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Der Umbruch, seine Lasten und die Einfalt

Der Prozess wirkt schleichend, aber er ist rasend schnell. Was der individuellen Befindlichkeit gemächlich erscheint, hat sich blitzschnell verändert. Die drastische Begrenzung der direkten, unmittelbaren Interaktion hat sich auf allen Feldern bereits ausgewirkt. Um es zu überzeichnen: der Zwischenhandel ist liquidiert, die Flotten des monopolisierten Lieferservice fluten die Wohngebiete, der Markt für Büroimmobilien ist ruiniert, dort liegt die Zukunft bei voll automatisierten Logistikhallen und der Wohnungsbau stellt komplett neue Ansprüche, in der Gastronomie beginnt das exklusive Zeitalter der Ketten, die Tauschbörsen an de Ecke liegen in Schutt und Asche, die Orte der Kultur sind verödet, ganze Branchen sind verschwunden, die Monopole beherrschen den virtuellen Markt, der informelle Sektor ist liquidiert, die Zahl der nicht registriert Erwerbslosen ist immens. 

Hätte jemand vor zwei Jahren eine derartige Entwicklung bis zum heutigen Datum prognostiziert, dann wäre die Prognose als Scharlatanerie abgetan worden. Was jedoch alle wussten, und manchen sogar als einziger Zweck der ganzen Übung erschien, war die Tatsache, dass das, was als die Corona-Krise in die Geschichtsbücher eingehen wird, die Wirkung eines Katalysators haben würde. Diese Annahme hat sich nicht nur erfüllt, sondern sie hat bereits bis heute eine Dimension eingenommen, die in der Geschichte der Republik vom Entwicklungstempo her einzigartig ist. Und es kann als sicher gelten, dass der Prozess der rasenden Veränderung noch lange nicht zu Ende ist.

Veränderungen, auch schnelle, gehören zum Leben. Darüber zu klagen ist müßig. Sich darüber Gedanken zu machen, in welche Richtung die Veränderung geht, ist Pflicht. Die Bevölkerung in der Republik hat große Erfahrungen in Bezug auf das Ende einer Ära und die damit einhergehenden Zusammenbrüche: die Hafenstädte mit dem Niedergang der Werften, die Regionen, in denen die Textilindustrie Opfer der Globalisierung wurden, das Ruhrgebiet wie das Saarland mit dem Niedergang von Kohle und Stahl, der gesamte Osten mit seiner Abwicklung. Die Beispiele sind ungezählt und sie haben alle etwas mit der schöpferischen Zerstörung des Kapitalismus zu tun. 

Es ist also nicht so, als würde plötzlich ein an den Stillstand gewöhntes Volk, und der Begriff wird hier bewusst benutzt, weil er kollektive Erfahrungen beinhaltet, die dem extremistischen Individualismus suspekt sind, völlig überrascht. Die Erfahrungen sind reichhaltig. Und sie sind, das sei nicht vergessen, einhergegangen mit großen Desillusionierungen. Die Hightech-Berufe, die als Lösung angepriesen wurden, schufen nicht das Ausmaß an Ersatz, wie gerne und oft versprochen. Die Umbrüche kosteten vielen Menschen die Existenz, den Lebenssinn und die Selbstachtung. Die soziale Abfederung allein wärmt vielleicht den Magen, aber nicht das Herz.

Angesichts der beschleunigten Veränderungen, in denen wir uns befinden, und angesichts der großen Skepsis, die in der Gesellschaft zu spüren ist, gleicht es einer Orgie der Geschichtslosigkeit, dieser Haltung mit der Überzeugung zu begegnen, man habe es mit Rückständigen zu tun, die die Chancen des Wandels nicht sähen. Die Skepsis entspringt einer nachhaltigen Erfahrung mit dem herrschenden System der Veränderung: Zum Umbruch gehört auch immer eine Umverteilung der Güter, und dabei zahlen immer die, die alles verlieren und es gewinnen diejenigen, die bereits haben. 

Der beste Vorschlag, der Skepsis gegenüber der Umwälzung zu begegnen, wäre eine radikale Änderung der Politik. Diejenigen, auf denen der Veränderungsdruck am meisen lastet, sollten die größte Unterstützung erfahren und diejenigen, die in Passivität die Früchte zu ernten gedenken, müssen zur Verantwortung gezogen werden. Wer in einem derartigen Prozess nur von Einfalt redet, der hat das System selbst nicht verstanden.

