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Das Horowitz´sche Anforderungsprofil

In Anforderungsprofilen stehen die Eigenschaften, Fähigkeiten, Fertigkeiten und Kenntnisse, welche die Autoren derselben für erforderlich halten, um eine bestimmte Funktion erfolgreich gestalten zu können. Die Fachliteratur ist voller Hinweise auf die verschiedenen Sektoren, die dabei eine Rolle spielen. Da ist dann von fachlicher, methodischer, kommunikativer, sozialer und sogar strategischer Kompetenz die Rede. Die Gewichtung der einzelnen Felder hängt in der Regel von der Position in der Hierarchie ab, bei den Arbeitern geht es mehr um Fachlichkeit und Methodik, bei den Führungskräften um Kommunikation und Strategie.

Sieht man sich den Gebrauch des Instrumentes eines Anforderungsprofil an, dann stößt man sehr schnell auf die Krankheit unserer Zeit: es wird alles überfrachtet und furchtbar kompliziert. Alles, was den Verantwortlichen einfällt, wird in die einzelnen Felder geschrieben und es wird zu einem Kompendium, bei dessen Lektüre man sich wünscht, einem solchen Menschen, wie er dort beschrieben ist, hoffentlich niemals zu begegnen. Die Parodie ist bekannt. Gesucht werden blutjunge Menschen, die reich an Erfahrung im In- und Ausland sind, alles nur mit Sternchen bestanden haben und frei von Allüren sind. Ein perfektes Abbild des Zustandes einer Gesellschaft, die täglich an der Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit zu scheitern scheint.

Wer dennoch nicht kapitulieren will, dem sei geraten, anhand einfacher, aus dem Leben genommener Anforderungsprofile ebensolche einmal durchzuspielen. Mir fiel gestern ein Zitat des 1903 in Russland geborenen und 1989 in New York verstorbenen Pianisten Wladimir Horowitz in die Hände, das mich regelrecht zu einer Handhabung des Anforderungsprofils trieb. Es lautete:

„Klavierspiel besteht aus Vernunft, Herz und technischen Mitteln. Alles sollte gleichermaßen entwickelt sein. Ohne Vernunft sind Sie ein Fiasko, ohne Technik ein Amateur, ohne Herz eine Maschine.“

Das, was Horowitz mit diesen Worten auf das Klavierspiel bezieht, lässt sich ohne Weiteres auch auf andere Tätigkeiten und Professionen beziehen. Es geht, vulgär ausgedrückt, um Kopf, Bauch und System. Das ist komplex genug, um nicht dem Vorwurf ausgesetzt zu sein, man lasse wesentliche Bereiche außer acht. Um dem Instrumentenkasten der Personalentwicklung treu zu bleiben, handelt es sich dabei um Strategie, Logik, soziale Kompatibilität (Vernunft), Kenntnisse, Fertigkeiten und Methoden (Technik) sowie soziale Empathie und Kommunikation (Herz).

Bei Anwendung des, nennen wir es so, Horowitz´schen Anforderungsprofils auf viele der Politikerinnen und Politiker zum Beispiel, und, es sind mit Sicherheit nicht die einzigen, die der Abgleich kalt erwischen wird, mit denen wir es täglich zu tun haben, dann wäre das Auswahlverfahren sehr schnell erfolglos abgebrochen worden. Vernunft im Sinne gesellschaftlicher Weitsicht ist selten festzustellen, die Technik der Macht wird in der Regel gut beherrscht, das Herz als Symbolisierung sozialer Empathie ist zumeist auf der Strecke geblieben.

Das Pendant zum Anforderungsprofil ist das Befähigungsprofil. Letzteres kartiert quasi die Fähigkeiten, Fertigkeiten und Kenntnisse, die tatsächlich bei den Bewerberinnen und Bewerbern beobachtet werden. Würden wir bei dem Beispiel bleiben und in den Horowitz´schen Kategorien verharren, dann lautete das Befähigungsprofil: ein großes Fiasko, Meisterschaft in bestimmten Techniken sowie das Funktionieren wie eine Maschine. 

Bitte lesen Sie die Ausführung nicht allein als ein Affront gegen die ausgesuchte Berufsgruppe. Im Grunde genommen ist das festzustellende Befähigungsprofil auf einen Großteil der Gesellschaft zutreffend. Wir sind, auch da sollte sich niemand in seiner Selbstbetrachtung überheben, das elende Produkt einer elenden Zeit. 

