Archiv der Kategorie: food for thought

Die Rückkehr des Sonnenkönigs

Die Auseinandersetzungen zwischen Bürgern und Staat haben in den westlichen Demokratien zugenommen. All jene, die sich auf die Straßen wagen, um ihren Widerspruch zu Regierungshandeln zu bekunden, sind, anders als in früheren Zeiten, sehr schnell der Staatsfeindlichkeit verdächtigt. Was läge, anhand einer derartigen Ausbreitung eines zeitgenössischen Phänomens, näher, als sich den Staat, so wie er sich darstellt, noch einmal näher vor Augen zu führen.

In der Theorie über die bürgerliche Demokratie handelt es sich bei dem Begriff um die Vergegenständlichung des Volkswillens in seiner unabhängigen Form. Das klingt wirr, ist es aber ganz und gar nicht. Über freie, geheime und gleiche Wahlen werden aus dem Volk Menschen gewählt, die ihrerseits die Politik gestalten, Gesetze beschließen und diese mittels der Organe und Institutionen, die ein Staat aufbietet, Realität werden lassen. D.h., auf gut Deutsch, der Apparat und die Bürokratie folgen der Politik. 

Wie jede Theorie muss sich auch die vom bürgerlichen Staat an der Praxis messen lassen. Etwas, das man im letzten Jahrhundert noch einen Systemvergleich nannte, nämlich das Messen der bürgerlichen Gesellschaften an denen, die sich auf das Proletariat beriefen und sich sozialistisch nannten, ist Schnee von gestern. Zu vergleichen gibt es nichts mehr. Und auch die Staaten der bürgerlichen Gesellschaften haben sich seitdem verändert, d.h. seit sie sich nicht mehr mit einer anderen Staatsvariante messen mussten, sind sie selbstvergessen in ihre Selbstauflösung geschlittert. Die Ideologie des Wirtschaftsliberalismus hat den Staat überall dort, wo er noch so etwas wie das Agieren für das Gemeinwohl reklamierte und bestimmte Güter den Gesetzen des freien Marktes entzogen hat, mit Erfolg den Kampf angesagt. Das Finanzkapital hat sich zum neuen Sonnenkönig gemausert, der den Staat als Identität mit den eigenen Interessen definiert.

Die alten, klassischen Varianten der Interessenvertretung haben durch Globalisierung und die damit verbundene erneute Revolutionierung von Märkten und Technologien allenfalls noch den Stellenwert einer nostalgischen Reminiszenz. Weder Parteien noch Gewerkschaften haben die Stärke, Interessen großer Teile der Bevölkerung gegen das allgegenwärtige Konsortium des unvorstellbar großen Geldes durchzusetzen. Und ein Staat, der seine Organe mehr und mehr zu einer die Bevölkerung unter Kuratel stellenden Bürokratie ausgebaut hat, sieht sich nun konfrontiert von einer wachsenden Skepsis einer sozial heterogenen Bürgerschaft. 

Die Manöver, Dissens mit dem Vorwurf des politischen Irrsinns abtun zu wollen, das derzeit wohl gängige Muster des Umgangs mit Widerspruch, haben sich genauso verzehrt wie das Reklamieren von Werten, ausgerechnet von jenen Karrieristen, die alles verkauft haben, was sie via Geburt in einer Gesellschaft mitbekommen haben: Ihre Klasse und die damit verbundene Vorstellung sozialen Handelns. Sie haben die Kenntnis nie erworben, dass sowohl Apparate als auch Parlamente synthetische Sozialräume sind, die zwar in der Lage sind, alles zu simulieren, was woanders auch gilt, aber dennoch nicht zu vergleichen sind mit der „richtigen“ Welt. Die in einem ganz bestimmten, seriell hergestellten Karrieremuster sozialisierten Verkünder der demokratischen Werte haben diese längst hinter sich gelassen.

Der Staat, so hieß es einmal, in einer Zeit, als die Gesellschaft weitaus offener war, als es sich die heute als offen reklamierte jemals wird vorstellen können, der Staat, das sind wir! Dass es sich auch dabei um eine Illusion handelte, hat die Geschichte immer wieder dokumentiert. Zu bedenken sollte sein, dass diese Illusion heute keinem mehr über die Lippen käme. Das ist beredt  genug. Der Sonnenkönig ist längst zurück und verbirgt sich hinter astronomischen Zahlen.

