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Geplünderte Kassen und ein zu langes Leben

Egal, welche Suchmaschine man bemüht: im Ergebnis läuft es darauf hinaus, dass in den letzten Jahrzehnten unterschiedliche Regierungen ungefähr eine Billion Euro aus den Rentenkassen entnommen haben, um andere Dinge damit zu finanzieren. Das reichte von Lastenausgleichszahlungen, über Aufwendungen nach der Wiedervereinigung bis hin zur Mütterrente. Zur Entnahme dieser Gelder, deren Verwendung hier nicht thematisiert oder hinterfragt werden sollen, wurde in keinem Fall das Einverständnis der in der Rentenkasse Versicherten eingeholt. Ein Sachverhalt, der rechtlich dubios ist und konträr zu einem demokratischen Grundverständnis steht.

Es soll und kann schlecht darüber spekuliert werden, was wäre, wenn diese Billion sich noch in den Kassen befände und wenn sie zudem noch gut angelegt gewesen wäre. Eines scheint dennoch sicher zu sein: die Situation wäre eine andere. Und es stellt sich die berechtigte Frage, ob das in der EU schlechteste Rentenniveau, welches in der Bundesrepublik Deutschland mit 48 Prozent des vorherigen Arbeitseinkommen liegt, nicht auch dem Umstand der von den Versicherten nicht autorisierten Geldentnahme zu verdanken ist.  

Es dabei zu belassen und die teilweise Plünderung der Rentenkassen durch gewählte Regierungen anzuprangern allein ist allerdings irreführend. In anderen europäischen Ländern existieren Versicherungssysteme, die dabei geholfen haben und helfen, die allgemeine Tendenz eines demographischen Wandels und einer höheren Lebenserwartung abzufedern. Dort, wo es gelang, ein gutes Rentenniveau zu halten, hat man weder die Kassen geplündert noch die Versicherung exklusiv zu einem Ressort der abhängig Beschäftigten gemacht. Alle zahlen ein, alle sind versichert. Die Bilanz ist besser. So einfach könnte es sein, wenn nicht das alte Klassendenken in die Neuzeit mit hinübergerettet worden wäre. Und man sich nicht, betrachtet man das deutsche Beamtentum, eine Antiquiertheit aus Kaisers Zeiten leisten wollte. Auch sie zahlen nicht ein, können allerdings auf eine im Vergleich zu den Versicherten fürstliche Pension hoffen. So burschikos die Regierungen die Kassen der gesetzlich Versicherten schredderten, so furchtsam wichen sie vor der heiligen Kuh des Berufsbeamtentums zurück. An den Rentenkassen und den Möglichkeiten ihrer Finanzierung wird deutlich, dass viele der Konstrukte, die heute als eine Errungenschaft der Demokratie gefeiert werden, vom Konzept her mit dieser nichts zu tun haben. 

Eine Regierung wie die momentane, die sich damit brüstet, das im Vergleich zu anderen EU-Ländern miserable Rentenniveau von 48 Prozent halten zu wollen, und gleichzeitig nicht willens ist, das System an sich zu reformieren und stattdessen  exklusiv von demographischem Wandel faselt und durch die Erhöhung des Renteneintrittsalters eine weitere faktische Senkung zu kaschieren sucht, ist schlichtweg zynisch. Allerdings ist das nicht der einzige Zynismus, mit dem diese von einem Lügenbaron geführte Regierung unterwegs ist. Außer Zynismen fällt ihr auch nicht mehr viel ein. So ist es, wenn man in dem Mob, der noch gutgläubig zur Wahl geht, nichts anderes mehr sieht als einen Mandatsbeschaffer, der sein vorlautes Mundwerk im Zaum halten und sich nicht in Dinge einmischen soll, von denen er nichts versteht. Wie war das noch mit dem Hochmut?  

