Archiv der Kategorie: food for thought

Die Sprache erobern!

Sprache ist der Schlüssel zur Herrschaft. Wer Worte und die durch sie vermittelten Bilder beherrscht, hat das Werkzeug, das Gedankengut der Gesellschaft zu dominieren. Historisch gesehen existieren hauptsächlich zwei Tendenzen, die diesen Prozess dokumentieren. Zum einen sind es die herrschenden Produktionsverhältnsse und die in ihnen herrschenden Verkehrsformen und angewandten Techniken, die dafür sorgen, dass Formulierungen, Bilder und Vorstellungen sprachlich materialisiert werden. Zudem sind Großereignisse wie Kriege, Naturkatastrophen und Epidemien Auslöser für sprachliche Adaptionen. 

Die jeweils beste Möglichkeit, sich davon ein Bild zu machen, ist die Betrachtung der Kollektivsymbolik. Da sind die Epochen gut rekonstruierbar. Nach dem Krieg dominierten die Bilder und Techniken aus dem Krieg. Da herrschte Bombenstimmug, manche waren voll wie Strandhaubitzen, da waren Frauen plötzlich Granaten, da kamen Einschläge immer näher und man fragte, ob man Austreten dürfe. Der Industrialisierung sprach von Hebelwirkungen, da stand alles unter Dampf, da war Schubkraft im Spiel, da existierten heiße Eisen und immer wieder war man unter Druck. Mit der Digitalisierung kamen Schnittstellen und ihre Probleme, da existieren Datenautobahnen, da dominieren Module, alles fließt und die Speicherkapazität ist ein ständiges Thema, da werden Platten formatiert und mental werden Gedanken in der Cloud deponiert.

Handelt es sich bei der Kollektivsymbolik um ein ziviles, allmählich gewachsenes Phänomen, so ist die zweite Tendenz eine brachiale, von bestimmten Interessengruppen getriebene. Da wird versucht, über die bestehenden Machtstrukturen in der Kommunikation bewusst auf die angewandte Sprache einzuwirken, um die Vorstellungen in den Köpfen zu manipulieren. Es werden Begriffe kreiert, die nicht das Vorstellungsvermögen der aktuellen Zeit ausdrücken, sondern die Menschen in gesellschaftlichen Auseinandersetzungen positionieren sollen. In der Inquisition waren es Hexen und Frevler, die Gottes Zorn hervorriefen, in den Kriegen sprach man von Vaterlandsverrätern, Deserteuren und Wehrkraftzersetzern und im großen Systemvergleich waren Brunnenvergifter, Agenten der Gegenseite, fünfte Kolonnen, Quislinge oder Feinde der Freiheit unterwegs.

Heute, in der Zeit der großen Umbrüche, sind beide Tendenzen in Wirkung. Die Metaphorik der Digitalisierung ist nach wie vor die dominierende, zivile, eine neue, aus dem Großereignis der Pandemie entstandene, setzt sich gerade mit Begriffen wie Inzidenz, Herdenimmunität, Abstandsregeln, Ermächtigung (!) und Social Distancing durch. Die andere, brachiale Variante kommt aus politischen Kreisen, die als Frucht des Wirtschaftsliberalismus bezeichnet werden müssen und die die multipolare Systemkrise als Chance begreifen, um ihre Herrschaft auszubauen und zu sichern. Ihre sprachlichen Injektionen sind oft plump, sie setzen sich dennoch durch permanente Wiederholung in gewissem Maße durch. Analog zur Inquisition sind Begriffe wie Leugner, Versteher bösartiger Konzepte, Sektierer, Soziopathen und Schwurbler en vogue. Mit diesem sprachlichen Arsenal wird eine Kampagne nach der anderen getrieben, und wer sich dem jeweiligen Unterfangen widersetzt, landet, analog zur historischen Inquisition, sehr schnell im Lager der Verfemten. Die Delinquenten enden nicht auf dem physischen Scheiterhaufen, sondern in gesellschaftlicher Isolation und Anfeindung. Ein Diskurs findet nicht mehr statt.

Dass die brachiale Methode der sprachlichen Beeinflussung wirkungsmächtig ist, steht außer Zweifel. Ihr jeweils zu begegnen und das tatsächliche Interesse, das dahintersteckt, zu enthüllen, ist möglich und wird auch getan. Es ist deshalb besonders mühselig und wirkungslos, weil es defensiven Charakter hat. 

