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Über das Sitzen im falschen Zug

Ein japanisches Sprichwort besagt, dass, je länger du überlegst und mit der Entscheidung wieder auszusteigen wartest, wenn du in einen falschen Zug eingestiegen bist, desto länger der Rückweg dauern wird. Das ist nicht nur eine kluge Betrachtung, sondern auch eine bittere Wahrheit. Jeder Mensch wird über Erfahrungen verfügen, die diese Aussage bestätigen. Und auch die Politik ist voller Beispiele, die den Wahrheitsgehalt der japanischen Volksweisheit bestätigen.

Betrachtet man bestimmte, als unverrückbar gekennzeichnete Paradigmen der deutschen Politik, wird man ebenfalls fündig. Was allerdings Voraussetzung für eine schnelle Reaktion wäre, ist das Bewusstsein, sich in den falschen Zug begeben zu haben. Diese Diskussion, und mag sie auch noch lange zurück liegen und von der tagespolitischen Brisanz längst erkaltet sein, wird jedoch weder gewollt noch geführt. Zum Beispiel die Verteidigung unserer Werte im Afghanistan-Krieg, der weder im Einklang mit dem Völkerrecht stand noch zu einer Stärkung der hiesigen Demokratie geführt hat (im übrigen ein Anspruch an Kriege, der nur im Zustand von Trunkenheit formuliert werden kann), der in einer entsetzlichen Niederlage endete und der das Land nach 20 Jahren in den Status quo ante versetzt hat. 

Alles, was danach an Kriegen von den immer und immer wieder als Banner des Heils hochgehaltenen Verbündeten veranstaltet wurde, ob Libyen oder Syrien und auch die systematische NATO-Osterweiterung sowie die anfängliche Carte Blanche für das Vorgehen der Regierung Netanyahu, hat immer das Bild bemüht, im falschen Zug zu sitzen. Und trotz der desolaten Ergebnisse, der Verwandlung der betroffenen Länder in Höllen, in denen die betroffenen Menschen nur noch an Flucht denken können, sitzt das hiesige wie das gesamte politische Konsortium des Westens im falschen Zug und hat es sich gemütlich gemacht. An Aussteigen scheint dort niemand zu denken und es stellt sich die mehr als berechtigte Frage, ob eine solche Entscheidung von einem derartigen Ensemble überhaupt zu erwarten ist.

Denn der Zweck der Reise besteht nicht aus dem, was kommuniziert wird. Wäre das der Fall, dann hätte jeweils an der allernächsten Haltestelle Schluss sein müssen. Ist das Ziel jedoch ein anderes, geht es nicht um Demokratie, Menschenrechte, Gleichheit und Gerechtigkeit auch für Minderheiten, sondern um sehr metallurgischen Nutzen für eine ganz andere Minderheit, dann macht es geradezu Sinn, in den Zug eingestiegen zu sein, in dem man sitzt.

Es sollte nicht vergessen werden, dass die Lernfähigkeit von Menschen immer mit dem eigenen Nutzen verbunden ist. Es existiert ein unverbrüchlicher Konnex von Erkenntnis und Interesse. Niemand, und nicht der dümmste Hinterbänkler, macht etwas, das ihm dauerhaft schadet. Und so werden die Vollstrecker für den „falschen“ Einstieg belohnt,  die Opfer ausgeplündert und die eigene Bevölkerung, denen man die falsche Reise mit falschen Worten schmackhaft gemacht hat, mit den negativen Folgen konfrontiert.

Die Rechnung ist einfach: führte man keine Raubkriege, gäbe es keine Flüchtlinge, würde man nicht rüsten, hätte man Geld für die Investition in die eigenen Köpfe, führte man gerechten Handel, gäbe es weniger Verarmung und bombardierte man die eigene Bevölkerung nicht unablässig mit Kanonaden der Verdummung, wäre das soziale Klima auch ein anderes.

Das klingt provokativ, ist aber die schlichte Wahrheit,  die bei der Entscheidung, in welchen Zug man einsteigen will, leiten sollte.  Das gegenwärtige Ensemble dieser Republik wie der großen Staaten des Westens sitzt, aus Sicht der Bevölkerung, im falschen Zug. Und eine Rückreise wird mit der Besetzung nicht stattfinden. Sie wird nicht lang, sondern sie findet gar nicht statt.  

