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Von der eigenen Zeit entfremdet

„Vielleicht gibt es schönere Zeiten; aber diese ist die unsere.“ Das Zitat stammt von Jean Paul Sartre und macht momentan im Netz die Runde. Nicht jede Resonanz im digitalen Körper zeugt von Esprit oder Essenz. Das bereitwillige Teilen dieses relativ banalen Satzes des französischen Philosophen dokumentiert allerdings doch etwas: den Wunsch, und die eigene Person eingeschlossen, sich nicht mehr als entsetztes Objekt abzuwenden und in Lethargie oder Paralyse zu verharren, ohne selbst in das Geschehen einzugreifen. Oder das Gefühl zu haben, nicht eingreifen zu wollen. Oder dem Trug zu unterliegen, man betrachte da etwas, das einen nichts anginge oder auf das man keinen Einfluss habe. Wenn diese Zeit die unsere ist, was ohne Zweifel feststeht, dann ist das verbunden mit einer Verpflichtung gegenüber sich selbst und dem Rest der Welt. Wer dazugehört, der muss sich auch verhalten. Aus dem Rahmen springen gilt nicht!

Vielleicht ist es ja die Menge des Stoffes, der auf seine Bearbeitung wartet, der abschreckt. Was ist in den letzten Jahren nicht alles passiert und hat durch die Art und Weise, wie es gehandhabt wurde, die Welt gravierend verändert. Hätte man vieles, was heute bereits als normal gilt, vor drei Jahren als zu erwartendes Faktum bezeichnet, dann wäre man wahrscheinlich als Psychopath belächelt worden. An die Aufhebung zahlreicher verfassungsmäßig garantierter Rechte in der Corona-Zeit, ohne dass daraus eine Staatskrise geworden wäre, hätte wahrscheinlich ebenso wenig jemand geglaubt wie an das Absinken des gesamten etablierten Pressewesens in eine gemeine Propagandamaschine. Und dass diese so wirkungsmächtig werden würde, dass eine regelrechte Pogromstimmung gegenüber Menschen erzeugt werden konnte, die lediglich auf ihre verfassungsmäßig garantierten Rechte verwiesen, wer hätte das ernsthaft geglaubt?

Und wer wäre auf den Gedanken gekommen, dass eine von Anfang an fehlgeleitete Politik im Osten Europas noch dazu führen würde, dass ein heißer Krieg daraus würde? Und wer hätte im Traum daran gedacht, dass die für das eine wie das andere Debakel verantwortlichen Politiker nicht nur noch in Amt und Würden sind, sondern noch die Chuzpe besitzen dürfen, so zu argumentieren, dass sie ihre Fehler viel zu spät begangen hätten? Und wer, der das alles erlebt, und damit wären wir wieder bei dem Ausgangszitat, zweifelte nicht aufgrund dieser Entwicklung am eigenen Verstand und an der Befindlichkeit einer Gesellschaft, die sich demokratisch nennt? Die Entwicklungen haben von der eignen Zeit entfremdet.

Ja, es mag schönere Zeiten geben, aber jetzt sind wir, die wir in ihr leben, dafür verantwortlich, das Beste daraus zu machen. Und das beinhaltet, angesichts der dramatischen Veränderungen, sich der Zeit ohne Wenn und Aber zu stellen und aktiv zu werden. Jean Paul Sartre möge ein Zitat Theodor Wiesengrund Adornos zu Seit gestellt werden: „Wer standhalten will, darf nicht verharren in leerem Entsetzen.“ So ist es. 

Wer Geschichten erzählt, die unserer Wahrnehmung nicht entsprechen, dem muss laut und deutlich widersprochen werden, wer zu Dingen rät, die darauf angelegt sind, unsere Lebensbedingungen zu zerstören, den müssen wir entlarven und wer sich am Gemeineigentum bereichert, den müssen wir anklagen. Wer Dinge für sich fordert, die er anderen nicht bereit ist zuzugestehen, der muss geächtet werden. 

Es braucht keines großen politischen Programms, um die gravierenden Missstände, die uns als neue Normalität verkauft werden, zu benennen und ihnen entgegenzutreten. Voraussetzung ist das Vertrauen auf den eigenen Verstand und ein Rest Selbstachtung. Das ist nicht zu viel verlangt, wenn wir davon ausgehen, dass diese Zeit die unsere ist! 

