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Wahrheitssuche: Monologe von Stummen?

Die Zeiten sind nicht einfach. Zumindest für jene, die sich darum bemühen, ein an der Realität orientiertes Bild zu zeichnen. In einer Welt, die sich teilweise selbst als postfaktisch und virtuell bezeichnet und in der das ganz große Geld die Art und Weise bestimmt, wie und welchen Inhalts berichtet wird, kann die Suche nach Wahrheit zu einem mühsamen und auch gefährlichen Unterfangen werden. Die Mechanismen, die die Gefahr ausmachen, sind nicht mit denen zu vergleichen, die in den Geschichtsbüchern als Diktaturen beschrieben werden. Alles, auch die Repression, hat sich verfeinert und ist anders geworden.

Diejenigen, die sich nicht mit dem Bild zufrieden geben, dass durch schnelle Adaption der ersten Erscheinungen und das Interesse derer entsteht, die stets etwas zu vertuschen haben, sind immer und zu allererst mit dem Instrument des Spottes konfrontiert. Nachfragen, die die oberflächliche Version der kolportierten Wahrheit gefährden, sind zugleich überzogen mit Fragen der anderen Seite zur Person und ihrer Zurechnungsfähigkeit. Das geht in der Regel einher mit einer Schablone, die, ist der Delinquent oder die Delinquentin erst einmal eingepasst, zu unangenehmer gesellschaftlicher Ächtung führt. Die Schablonen selbst könnten einfältiger nicht sein, aber dennoch wirken sie. Und sie existieren zuhauf: Klimaleugner, Europahasser, Putinversteher, alle Themen, die zu einer heftigen Debatte einladen und es erforderten, sich heftig mit veritablen Fakten und guten Argumenten zu streiten, werden dem Diskurs entzogen, indem die Zurechnungsfähigkeit der jeweils zur als herrschend konstituierten Meinung kritisch Stehenden in Zweifel gezogen wird. 

Die Methode ist nicht neu, aber in dieser Perfektion hat sie eine Dimension angenommen, die von ihrer Psychodynamik her durchaus mit der Inquisition und dem Faschismus vergleichbar ist. Die andere Meinung ist letztendlich nur mit einer Behextheit oder geistigen Erkrankung zu erklären. Das System der Gleichschaltung unterschiedlicher Auffassungen hat zu psychotischen Zuständen bei dem geführt, was in funktionierenden Gesellschaften zum Leben gehört wie die Luft zum Atmen, nämlich in dem, was immer wieder der Diskurs genannt wird.

Der große indonesische Schriftsteller Pramoedia Ananta Toer, selbst über Jahrzehnte das Opfer einer Diktatur, hat eines seiner reflexiven Spätwerke „A Mute ´s Soliloquy“ genannt, den Monolog eines Stummen. Nun war der Man Jahrzehnte auf eine Insel verbannt und dort durfte er nichts schreiben. Er entwickelte sein Hauptwerk, indem er es immer und immer wieder seinen Mitgefangenen erzählte. Bis es so in seinem Gedächtnis saß, dass er es nach seiner späten Entlassung niederschreiben konnte. Heraus kam eine Tetralogie, die das Entstehen der indonesischen Nation, einem nahezu unmöglichen Unterfangen, erklärte und sogar logisch erscheinen ließ.

So schwer es anmuten mag, das Beispiel wurde bemüht, um die Situation, in der wir uns befinden, etwas erklärlicher zu machen. Oft vermittelt das, was die vielen Amateure zutage fördern, die aufgrund einer inneren Rebellion ungewollt zu Journalisten und Wahrheitssuchern wurden, den Eindruck eines Monologes von Stummen. Stumm deshalb, weil sie im öffentlichen Resonanzkörper nicht stattfinden und ihre Darstellung der Welt einfach nur als geistig gestört oder abwegig geschildert wird. Und ein Monolog deshalb, weil die Gegenseite, oder besser die Gegenwelt, nicht in den Streit eintritt, der notwendig wäre, um das ans Licht zu bringen, was die Grundlage vernünftigen Handelns ist und das unterstützen kann, was der herrschenden Ideologie völlig fremd geworden ist: das Gemeinwohl. 