Wasserstand, Wasserstand, all night long! — Neue Debatte

Stellen Sie sich vor, Sie schalten das Radio an, um Nachrichten zu hören. Ihre Gewohnheit sagt Ihnen, dass Sie einen Überblick über das Geschehen erhalten, welches für Sie von einiger Relevanz ist. Lange Zeit hat das auch einigermaßen funktioniert. Der Beitrag Wasserstand, Wasserstand, all night long! erschien zuerst auf Neue Debatte.

Wasserstand, Wasserstand, all night long! — Neue Debatte

Ein etwas anderer Neujahrsgruß

Die Stadt, in der ich lebe, hat sich eine wesentliche Tugend aus dem Industriezeitalter bewahrt. Man ist, wie es hier so treffend formuliert wird, geradeheraus, d.h. man sagt, was einem durch den Kopf geht und zwar in der direktest möglichen Form. Das kann für sublimierte Geister zuweilen befremdend sein und auch verletzen, aber auf deren Gesellschaft kann auch verzichtet werden, wenn sie nicht zum entscheidenden Punkt kommen. Das Schlichte ist oft, und das entgeht den eher kompliziert Sozialisierten zumeist, das eigentlich Schwere. Und so überrascht es immer wieder, wie, vor allen Dingen in Zeiten wie diesen, die Menschen hier einen brutal kühlen Kopf behalten und in der Lage sind, die Wahrheit aussprechen. 

Vor wenigen Tagen wurde ich Zeuge einer Unterhaltung zweier sehr betagter Männer. In der Umkleide eines Fitnessstudios trafen sich die beiden per Zufall und wechselten einige Worte. Wir, so begann der eine, stehen doch schon an der Pforte zum großen Glück. Worauf der andere antwortete, da hast du recht, aber bevor wir durch diese schreiten, sehen wir uns hier unten die Scheiße noch ein bisschen an! Dabei lachten beide aus vollem Hals und vermittelten den Eindruck großer Heiterkeit.

Der kurze Dialog dokumentiert Klarsicht und Gelassenheit, zwei Befähigungen, die den meisten Menschen in diesen Tagen nicht gegeben sind. Und wenn, dann sind sie eben dort zu finden, wo sie der gesellschaftliche Diskurs, sofern er einen institutionalisierten, offiziellen Charakter hat, am wenigsten vermutet. Dort, wo die Bedauernswerten und Verblendeten vermeintlich sitzen, blitzt immer wieder die Befähigung auf, die Welt und das Leben, wie sie sich gestalten, ohne Ideologie, ohne Mystifikation und ohne emotionale Befindlichkeit zu erfassen und zu benennen. Eine Gabe, die bei vielen, die bei vielen, die mit Macht ausgestattet sind, ebenfalls vorhanden ist, die ihre Erkenntnisse wohlweislich nicht öffentlich formulieren. Was dazwischen bleibt, ist das verwirrende Kauderwelsch als Produkt einer Maschinerie, die mit Materialien wie Framing, Wording, Mind Setting, Political Spin etc. arbeitet und als gelungenes Endprodukt die totale Verwirrung und Beherrschbarkeit der Köpfe hat. Diese Maschinerie arbeitet auf Hochtouren und wer sich von der pausenlosen semantischen Achterbahnfahrt erholen möchte, begebe sich in die Gesellschaft wie die der beiden geschilderten Herren. Von ihnen gibt es mehr, und zwar in allen Alters- und Geschlechtsgruppen, als die kontrollierte Öffentlichkeit vermuten lässt. 

Und der Kontakt zu diesen Menschen vermittelt außer einem klaren Bild der Verhältnisse auch das, was man als Lebensmut bezeichnen könnte. Denn, wenn man sich und Menschen, an denen einem gelegen ist, zu Beginn eines neuen Jahre etwas wünschen sollte, dann ist es Lebensmut. Das Mysterium, das den Mut so außer Mode gebracht hat, ist die immer wieder gepflegte Illusion, nein, das Tabu, darüber zu sprechen, dass wir alle nur ein bestimmtes Quäntchen an Zeit zur Verfügung haben, um hier auf diesem Planeten einen mikroskopischen Teil zu seiner Entwicklung beizutragen. Wir alle sind nur Gast auf dieser Erde. Wie es so schön heißt, ein paar Jahre bist du jung und stark, dann sinkst du auf den Grund der Weltgeschichte. Wer diese Erkenntnisse erst einmal erklommen hat, der steht, Verzeihung, die beiden Herren gehen mir nicht aus dem Kopf, der steht an der Pforte zum Glück! 

Mein Neujahrsgruß ist eigentlich ein Appell. Mischt Euch unters Volk, macht Euer Ding und nehmt alles nicht so ernst! Das große Glück wartet auf Euch. Es ist alles nur eine Frage der Zeit!