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Clouds und Handlungsweisen aus dem ehemaligen Protektorat

Es sollte nie vergessen werden, dass es bei der menschlichen Existenz immer und in allen Lagen um zwei wesentliche Dinge geht: Raum und Zeit. Die herrschende ökonomische Denkweise hat dazu geführt, nicht nach dem kollektiven Nutzen aller Bemühungen zu fragen, sondern nach dem höchst möglichen Vorteile für einzelne oder Gruppen. Der Wettbewerb um diese Vorteile führt zu einem Kampf um den Gewinn von Raum und Zeit. Raum verspricht Bewegung, und Zeit ist die Dimension, um diesen Raum ausfüllen zu können. Das hat Auswirkungen bis ins kleinste Detail und wird mit allem Möglichen begründet, nur ganz selten mit dem wahren Motiv der Konkurrenz beim Kampf um den eigenen Vorteil.

Moderne Produktionsanlagen, also die Orte, an denen die Werte geschaffen werden, zeichnen sich dadurch aus, dass sie immer spärlicher werden. Der Raum, den sie brauchen, wird drastisch reduziert, um ihn anderswo zu schaffen. Lagerbestände in den dafür notwendigen Hallen sind ebenso verschwunden wie Stätten, an denen ausprobiert und gleichzeitig produziert werden kann. Neben den zu verarbeitenden Stoffen, die durch hoch komplexe Logistik-Systeme in Form von Bestandslagern verschwunden sind, macht die Aufbewahrung der Informationen gegenwärtig den gleichen Prozess durch. Die Archivierung der geleisteten Prozesse wie alle Ergebnisse aus den eigenen Forschungsbereichen sind nicht mehr in stählernen Aktenschränken zu finden und auch nicht mehr auf im Haus gelagerten Bändern oder Disketten, sondern sie befinden sich zunehmend in Clouds, virtuellen Orten, die von Servern angesteuert werden und von denen die wenigsten wissen, wo sie stehen. Sowohl die Daten der Regierung wie die der Industriebetriebe befinden sich dort.

Wer über die Dinge physisch verfügt, der besitzt die Macht. Das ist eine Binsenwahrheit aus den profanen Kapiteln der Menschheitsgeschichte. Allzu oft fielen grandiose Ideen dieser Gravitationskraft zum Opfer, wenn es darum ging, die Menschheit befreien zu wollen und zu sehr auf den Spirit und die Inspiration, ja, und vielleicht die Erotik der Idee vertraut wurde. Dann kamen plötzlich Banausen um die Ecke, die Waffen und Munition oder einfach nur Nahrung an Bord hatten, und schon war von der Idee nicht mehr viel übrig als Niederlage und blankes Entsetzen. 

Unter diesem Aspekt mutet es nahezu wie ein Akt der Selbstverstümmelung an, wenn sich die großen industriellen Komplexe in einer Zeit wachsender, tödlicher Konkurrenz um die auszufechtende Weltherrschaft von USA und China, ihr komplettes Know How Servern und den dazu gehörigen Clouds überlassen, die unter der Regie von US-Konzernen stehen. Jede Form der Widerlegung wäre ein Akt der Erleichterung, doch alle Anstrengungen, der Sache auf den Grund zu gehen, führten meinerseits zu dem Resultat, dass dem so ist.

Das Vertrauen, das dieser Übereignung der eigenen Potenziale zugrunde liegt, entstammt aus den Zeiten, in denen es noch eine Union zwischen den USA und Deutschland gab, in der es zur Arbeitsteilung gehörte, dass Deutschland und Japan die Produktionsstätten und die USA Wächterin der Ordnung waren. Auch da waren die Machtverhältnisse klar. 

Aber das Protektorat Deutschland existiert nicht mehr und die USA spielen mit den Konkurrenten Katz und Maus. Nur sollten die hiesigen Akteure weder als Kätzchen oder Mäuschen auftreten, sondern damit beginnen, in der veränderten Weltlage kühlen Kopfes die eigenen Interessen zu analysieren und entsprechend dieser Analyse die eigenen Sicherungssysteme wählen und nach Bündnispartnern suchen, die analoge Interessen haben. Bei der Betrachtung der gegenwärtigen politischen Akteure scheint diese Einsicht nicht zu greifen. Da dominieren die eingespielten Sicht- und Handlungsweisen aus dem ehemaligen Protektorat.

Die Rückkehr der Heroinen in die post-heroischen Gesellschaften stellt einen Fortschritt dar. Sie lassen der Einsicht in Zusammenhänge das Konzept des praktischen Handelns folgen. Der Beitrag Erfrischend: Die Rückkehr der Heroinen erschien zuerst auf Neue Debatte.

