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Eigentum, Macht, Absolutismus und die Chance für Utopien

Die Spekulationen über den Ausgang nehmen zu. Teilweise wähnt man sich in einem Londoner Wettbüro, wenn es darum geht, Optionen über den Zustand der Welt in Konkurrenz zu stellen. Von der lupenreinen Utopie bis zu ihrem Gegenpart, der Dystopie, ist alles vertreten. Doch wie die Chancen stehen, dazu gibt es wenig Handfestes. Wird alles so weiter gehen, wie bisher, oder lernt die abstrakte Menschheit aus dem, was sie gerade erlebt? Es ist, leider so, wie immer. Es wird nicht nach den Ursachen, nicht nach den Machtverhältnissen gefragt. Warum alles so gekommen ist, wie es ist, dafür gibt es Gründe. Und wenn diese nicht benannt und bearbeitet werden, dann wird vieles wieder so kommen, wie es bereits war. Und wenn damit die weitere grenzenlose Ausplünderung von Natur und Mensch gemeint ist, dann ist das Dystopie genug. Wenn aber noch hinzu kommt, dass der administrative Totalitarismus, der in der pandemischen Krise angebracht erscheint, hinübergerettet wird in die Zeit danach, dann wäre das keine Dystopie, sondern ein Inferno. 

Sprich, wenn die Kräfte weiter walten, die in den letzten Jahrzehnten das Weltgeschehen mit ihrem Besitz und ihrer Ideologie in Atem gehalten haben, dann wird die Sache nicht gut ausgehen. Wenn nicht darüber geredet wird, dass alleine die Besitzverteilung auf diesem Planeten bereits frivole, dystopische Dimensionen angenommen hat, dann hat sich die Gattung ihre Chance auf Fortbestand genommen. Wie weit sind Gesellschaften gekommen, die nicht mehr thematisieren, dass die Gruppe derer, denen Dreiviertel der Güter und Territorien der Welt gehören, lüde man sie zu einem Treffen ein, im Ballsaal einer Provinztanzschule in der Lüneburger Heide Platz fänden? In denen stattdessen darüber fabuliert wird, nach der Krise müsse man sich auch über die Kosten unterhalten und die Besserverdienenden zur Kasse bitten, womit sie diesen Kreis allerdings nicht meinen? Wie rechtfertigen Gesellschaften, die zudem von sich behaupten, demokratisch zu sein, dass sich Reichtum anhäuft, der von den sie Besitzenden in keiner Weise konsumiert werden kann? Und welchen Sinn macht es, einer Handvoll Leuten, die hinter hohen Wällen in ihren Ressorts residieren, die Regie über die Entwicklung der Produktivkräfte wie der globalen Infrastruktur zu überlassen?

Wir reden hier nicht über den kleinen Staat Dänemark, in dem etwas faul ist, sondern über eine Flächenerscheinung in den Ländern, in denen das Privateigentum die mit ihm verbundene Staatsform mit der Ideologie des Wirtschaftsliberalismus bis zum Absolutismus getrieben hat. Wir reden über die Staaten, in denen Verwertungsquoten höher geschätzt werden als das Wohlergehen ihrer Bürgerinnen und Bürger, Staaten, in denen das Gemeinwohl seit Jahrzehnten nur noch eine untergeordnete Rolle spielt, Staaten, die alles tun, um die großen Akteure des Privateigentums an die noch größeren Töpfe ihrer Revenuen zu führen. 

Es ist ein Massenphänomen der Verblendung, das zwischen einer besseren Welt nach der Krise und auch nur Ansätzen einer Utopie steht. In diesen Gesellschaften der flächendeckenden Verblendung ist es den Nutznießern der historisch alles sprengenden Eigentumsverteilung gelungen, die Geschädigten auch noch dazu zu bringen, in heftigen Diskursen darüber zu streiten, inwieweit in ihrem eigenen Konsum und seinen Formen die Ursachen für die dramatischen Entwicklungen zu finden sind. Nicht schlecht, aus Sicht der Akteure des demagogischen Handwerks. Ja, die Hoffnung stirbt zuletzt, sie erweist sich jedoch als schöner Schein des Augenblicks, wenn sie sich nicht auf Tatsachen gründet. Eigentum bedeutet Macht. Und wenn die in den Händen erschreckend weniger Akteure mit einer privaten Agenda liegt, dann muss die Mehrheit etwas tun, damit die Hoffnung eine Chance auf Verwirklichung hat.

