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Ostenmauer – 27. Haltung, Ehre, Entschlusskraft, Würde

Es hat noch nie gemangelt an Versuchen, die vielen Debakel, die sich in der jüngeren deutschen Geschichte ereignet haben, zu erklären. Der Fehler bei allen spekulativen Ansätzen, war der, dass die vielen klugen Köpfe, die sich an das Werk machten, davon ausgingen, dass sie es mit klugen Köpfen zu tun hatten. Das ist zwar nicht unbedingt falsch, denn tatsächlich laufen in diesem Land genügend Leute herum, die von sich behaupten können, dass sie nicht auf den Kopf gefallen sind. Aber, und nun kommt die Überraschung: es geht bei der Erklärung der vielen Missgeschicke, Peinlichkeiten und Höllenerlebnisse nicht um den Intellekt. Es geht um etwas ganz anderes. Und das ist Haltung, Ehre, Entschlusskraft, Würde. Denn das sind nämlich die Eigenschaften, um die es in kritischen Situationen geht. Und immer, immer, wenn es Richtung Inferno ging, waren diese Prädikate nicht vorhanden. Da reichte es, das irgendwelche marodierenden, jeden Geist und jedes Ehrgefühl beleidigenden Banden durch die Straßen rannten und dumme Parolen schrieen, sich die vielen klugen Köpfe wegguckten und unter sich machten. Und glaube niemand, dass sich das seit dem Dritten Reich geändert hat. Bis heute ist es so. Die nackte Angst und die Furcht sind und waren immer größer als der Charakter. Eine beschämende Bilanz. Aber es ist, wie es ist. Geistige Größe ist nichts, wenn sie nicht mit Haltung einhergeht.  

Haltung, Ehre, Entschlusskraft, Würde

Politik ohne Strategie: You can check out any time you like, but you can never leave!

Seit dem Zeitpunkt, an dem die so treffende wie indikatorische Redewendung „von der normativen Kraft des Faktischen“ die Öffentlichkeit erreichte, ist ein Zustand erreicht, der gründlich überdacht werden muss. Kurze Zeit später hieß es dann auch noch, man „fahre auf Sicht“, was zu der ersten Formulierung komplementär gelesen werden muss. Man könnte zurückgreifen auf Hegels Satz, dass alles, was ist, vernünftig sei und daraus den Stillstand als die Realität anpreisen, aus der es kein Entrinnen gibt. Und wenn sich doch etwas verändert, dann kann man nur darauf reagieren. Zur Beruhigung aller, die jetzt bereits die Stirn runzeln: Hegel war schon weiter, denn dem oben angeführten Satz folgte der als Schulgeheimnis der Hegel´schen Philosophie geltende, dass alles, was vernünftig ist, sein müsse. Und schon waren zumindest die Berliner Studenten im frühen 19. Jahrhundert in Bezug auf eine strategische Ausrichtung menschlicher wie gesellschaftlicher Handlungen weiter als der heutige Zeitgeist.

Zumindest hier, in unserem kulturell-politischen Dunstkreis. Selbiger ist definiert durch ein politisches System, das mit Regelmäßigkeit durch Wahlen die Legitimität politischen Handelns herzustellen sucht. Der Gedanke ist lobenswert, hat jedoch einige Bruchstellen. Eine, um die es hier geht, ist die Kürze der Wahlperioden und die notwendige Karriereplanung der handelnden Politiker. Dinge, die in einem Jahrzehnt vielleicht aus jetzigen Entscheidungen resultieren, betreffen nicht mehr die, die sie treffen. Geschweige denn, was kommende Generationen betrifft. Und, um einer trunkenen Vorstellung vorzubeugen, auch die jetzt lebenden Jungen haben diese Perspektive nur so lange im Blick, sofern sie glauben, den Zustand selbst noch erleben zu müssen.

Es geht hier nicht um den Tadel aktueller Akteure, wiewohl es dazu immer wieder Anlass gibt, sondern es geht um den Kerngedanken, dass der gegenwärtige Zustand der politischen Legitimation mehr oder weniger systematisch die Entwicklung einer langfristigen Strategie für eine komplexe Massengesellschaft ausschließt. Das ist beängstigend und zeigt, in Konkurrenz zu autoritäreren Staatsstrukturen, einen erheblichen Nachteil. 

Aktuell sind sich viele Menschen dieses Defizits bewusst, aber es scheint so, als befänden wir uns in einem Zustand, wie er im „Hotel California“ so treffend beschrieben ist: „You can check out any time you like, but you can never leave.“ Wer sich vom Tagesgeschäft, dieser grausamen normativen Kraft des Faktischen, abgrenzt und versucht, etwas systematischer sich der Aporie von Legitimation und Strategie zu widmen, wird von den Bluthunden der Erregungsgesellschaft zu Tode gehetzt. Das, was Gesellschaften, die eine gute Zukunftsprognose für sich beanspruchen, auszeichnet, ist unter anderem die Fähigkeit systemischer Innovation.

Die Notwendigkeit einer Strategie beinhaltet sehr viele gesellschaftliche Fähigkeiten und Fertigkeiten, die momentan nur rudimentär vorhanden sind. Aber es ist nicht so, dass es keine Menschen gäbe, die nicht in der Lage wären, einen solchen Prozess zu bewerkstelligen. Es stellt sich allerdings die Frage, ob es erwünscht ist.