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Die Rückkehr der Heroinen

Die Unterteilung der Welt in heroische und post-heroische Gesellschaften hat in Bezug auf die Entschlüsselung der psychosozialen Befindlichkeiten von Gesellschaften und ihrer kulturellen Disposition sehr viel Licht ins Dunkle gebracht. Die im Westen eingeführte Terminologie schuf eine neue Betrachtungsweise: Demnach ist das Wesen heroischer Gesellschaften, dass ihre einzelnen Glieder es als erforderlich erachten, durch das eigene Verhalten dem Zweck und Wert des Ganzen zu dienen, während die post-heroische Variante dieses ablehnt und nach dem individuellen Benefit für den Einzelnen fragt.

Böse Zungen auf der einen Seite deuten die post-heroische Attitüde als eine typische Dekadenzerscheinung und übersteigerten Egoismus. Die bösen Zungen der anderen Seite halten die prägende Haltung heroischer Gesellschaften für eine antiquierte Geste der Unterwürfigkeit unter Autoritäten wie Gott und Vaterland. Wie dem auch sei: bei genauerer Betrachtung fällt auf, dass tatsächlich diese Unterscheidung gemacht werden kann. Dazu existieren Umfragen und dazu existieren unzählige Dokumente politischen Handelns und der damit verbundenen Legitimation von Politik.

Machen Sie sich den Spaß und lassen einige Länder Revue passieren und ordnen sie sie ein! Sind sie als heroisch oder post-heroisch zu identifizieren?

Einfach ist die Aufgabe sicherlich nicht, weil sich viele Länder in einer Phase gewaltiger Transformation befinden und da ein „Sowohl“ und ein „Als auch“ beobachtbar ist. Von den großen Entwicklungslinien ist jedoch festzustellen, dass die Länder des so genannten freien oder kapitalistischen Westens eindeutig die Phase des Post-Heroismus erreicht haben, während alle neu aufstrebenden Nationen mit der Ausnahme Japans mit dem Begriff des Heroismus am besten zu deuten sind.

Ob es Gesetz oder Zufall ist, dass ausgerechnet in den post-heroischen Gesellschaften die Emanzipation der Frauen fortschreitet, sei dahingestellt. Dass jedoch gerade in diesen Gesellschaften, die sich mehr auf Ratio, Selbstbestimmung und Feminismus berufen, nun ein Trend zu beobachten ist, der den – zunächst noch? – individuellen Heroismus wieder salonfähig macht, ist bemerkenswert.

In nahezu Lichtgeschwindigkeit hat sich in den letzten Monaten eine Kette moderner Heroinen in den medialen Orkus gedrängt. Tatsächlich fallen die besagten Frauen durch ihr Engagement, ihren Mut und ihr Charisma auf. Und tatsächlich eignen sie sich, um Menschenmassen zu emotionalisieren und vielleicht dazu zu bewegen, sich selbst zu engagieren.

Das ist bei Greta Thunberg und der Bewegung Fridays For Future so, das ist im Falle der deutschen Kapitänin Carola Rackete und der Seenotrettung so und das ist bei der amerikanischen Fußballspielerin Megan Rapinoe und dem Aufbegehren diskriminierter Minderheiten so. Und es sind nicht irgendwelche Allerweltthemen, die da in den Fokus kommen: Da geht es um das Weltklima und die Zerstörung der Natur durch das globale Wirtschaften, da geht es um die durch Kriege und Kolonisierung entstandene Migration vieler Menschen und die Abschottungspolitik der mit verursachenden Länder und da geht es um eine  basis-demokratische und anti-diskriminatorische und anti-imperiale Politik gegen die Machthaber der Noch-Weltmacht Nummer Eins.

Bei aller formulierten Geringschätzung gegenüber den Heroinen, die immer sofort von überall hervorgebracht wird: Programmatisch bietet kaum eine Partei mehr! Dass die genannten Heroinen von vielen Seiten dieses Maß an Sympathie ernten, liegt nicht nur an der persönlichen Ausstrahlung und dem damit verbundenen Charme, sondern auch daran, dass sie es sind, die die essenziellen Themen der Zukunft aufgreifen. Und, um nicht der euphorischen Trance zu erliegen: die Merkels, Kramp-Karrenbauers, von der Leyens und Lagardes treiben zeitgleich ihr Unwesen, aber sie etablieren sich eben auch nicht als Heroinen.

So kann sich die These sehen lassen, dass die Rückkehr der Heroinen auch in die post-heroischen Gesellschaften durchaus ein Fortschritt darstellt. Sie, die positiven Heldinnen, lassen der Einsicht in bestimmte Zusammenhänge das Konzept des praktischen Handelns folgen. Ein erfrischender Weg aus den phlegmatischen Zonen der politischen Dekadenz.