Merkel in China und die deutschen Journale

Der Besuch Angela Merkels in China hat in der hiesigen Berichterstattung höchste Priorität. Es geht, ginge es zumindest nach den Polit-Journalen der öffentlich-rechtlichen TV-Stationen, dabei vor allem darum, dass die deutsche Bundeskanzlerin der chinesischen Administration wegen Hongkong so richtig den Marsch bläst. Isoliert betrachtet und unabhängig von den noch zu dechiffrierenden Inhalten, dokumentiert dieser Anspruch die ganze Hybris einer nicht mehr ernst zu nehmenden Branche. Es sei denn, man stellt den Bezug her zu der Mitgliedschaft der meisten verantwortlichen Redakteure zu amerikanischen Ostküsten-Think-Tanks und erkennt in der Disruption des deutsch-chinesischen Verhältnisses ein amerikanisches Interesse. 

Der Anlass, die Protestbewegung in Hongkong, kann unter verschiedenen Vorzeichen diskutiert werden. Aufstände gegen autoritäre Staatsgewalt sind immer nachvollziehbar und in den meisten Fällen auch zu unterstützen. In Hongkong machen jedoch verschiedne Aspekte skeptisch: Der Anlass zur Gesetzesänderung über Auslieferungen waren Kapitalverbrechen von Hongkong-Bürgern in Taiwan und Macao, die von Hongkong nicht ausgeliefert werden können, übrigens ein Relikt aus der Kolonialzeit. Und die Bezugnahme der Protestbewegung auf die alten Zeiten der Kronkolonie. Da gab es allerdings nicht einmal freie Wahlen, alles wurde in London bestimmt. Diesen Zustand als Ideal einer Protestbewegung zu formulieren, hat allerdings frivole Züge.

Die Berichterstattung eben jener Medien, die nun Merkel zu einem harten Kurs gegenüber der Volksrepublik China drängen, über die Ereignisse in Hongkong, ist eindimensional und hat nur ein Ziel: die Volksrepublik China politisch zu diskreditieren. Das weiß auch die chinesische Führung. Und, hätte irgend jemand ein wenig mehr Vorstellungskraft bestimmter politischer Prozesse, dann wäre sehr schnell klar, dass gerade die chinesische Führung überhaupt kein Interesse an einer Eskalation hat. Sicher ist, dass die öffentliche Meinung innerhalb der Volksrepublik alles andere als den Protesten in Hongkong wohl gesonnen ist und eine Mehrheit es begrüßen würde, wenn die chinesische Administration dem Treiben in Hongkong ein Ende bereiten würde.

Aus der Perspektive vieler Chinesen ist der Sonderstatus Hongkongs längst ein Relikt aus der Zeit eines überkommenen Kolonialismus und die dort sozialisierte Bevölkerung wird in hohem Maße skeptisch betrachtet. Die chinesische Administration könnte sich – analog wie bei dem Verhältnis Putins zur russischen Bevölkerung im Falle der Ukraine – bei der eigenen Bevölkerung Bestnoten erwerben, wenn sie als Ordnungsmacht in Hongkong intervenierte. Dieser Versuchung hält sie bis dato stand. Dass das den selbst ernannten Stimmen der Demokratie und der freien Welt nicht passt, ist deutlich zu spüren und dechiffriert deren Interesse und Charakter.

In einem Falle jedoch kann die Öffentlichkeit entspannt bleiben. Die Regierung der Bundesrepublik Deutschland wird auch in diesem Falle alles dafür tun, dass die Wirtschaftsbeziehungen der ansässigen Industrie nicht unter politischen Irritationen leiden. Das Kalkül ist jedoch nicht so krisenfest, wie gedacht. China ist kein Schwellenland mehr, sondern der große Herausforderer der Weltherrschaft der USA. Deshalb wird permanent und überall versucht, China als einen gefährlichen, undemokratischen und despotischen Moloch erscheinen zu lassen. Einmal abgesehen davon, dass die Zuckerseiten des amerikanischen Modells seit geraumer Zeit radikal geleckt sind, steckt hinter vielem, worüber und wie hierzulande berichtet wird, als Unikat nur ein Interesse, nämlich dass der moralischen Entrüstung. Doch kaum ein Skandal in diesem Portfolio, sei es Tibet, seien es die Uiguren, seien es die Infrastrukturprojekte in Afrika oder sei es die Seidenstraße, hält bei näherer Recherche dem Bild stand, das erzeugt wird. Große Skepsis ist angebracht! 

Die zwei Seiten des Schocks: Lassen wir es krachen!

