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Die Ordnung im eigenen Kopf

In unterschiedlichen Kontexten wird zunehmend davon gesprochen, dass die Ordnung verloren gehe. Rein gefühlsmäßig werden viele Menschen dieser Behauptung sicherlich zustimmen. Vieles, was als normal empfunden und gegeben angesehen wurde, scheint in Auflösung zu sein. Bei genauerem Nachfragen wird man sich jedoch einer allgemeinen Schwammigkeit bewusst. Was, so die Frage, ist denn diese oder jene Ordnung, die sie so vermissen? Selten, sehr selten kommen da Antworten, die bestimmt sind und von allen geteilt werden. Wäre man böswillig, könnte man zu dem Schluss kommen, dass die Vorstellung von Ordnung eine bloße Fiktion ist.

Dass dem nicht so ist, beweist die Struktur des Staates. Da existiert eine Ordnung, da existiert eine Gewaltenteilung, und wenn von Gewalt die Rede ist, dann ist es im staatlichen Sinne organisierte Macht. Ob die ins Wanken geraten ist, ist eine andere, aber anscheinend weniger drückende Frage. Zwar sind in bestimmten Segmenten der staatlich organisierten Macht Auflösungserscheinungen zu beobachten. Ob diese repräsentativ sind, wird sich noch herausstellen. Und, nebenbei, was in einer solchen Situation den befürchteten Niedergang beschleunigt, dass sind gesellschaftliche Spaltungsappelle, und an diesen wiederum mangelt es nicht. Nahezu das gesamte politische Lager spürt, dass da etwas in Bewegung geraten ist und sucht sich zu retten, indem es nach dem Prinzip des Divide et impera Keile in die Gesellschaft treibt. 

Was bei den üblichen Betrachtungen eher aus dem Blickfeld gerät, ist die Frage nach der inneren Ordnung. Sind die Individuen in einer bis zum Exzess individualisierten und dennoch gleichgeschalteten Gesellschaft im Besitz einer eigenen, inneren Ordnung? Oder ist das, was als anthropologische Konstante gilt, bereits zerstört? Wenn dem so wäre, müsste niemand mehr über die Auflösung bestehender Ordnung klagen. Dann wäre längst alles dahin. Denn wenn die Atome dysfunktional sind, dann funktioniert auch nicht das gesamte Modell.

Das, was als anthropologische Konstante so lapidar in den Raum geschoben wurde, ist ein unabhängig von der jeweiligen kulturellen und zivilisatorischen Spezifik existierender humaner Konsens darüber, was sich als Mensch ziemt zu tun und was nicht. Das Erstaunliche dabei ist eine nahezu global flächendeckend herrschende Vorstellung davon, was zu einer funktionierenden Ordnung menschlichen Zusammenlebens gehört. Das, was dabei tief bewegt, ist die allexistierende Vorstellung dessen, was im Kategorischen Imperativ von Immanuel Kant so kurz wie eingehend formuliert wurde. Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Grundlage einer allgemeinen Gesetzgebung gelten kann.

Die bestehenden politischen Ordnungen, die auf der Welt etabliert sind, spiegeln diesen Konsens nicht unbedingt wider, und, auch das ist festzustellen, viele Menschen in den unterschiedlichen Kulturkreisen und Zivilisationen halten sich auch nicht daran. Das ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass das Bestreben und der Wunsch nach sozialer Ordnung nach einem streng selbstdisziplinarischen, aber auch libertären Prinzip global vorherrscht. Wünsche, Sehnsüchte und Visionen sind stärker als die organisierte Gewalt, denn sie sind in der Lage, sich in eine ebensolche ungeahnten Ausmaßes zu materialisieren. Noch, so könnte man sagen, ist nichts verloren.

Die Vorbedingung dazu ist die eigene Ordnung. Die im Kopf und in der eigenen Gefühlswelt. Wer in der Lage ist, sich selbst, ohne Fremdeinwirkung, zu regieren, dem wird es gelingen, auch über andere Projekte zu räsonieren. Wer aber mit sich selbst nicht fertig wird, wie es so schön heißt, der sollte sich mit anspruchsvolleren Zielen noch etwas Zeit lassen.  