Die Frage, die sich aufgrund dieses Verhältnisses stellt, ist die, ob es aus der Perspektive der Aufklärung und des kritischen Bewusstseins legitim ist, für eine eigene, brachiale sprachliche Offensive zu entscheiden? Vielleicht könnte ja die eine oder andere Enthüllung der Inquisitoren in den Olymp der zivilen Kollektivsymbolik gelangen? Ein Versuch ist es wert!         

Perception Management

Wenn es darum geht, Indizien zu finden, die die These erhärten, dass es sich um etwas anderes handelt als die Vermittlung von Informationen, dann sind es Anwendungen aus der psychologischen Grundlagenforschung, die hinzugezogen werden, um sich von vornherein mit der Wirkung der gesendeten Signale ins Benehmen zu setzen. Einer dieser Forschungszweige nennt sich Perception Magement. Perzeption, auch in der deutschen Bedeutung, ist die Wirkung eines Signals auf den Empfänger, ohne dass eine bewusste Auseinandersetzung mit dem Signal stattfindet. Es handelt sich um die flüchtige, sensuelle Reaktion auf eine Botschaft. Perception Management befasst sich mit der unbewussten Wirkung. Diese ist beabsichtigt und hat mit dem, was ein als kritisch geltender Journalismus zu leisten hat, nichts gemein.

Es geht darum, vor allem emotionale Reaktionen hervorzurufen, die die letztendliche Wirkung des Gesagten beeinflussen soll. Beim Durchforsten der Nachrichten, die uns täglich erreichen, fällt auf, dass genau dieses Handwerk in voller Blüte steht. Es geht darum, das Publikum, seinerseits in der Staatstheorie zu weniger verdorbenen Zeiten noch als Souverän bezeichnet, so zu beeinflussen, dass es nicht rational reflektiert, wie es mit der Information umzugehen hat und welche Schlüsse es daraus zieht. Vielmehr soll ein Präjudiz, das heißt eine emotional beeinflusste Vor-Entscheidung über Parteilichkeit bereits bei der Übertragung der Information gesetzt werden. 

Verbale Konstruktionen, die seitens des Perception Managements benutzt werden, sind Attribute wie Leugner, Verweigerer, Machthaber, Komplizen, unheilige Allianzen, Randalierer, Esoteriker, um nur einige zu nennen, wenn es nicht mehr um die Argumente derer geht, die dort adressiert sind, sondern um eine Vorverurteilung, die besagte Zielgruppen ausgrenzen. Dass diese zumeist noch geschmückt werden mit Adjektiven wie verwegen, abseitig, verworren, sektiererisch, radikal, unzurechnungsfähig etc. versteht sich nahezu von selbst. 

Ein weiteres Mittel, um die erste Reaktion auf eine emotional verpackte Information zu präparieren, sind Bilder. Da sind weinende Kinder, gedemütigte Frauen, verheerende Umweltschäden oder pompös posierende Menschen zu sehen, die in keinerlei Relation zur Notwendigkeit stehen, um den informativen Gehalt zu untermauern, sondern um die erste, flüchtige Reaktion der Empfänger emotional zu besiegeln.

Nicht, dass es sich um etwas Neues handelte. Der Einsatz emotional beeinflussender Mittel ist so alt wie die politische Kommunikation selbst. Von der Antike, über Rom bis in die Neuzeit versuchten Politiker, das jeweilige Publikum emotional für sich zu gewinnen und benutzten Formulierungen wie Bilder, um dieses zu erreichen. Und das gilt für diejenigen, die in den Geschichtsbüchern als positive Charaktere dargestellt werden wie für Tyrannen und Demagogen. Was, um bei der historischen Betrachtung zu bleiben, auffällt, ist dass die dunkeln Gestalten eine besondere Virtuosität besaßen, um das Publikum zu emotionalisieren. 

Aufklärung wie Demokratisierung formulierten besonders aus dieser Erfahrung heraus die Forderung, sich bei der politischen Kommunikation auf überprüfbare Fakten und zwingende Logik zu konzentrieren, um dem Publikum die Möglichkeit zu geben, seinerseits die empfangenden Informationen nach ihren Fakten und ihrer Logik zu beurteilen und daraus seine eigenen Schlüsse zu ziehen.

Bei der Betrachtung der Texte und Bilder, die uns täglich erreichen, wird auf den ersten Blick und sehr schnell die Handschrift des Perception Managements deutlich. Mit Aufklärung und Demokratie hat das nicht mehr viel zu tun, mit der Virtuosität von Demagogen und Tyrannen schon. Sehen Sie sich die täglichen Nachrichtenübermittlungen an! Sie werden staunen!