„Wer nicht so denkt wie ich, ist irre!“

Wer nicht so denkt wie ich oder meine soziale Bezugsgruppe, ist irre. Diese Vorstellung ist die häufig zu beobachtende, wenn man sich alles ansieht, was unter den Überschriften Öffentlicher Diskurs oder Soziale Netzwerke anschaut. Alles, was als Schlussfolgerung daraus resultiert, hat mit dem Wesen von Demokratie nichts zu tun. Die Pathologisierung des Gegners ist ein Signum totalitärer Systeme. Und ein weiteres Indiz für diesen kulturellen Verfall ist die Tatsache, dass diese Ausgrenzung gesellschaftlich weder erkannt noch beklagt wird. Selbst die Hinweise auf die – freundlich formuliert – Unfähigkeit, unterschiedliche Interessen und Sichtweisen in einem offenen Diskurs ertragen zu können, gelten ihrerseits als unerträglich. Wer das unternimmt, gilt bereits als Feind und erhält Etikettierungen, die aus dem Arsenal des Unsäglichen stammen. Die Uniformität bestimmt, wie die Welt auszusehen hat. 

Es führt längst nicht mehr weit genug, die Zustände zu beschreiben und zu beklagen, sondern es ist an der Zeit, nach den Ursachen zu forschen und sich an die Schaffung von Verhältnissen zu machen, die an die Grundideen individueller Autonomie und kollektiver Verantwortung heranreichen. Und es ist offensichtlich, dass die Individualisierung, die das Stadium der Atomisierung bereits erreicht hat, ein wesentlicher Faktor bei der Befriedung des autonomen Bürgersinns geworden ist. Wer sich nur noch in seiner emotionalen, individuellen Befindlichkeit spiegelt, kommt nicht mehr auf den Gedanken, dass das eigene Schicksal von Bedingungen abhängt, die nur in Gemeinschaft hergestellt werden können. Dass ihm Meinungsmaschinen, die treffend als Instrumente der Herrschaft bezeichnet werden müssen, den Weg zu diesen Gedanken nicht weisen wollen und können, ist eine logische Folge der sie betreffenden Besitzverhältnisse und keine emanzipatorische Energie mehr wert. 

Der große Erzieher, zumindest in unseren Breitengraden, während des auch unsere Tage vorbereitenden und prägenden 20. Jahrhunderts waren nicht nur die Elternhäuser und Schulen, sondern auch die flächendeckenden industriellen Prozesse. Spätestens in den Fabriken wurde gelernt, was es bedeutet, Organisationsprinzipien einzuhalten, Prioritäten zu setzen, sich als Individuum mit dem Kollektiv abzustimmen und aufeinander angewiesen zu sein. Mit dem zunehmenden Wegfall dieser wirkungsvollen, aber nicht institutionellen Lehranstalten drifteten die Individuen ab nicht nur in die eigene Segmentierung, sondern auch in eine vom Neoliberalismus geprägte Ideologie der eigenen Ausschließlichkeit. Dieser Geist ist der herrschende und er führt, in letzter Instanz, zu der Vorstellung der eigenen Exklusivität und der Minderwertigkeit von Andersartigkeit. Die sich immer faschistoider gebärdende Ideologie des Wokeness ist die perfekte Kaschierung des Wunsches nach eigener Dominanz.

Bei den beschriebenen Tendenzen handelt es sich es sich übrigens um eine kulturelles Phänomen des Westens, der, im Vergleich zu anderen Weltkulturen und den aus ihnen resultierenden Produktionsweisen wie Regierungsformen, ungefähr ein Zehntel der Weltpopulation ausmacht. Bei der Kritik an der Atomisierung des Individuums und dem Verlust des Gemeinsinns handelt es sich also nicht um eine Klage über den Zustand der Menschheit und ihrer Verkehrsformen, sondern um eine Klage über die Befindlichkeit des Westens. Und, so lehren die Ideologen der herrschenden Zustände, es geht nicht um die Adaption anderer Kulturen, was sich in plumpen Fragestellungen äußern würde, ob man denn lieber in China oder sogar Russland leben würde, sondern um Lösungsansätze, die nicht in den klar umrissenen Feldern von Schwarz und Weiß liegen. 