Geplünderte Kassen und ein zu langes Leben

Zur Freiheit von Kunst und Wissenschaft

Im materialistischen Zeitalter ist die Neigung groß, den Zustand eines Gemeinwesens anhand der Aneinanderreihung von messbaren, harten Fakten zu ermitteln. Der Franzose Emmanuel Todd hat sich bereits vor vielen Jahren daran gemacht, die Sowjetunion mit diesen Mitteln zu analysieren. Er sammelte Daten und sah sich die jeweilige Entwicklung an: zur Lebenserwartung, zur Säuglingssterblichkeit, zum Analphabetismus, zur Selbstmordrate, zum Alkoholismus, aber auch zum Bruttosozialprodukt und der Relation der einzelnen Posten im Staatshaushalt zu denen für Militärausgaben. 

Vor allen anderen, vor allem denen von der Ideologie des Kalten Krieges getriggerten,  sagte Todd das Ende der Sowjetunion voraus. 10 Jahre, bevor es dann geschah. Dafür wurde er im Westen heftig gefeiert. Dass er nun mit dem gleichen Instrumentarium die USA untersuchte und auch ihr den Niedergang prognostizierte, fand als Information keine große Öffentlichkeit. Todd kommt zu dem Ergebnis, dass die USA sich in einer analogen Situation befinden wie die UdSSR vor ihrem Niedergang. Wer es im Original lesen will: Emmanuel Todd, Der Westen im Niedergang. Ökonomie, Kultur und Religion im freien Fall. Die Lektüre lohnt sich.

Was bei allen Diskussionen um den Zustand unserer Gesellschaft zu kurz kommt, ist meines Erachtens der Blick auf Kunst und Wissenschaft. Der Quell aller konstruktiven Entwicklung ist deren Freiheit. Ohne Freiheit in Kunst und Wissenschaft wird nichts hinterfragt, nichts gewagt, nichts ausprobiert und nichts toleriert. Man schaue nur auf die Geschichte der Entstehung der bürgerlichen Gesellschaft auf unserem Kontinent. Ohne die philosophische Frivolität eines Voltaire, ohne die Enzyklopädie eines Diderot und ohne den Figaro eines Beaumarchais wäre die französische Revolution nicht so zustande gekommen, wie verlaufen. Kunst und Wissenschaften sind das Momentum, auf das es in starkem Maße ankommt.

Angesichts dieser These, die selbstverständlich nicht von den absolutistisch  technokratisch Denkenden akzeptiert werden wird, ist es ratsam, einen Blick auf den Zustand dieser Disziplinen und ihren Institutionen hierzulande zu werfen. Und, um nicht lange herumzureden, von den erforderlichen Freiheiten ist nicht viel übrig geblieben, wenn die Künstlerinnen und Künstler an den Schauspielhäusern so genannte Codes of Conduct unterschreiben müssen, in denen sie zu einem wie auch immer gearteten Wolken Konsens verpflichtet werden oder wenn an den Universitäten den Lehrenden verboten wird, sich an politischen Diskursen zu beteiligen, die als heikel eingestuft werden. 

Von der Personalpolitik ganz zu schweigen. Es geht in vielen Fällen nicht nach Können und Leistung, sondern nach Repräsentanz in einem wie auch immer gearteten Diversitätsschema. Was woke und was heikel ist, bestimmen, seien wir ehrlich, eine relativ willenlose politische Kaste und eine monopolisierte Presse. Überall herrscht Konsens, und wer sich dem nicht verpflichtet, der ist raus aus dem Spiel. Und nicht nur das. Ihm oder ihr wird attestiert, sich in der Nähe von Staatsfeinden zu befinden. Das ist Autokratismus und Totalitarismus. 

Die Freiheit ist eine andere Kategorie, sie ruht in den Annalen. Kein Film, keine Inszenierung, keine wissenschaftliche Untersuchung, die nicht den von einer Minderheit gepriesenen Zeitgeist wiedergäbe. Staatsdoktrin, Langeweile und unendliche Öde haben Kunst und Wissenschaft erobert. Neben allen Fakten sind das Indizien, die eine Prognose untermauern: Freier Fall! 

Zur Freiheit von Kunst und Wissenschaft

Reduktion auf das Wesentliche!