Genau betrachtet sind die „Gewinner“ der Krisen, die aus einer mangelnden, strategischen und programmatischen Ausrichtung über das Gemeinwesen hereinbrechen, an einer systemischen Innovation nicht interessiert. Das Malheur, so könnte man es salopp ausdrücken, ist die Quelle des Reichtums einer Minderheit. Diese wiederum verteidigt apologetisch den Zustand, der als nicht zufriedenstellend bezeichnet werden muss. Die Kritik an den bestehenden Zuständen wird als Blasphemie verdammt. Dabei ist sie momentan der konstruktivste Impuls.

Fundstück: Umbrüche

Wenn die großen Umbrüche stattfinden, dann bleibt zumeist nichts so, wie es einmal war. In der Erinnerung verklären sich dann die Bilder, vielen Menschen erscheint es dann so, als hätten sie in goldenen Zeiten gelebt und alles, was an Neuem entstanden ist, kann unter diesen Eindrücken nicht mehr imponieren. Nichts ist trügerischer als diese Art von Erinnerung. Sie liegt nämlich unter einem Schleier, der alles verdeckt, was in der Vergangenheit an Dreck, an Unrat, an Schmerz und an Verzweiflung existierte. Die so genannte gute, alte Zeit, entpuppt sich, wenn der realistische Blick die Oberhand gewinnt, als eine Fata Morgana. Zumindest für diejenigen, die sich erfolgreich aus ihr heraus gekämpft haben. 

Denn diejenigen, denen das nicht gelungen ist, die sind schon längst nicht mehr unter den Lebenden. Und, sollten sie es dennoch sein, dann haben sie keine Stimme mehr. Die einzige Gruppe, die zu recht über die goldene Vergangenheit sprechen kann, sind die ehemaligen Gewinner, die sich in Ruhm und Reichtum sonnen konnten, bis das alles zusammenbrach. Doch sie sind in einer verschwindenden Minderheit, wie immer. Das Gros der Gesellschaft muss kämpfen. Das war so in der verklärten Vergangenheit, das ist so während der Zeiten der großen Umbrüche und das wird so sein, wenn sich alles neu sortiert hat.

Umbrüche hat es immer gegeben. Auf der Oberfläche lassen sie sich als etwas beschreiben, das die Dominanz der Kräfte, die für ein bestimmtes Zeitmaß die Entwicklung maßgebliche bestimmt haben, an einem gewissen Zeitpunkt den Zenit erreicht hat. Dann lassen sich neue Kräfte beobachten, die innovativer sind, die mehr Dynamik besitzen und die andere Interessen verfolgen und die sich zum Angriff auf das Bestehende formieren. Zunächst erscheinen die herrschenden Verhältnisse dann als nicht mehr so gut wie allgemein dargestellt, vieles bekommt das Attribut „marode“ und die Eliten vermitteln ein Bild, als seien sie sich des Ernstes der Lage gar nicht bewusst.

Es ist wie eine Wiederholung der Kapitel in den Geschichtsbüchern, in denen die späte Dekadenz von Gesellschaften beschrieben wird. Da steht nur noch das eigene, in Verschwendung und Unmaß badende Wohlergehen im eigenen Fokus, da wird nichts mehr investiert, da findet keine Erneuerung mehr statt, da werden Probleme verdrängt und es wird ein Lied angestimmt, in dem die eigene Glorie auf Ewigkeit besungen wird, obwohl sie längst am Abgrund steht. Die späte Dekadenz am Ende einer Epoche ist das verlässlichste Zeichen für einen gravierenden Umbruch.

Denn während dieses Lärms, der durch die Sattheit und Verschwendung hier wie der wachsenden Not und dem Überdruss gegenüber dem Alten dort verursacht wird, wirken bereits die Kräfte des Wandels. Sie nutzen den Alltag, um die Routinen zu Fall zu bringen, sie erneuern alles, sie reden nicht viel und sie haben mit dem, was auf der großen Bühne passiert, nicht viel im Sinn, weil sie mit der Veränderung des Alltags alle Hände voll zu tun haben. Wenn diese Vertreter einer neuen Ordnung die Bühne betreten, dann ist bereits alles vorbei – für die alte Zeit und deren Prinzipien. Sie kann sich dann verklären lassen, von denen, die damals das Sagen hatten und denen, die an den Schmerz nicht mehr erinnert werden wollen. 

Die neuen Kräfte hingegen werden sich mit dem Neuen selbst, das oft technischer und wirtschaftlicher Natur ist, auseinanderzusetzen haben und dann daran gehen müssen, politisch ihre Interessen zu vertreten, um eine neue soziale Ordnung zu etablieren. In Zeiten des Umbruchs, wenn er denn in vollem Gange ist, bleibt für diejenigen, die ihn betreiben keine Zeit, in der Verklärung des Vergangenen zu verharren. 

Und wer bei der hiesigen Beschreibung bestimmte Bezüge zum Zeitgeschehen gewittert hat, verfügt über eine gute Nase.

November 2019