Mit seichter Prosa können gesellschaftliche Krisen nicht überwunden werden. Entweder, den Dingen wird weiterhin der Lauf gelassen, oder es werden harte Eingriffe vorgenommen sein, um das Steuer herumzureißen. Momentan sieht es nicht nach letzterem aus, ohne dass die handelnde Nomenklatura darauf verzichten würde, Szenarien des Horrors zu beschreiben, die eintreten, wenn sie nicht mehr in der Verantwortung wären. Das könnte sogar möglich sein, wenn da nicht die Verantwortung für das gegenwärtige Desaster wäre. Wer die Teufel des Neoliberalismus aus der Box holt und sie jahrelang auf dem Tisch tanzen lässt, hat sein Recht auf Regie verwirkt.

Bis auf die Handelnden haben das immer mehr Menschen gemerkt. Es führt zu der kuriosen Situation, dass sie sprechblasenartig ihr abgelaufenes Kredo in die Aufnahmegeräte sprechen, während die sich Abwendenden zumindest bei Wahlen zum Teil noch auf die Therapie des Schocks setzen. Der Schock kann tatsächlich Heilungsprozesse in Gang setzen, vorausgesetzt, der zu betrachtende Organismus ist in Bezug auf die eine lokale Schwächung noch in Ordnung. Bei der durchgängig zu beobachtenden Morbidität des Systems kann der vermeintliche Schock auch endgültig letal wirken. Um es deutlich zu sagen: Wer jetzt auf rechtsradikale Alternativen setzt, ist dabei, endgültig die Klospülung zu ziehen.

Das Dilemma, in dem sich das Gemeinwesen befindet, besteht in der Unfähigkeit der alten, etablierten Akteure, eine Gegenbewegung zu organisieren, die aus der fundamentalen Kritik heraus in der Lage wäre, die Verhältnisse grundlegend zu ändern und damit die Situation zu verbessern. Gemeint sind vor allem die Parteien, von denen, außer dem Schock-Ensemble, das sich momentan im Aufwind befindet, keine den Eindruck macht, als könne sie den gewaltigen Unmut noch in konstruktive Politik verwandeln.

Die CDU erscheint nur noch als ein Konsortium des Apparats, die SPD rennt bei abnehmendem Gewicht jeder Mode hinterher und weiß nicht mehr, woher sie kommt, die Grünen profitieren von der Angst eines Öko-Kollapses und paktieren mit den schlimmsten Verursachern, die FDP fährt gegenwärtig die Rendite der eigenen Ideologie ein und die Linke inszenierte gerade zu dem Zeitpunkt, zu dem sie sich hätte profilieren können, ein Stück über Intrigantentum und Opportunismus, das auch im berüchtigten Hotel Lux zu Moskau hätte aufgeführt werden können.

Wenn die Parteien es nicht richten, stellt sich die Frage, wo und wie die notwendige Aktion der Veränderung organisiert werden und zu einer politischen Stimme wird geformt und erzogen werden kann? Vielleicht bilden die neuen Foren der Vernetzung, real wie virtuell, eine neue Perspektive für einen zeitgemäßen Syndikalismus. Es geht um die Organisation politischer Willensbildung genau dort, wo Menschen arbeiten und kommunizieren. Das, was dort geschieht, wird bereits heute multipel verbunden. Was noch fehlt, ist die Politisierung aller Lebenswelten. Es mangelt nicht an organisatorischer Fähigkeit, sondern an politischer Aufklärung und Willensbildung. Vielleicht sollten wir es den digitalen Syndikalismus nennen?

Daher ist es das Subversivste und damit auch Konstruktivste, in die überall schwebenden Ballons der ideologischen Seichtheit und der als cool etikettierten Interessenlosigkeit zu stechen. Es muss laut knallen, damit Bewegung in die Köpfe kommt. Der Schock ist in dieser Hinsicht ein gutes Mittel. Aber er darf nicht diejenigen entsetzen, mit denen sowieso nichts mehr zu erreichen ist, sondern er muss jene aktivieren, die in der Lage sind, etwas Gutes zu entwickeln und etwas Vernünftiges zu gestalten. Der Schock darf sich nicht gegen das Versagen der etablierten Parteien richten, denn das wäre vergeudete Energie. Er muss sich gegen die Lethargie in den Köpfen derer richten, die durch die Seichtheit des Konsumismus in einen Trancezustand verfallen sind. Lassen wir es krachen!