Archiv der Kategorie: comment

Unsere Realität und die schwarze Literatur

Es ist die Zeit für ein anderes Genre. Nennen wir es die schwarze Literatur. Denn nur in dieser Kategorie lässt sich das noch beschreiben, was in der einstmals so freien Welt dem Plebs als Nachrichten angeboten wird. Da treffen sich die Vertreter von Ländern, die nahezu die Hälfte der Weltbevölkerung ausmachen, in Beijing und beschließen, enger zusammenzuarbeiten und lange existierende Differenzen, wie die Grenzfragen zwischen Indien und China, auf friedlichem Weg lösen zu wollen. Und da ist ein Gastgeber, der in seiner Rede unterstreicht, dass nur die Gemeinsamkeit der Nationen zu einem gedeihlichen Überleben auf dem Globus führen kann. Und den hiesigen Kommentatoren fällt nichts dazu ein als die eine oder andere einfallslose Beschimpfung oder alles wird als Satire abgetan. Das kann man, wenn man im günstigsten Fall für ein Achtel der Weltbevölkerung steht, so machen, aber außer zu einer konfliktgeladenen Auseinandersetzung mit gewaltigen Schäden auch im eigen Lager wird es wohl kaum reichen. Und das, was da als die so genannte regelbasierte Ordnung im höchsten Falle als Gegenargument ins Feld geführt wird, ist nichts als ein Freibrief für die alte imperialistische Ordnung.

Zur gleichen Zeit zeigt sich mit voller Wucht der Zustand hiesiger Realitätswahrnehmung. Da wird gemeldet, „mutmaßlich“ habe es einen russischen Angriff auf einen Flug der EU-Kommissionspräsidentin von der Leyen gegeben, da das GPS-System nicht durchgängig nutzbar gewesen sei. Was der kriegstreibenden Fraktion, die sich auch in der deutschen Bundesregierung manifestiert, wunderbar als Narrativ oder Legende in den Kram passt, wurde umgehend von der Fluggesellschaft als Fake News charakterisiert. Das GPS-System des Flugzeuges habe ununterbrochen gearbeitet. Da stellt sich die Frage, ob sich die Propagandamaschine in diesem Land der annähert, die die Geschichte mit dem Angriff auf den Sender Gleiwitz in die Welt gesetzt hat? Was sich mit Sicherheit sagen lässt, ist, dass ein Großteil der EU-Kommission, Teile der Bundesregierung und die in Monopolhänden befindliche Freie Presse mit Mitteln arbeitet, die sie einer immer stärker werdenden Opposition seit langem anlastet: Verbreitung von Hass und Hetze, Fake News und die Fabrikation von Feindbildern.

Und wenn man sich ansieht, wie die handelnden Figuren ihre Karrieren gestalten, dann erscheint das Witzeln über östliche Autokraten wie ein billiges Schmankerl. Immer wieder mit Steuermitteln werden Kometenlaufbahnen für Hetzer und Dilettanten abgesichert, die nichts anderes bewirken werden als den Ruf des eigenen Landes noch weiter zu ramponieren. Und betrachtet man den Weg eines einstmals als Vorsitzender der deutschem Sozialdemokratie fungierenden Politikers, der es fertig gebracht hat, zunächst als Berater für einen mehr als schillernden Schlachtbetrieb, dann als Vorsitzender der atlantischen Imperialisten und nun als Vorstandsmitglied eines Waffenkonzerns zu brillieren, dann ist man schnell wieder bei der Frage, ob die so genannte schwarze Literatur nicht das einzige Medium ist, in der das politische Niveau in unserer Hemisphäre noch beschrieben werden kann. Keine Realität ist nicht düster genug, keine Geschmacklosigkeit unwirklich genug und keine Absurdität lässt eine innere Logik vermissen. In Beijing trafen sich die Autokraten? Und wer trifft sich hier?  

Unsere Realität und die schwarze Literatur

Wo sitzt die pensionierte Mitte?