Über das Sitzen im falschen Zug

Bundeskanzler: Besuch beim Don

Der Fokus ist immer auf das Seichte und Unerhebliche gerichtet. Sieht man sich die Berichterstattung über das Treffen zwischen dem US-Präsidenten Donald Trump und dem deutschen Bundeskanzler Friedrich Merz an, könnte man den Eindruck gewinnen, dass ein entfernter Verwandter aus dem Provinz das in einem anderen Land  residierende Oberhaupt der Familie besucht und mit einem drolligen Gastgeschenk und einer gekonnten sprachlichen Avance den Don in gute Stimmung zu versetzen sucht. Weil dem der Ruf vorauseilt, dass mit ihm nicht gut Kirschenessen ist.

Gelobt wird der Bundeskanzler, weil er es vermocht hat, den Don nicht zu reizen und dieser ihm ab und zu wohlwollend zugenickt hat. Dazu muss gesagt werden, dass es nicht bei der Geburtsurkunde des deutschen Vorfahren und englischer Konversationsfähigkeit blieb. Obwohl die Verwandtschaft in der Provinz alles daran setzt, den Krieg mit dem östlichen Nachbarn fortzuführen, wurde plötzlich, um dem Don zu gefallen, von einem notwendigen Ende des Blutvergießens gesprochen. Dass dieses nicht einherging mit einem konkreten Vorschlag, wie das zu bewerkstelligen sei, versteht sich nahezu von selbst, weil die eigene Agenda eine andere ist. Der Nebel wurde eingebettet in die Versicherung, des Dons Vorschlag auf jeden Fall zu folgen und künftig 5 Prozent des Bruttoinlandsproduktes in das Militär zu investieren und auf keinen Fall mehr die Nord Stream Pipeline zu reaktivieren. 

Der Besuch hat klar gemacht, dass auch diese Regierung entschlossen ist, strategisch den falschest möglichen Weg einzuschlagen, der für die Bundesrepublik Deutschland verfügbar ist. Eine Investition in die Militarisierung auf Kosten von Bildung, Technologieentwicklung, Gesundheit und Kultur wird destruktive, das Klima schädigende Branchen beflügeln. Und der Entschluss, sich weiterhin auf den Bezug teurer Energien festzulegen wird die bestehende Industrie ins Konkurrenzaus verfrachten. Einem konjunkturellen Strohfeuer wird ein substanzieller Verfall folgen. 

Wenn man so will, hat die eine Fraktion des amerikanischen Imperiums den Krieg in der Ukraine in vollem Bewusstsein initiiert und die andere ist nun dabei, einen einstigen strategischen Partner in die Bedeutungslosigkeit sinken zu lassen. So stellt man sich wahre Freundschaft vor. Und in diesem Licht sind die verschiedenen Unterwerfungsgesten, deren Zeugen wir werden mussten, umso beschämender. Zunächst ein Kanzler, der beim letzten Don daneben stand, als dieser ankündigte, dem Freund die kritische Infrastruktur zu zerstören und jetzt sein Nachfolger, der versichert, diese auf keinen Fall wieder nutzen zu wollen und die noch bestehenden Möglichkeiten, wieder auf die Beine zu kommen dazu zu nutzen, Kriegswerkzeug zu produzieren und zu kaufen, was einer Geldverbrennungsorgie gleichkommt.

Kürzlich dozierte ein renommierter Ökonom, dass alles, was einmal im industriellen wie im sozial-politischen Komplex verbrannt sei, für immer verloren ist. Es kommt nicht zurück. Insofern wäre es angeraten, alle Mittel aufzuwenden, um die eigene Gesellschaft, ihre vorhandenen intellektuellen Ressourcen und Fähigkeiten sowie die kulturellen Güter zu fördern und weiterzubringen. Dazu gehört die Beschreibung eines eigenen Weges, der nur selbstbewusst und souverän beschritten werden kann. Innen wie außen! 