Die Übung mit Anforderungsprofilen lohnt sich. Vielleicht fangen Sie mit Ihrem eigenen Befähigungsprofil einmal an?

Wahrnehmung: 2000 Light Years from Home

Einer der Effekte, die entstehen, wenn der Fokus exklusiv auf ein Ereignis gerichtet ist, kann mit der Ausblendung alles anderen beschrieben werden. So trivial es klingt, wer sich auf eine Sache konzentriert, bekommt von anderen Begebenheiten weniger, wenn nicht gar nichts mehr mit. Böse Stimmen behaupten, das sei sogar so geplant, wenn wir die Publizistik beobachten. Die gebärdet sich seit Beginn 2020 monothematisch. Zuerst Corona und seit 2022 der Russland-Ukraine-Krieg. Nicht, dass beides nicht eine große Aufmerksamkeit verdiente. Doch für eine Gesellschaft, die sowieso seit jeher dazu tendiert, sich als den repräsentativen Mittelpunkt des Weltgeschehens zu betrachten, ist diese Steigerung fatal. Denn, und diese Erkenntnis ist unumstösslich, der Blick auf das reale Weltgeschehen in seinen tatsächlich messbaren Proportionen ist – wenn er je existierte – komplett verloren gegangen. Das betrifft den Westen allgemein wie die Bundesrepublik Deutschland besonders. 

Es reicht, nur die eine oder andere kleine Meldung aus den Nachrichtentickern zu fischen oder, noch besser, Kontakte in andere Teile der Welt zu haben und zu pflegen, um Perspektiven kennenzulernen und Informationen zu erhalten, die alles, was sich hier im großen Nachrichtensturm über die lokale Wahrnehmung ausbreitet, als ziemlich verzerrte, die Dinge auf den Kopf stellende Rezeption zu verorten. Die immer wieder reklamierte freie Welt, von der suggeriert wird, sie dominiere den Planeten, entpuppt sich bei genauerem Hinschauen als eine Minderheit. Das betrifft sowohl die Resolutionen gegen die russische Invasion in der Ukraine wie die Beteiligung an den Sanktionen gegen Russland. Bei letzteren beteiligen sich Staaten, die ein Achtel der Weltbevölkerung repräsentieren. Die sind ökonomisch sehr stark, aber von der Repräsentanz her eine Minderheit. 

Genau diese Tatsache wird systematisch ausgeblendet, um ein Gefühl der Überlegenheit zu erzeugen, aus dem heraus andere Schlüsse gezogen werden als aus dem der Unterlegenheit. Es ist die Wahrnehmung, die das Agieren des Westens seit dem Ende des Kalten Krieges auszeichnet. Triumphalismus statt realistischem Blick, Militanz statt Kooperation. Kaum erforderlich zu erwähnen, dass die Reaktion auf ein mit Sicherheit prognostizierbares unfriedliches Ende als Argument dafür genommen wird, lange Zeit zu friedliebend und leichtgläubig gewesen zu sein, so ganz nach dem Motto: hätte ich viel früher geklaut, wäre ich heute erheblich reicher. 

Ein Hinweis auf die Psychologie möge auch denen helfen, die sich noch auf ihre eigene Urteilskraft verlassen. Wenn man einem Unterlegenen über Jahrzehnte nach dessen Niederlage immer wieder signalisiert, seine Sichtweise und seine Bedürfnisse seien unerheblich, er solle sich den Gegebenheiten, so wie sie der Sieger bestimmt, gefälligst fügen, welche Reaktion ist die wahrscheinlichste, wenn dieser die Wunden geleckt und wieder zu Kräften gekommen ist? 

Um zum Ausgangspunkt der Überlegung zurückzukommen: ist es ein Zufall, dass genau das Achtel der Weltbevölkerung, das unserem politisch-kulturellen Weltbild nahe kommt, im Großen und Ganzen dem Ensemble des Kolonialismus und Imperialismus entspricht, das mit Ausnahme Russlands, selbst immer zur imperialistischen Welt gehörend, den Rest der Welt auf die eine oder andere Weise vereinnahmt, ausgeplündert, entmündigt hat? Unter diesem Aspekt wird es besonders interessant, zu sehen, was China, Indien, Indonesien, aber auch die Länder Südamerikas denken, wenn sie den Konflikt im Herzen Europas betrachten. Anteilnahme ist nicht zu erwarten, ebensowenig eine aktive Parteiergreifung. Und, liest man die Journale in diesen Teilen der Welt, so mehren sich die Stimmen, die von der Notwendigkeit eine neuen Weltordnung sprechen, in der die imperialistischen Hähne möglichst wenig Schaden anrichten können. Eine Realität, die von unserer täglichen Wahrnehmung jene berühmten 2000 Light Years from Home liegt!

