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Leistung und Verantwortung – Identität und Loyalität

Überall in der Gesellschaft regt sich Widerspruch. Das ist, in Krisen, wie wir sie erleben, normal. Das Besondere an der momentanen Krise ist das Moment systemischer Relevanz. Vieles deutet darauf hin, dass ein Status quo ante, also einen Zustand, wie wir ihn vor dieser Krise kannten, nicht mehr kommen wird. Die Welt und die Gesellschaft verändern sich. Wer überrascht ist von dieser Entwicklung hat sich, zumindest aus meiner bescheidenen Sicht, blenden lassen von dem immer wieder erzeugten Schein einer heilen Welt. Umso verständlicher ist es, dass nach dem Narrativ des „Alles ist prima“ nun, in Zeiten krisenhafter Evidenz, die Dystopie Konjunktur hat. Auch das ist normal, aber es hat keine Relevanz in Bezug auf die Prognose.

Schleichend, versteckt und subkutan hat bereits ein Paradigmenwechsel stattgefunden, der nun nahezu grell ins Auge sticht. Es ist die Ablösung des Begriffspaares von Leistung und Verantwortung durch das von Identität und Loyalität. Das klingt auf den ersten Blick verwegen, aber es hat, bei genauerem Hinsehen, etwas zu tun mit der kollektiven psychischen Disposition der Gesellschaft. Sie greift ein in alle Lebensbereiche und sie verweist sowohl auf die harten Fakten der Gesellschaft wie auf ihre mentale Verfassung.

Leistung, im physikalischen, im volkswirtschaftlichen wie im betriebswirtschaftlichen Sinne ist die Definition, auf deren Grundlage Wertschöpfung durch Produktivität stattfindet. Und diese Form der Produktivität erfordert eine Identifikation mit denen, die diese Leistung erbringen. Leistungsträger werden an dem konkreten Ergebnis gemessen und zur Verantwortung gezogen.

Wie ein schleichendes Gift wurde dieses Grundverständnis zunehmend gelähmt und durch das der Identität ersetzt. Die Identität bestimmter Individuen und Gruppen wurde umgedeutet als Leistung an sich. Diese Art von Leistung, die keine ist, wenn der existenzialistische Satz bemüht werden darf, dass das Sein etwas zu Leistendes ist, sondern ein toter, unproduktiver Zustand, diese Leistung kennt keine Verantwortung, aber sie braucht Loyalität, um bestehen zu können.

Die sukzessive Ersetzung von Leistung und Verantwortung durch Identität und Loyalität beschreiben einen Systemwechsel, der auch den vom produktiven Verwertungskapitalismus zur verzehrenden Rendite-Gesellschaft beschreiben. Der produktive Teil der Gesellschaft wurde marginalisiert und durch ein meinungsführendes Ensemble von Coupon-Schneidern ersetzt. Da passt es nur allzu gut, wenn man die Theorie des kommunikativen Handelns parat hat, die die Illusion erzeugt, in der Gesellschaft sei alles verhandelbar.

Das, was als das tatsächlich Krisenhafte beschrieben werden muss, ist der jetzige Versuch, den längst vollzogenen Paradigmenwechsel gesellschaftlich akzeptabel zu machen, und sei es mit der Brechstange. Eine kleine Gruppe von Meinungsbildnern ist dabei, das Narrativ der ehemaligen Realität von Leistung endgültig zu liquidieren und durch das Dekadenz-Siegel von Identität und Loyalität zu ersetzen. Das passiert auf allen gesellschaftlichen Ebenen, hat aber auch den Nachteil, dass die Probe aufs Exempel vollzogen werden kann.

Das beste und aktuellste Beispiel liefert momentan die staatliche Bürokratie, die seit langem von dem Gesetz der politischen Loyalität infiltriert wurde und den Leistungsgedanken desavouiert hat und in der folglich die Verantwortung für Ergebnisse gefürchtet wird wie die Pest und der Versuch der Fehlervermeidung zu desaströsen Zuständen führt. Probleme werden nicht gelöst, sondern durch weitere Bürokratisierung verlagert.

Die Geschichte des beschriebenen Paradigmenwechsels ist eine betrübliche. De Geschichte des neuen Narrativs hält allerdings dem Realitätsempfinden eines Großteils der Gesellschaft nicht mehr stand. Und das wiederum ist erfreulich.