Abgrund und Ermächtigung

Aus den unergründlichen Tiefen der menschlichen Psyche dringen nun, in einer Zeit, in der bereits vieles anders ist, als es jemals war, jene Kräfte an die Oberfläche, die Friedrich Nietzsche einmal als den Abgrund bezeichnet hat. Das wäre nicht sonderlich originell gewesen, hätte er nicht davon gesprochen, dass der Mensch nicht nur in den Abgrund blicke, sondern der Abgrund auch in ihn. Der Abgrund schaut auch in dich, so kommt es mir vor, wenn ich das Agieren mancher Menschen sehe, wie sie umgehen mit dem, was die Krise aus ihnen macht.

Deutlich wird schon jetzt, nach nicht einmal einem Jahr der temporären Einschränkungen sozialer Interaktion, dass in der Überhitzung einer auf permanentem Wachstum und Maximierung fußenden Gesellschaft eines nicht mehr zur Geltung kam, nämlich die Ruhe. Im Prozess der Erkenntnis jedoch ist Ruhe, Muße, Zeit zur Reflexion existenziell. Da man sie jedoch nicht als Massenware auf dem Markt veräußern kann, wurde sie gebannt aus der Lebenswelt der meisten Menschen. Und so stehen sie nun da und erleben den erzwungenen Stillstand als etwas Verstörendes, ihnen den Sinn Raubendes. Die große Chance, die die Stagnation im Moment mit sich bringt, ist genau das Gegenteil. Nämlich die Rückeroberung eines nicht observierbaren  Raumes, das individuelle Räsonnement über das Dasein. Es wirkt, aus der inneren Logik der Verwertung, als subversiv. Also, unterstütze alles, was verhindert, dass es zurück kommt, und sei es auf Kosten anarchischer Destruktion.

Die Gefahr der Subversion ist nur eine Schattierung des Blickes in den und aus dem Abgrund. Eine andere Variante wird momentan zur Realität und die sollte tatsächlich besorgen. Sie ist das tödliche Gen, das in einer jeden Gesellschaft wirkt. Es ist die Identifikation mit der staatlichen Macht und, je umfänglicher sie wird, die Gier, sich an ihr zu laben und der Welt zu zeigen, dass man sie hat und mit ihr machen kann, was man will. 

Es ist Zeit für Beobachtungen. Jede Ermächtigung, und sei es eine, wie die jetzige, birgt das immense Risiko in sich, dass die Träger öffentlicher Funktionen im Rausch der Grenzenlosigkeit den Verstand verlieren und plötzlich meinen, sie könnten ohne Konsequenzen machen,  was sie wollen. Und es gehört zu dem Trügerischen im Verhältnis zum Abgrund, dass dieser Rausch des Machtbesitzes nicht nur die Protagonisten aus der ersten Reihe ergreift, sondern immer wieder auch die kleinen Rädchen, die irgendwo nur funktionieren sollen, die im Moment abgrundtiefer Logik begreifen, dass sie, mit ihrem kleinen Stempel oder in der mausgrauen Uniform die Allmacht des Staates verkörpern und im Triumphwagen durch den Alltag der Routine rollen können. 

Und so nimmt die Unverhältnismäßigkeit ihren Lauf in Zeiten der Ermächtigung, einem Begriff, der historisch direkt aus dem Abgrund kommt und den heute viele in den Mund nehmen, als sei er ein Grundnahrungsmittel. Wer jemandem die Macht leiht, um etwas in seinem Sinne zu tun, der kann diese Legitimation auch wieder entziehen. Diejenigen, die jetzt im Rausch der alleinigen Autorisierung zu allem unterwegs sind, haben das nicht mehr im Sinn. Dennoch wird es irgendwann politisch zur Wirkung kommen. Und da wird das Debakel dann offensichtlich. Nicht jeder, der eine politische Wirkung erzeugt, ist sich dessen bewusst. Wieder so eine Finte des Abgrunds, der allgegenwärtig ist.    