Wokeness: USA und Germanistan

Das Faktum, dass alle kulturellen, politischen und sozialen Schübe, die das Leben in den USA verändern, mit zeitlicher Verzögerung auch die hiesige Provinz erreichen, sollte sich irgendwann auch in den hiesigen Köpfen festsetzen. Auch wenn, gleich einem Mantra, immer wieder gerne betont wird, wie absurd manches, was dort, auf der anderen Seite des Atlantiks, erscheinen mag: kommen wird es auch hier. Gründe dafür haben etwas mit konkreten Machtverhältnissen zu tun, die nach wie vor wirken. Die Vorstellung, wir befänden uns in einem Areal kultureller Autonomie, erweist sich immer wieder als Illusion. Das mag viele schmerzen, vor allem diejenigen, die so gerne von den dekadenten amerikanischen Verhältnissen sprechen. Wenn es dekadent ist, was sich in den USA abspielt, dann sollte der Rückschluss nahe liegen, dass dieses Bezeichnung auch hier die Zustände charakterisiert. Helfen tut diese Kategorisierung nicht, sie hilft vielleicht, sich, wie so gerne, wieder einmal zu erhitzen.

Was allerdings auffällt, ist, dass vieles, was als Trendsetting in den USA geschieht, dort immer einher geht mit einem angelsächsischen Pragmatismus, während in Deutschland die neuen Phänomene ideologisch überbordet exzessive Formen annehmen. Was dort ausprobiert und, sollte es nicht zielführend sein, auch schnell wieder im historischen Schredder landet, wird hier zu einer Frage auf Leben und Tod. Ohne Drama, und zwar in der Dimension einer antiken Tragödie, geht es nicht. Wenn es eine kulturelle DNA gibt, dann ist es die: Weichenstellungen haben immer etwas von einer Götterdämmerung. Und, auch das ist ein unübersehbares Phänomen, der Hang zum Ultimativen, Existenziellen, Mystischen, ist unabhängig von der Zusammensetzung der hiesigen Population. Zumindest in diesem Punkt ist eine gewisse Assimilation, wenn nicht gar Integration, gelungen.

Der neueste Trend, der mittlerweile signifikant aus den USA nach Germanistan herüber weht, fokussiert die Identität der einzelnen gesellschaftlichen Partikel. Es geht um die Definition der individuellen Besonderheit, um die daraus resultierenden Geschichten von Diskriminierung. Dass Diskriminierung stattfindet, ist eine Gewissheit, dass sich eine Gesellschaft über die Verhinderung von Diskriminierung definiert, oder definieren sollte, ist neu. Bis dato waren gerade die USA eine Nation, die sich über die Verfassung, ihre in dieser formulierten Chancen und Rechte und die sie sichern sollenden Organe definierte. Dass die Gesellschaft ins Wanken geraten ist, hat vor allem mit der Aushöhlung aller Gewissheiten durch eine Politik zu tun, die immense Ressourcen in die Sicherung von globaler Hegemonie investiert, die sich einzig und allein den Starken verpflichtet fühlt und die mit dieser Entscheidung die Chancen für das Gros der Gesellschaft zunichte gemacht hat. Folge davon ist sozialer Abstieg, eine tiefe Spaltung der Gesellschaft und eine damit einhergehende Verbreitung von Diskriminierung.

Wokeness, ein Reflex auf Diskriminierung, ist jedoch eine Bewegung, die vor allem in den Universitäten als beachtenswertes Phänomen zu beobachten ist, also dort, wo bereits eine soziale Selektion stattgefunden hat. Und es fällt auf, dass zwar akribisch auf die Auswirkungen gesellschaftlicher Spaltung geachtet wird, die Ursachen für diese Spaltung allerdings keine Rolle spielen. In den USA scheint sich dieser, von Eliten geprägte Trend bereits wieder aufzulösen, weil die Universitäten, an denen das Wokeness Movement sich zu einer Massenhysterie mit hohem, neuen Diskriminierungsgehalt entwickelt hat, die Stiftungsgelder ausbleiben. 

Hier wiederum beginnt das Phänomen sich auszubreiten und wird in gewohnter Weise auf die ideologische Spitze getrieben. Wie in einem schlechten Remake ist schon jetzt abzusehen, dass trotz der Hitzigkeit auch hier, ganz wie beim transatlantischen Vorbild, die Ursachen gesellschaftlicher Spaltung gar keine Rolle spielen. Die Analogie zu Klimabewegung ist bereits deutlich: so wie diese Militär und Krieg bei ihren Protesten ausblendet, so versäumt es Wokeness, die soziale Spaltung der Gesellschaft zu fokussieren.