Alle, die nicht so denken wie wir, sind nicht irre. Wer diesem Trugschluss weiterhin anhängt, dem wird die Geschichte mit Sicherheit nicht helfen.

Eskalation: Zweifel am Selbsterhaltungstrieb

Heute Morgen hatte ich zwei Bilder in meiner Post, die mir ein Freund geschickt hatte. Sie zeigten das Zentrum von Tripolis in Libyen kurz vor und nach den Bombardements durch die amerikanische und britische Luftwaffe. Die Bilder glichen denen, die wir nun seit einem Monat aus der Ukraine gezeigt bekommen. Sie zeigen die Verheerungen des Krieges. Unabhängig davon, ob ein Krieg formal dem Prozedere des Völkerrechts entspricht oder nicht, das Ergebnis für die Bevölkerung ist immer das gleiche: Tod, Zerstörung, Flucht. Wer dort, und deshalb bin ich meinem Freund für die Erinnerung sehr dankbar, wer dort beginnt zu relativieren oder im einen Falle kalt und bleibt und im anderen hitzig wird, der ist verführt oder führt nichts Gutes im Schilde. Umso verwerflicher ist es, dass man die eigenen Taten totzuschweigen gedenkt, während die der anderen Seite an den Pranger gestellt werden. Unaufrichtigkeit ist ein Gift, das den Krieg begünstigt. Im Kleinen wie im Großen. Vergessen Sie das nicht!

Was den Krieg in der Ukraine angeht, so erleben wir noch einmal etwas, das wie ein Anachronismus wirkt. Nicht, weil es sich um einen Krieg handelt, denn der hat die Jahrzehnte nach dem II. Weltkrieg immer wieder begleitet, von Vietnam bis nach Afghanistan. Aber, was sich in der Art und Weise, Kriege zu führen, seitens des Westens geändert hat, findet sich wieder in dem Slogan „No Boots on the Ground“, keine Bodentruppen, solange nicht sichergestellt ist, dass  durch vorherige Luftschläge der Boden einigermaßen sicher gemacht wurde. Es hat etwas damit zu tun, dass sich die führenden Länder des Westens, allen voran die USA, in der Wahrnehmung von Kriegen verändert haben. Sie befinden sich, wie es so treffend formuliert wurde, bereits in einem postheroischen Stadium. Der Slogan, alles für die Gemeinschaft, die Nation oder die Heimat zu geben, gilt seit langem nicht mehr als Konsens, um in Konflikte gehen zu können. 

Das, was sich heute auf dem Territorium der Ukraine abspielt, ist das gegenteilige Konzept. Da trifft eine sich noch im Zeitalter des Heroismus befindliche russische Armee mit den Stiefeln direkt in der Ukraine und stösst dort auf einen Widerstand, der dokumentiert, dass die Ukraine sich noch längst nicht im postheroischen Stadium befindet. Auch dort herrscht nach wie vor der Heroismus. Demzufolge steht vor allem das westliche Publikum staunend vor diesem Geschichtsfilm, der das Vorgehen wie das Grauen eines antiken Krieges noch einmal vor Augen führt. Breitete er sich aus, ergriffe er auch das betrachtende Publikum, dann würde sich die Qualität sehr schnell ändern, denn ohne Heroismus gibt es keinen nennenswerten Widerstand. Und wenn die Mentalität fehlt, dann glaubt man, dieses essenzielle Gut durch Technologie ersetzen zu müssen. Das Ende einer solchen Logik ist final, genaue gesagt, letal.

Das begreifen die Betrachter, die die öffentliche Meinung formen, in der Regel nicht. Sie meinen, die westliche Zivilisation, die durch ihre Doppelmoral bereits zersetzt ist und die sich im postheroischen Stadium befindet, könne einen Krieg gegen heroisch konstituierte Nationen gewinnen. Es ist ein Irrglaube, der zur größten Gefahr avanciert ist. Die Eskalation ist der falsche Weg. Betrachtet man die Nonchalance, mit der zunehmend jede auf eine Friedensordnung fokussierte Stimme zum Schweigen gebracht werden soll, dann können, nein, dann müssen Zweifel am Selbsterhaltungstrieb aufkommen.