Skurriler könnten die Tagesnachrichten nicht beginnen. Dennoch sind sie ein treffendes Symptom der Zeit, die wir durchleben. Da sitzt ein renommierter und momentan in den Medien gehypter Journalist im Salon Schinkelplatz in Berlin und entwickelt eine neue Art der politischen Arithmetik. Da sich die Mitte so schwer tut, so seine Theorie, erstarken die Ränder. Und je mehr die Ränder erstarken, desto schwerer tut sich die Mitte. Das sei das Dilemma.

Von der formalen Logik eines Models an sich hat der Mann gar nicht so Unrecht. Abstrahiert von den politischen Inhalten, die sowohl in der Mitte als auch an den Rändern vertreten und betrieben wird, sind allerdings Erklärungen möglich, die er nicht bieten kann. Warum? Weil er der Betrachtung der Mitte folgt, die da lautet, dass die Mitte gleichzusetzen ist mit der Demokratie und die Ränder zum verfassungswidrigen Hexenwerk gehören. 

Dass es einen Zusammenhang gibt zwischen der Politik der Mitte, egal in welcher Konstellation, und dem Erstarken der Ränder – darauf kommt der gefeierte Journalist und Buchautor nicht. Warum? Weil es nicht erlaubt ist. Wer Sozialabbau, hemmungslose Bereicherung auf Kosten der Gemeinschaft, imperialistisches Dominanzgehabe und die Militarisierung der Gesellschaft und der gesamten Politik, sowie die Verselbständigung der Interessen der Mandatsträger öffentlich als Ursache für den Schwund der Mitte benennt, ist Verfassungsfeind, bezahlter Agent, Faschist oder gleich alles zusammen. Die skizzierte Arithmetik von Mitte und Rand dokumentiert nur eines: Wo das Tabu herrscht, bricht sich keine Erkenntnis bahn. Treffender wäre, um die Quintessenz aus dem Salon Schinkelplatz zu benennen, der Begriff des Circulus viciosus, des Teufelskreises. Und wer in der Logik dieses Kreises bleibt, wird ihn nie durchbrechen.

Und eine zweite Nachricht, eher als Randnotiz gedacht, dokumentiert auf eine ganz andere Weise, wie das Tabu, gedacht und durchgesetzt als politischer Standard, die Fähigkeit, das Absurde zu erkennen, außer Kraft setzt. Da gab es eine Demonstration in Köln, die sich gegen den Rüstungskonzern Rheinmetall wandte. Unter der durchaus sympathischen Parole „Rheinmetall entwaffnen!“ zogen ca. 3000 Menschen durch die Stadt und protestierten gegen die Militarisierungspläne der Bundesregierung. Die Firma Rheinmetall gehört zu den großen Gewinnern des Ukraine-Krieges und der herrschenden Kriegspolitik. Laut Polizeiangaben habe man Schlagstöcke eingesetzt, um Übergriffe zu vermeiden. Von der Kausalität her hört sich das bereits absurd an. Was aber noch gesteigert wird durch die Insinuierung, dass 3000 Menschen in Köln ein bedrohlicheres Gewaltpotenzial darstellen als einer der größten Produzenten von Kriegsgerät in Europa. So treibt man die Kaninchen in die Küche!

Und auch diese Logik, dass nämlich die Wahrnehmung demokratischer Grundrechte wie eben das des freien Wortes und das der Demonstration von denen, die eigentlich das Mandat haben, diese Rechte zu schützen, als Bedrohung der Demokratie angesehen wird, zeigt die Ursachen für die Schwächung dessen, was sich so gerne die Mitte nennt. So erklärt sich Politik, ihre Ursachen und ihre Wirkung. Das, was dieses System Richtung Friedhof trägt, ist die Tatsache, dass die regierende Mitte auf der falschen Seite steht. Die Staatsfeinde sind die Demonteure des Gemeinwesens und Kriegstreiber. Und sieht man sich die Karrieren der Mandatsträger an, die irgendwann  genau in den Aufsichtsräten landen, wo die Zerstörung vorbereitet und administriert wird, dann wird dieses noch einmal in unappetitlicher Weise deutlich. Da sitzt die pensionierte Mitte und lässt sich ab und zu auch noch dazu herab, den öffentlichen Raum mit ihren politischen Flatulenzen zu kontaminieren. 