Krise, Rationalisierung, Perspektive

Eine Prognose: Wäre heute bereits klar, wie viele Arbeitsplätze die Krise vernichten wird, dann sprächen wir jetzt nicht über bewundernswerte Disziplin. Laut der International Labor Organization (ILO) stehen akut weltweit 195 Millionen Vollzeit-Jobs zur Disposition. Als Folge der Krise, im Moment! Vor allem sind zwei Ursachen zu benennen. 

Einerseits schlicht die Insolvenz kleiner Betriebe, die aufgrund mangelnder Rücklagen den Lockdown nicht werden überleben können. Andererseits radikale Rationalisierungsmaßnahmen seitens der Firmen. Sie können jetzt, mit der Krise im Rücken, zügig vieles umsetzen, wofür sie sonst mindestens zehn Jahre bräuchten. German Wings lässt grüßen. Ganze Geschäftszweige, die schon lange nicht mehr rentabel waren, werden über Nacht verschwinden. Das macht aus unternehmerischer Sicht sogar Sinn, es kostet aber auch Arbeitsplätze.

Dabei nicht berücksichtigt sind die jetzt im Flächenversuch etablierten Heimarbeitsplätze. Wie viele davon solche bleiben, steht noch dahin und ob als Vollzeitarrangements ebenso. Viele Kosten für Büros und betriebliche Infrastruktur könnten eingespart werden, wenn vieles von vielen zuhause erledigt würde. Die Kostenverlagerung ginge zu Lasten derer, die dann, sozial isoliert, von zuhause aus arbeiteten. Zudem ist die interessengeleitete Kommunikation der Arbeitnehmerschaft dann erheblich reduziert. 

Vieles spricht für einen drastischen Rationalisierungsschub, der gravierende Auswirkungen auf die gegenwärtige Beschäftigungslage haben wird. Hinzu kommen von der Regierung bereits durchgewunkene Lockerungen von Arbeitszeitverordnungen, Arbeitsschutz etc.. Noch nicht in dieser Rechnung sind die Veränderungen, die der nun erprobte Lockdown mit sich bringen wird. Auch der Umgang miteinander im täglich notwendigen Verkehr sowie das Konsumverhalten wird sich ändern, was neue Dienstleister und Branchen hervorbringen und alte verschwinden lassen wird. 

Dass sich die ökonomischen Interessen Geltung verschaffen werden, steht außer Zweifel. Und dass die gegenwärtigen Besitzverhältnisse, die in ihrer absoluten Polarisierung mit dem Wirtschaftsliberalismus Weltpremiere haben, in der Gegenüberstellungen von Zahlen unter Zehn auf Seiten der Reichen und Milliardenkohorten auf der anderen Seite die wahre Krankheit dieser Zeit deutlich machen, dass diese Besitzverhältnisse, bliebe es dabei, für die Mehrheit der Weltbevölkerung eine dramatische Verschlechterung der Lebensverhältnisse nach sich ziehen wird, steht außer Zweifel.

Ja, Träumen und Hoffen ist gut! Aber eine andere, bessere Welt zu denken, ohne die grotesken Eigentumsverhältnisse dabei im Kopf zu haben, ist grenzenlos einfältig oder ein laues Täuschungsmanöver. Derzeit kursieren sehr viele Überlegungen, was sich alles zum Besseren wenden könnte, wenn „wir“ die richtigen Lehren aus den Erfahrungen zögen, die „wir“ gerade machten. Das ist richtig, nur wird das ohne praktische Folgen sein, wenn sich lediglich nur die Interessen derer durchsetzen, die ihren selbst von ihnen nicht mehr erfassbaren Besitz vergrößern wollen ohne Rücksicht, nein, zumeist gegen das Gemeinwohl. 

Die große Chance, die sich aus der Krise entwickeln ließe, bestünde darin, sich eine andere, neue Welt zu ersinnen, in der mächtiger, über-mächtiger, von den Inhabern gar nicht Konsumverhalten Reichtum verwandelt werden könnte in Assets des Gemeinwohls. Die Besitzverhältnisse unserer Tage haben etwas Monströses. Jetzt muss es gehen um die Definition, was Gemeinwohl ist, und zwar regional wie international, und es muss darum gehen, wie die nötigen Mittel requiriert werden können, um dieses Gemeinwohl zu erwirtschaften. Dazu sind neue Konzepte erforderlich. Auch die bestehende Bürokratien der untergehenden Nationalstaaten werden das nicht organisieren können. Es ist eine Herkulesaufgabe. Die Alternative allerdings würde alles an Zynismus und Despotie in den Schatten stellen, was bereits in den Geschichtsbüchern steht.  