Sprache und Sektierertum

Die deutsche Sprache ist nicht die schwerste. Unabhängig von Chinesisch, könnte man auch Javanisch in die Waagschale werfen. Dort gibt es mehr grammatische Bezüge auf den entsprechenden sozialen Rang der an einem Gespräch Beteiligten, dass man ein Interview über den Status der Betreffenden führen müsste, um die korrekte Form zu finden. Das nur, um den immer mitschwingenden Hauch der Selbstüberschätzung zurückzuweisen. Nein, das Deutsche ist nicht zu unterschätzen. Der Vorteil anspruchsvoller Sprachen ist die Komplexität der Denkstrukturen, die sich dahinter verbergen. Und die ändern sich, beständig. Aber auch wiederum nicht so schnell, wie sich das manche wünschen. Es dauert, bis sich das ins kollektive Bewusstsein eingepflanzt hat, was man als die gesellschaftlich akzeptierte Realität bezeichnen muss.

Nun gibt es, bei der Betrachtung dessen, was sich so im kollektiven Diskurs abspielt, bestimmte Tendenzen, die dokumentieren, wie weit die aktuellen Prozesse fortgeschritten sind. Reale Dominanz zum Beispiel. Das Anschwellen der Anglizismen ist so ein Symptom. Noch wird der Weltmarkt in dieser Sprache kommuniziert, und, wie es historisch immer wieder geschah, färbt das auch ab auf die einzelnen Nationalsprachen. Wer bei dem Begriff der Nationalsprachen bereits einen Schauer verspürt, sollte es gleich lassen, denn dann ist das Terrain der Sprache bereits verlassen. Was die Anglizismen anbetrifft, so mögen die vielen Beispiele, die uns in unserem täglichen Leben begegnen, nur einen Hinweis erdulden: die meisten Übertragungen sind schlicht falsch. Es graust, anhören zu müssen, wenn von Jobs for future die Rede ist, wenn Public Viewing als gemeinsames Erleben von Fußballspielen benutzt oder sonst irgendein Schwachsinn verbraten wird.

Nein, Sprache lässt sich nicht verordnen. Dass das mächtig daneben gehen kann, zeigten die Rückweisungsversuche gegen die Dominanz des Französischen im 18. und 19. Jahrhundert. Da war die Nase plötzlich ein Gesichtserker und bis heute hat sich das Oberlicht gehalten. Wertvoll, mit Verlaub, waren diese Biegungen nicht und letztendlich haben sich die Formen durchgesetzt, die die nötige Gravitation im kollektiven Bewusstsein besaßen. Ob das den Puristen schmeckte oder nicht. Nur eines kann als Lehre verbleiben: Der Versuch bestimmter Gruppen, Sprache durch Verordnungen, Gremien, Gesetze oder demonstrativen Gebrauch zu formen, ist regelmäßig gescheitert.

Wenn die gesellschaftliche Realität nicht mehr eindeutig zu sein scheint, dann tauchen diese Gruppen, die sich historisch ändern, immer wieder auf und versuchen es erneut. In der Bundesrepublik Deutschland, die bis dato die essenziellen Fragen der Deutschen Sprache immer im Dialog mit entsprechenden Instituten im eigenen Land, in der Schweiz und in Österreich versuchte auszutarieren, sind solche Gruppen wieder am Werk. Zum einen ist die Preisvergabe des Wortes des Jahres immer wieder ein Dokument eines ideologischen Präjudizes. Das geschieht, um bestimmte Begriffe, die aus interessengeleiteten Segmenten der Gesellschaft stammen, den Status der Allgemeingültigkeit zu verleihen. Und es geschieht nun, in dem in den öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten Gender spezifische Formulierungen benutzt werden, die als politisch korrekt gelten, aber mit dem Sprachgebrauch der Bevölkerung wenig zu tun haben. Eskortiert wird das Ganze nun durch den Duden, ein historisch etabliertes Standardwerk der Deutschen Sprache. 

Das Urteil über diese Versuche wird kein Gremium, keine Partei und kein Institut fällen. Es wird die  gesprochene und geschriebene Sprache sein, die sich durchsetzen wird. Wer weiß, wohin sich die Deutsche Sprache bewegen wird? Sicher scheint nur zu sein, dass das, was nicht der gesellschaftlichen Realität entspricht und synthetisch klingt, keine gute Chancen auf das Überleben hat. Wie die vielen irrwitzigen Verbiegungen aus dem Kalendarium des Politisch-Korrekten. Verändert haben sie nämlich nichts. Irgendwie hat das Ganze etwas von Sektierertum. Aber das ist ein Symptom, das noch viel weiter greift.

