Folge sind keine Ängste und weniger Ressentiments, dafür aber eine auf Dauer depressive Haltung, die gespeist wird von der Einsicht, es ändere sich ja doch nichts.

Eine dritte Variante besteht aus einem inszenierten Ausnahmezustand. Alle Mitglieder werden einberufen zu einem Konvent, der den Charakter eines Workshops oder einer Zukunftskonferenz hat. Dort kommen alle Probleme auf den Tisch, sie werden aus unterschiedlichen Perspektiven beschrieben und von unterschiedlichen Arbeitsgruppen bearbeitet. Deren Aufgabe besteht in der nochmaligen Beschreibung des Problems, in der Skizzierung von Lösungsansätzen und in der Nennung möglicher Widerstände hinsichtlich der angestrebten Vorgehensweise. Das Plenum wiederum setzt sich mit den verschiedenen Lösungsansätzen auseinander und formuliert eine Maßnahmenliste, die das Projekt benennen, Verantwortliche festlegen und Termine setzen. Und es wird vereinbart, wann man sich wieder trifft, eine Zwischenbilanz zieht und beschließt, wie es weiter gehen soll.

Der Vorteil dieser Variante besteht in der Unterstreichung der Verantwortung und Bedeutung aller einzelnen Organisationsteile und er vermittelt die Erkenntnis, dass alle das zu verantworten haben, was geschieht oder auch nicht geschieht. Denn es kann auch sein, dass man zu der Erkenntnis kommt, die Organisation habe sich überlebt. Schwerwiegend, aber die Konsequenz ist die Mutter des Fortschritts. 

Die Praxis der Organisationsentwicklung zeigt, dass diese Variante die erfolgreichste wie nachhaltigste ist. Oft wird der Aufwand einer derartigen Herangehensweise von den verantwortlichen Funktionären als zu hoch beschrieben, was angesichts der in der Regel entstandenen Schäden durch die Eigendynamik der einzelnen Teile nicht zu belegen ist. 

Bei Betrachtung dieser kleinen Revue fällt auf, welche Vorgehensweise in großen, politischen und internationalen Organisationen präferiert wird. Letztendlich geht es dort um die Macht der Akteure, und nicht um den originären Zweck und die Ziele der Organisation. Die EU zum Beispiel wäre ein wunderbares Beispiel, um die dritte Variante auszuprobieren. Da stellt sich die berechtigte Frage, von wem Wohl die vehementeste Gegenrede käme?

Wie wird 2026 über den Staat gedacht worden sein?

Es hatten sich die Erkenntnisse durchgesetzt, die seit langem gereift waren. Der Staat, als Abstraktum, war nie ernsthaft von einer Mehrheit negiert worden. Jedoch seine physische Erscheinung hatte immer wieder zu großen Auseinandersetzungen geführt. Was sich bis ca. 2020-23 als Sackgasse entpuppte, nämlich den Staat mit der ihn vertretenden Bürokratie gleichzusetzen, war aufgelöst worden. Die Deckungsgleichheit wurde abgelehnt und man begann, die Notwendigkeit staatlicher Funktionen von dem erforderlichen Zustand seiner Organe zu trennen. Das wirkte sehr befreiend und hatte zu folgender Struktur geführt, nach der der gesellschaftliche Diskurs über die Zukunft des Staates geführt wurde:

Die Aufgaben, die durch einen Staat wahrgenommen werden sollten, waren benannt worden. Die Teilung von Legislative, Judikative und Exekutive war mit Modifikationen beibehalten worden. Diese bezogen sich auf die strikte Unabhängigkeit im Sinne der Kontrolle der einzelnen Akteure. Zuwiderhandlungen, d.h. die Duldung von Einflussnahme durch Dritte wurde mit der fristlosen Kündigung beantwortet. Bei der Judikative kam hinzu, dass Urteile, die besonders drastischen Charakter hatten, die Urteilenden einen bestimmten Part bei der Exekution wahrzunehmen hatten.

Die Wirkung wie das Monopol staatlichen Handelns wurde auf die Bereiche Bildung, Kultur, Infrastruktur, Sicherheit und Ordnung, Verteidigung, Fiskus, Gesundheit, Umwelt und Wirtschaftsrecht festgeschrieben. Das beinhaltete die Möglichkeit zu privaten Initiativen, die sich jedoch nicht als Konkurrenz zum staatlichen Monopol auswachsen durften. Die Versuche der Vergangenheit, den staatlichen Einfluss durch Privatisierung nach und nach zurückzudämmen, um Partikularinteressen mehr und mehr Einfluss zu gewähren, schrieb dabei das Regiebuch. 

War die Diskussion um die Zuständigkeitsbereiche des Staates relativ schnell und konsensfähig verlaufen, so schwieriger wurde es zu beurteilen, wie tief der Staat in die einzelnen Bereiche eindringen und mit welchem Aufwand er dieses betreiben sollte. Die Gesetze, die in den Jahren 2018/19/20 von der damaligen Bundesregierung verabschiedet worden waren, erinnerten eher an Ausführungsbestimmungen eines Amtes als an eine politisch verbindliche Richtlinie. Die Politik, so der Konsens, hatte den Charakter von Sachbearbeitung angenommen, und die ausführende Bürokratie hatte sich zunehmend angemaßt, die politische Interpretation zu vollziehen. Das hatte ein Großteil der Gesellschaft als eine der großen Fehlentwicklungen innerhalb des Staatsapparates empfunden. 