Untergang durch Korruption

Im Jahre 1602 gründeten Kaufleute in den Niederlanden die Vereenigde Oostinsche Compagnie, VOC, um die gegenseitige Konkurrenz im Überseehandel auszuschalten und die Kräfte zu konzentrieren. An der Amsterdamer Börse waren mächtige Versicherungsgemeinschaften entstanden, die die Risiken bei der Ausbeutung einer neuen, in Asien gelegenen Welt minimieren sollten. Gewürze waren die neue Währung, sie inspirierten zu verwegenen Entdeckungsreisen, wie  der Portugiese Magellan sie unternommen hatte oder sie führten zu staatlichen Handelsmonopolen, wie sie die VOC eingeräumt bekam. Muskat war mehr Wert als Gold, es ging darum, die Hegemonie im Gewürz- und damit im Welthandel zu bekommen.

Die neuen Areale, in denen die neuen Währungen zu finden waren, trugen Namen wie Java und Sumatra, Borneo und Ambon. Dort, wo die Niederländer ihr Domizil errichteten, in Batavia, dem heutigen Jakarta, herrschten lokale Könige, die man vor die Wahl stellte, zu kooperieren oder zu fallen. Es entstand das bis heute lähmende Ketchup-Prinzip, die Kolonisatoren verlangten von den lokalen Herrschern bestimmte Mengen an Produkten und konzedierten ihnen, egal, wieviel sie aus den Produzenten herauspressten, sie konnten den Rest, der über die erwartete Menge hinausging, für sich behalten. Und so setzte sich dieses Prinzip in der Hierarchie fort, bis auf die unterste Stufe.

Die Vereinigte Ostindische Kompanie hielt sich von 1602 bis zu ihrer Liquidierung im Jahr 1798 über zwei Jahrhunderte, sie häufte unbeschreibliche Reichtümer an, sie bescherte den Niederlanden die herausragende Rolle im Welthandel und sie ging sang- und klanglos unter. Der Kolonialismus blieb, aber die VOC segnete das Zeitliche. Warum? Die Niederländer, immer zu geistreichen, selbstironischen Bemerkungen fähig, verwendeten das Kürzel der einst mächtigen Handelsgesellschaft neu: vergaan onder corruptie, Untergang durch Korruption. Denn das System, mit dem sie groß geworden war, mit dem sie die Kolonien ausgebeutet hatten, das hatte sich in die eigene Organisation geschlichen, war immer verbreiteter gewesen und irgendwann hieß es, wenn genötigt und bestochen wurde, dass seien die üblichen Geschäftsgebaren. 

Der Niederländer Eduard Douwes Dekker, der in dem System unterwegs war, verfasste Jahrzehnte nachdem die VOC bereits Geschichte war, ein Buch, das das System zusammenfasste wie keines zuvor und das, ganz nebenbei, von den heutigen Niederlanden als das bedeutendste der eigenen Geschichte gewürdigt wird. Es hatte den trockenen Titel „Max Havelaar. Die Kaffee-Versteigerungen der niederländischen Handelsgesellschaft. Der Autor, der um sein Leben fürchtete, verbarg sich hinter einem Pseudonym: Multatuli, ich habe viel getragen.

Nicht nur in den Niederlanden erregte das Buch großes Aufsehen, denn auch dort, wo die Menschen nicht viel mehr verband als eine dreihundertjährige Kolonialgeschichte, von Sumatra bis Ambon, regte sich nicht nur erneut Widerstand, sondern es entstanden die ersten Konzepte einer neuen Nation, dem heutigen Indonesien. Aber das ist eine andere Geschichte.

Die Moral von dieser Geschichte, der der Vereinigten Ostindischen Kompanie, ist einfach zusammenzufassen: Selbst die florierendsten Organisationen sind dazu in der Lage, sich selbst nachhaltig zu schaden und existenziell zu gefährden, wenn sie es zulassen, dass das schleichende Gift der Bestechlichkeit zunächst eintritt, dann bagatellisiert wird und sich schließlich zu einer allgemein akzeptierten Währung mausert, die dazu führt, dass zum Schluss nichts übrig bleibt, als das ganze Unternehmen zu liquidieren. 

Wie wäre es mit einem Plan?