Die neuerlichen Unterwerfungsgesten mögen von einer strategisch komplett erblindeten Claque heftig beklatscht werden. Dem Land und seinen Menschen wurde wieder einmal ein Bärendienst erwiesen. Um in der Sprache des gegenwärtigen Dons zu bleiben: Well done! It ´s going all the way down!

Bundeskanzler: Besuch beim Don

Warum Voltaire?

Als man vor einigen Jahren bei der National Library in Washington beschloss, auch alles für die Nachwelt zu speichern, was auf Twitter geäußert wurde, war für manchen Spott gesorgt.  Viele derer, die zum Lager der Kritik gehörten, sprachen von Trash, Müll, der es nicht wert sei, der Nachwelt überliefert zu werden und man verwies zudem auf die enormen Kosten, die der dadurch benötigte Speicherplatz verursachen würde. Was spontan als ein durchaus vernünftiger Einwurf gelten kann, ist bei näherer Betrachtung jedoch zu kurz gedacht. Das vielleicht gravierendste Argument gegen eine solche Position ist bereits mehr als eineinhalb Jahrhunderte alt und wurde von einem Mann geliefert, der seinerseits in wilden Zeiten lebte, in denen auch so mancher Unsinn gezwitschert wurde. Es handelt sich um Heinrich Heine, der die Wirren und absonderlichsten Diskussionen in seinem Pariser Exil hautnah miterlebte, immerhin der Stadt, die zu seiner Zeit den Ruf der globalen Metropole genoss. Heine sprach bei allem, was er selbst an Äußerungen, Positionen und Meinungen wahrnahm, als von einer Signatur der Zeit. Einer Art Stempel, der dokumentierte, wie die Menschen in einem historischen Kontext dachten und fühlten. Wie, so muss man auch aus heutiger Sicht zustimmen, kann man auf diese Signatur verzichten, wenn man die heutigen Zeiten einmal verstehen will?

Betrachten wir das, was ganz aktuell in den verschiedenen Medien, ob in den selbsternannten Qualitätsorganen oder durch die subjektivsten Einwürfe in den sozialen Medien das Licht der Welt erblickt, so können wir viel Emotion orten, die immer gepaart ist mit Verletzung und Aggression, wir registrieren Feindbilder und Sündenböcke, wir erblicken sehr viele Allerweltsweisheiten und so manches Zitat, von dem man tatsächlich den Eindruck hat, dass es die große Unsicherheit, in der wir uns befinden, sehr gut auf den Punkt bringt oder sogar mögliche Wege aufzeigt, wie man wieder da herauskommen kann.  Die so genannten großen Geister der globalen Philosophie haben da ihren Platz, ob Konfuzius, Platon oder Sophocles, wir finden Räsonnements über den Umgang mit Macht, wie bei Machiavelli und Geister der aufgehenden Moderne wie Nietzsche. Alles gut und alles richtig. Aber, das muss gesagt werden, außer dass es eine Signatur der Zeit ist, in unruhigen Zeiten die Leuchttürme der Vergangenheit anzuzünden, sagt das alles nichts aus.

Mit einer Ausnahme. Ein Name taucht immer wieder mit einem Zitat auf. Und immer trifft es das, was eine große Mehrheit der Menschen als bitteres Defizit unserer Tage auszumachen scheint. Damit ist das gemeint, was wir als gesellschaftliche Substanz eines demokratischen Modells ansehen. Seine Säulen werden brüchig und stürzen ein. Und der Name dessen, der in diesem Kontext immer wieder auftaucht, steht für den Bau dieses semantischen Gebäudes. Es ist Voltaire. Er trifft den Nerv unserer Tage, er katapultiert uns in die Zeit, in der die Fundamente für das angelegt wurden, auf das wir uns über Generationen berufen haben. Wenn es eine personifizierte Signatur für das gibt, was wir heute vermissen und was nahezu systematisch absurderweise von jenen eingerissen wird, die glauben machen wollen, sie würden es verteidigen, dann ist es Voltaire. Der Mann aus dem Pariser Pantheon. Er ist die Signatur unserer Zeit. Mit ihm ist die Krise zu dechiffrieren.   

Warum Voltaire?