Die Ordnung im eigenen Kopf

In unterschiedlichen Kontexten wird zunehmend davon gesprochen, dass die Ordnung verloren gehe. Rein gefühlsmäßig werden viele Menschen dieser Behauptung sicherlich zustimmen. Vieles, was als normal empfunden und gegeben angesehen wurde, scheint in Auflösung zu sein. Bei genauerem Nachfragen wird man sich jedoch einer allgemeinen Schwammigkeit bewusst. Was, so die Frage, ist denn diese oder jene Ordnung, die sie so vermissen? Selten, sehr selten kommen da Antworten, die bestimmt sind und von allen geteilt werden. Wäre man böswillig, könnte man zu dem Schluss kommen, dass die Vorstellung von Ordnung eine bloße Fiktion ist.

Dass dem nicht so ist, beweist die Struktur des Staates. Da existiert eine Ordnung, da existiert eine Gewaltenteilung, und wenn von Gewalt die Rede ist, dann ist es im staatlichen Sinne organisierte Macht. Ob die ins Wanken geraten ist, ist eine andere, aber anscheinend weniger drückende Frage. Zwar sind in bestimmten Segmenten der staatlich organisierten Macht Auflösungserscheinungen zu beobachten. Ob diese repräsentativ sind, wird sich noch herausstellen. Und, nebenbei, was in einer solchen Situation den befürchteten Niedergang beschleunigt, dass sind gesellschaftliche Spaltungsappelle, und an diesen wiederum mangelt es nicht. Nahezu das gesamte politische Lager spürt, dass da etwas in Bewegung geraten ist und sucht sich zu retten, indem es nach dem Prinzip des Divide et impera Keile in die Gesellschaft treibt. 

Was bei den üblichen Betrachtungen eher aus dem Blickfeld gerät, ist die Frage nach der inneren Ordnung. Sind die Individuen in einer bis zum Exzess individualisierten und dennoch gleichgeschalteten Gesellschaft im Besitz einer eigenen, inneren Ordnung? Oder ist das, was als anthropologische Konstante gilt, bereits zerstört? Wenn dem so wäre, müsste niemand mehr über die Auflösung bestehender Ordnung klagen. Dann wäre längst alles dahin. Denn wenn die Atome dysfunktional sind, dann funktioniert auch nicht das gesamte Modell.

Das, was als anthropologische Konstante so lapidar in den Raum geschoben wurde, ist ein unabhängig von der jeweiligen kulturellen und zivilisatorischen Spezifik existierender humaner Konsens darüber, was sich als Mensch ziemt zu tun und was nicht. Das Erstaunliche dabei ist eine nahezu global flächendeckend herrschende Vorstellung davon, was zu einer funktionierenden Ordnung menschlichen Zusammenlebens gehört. Das, was dabei tief bewegt, ist die allexistierende Vorstellung dessen, was im Kategorischen Imperativ von Immanuel Kant so kurz wie eingehend formuliert wurde. Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Grundlage einer allgemeinen Gesetzgebung gelten kann.

Die bestehenden politischen Ordnungen, die auf der Welt etabliert sind, spiegeln diesen Konsens nicht unbedingt wider, und, auch das ist festzustellen, viele Menschen in den unterschiedlichen Kulturkreisen und Zivilisationen halten sich auch nicht daran. Das ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass das Bestreben und der Wunsch nach sozialer Ordnung nach einem streng selbstdisziplinarischen, aber auch libertären Prinzip global vorherrscht. Wünsche, Sehnsüchte und Visionen sind stärker als die organisierte Gewalt, denn sie sind in der Lage, sich in eine ebensolche ungeahnten Ausmaßes zu materialisieren. Noch, so könnte man sagen, ist nichts verloren.

Die Vorbedingung dazu ist die eigene Ordnung. Die im Kopf und in der eigenen Gefühlswelt. Wer in der Lage ist, sich selbst, ohne Fremdeinwirkung, zu regieren, dem wird es gelingen, auch über andere Projekte zu räsonieren. Wer aber mit sich selbst nicht fertig wird, wie es so schön heißt, der sollte sich mit anspruchsvolleren Zielen noch etwas Zeit lassen.