Immer wieder und mit der Komplexität globaler Zusammenhänge steigern sich die Belange ins Unübersichtliche. Wer da keinen Kompass hat und nicht weiß, worauf es ankommt, hat gute Aussichten in Verzweiflung, Irrsinn oder törichten Handlungen zu enden. Und verweist man bei dieser Thematik auf die antike griechische Philosophie, oder asiatische Denker, dann begegnen einem die Broker der gewollten Unübersichtlichkeit mit einem müden Lächeln. Wie sie ja auch gelangweilt abwinken, wenn es um die frühen Analysen des Kapitalismus geht. 

Was aus dieser gespielten Arroganz spricht, ist die tief sitzende Furcht vor einer grundsätzlichen Betrachtung. Denn da könnte herauskommen, dass die heute in hoher Quantität als gesichert gehandelten Annahmen nicht zutreffen. Eine dieser Geschichten ist die des Wachstums. Wachstum an sich entspricht den Verwertungserfordernissen des kapitalistischen Wirtschaftens. Den tatsächlichen Bedürfnissen einer Gesellschaft entspricht es nicht. Und schon wären wir bei der Frage, was der Mensch braucht, um existieren, sich entfalten zu können und glücklich zu sein. Hat das etwas mit einem neuen Auto oder einem Schnäppchen bei Primark zu tun? 

Analog verhält es sich mit der Vorstellung, wie urbanes Zusammenleben gestaltet sein soll. Sind es wirklich die Attribute, die unter der technokratischen Chiffre der Smart Cities subsumiert werden oder hat es etwas mit Versorgungsnähe und Begegnungsqualität zu tun? Sind wir als Stadtbürger soziale Wesen oder die Anhängsel von Registrierkassen und Steuerungsphantasien? 

Beim Staat sind es auch die grundsätzlichen Fragen, die an erster Stelle stehen sollten. Wie wollen wir zusammenleben? Welche Freiheiten und welche Rechtsverhältnisse wünschen wir uns? Wovon wollen wir leben, d.h. wie wollen wir wirtschaften und wie gelingt es uns, mit dem Rest der Welt in einem für alle Seiten einträglichen Zusammenleben zu kommen?

Unabhängig davon, mit welchem Themenkomplex man beginnt, ob Individuum, Stadt, Staat, Konsum, Außenpolitik – was auffällt, ist die Abseitigkeit der Themen, mit denen wir täglich förmlich bombardiert werden. Katastrophen, soweit das Auge der Aufmerksamkeit reicht, Feinde hinter jeder Mauer, Restriktionen gegen alle, die der Einfallslosigkeit derer, die glauben den gesellschaftlichen Diskurs bestimmen zu können, im Wege stehen. Die vorgespiegelte Komplexität der Welt, von der selbstverständlich nur die eine Ahnung haben, die das Schiff mit Sicherheit auf den Eisberg zusteuern, ist nichts anderes, als eine bewusste Flutung der Hirne mit Belanglosigkeiten, die vom Wesentlichen ablenken sollen. Nennen Sie einen Bereich, einen wissenschaftlichen Diskurs, eine politische Debatte, in der es um die wesentlichen Grundlagen einer Gesellschaft und der Rolle der Individuen in ihr geht!

Deshalb gelten in den Augen der technokratischen Dilettanten die Konzepte eines Platon oder Sokrates, eines Konfuzius oder Lao Tse als Geschwätz von gestern. Und bevor der Verdacht aufkommt, man könne sich nur mit den tatsächlich existenziellen Fragen beschäftigen, wenn man die Genannten studiert hat: Es hilft, ist aber nicht erforderlich. Wichtig ist, einen Schlüssel für die tatsächlich wichtigen Fragen zu erwerben. Alles zu hinterfragen, womit man konfrontiert wird. Ist diese Information für mich wichtig? Was bedeutet sie, um meinen Alltag zu gestalten? Führt sie uns als Gemeinwesen in eine Richtung, auf der wir uns über eine Strategie verständigen können? 

Am besten ist es, Sie stellen diese Fragen nicht nur sich selbst, sondern auch denen, die vorgeben, alles zu wissen und die Vorgänge auf der Welt zu begreifen, während ihnen gleichzeitig nichts gelingt, was für Sie von Bedeutung wäre! 

Reduktion auf das Wesentliche!