In welcher Hölle willst du leben?

Warum noch versuchen, Argumente auszutauschen, wenn alles nur noch auf Senden steht? Die Empfänger sind abgeschaltet, was zu vernehmen ist, endet in einer ohrenbetäubenden Kakophonie. Alle sind sich sicher, dass sie auf der richtigen Seite schreien, man bezichtigt sich gegenseitig in der Gesellschaft des Satans. Die Voraussetzungen sind bestens, um in der Katastrophe, im Desaster, in der Apokalypse zu enden. Wer nicht hören will, so sagte einmal ein kluger Volksmund, muss fühlen. Das wird so kommen, wie das brüchige Amen in der leeren Kirche. Mental, so kann geschlussfolgert werden, sind wir alle am Ende. Denn das, was den Homo sapiens in Glanzzeiten einmal auszeichnete, der Verstand, die Vernunft, der gemeinsame Überlebenswille, ist gewichen der endzeitlicher Gier, asozialem Egoismus und grenzenloser Allmachtsphantasie. Ein alter bayrischer Freund würde die Lage so zusammenfassen: Irrenhaus, dein Name ist Menschheit.

Auch wenn mich seine grotesken Formulierungen immer wieder inspirieren; ganz so einfach ist es natürlich nicht. Aber, wie bereits erwähnt, ein Rückblick auf die Entwicklungen, ihre Analyse und die Suche nach Kausalität führen im Moment zu nichts. Keiner will es hören, und alle sind Partei der einen oder der anderen Seite. Wie so oft, wenn sich die Apologetik in einem Moment der allgemeinen Verwirrung die Krone aufgesetzt hat, die Dialektik, dieser Schlüssel zu vielen möglichen Lösungen, ist von den Prachtstraßen verbannt und lauert in einem düsteren Keller. Sie wartet, bis die klobigen Parteigänger in ihrem martialischen Gehabe nicht nur sich selbst, sondern auch das anfangs wie ein pawlow´scher Hund konditionierte Gefolge ermüdet haben. Dann drückt sie die Stäbe auseinander, atmet tief durch und erscheint auf dem Feld.

Sie deutet auf die Szenerie und macht zunächst einmal klar, dass die Kategorien von Täter und Opfer fließend sind. In einem Krieg wechseln sie stündlich. Alle Beteiligten sind sich einig, dass sie Opfer sind und nur das tun, was gerecht ist. Dass sie ebenfalls die Tätermonster sind, möchten sie verschweigen, aber es ist die reine Illusion. Der Krieg könnte nicht nur, nein, er sollte bis ans Ende der humanen Existenz geführt werden, wenn es nach den Belegen ginge, die jede Seite mit Fug und Recht für das Täterhafte des Gegenübers dokumentieren kann. Und dann? Jeder, der darüber nachdenkt, gilt im Moment als Deserteur, als Defätist oder gar als fünfte Kolonne. Doch das Blatt wird sich wenden. Das einzige, was sich bis dahin ändern wird, ist die Dimension dessen, was von den Scharlatanen, die das Desaster zu verantworten haben, so gerne als Kollateralschaden bezeichnet wird: Tote und die formalen Nachweise von Zivilisation.

Oder eine andere Herangehensweise: ein französischer Regisseur aus dem Underground, dessen Name hier nicht genannt werden soll, quasi aus Zeugenschutz, lieferte vor kurzem eine Analyse über den Unterschied zwischen dem freien Westen und Russland, die es in sich hatte. Im Westen, so der kluge Mann, sei alles erlaubt, aber nichts von Bedeutung. Und in Russland sei nichts erlaubt, dafür hätte aber alles eine Bedeutung. Vielleicht trifft diese Aussage den Kern der Misere. Denn, wie soll eine Kommunikation zwischen diesen Welten möglich sein, wenn der mentale Horizont von diesem Unterschied geprägt wurde. 

Die kalte Logik würde dafür plädieren, eine Symbiose zu bilden, die besagte, dass einiges, aber nicht alles erlaubt wäre und dafür einiges Bedeutung genösse. Das könnte eine Zukunftsperspektive sein, die allerdings einen strategischen Horizont voraussetzte. Oder, bliebe es beim Status quo, reduzierten sich die Optionen auf die Frage: in welcher der beiden Höllen willst du leben?