So waren in Bezug auf staatliches Handeln Richtlinien entwickelt worden, die sich sowohl auf die Politik als auch auf die Bürokratie bezogen. Demnach sollte Politik Ziel, Geist und Richtung beschreien, während die Bürokratie vor allem dafür sorgen sollte, der Gesellschaft praktische Hilfen bereitzustellen, um die Ziele zu realisieren. Das hatte eine drastische Reduzierung der Bürokratie zur Folge und ging einher mit der Abschaffung des Beamtenstatus, einer Einrichtung aus Kaisers Zeiten, die auf Loyalität und nicht auf Leistungsfähigkeit basierte, und die historisch immer wieder zu groteskem Handeln gegen die Bevölkerung geführt hatte. Die Durchdringung der politischen Nomenklatura mit Vertretern des Beamtenstandes hatte es in der Vergangenheit immer wieder vermocht, eine Gefährdung des eigenen Status zu verhindern, und bis ins Jahr 2026 waren die Debatten noch in vollem Gange gewesen. Doch die Einsicht hatte gesiegt, dass auch Gesetze das Ergebnis von Politik sind und das Personen, deren Status als unpolitisch beschrieben ist, den Willen von Politik nicht umsetzen können und wollen. Daher war diskutiert worden, ob nicht sogar bestimmte Funktionärinnen und Funktionäre der Bürokratie auf Zeit gewählt werden müssten. 

Im Jahr 2026 war bereits vieles in Bewegung geraten. Wie bei allen Veränderungsprozessen waren auch Fehler gemacht und neue Erkenntnisse gewonnen worden. Die vor der Gesellschaft stehende Aufgabe rechte auch in diesem Jahr noch weit in die Zukunft.

Das Wörterbuch des Unmenschen

Kann das, was in dieser schönen neuen Welt der Kommunikation vonstatten geht, in einer Weise beschrieben werden, die sich dem Klischee und der Polemik enthält? Nur sehr schwer. Denn der Konsensus über das, was gesagt werden darf und was nicht, ist groß und wirkt mächtig. Ja, es ist bekannt, die erste Replik des domestizierten Mainstream auf die Klage, dass es gefährlich sei, sich zu äußern, ist immer das Statement, man dürfe alles sagen. Das stimmt. Nur, wenn die Abweichung von dem vorgeblichen Common Sense zu groß ist, dann sind die sozialen Sanktionen erheblich. Die Etikette liegen bereit: Verschwörungstheorie, Freund des einen oder anderen Feindes, Verwirrung. Das skurrile an diesem Mechanismus ist die Reversiblität. Alles, was den vermeintlich Abtrünnigen vorgeworfen wird, trifft auf den Prozess der Konsensbildung selbst zu: Verschwörungstheorie, Freundschaft mit Feinden, Verwirrung.

Allein die letzten Wochen haben es wieder sehr deutlich gemacht: Wer fragen stellt, die die Vorverurteilung anzweifeln, wird per se zum Komplizen des Feindes. Das, was als der Wert der Rechtsstaatlichkeit im Kampf gegen Schurkenstaaten reklamiert wird, wird, wenn es um die Interessen der eigenen Machteliten geht, mit Füßen getreten: regelmäßig und systematisch. Dass diese Eliten sich einen Dreck um die Wirkung ihres Handelns scheren, sei es bei Produktionsmethoden, bei Kriegen um Ressourcen oder bei der Vernichtung der Umwelt, wird nicht thematisiert. Dafür gibt es immer wieder Skandale in der Ferne, die von der Dimension des höchstens mittelbaren Schadens in keinem Verhältnis zur eigenen Liste der Vergehen stehen. Das ist der Clou. Doch die von einem Corps bezahlter Medienagenten chronisch irritierte Masse folgt den Ablenkungsmanövern. Mit einer Sicherheit, die apokalyptische Ausmaße besitzt. Und mit einer Wirkung auf die Irritierten, dass Zweifel am Verstand in den Regionen des eigenen Lebensraums berechtigt sind.

Die bei der Bändigung der freien Willens eingesetzte Sprache hat sich längst über das hinaus entwickelt, was George Orwell in seiner vermeintlichen Dystopie „1984“ als IncSoc bezeichnet hatte. Es wimmelt von Konstruktionen, die vormals in den Arsenalen der Linguistik allenfalls in den Aufzeichnungen aus der Inquisition zu finden sind. Da geistern Attribute durch die Welt, die von Werbeagenturen geschaffen wurden, die nach einer bestimmten Systematik arbeiten: Schaffe einen diskriminierenden Begriff und sozialisiere ihn. Wende ihn immer wieder an, egal in welchem Kontext, bis er sitzt. Dann hast Du die Lufthoheit. Und so wurden bereits Kriege vorbereitet.  Wenn sich, wie im zu beobachtenden Fall, die Medien bereits in den Händen derer befinden, die das Spiel betreiben, existiert keine Chance, diesem ein Ende zu bereiten. Kaum hast Du einen klaren Gedanken gefasst, bricht über Dich bereits der Shitstorm herein. 

Und die Logik ist gefährlich. Wer sich dagegen stellt, wird genau mit dem Gegenteil dessen identifiziert, was er beabsichtigt. Es folgt der Rechtfertigungszwang, der zumeist bei jedem Versuch, ihn aufzulösen, im Debakel endet. Während die Agenten der Macht jeden Tag unwidersprochen, stündlich, einen semiotischen, syntaktischen und grammatischen Müll absondern, der es in der Zukunft wird aufnehmen können mit dem von Dolf Sternberger erstellten Wörterbuch des Unmenschen. Diese Lektüre ist zu empfehlen. Denn es tauchen dort Begriffe auf, die es bis in die Gegenwart geschafft haben, ohne dass es noch jemand merkt. Wer diesen Prozess aufspürt, bekommt eine Idee davon, auf welchem grausamen Weg wir uns befinden.