Wo sitzt die pensionierte Mitte?

Hegels Schulgeheimnis

In der Fortentwicklung allen Lebens, auch des sozialen und politischen, geht es weder um Schuld noch um Moral. Es sind andere Gesetze, die das menschliche wie gesellschaftliche Handeln bestimmen. Da sind einerseits Grundbedürfnisse, im individuellen wie im gesellschaftlichen Bereich, die gestillt werden wollen und es erwachsen in diesem Prozesse auch soziale und kulturelle Anliegen, die beachtet  werden wollen und die mit dem Begriff des Interesses sehr gut beschrieben sind.

Alle politischen Subjekte, von denen heute in den Geschichtsbüchern zu lesen ist, sind von dieser Erkenntnis geleitet worden. Und sie haben, indem sie Interessen vertreten haben und sich ihrer eigenen Wirkungsmacht bewusst waren, Dinge schaffen können, die überdauerten. Und andere, die sich ihren Wunschvorstellungen hingegeben haben, sei es in Bezug auf die Allgemeingültigkeit ihrer eigenen Moral oder in der Identifizierung des Bösen, das anders war als sie selbst, stehen auch in den Geschichtsbüchern, allerdings auf den Seiten, auf denen das Scheitern verewigt ist.

Nehmen Sie ein Beispiel Ihrer Wahl und spielen es durch! Welche Subjekte und Entitäten haben konsequent ihre Interessen vertreten und sich im Rahmen ihrer eigenen Wirkungsmacht um ihre Erfüllung bemüht und wer wurde von Missionarismus geleitet und hat sich sich und seine Möglichkeiten überschätzt? Spielen sie es durch, vom großen Alexander, über Napoleon bis zu Hitler. Und denken sie daran, dass selbst die Dinge, die lange funktionieren, irgendwann anfangen fehlerhaft zu sein, schleppend werden und einem Phänomen unterliegen, das sehr gut mit dem Begriff der strategischen Überdehnung beschrieben ist. Von Rom über das British Empire bis hin zu den USA. 

Es hilft allerdings überhaupt nicht, sich die Fälle von Gelingen und Scheitern anzusehen und bei dem einen oder anderen Fall zu trauern oder sich schadenfroh die Hände zu reiben. Diese Übung vermittelt nur dann Sinn, wenn sie in einer sehr enthaltsamen Weise das gegenwärtige politische Geflecht auf der Welt beschreiben! Als neutrale Beobachter quasi! Wie handeln die Protagonisten, vertreten sie die Interessen ihrer Länder im Rahmen der eigenen Wirkungsmacht? Sind manche vielleicht bereits strategisch überdehnt? Und wer ist dabei, in Wunschvorstellungen, Selbstüberschätzungsszenarien und einer Ungewissheit über die eigenen, essenziellen Interessen auf der Weltbühne herumzutaumeln? 

Namen müssen nicht genannt werden. Die Frage ist, inwieweit die verschiedenen Gesellschaften und ihre Mitglieder in der Lage sind, ihre eigene Politik mit den hier entwickelten Maßstäben zu beurteilen. Das ist das entscheidende Kriterium. Wer mental der Illusion folgt, kann das Ruder nicht herumreißen. Nur wer der eigenen Realität den Platz einräumt, der ihr gebührt, hat eine Chance, nicht auf den Seiten der Geschichtsbücher, auf denen das Scheitern illustriert wird, zu erscheinen. 

Sehen, was tatsächlich ist, machen, was tatsächlich geht und das tun, was sein muss. Wie war das noch mit dem Schulgeheimnis der Hegel´schen Philosophie? Alles, was vernünftig ist, muss sein!

Hegels Schulgeheimnis