In der Volksrepublik China tagt derzeit der Nationale Volkskongress. Was dort beschlossen wird, ist, neben anderen Punkten, die für sich in vielerlei Hinsicht kommentiert und kritisch beleuchtet werden können, der nächste Fünfjahresplan. Aus vergangenen Zeiten wissen wir um die Kritik seitens des Westens, was das Instrument der Planökonomie betrifft. Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion war man sich sicher, dass die Planung von Wirtschaft und gesellschaftlichen Prozessen eine Schimäre war, der man im kommunistischen Lager nachjagte und die nur zu Chaos und Niedergang führte. Der freie Markt, so das Mantra, sei da zuverlässiger und führe zu mehr Wohlstand und Wachstum.

Im Falle Chinas zumindest muss dieses Narrativ korrigiert werden. So, wie es scheint, ist die Symbiose von kapitalistischer Produktion, reguliertem Markt und der Formulierung von Zielen ein Erfolgsmodell, denn die Entwicklungsdaten Chinas zeigen, dass die Volksrepublik China mit dieser Konzeption in der Vergangenheit nicht nur gut gefahren ist, sondern auch hinsichtlich der Zukunftsprognosen keinen schlechten Stand hat. 

Berücksichtigt man die Tatsache, dass neben den Fünfjahresplänen noch ganz andere, weitaus vorgreifender Strategien seitens der chinesischen Staatsführung entwickelt werden, die sich über Jahrzehnte erstrecken, dann wird deutlich, bei aller kritischen Betrachtung von außen, wie nachhaltig die dortige Planung ist und wie kurzsichtig, situativ und vom Augenblick gehetzt die hiesige politische Entwicklung von Perspektiven vonstatten geht. Der politische Leitsatz, man fahre auf Sicht, kann als der unkommentierte Kontrapunkt dessen angesehen werden, was in der vom Kollektivismus geprägten chinesischen Gesellschaft guter Brauch ist.

Die Kommentare aus dem Westen erstrecken sich auf die nach westlichen Maßstäben damit verbundenen Unzulänglichkeiten und Ungerechtigkeiten. Das kann man so machen, dabei zu verweilen verstellt jedoch einen Perspektivenwechsel, der nicht die Aufgabe der eigenen Wertvorstellungen bedeuten muss, aber die Eröffnung neuer Korridore bedeuten könnte, derer das eigene Dilemma tatsächlich bedarf.

Das kollektive Gefühl im Westen entspricht nicht den punktuellen Gehässigkeiten aus Sicht einer allzu getriebenen Systemkonkurrenz. Denn der Vorwurf, die Politik in unserem eigenen, westlichen Kulturkreis, verfolge keinen Plan bis auf den der Hegemonie, hört man nicht nur zunehmend im Lager der professionell politischen Akteure, sondern er ist in breiten Schichten der Bevölkerung seit langem präsent. Denn jede Organisation und jedes Unternehmen operiert seit eh und je nach Plänen, die die beabsichtigte und zu erwartende Entwicklung beschreiben. Das Ausbleiben einer derartigen Vorgehensweise ist ein bedeutender Faktor im Verlust von Vertrauen in die Politik. Wer, so das allgemeine und durch die eigene Lebenspraxis untermauerte Empfinden, sich nicht in die Karten schauen lässt, führt Schimpfliches im Sinn. Und wer, auch das wird spekuliert, gar nicht weiß, welche Karten er in der Hand hat, ist ein Scharlatan, der in einer solchen Verantwortung nichts zu suchen hat.

Ganz unabhängig zu der Haltung, die jeder Mensch zu den chinesischen Verhältnissen hat, wirkte es wie eine Befreiung, wenn, zum Beispiel in Bezug auf die bevorstehenden Bundestagswahlen, die dort antretenden Parteien einmal kundtäten, was sie in den nächsten Jahren im Falle ihrer Wahl konkret zu tun gedächten, frei nach dem Motto: Wenn wir könnten, wie wie wollten, würden wir… nein, damit sind keine seichten, in der Abstraktion verpuffenden Wahlversprechen gemeint, sondern ein konkreter Geschäftsplan für die anstehende Regierungsverantwortung. Das wäre doch einmal eine neue Qualität, und mit sozialistischer Planwirtschaft hätte das gar nichts zu tun. Auch wenn die Inspiration von dort käme.