Neu: Riefenstahl und Seidenstraße

Es ist seltsam. Ausgerechnet eine Nation, deren Eigenschaften es ist , sich genau daran zu erinnern, wie sich andere gegenüber der eigenen Entität verhalten haben, geht mit einer Nonchalance durchs Weltgeschehen, als unterstellte man den anderen, sie hätten ein Gedächtnis gleich den Amöben, nämlich keines. Was, wenn es das eines Elefanten ist? Die Betrachtung der Welt nur aus den eigenen Augen, zumal in einer global vernetzten, beinhaltet ein nahezu pathologisches Ich-Gefühl. Wer meint, er könne alles erklären, er selbst sei im Besitz einer absoluten Wahrheit und zu seinem Handeln gäbe es keine Alternative, tritt das Recht der andren Akteure mit Füßen, auch wenn das im Rausch des Hochmuts und der Selbstgewissheit nicht beabsichtigt ist. Die hohe Form des Subjektivismus verkennt, dass es auch noch andere Wahrheiten gibt. Die absolute Wahrheit hat sich immer als eine Fiktion herausgestellt, mit bestürzenden Folgen. 

Neben der selbstverliebten Gewissheit der eigenen Position kommt noch eine andere Erscheinung hinzu, die allerdings weit über die eigenen Grenzen verbreitet ist. Es handelt sich um den Mangel an Solidarität. Man kann es auch anders nennen, Empathie und Hilfsbereitschaft, wenn das genehmer erscheint. Es gab Zeiten, und die sind gar nicht so lange her, da regten sich die Menschen, wenn in anderen Ländern, in anderen Erdteilen etwas geschah, das Not und Elend hervorrief, dass man überall Stimmen hörte, man müsse tatkräftig helfen, was auch meistens geschah, bei Naturkatastrophen wie bei sozialen Kämpfen. Das Wort der Solidarität war ein geflügeltes, gestützt durch Taten.

Doch die Welt des Westens, im Rausch des vermeintlichen Sieges über den Osten, zog damit ein Virus, das weit verheerender wirkt als das des augenblicklich beklagten. Es ist das Virus der Selbstsucht und der kalten Zahlen, das alles in den Hintergrund drängt. Das Virus hat alles befallen, es hat die Immunkräfte der Gesellschaften befallen, d.h. der Organisationen und Parteien, die das Gemeinwohl und die Schwachen einmal im Sinne hatten. Auch sie wurden ergriffen und setzten sich nicht mehr zur Wehr. Nach den sozialen Immunkräften kamen die gesellschaftlichen Institutionen und Verkehrsformen an die Reihe. Gesundheit, Bildung, Infrastruktur, alles wurde Opfer der größten Pandemie, die den Westen jemals befallen hatte.

Das Ergebnis steht für sich. Im Angesicht der gegenwärtigen Krise fehlt es an allem. Und denen, denen es am meisten fehlt, hilft kein Mensch und kein Staat. Die Selbstsucht hat dazu geführt, dass manche, ohne Zutun, noch privilegierter aus der Krise hervorgehen und andere endgültig auf der sozialen Deponie landen werden. 

Der Hochmut, das Argument, man habe gut gewirtschaftet, basiert auf der Sachlage, dass das gute Wirtschaften darin bestand, im Vorfeld gesellschaftliche Einrichtungen wie das Gesundheitswesen nach den Richtlinien betriebswirtschaftlicher Effizienz in den Zustand katapultiert zu haben, der die heutigen Restriktionen in dieser Dimension zu erfordern scheint. Und er basiert auf der Tatsache, dass man gute Geschäfte gemacht hat mit denen, die die verlockend dargebotenen Kredite, die zum Kauf der hiesigen Waren feilgeboten wurden, annahmen und irgendwann nicht mehr zurückzahlen konnten. Dann presste man sie zu Reformen in Gesundheit und Bildung und die übrig gebliebenen Filets des Staates mussten veräußert werden. 

Genau das, die Bilanz des eigenen Handelns, liegt jetzt auf den Tischen der europäischen Regierungen. Und selbst bei der Vorlage dieser Dokumente bleibt es bei einem Nein, wenn es um Hilfe geht. Welches Ergebnis wird das haben? Reichte es, wenn die EU-Kommissionspräsidentin im Wochentakt im Stile einer Leni Riefenstahl gigantomanische Projekte wie den New Green Deal oder den Neuen Marshall-Plan inszeniert, aber das Management der gegenseitigen, schnellen und pragmatischen Hilfe nicht gelingt?

Und, was den „Osten“ dieser Welt angeht, welche Schlüsse wird er ziehen, aufgrund der ewigen Schelte aus Selbstüberhebung und dem Scheitern in der Tat? So viel ist zu beobachten: China hilft den gebeutelten Staaten im Süden Europas und die Neue Seidenstraße mäandert weiter nach Westen.