Über den Umgang mit Niederlagen

Es ist nicht nur die große Politik, die uns Beispiele für das liefert, was als der Umgang mit Niederlagen bezeichnet wird. Donald Trump zeigt, wie er damit verfährt und ein Friedrich Merz auch. Das als ausreichendes Datenmaterial für die Degeneration eines Berufsstandes zu nehmen, wäre allerdings übereilt. Wenn wir ehrlich mit uns selbst sind, dann stellen wir schnell fest, dass das Dasein von Niederlagen überschwemmt ist. Das eigene wie das der anderen. Es gibt keine Ausnahmen. Und, auch dessen sollten wir uns bewusst sein, dass Niederlagen ein negatives Aroma verströmen, hat etwas mit unserem Kulturkreis zu tun, und zwar mit seiner heroischen Vorgeschichte. Das Licht der Welt ist immer mit den Siegern? Weit gefehlt!

Kurz vor seinem gewaltsamen Tod, ohne dass es Folgen gehabt hätte, schrieb Karl Liebknecht nach der Niederschlagung des so genannten Spartakus-Aufstandes die klugen Worte: „Es gibt Niederlagen, die sind wertvoller als Siege, und Siege, verhängnisvoller als Niederlagen:“ Das war dialektisch und asiatisch zugleich, denn dort werden viele Erscheinungen des Lebens aus einem anderen, schillernderen und manchmal auch weiseren Winkel betrachtet.

Aber kommen wir zurück zu uns. Was machen wir, wenn wir uns ein Ziel gesteckt haben, gut vorbereitet sind und dann, im Moment der Entscheidung, feststellen müssen, dass wir selber unseren Ansprüchen in dieser Frage nicht genügen oder dass andere es einfach besser machen? Daraus ein Debakel abzuleiten, ist grundlegend falsch, auch wenn es emotional schwer zu machen ist. Was uns in unserem gesellschaftlichen Narrativ, in dem der soziale Vergleich Siegeszüge feiert, abgeht, ist die Umdeutung der gesetzten Wertigkeit. Wenn wir, so wie wir es gelernt haben, ausschließlich nach einer erlebten Niederlage die Frage stellen, wo wir schwach waren oder was wir falsch gemacht haben, blockieren wir den Weg zu euren Erkenntnissen. 

Wenn etwas nicht erreicht wurde, heißt das auch, dass wir in der Folge etwas anders machen. Dieses Andere muss mit seinen ganzen Gestaltungspotenzialen beschrieben werden, um eine neue Perspektive attraktiv werden zu lassen. Und wenn jetzt der Vorwurf aufkommt, dieser Rat sei nicht anderes als ein verkleideter Defätismus, dann ist, bleiben wir bei Vorwürfen, dieses ein Verharren in den alten Mustern des Heroismus.

Niederlagen und Fehler gehören nicht nur zum Leben, sondern sie sind auch essenzielle Bestandteile eines Lernprozesses. Und die Möglichkeit zur Einsicht in eine negative Aura zu hüllen, verhindert das Fortschreiten im Prozess seiner eigenen Entwicklung und Selbstwerdung. Und auch das kennen wir: Manchmal, wenn die gefühlten Niederlagen lange genug her sind, dann kommt ein Lächeln auf unsere Lippen. Und wenn das der Fall ist, verfügen wir über ein Indiz erweiterten Horizontes.

Und trotz dieser Erkenntnis, dass Niederlagen fester Bestandteil unseres Lebens sind und sie uns nicht ultimativ grämen sollten, dürfen sie, um bei dem Begriff der Selbstwerdung zu bleiben, nicht dazu führen, dass man sich fremden Mächten, gegen die man eigentlich angetreten ist, gefügig unterwirft und sich an sie assimiliert. Da ist dann ein anderes, scharfes Urteil vonnöten, denn das ist nicht die Haltung des Lernenden, sondern das Gebaren eines Menschen ohne Haltung. Haltung bedeutet, einen Standpunkt zu haben. Und wer einen Standpunkt hat, verfügt über einen Kompass. Siege, die aus einer Position ohne Haltung entspringen, ja, sie sind verhängnisvoller als Niederlagen. Und zwar für alle Beteiligten.