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Schiffchen versenken!

Täglich erhärtet sich der Verdacht, dass da etwas im Gange ist, das sich nicht mit der Wirklichkeit arrangiert. Eine Gesellschaft, die gleich einer hedonistischen Vereinigung sich von einem rauschhaftem Empörungsball zum nächsten schleppt, hat darin ihr Wohlgefallen gefunden. Und, das gehört zum Wesen dieser Veranstaltung, es geht bei den ergötzlichen Events vor allem um die bösen Geister und schlimmen Charaktere, die weit entfernt ihr Unwesen treiben. Hier, im eignen Hause, im Refugium des geregelten Daseins, da ist die Welt doch in Ordnung. Zwar existieren auch hier so manche Stimmen, die dagegen sprechen, aber deren Wesen wird mit Verve entlarvt. Das sind die Verworrenen, die Unsteten, die von außen Gesteuerten.

Das Schauspiel hat etwas von der psychischen Konstellation bei der Betrachtung von Kriminalliteratur. Auch da faszinieren Charaktere, mit denen man im Gottes Willen im richtigen Leben nichts zu tun haben will. Mackie Messer, Jack the Ripper bis zu Hamann, das Böse in der Ferne erotisiert und fördert die Spannung, doch hier direkt vor der eigenen Tür, das wäre nicht zu ertragen. Deshalb schuf die mediale Welt die Bösewichter, vor denen wir uns alle fürchten sollen, und die, bei Lichte besehen, auch nichts anderes machen als die unter uns weilenden großen Unbekannten, die in ihren exklusiven Domizilen den Ökozid, den Genozid und die Versklavung ganzer Ethnien planen und durchführen. Danach lassen sie sich in sicheren Limousinen zum Frühstück in die ersten Häuser am Ort kutschieren, sie schlagen dort ihre eigenen Zeitungen auf und finden es bestätigt: das Böse haust in den Hüllen der Konkurrenz und die Behaglichkeit geht von der eigenen Welt aus. So geht Ideologie, so geht Desinformation und so geht Apokalypse.

Bevor letztere allen präsent wird, kann das Spiel weiter betrieben werden. Da werden Diskussionen geführt über die Befindlichkeit von Privilegierten, da werden die tatsächlichen Opfer der täglichen Raubzüge systematisch ausgeblendet und das Humane des eigenen Kolonialismus und Imperialismus herausgestellt. Und stimmt letzteres nicht? Hat man nicht Diktatoren vernichtet und Tyrannen verjagt? In Libyen, im Irak, in Afghanistan? Oder ist das wieder einmal gescheitert an den bösen Geistern aus dem Osten, die unsere guten Absichten immer wieder versalzen und ins Gegenteil verkehren? Warum ist die Welt denn nicht so, wie wir es uns wünschen? 

So langsam beginnt es in den Köpfen zu spuken. Immer mehr Menschen durchschauen das Spiel. Die eigenen Raubzüge als Akte der Humanität zu verkleiden während die Taten anderer, die bei Licht besehen oft gar nicht so unsinnig und so manches mal zum Vorteil vieler sind, als Ausbund der tückischen Verdammnis zu geißeln. Und obwohl das Spiel immer offensichtlicher wird und immer mehr Menschen sich angewidert abwenden, wird der Einsatz erhöht und das Tempo beschleunigt. Und die Darstellung funktioniert, wenn auch zunehmend nur noch für die direkt am Spiel Beteiligten. In der Blase des Kolonialismus lebt sich gut, bis sie platzt.

So irrsinnig es klingt, das sich hinter der Hektik der Empörungsorgien entfaltende Spiel weist einen hohen Grad an Selbstzerstörung auf, der erst in seinem vollen Ausmaß bewusst wird, wenn es für alle zu spät ist. Man spielt Schiffchen versenken und merkt erst zum Schluss, dass es die eigenen waren, die da in den Untiefen des globalen Daseins verschwunden sind. 

Das Berliner Geschehen

Manchmal führt das viele Spekulieren auch zum Irrsinn. Angesichts der Berichterstattung um die Verhandlungen zur Regierungsbildung dominiert zunehmend diese Befürchtung. Die Auguren des Berliner Geschehens sind dazu verdammt, so meinen sie zumindest, vor den Gebäuden herumzulungern, in denen sich die Protagonisten treffen. Dabei achten sie auf jedes Detail. Wer kommt aus welcher Richtung? Wer ist wie angezogen? Was sich zumeist auf Anna-Lena Baerbock beschränkt, da die Herren eher uniform daherkommen. Bleiben die Verhandelnden bei der selbst auferlegten Versicherung, nichts durchzustechen, um Vertrauen aufzubauen? Wer benutzt welche Formulierung? 

Wenn man sich vorstellt, dass die Redakteure Stunden um Stunden dort stehen und sich mit einem solchen Unsinn befassen, muss man ihnen attestieren, dass sie für eine solche Situation noch sehr vernunftbegabt berichten. Unkonditionierte Wesen würden sicherlich irgendwann die Mikrophone in den Gully werfen oder die Kameras in Brand stecken. Denn, zumindest das sollte allen klar sein, wir sind hier nicht beim Lever eines Sonnenkönigs, bei dem dieser beim Ankleiden gnädigst Bittsteller empfing, sondern wir reden hier von Parlamentariern, die der Theorie nach einen Wählerauftrag haben.

Die Lage, in der sich dieses Land befindet, kann, ohne sich vom Zelebrieren der Nichtigkeiten ablenken zu lassen, relativ gut und emotionslos beschrieben werden. Da sind die Grundlagen des wirtschaftlichen Erfolgs, moderne Produktionsmethoden und qualifiziertes Personal, im globalen Maßstab ins Hintertreffen geraten. Da sind die Kommunikationsprozeduren zu verschachtelt und die Mittel dazu nicht auf dem technisch besten Stand. Da ist das Gemeinschaftsgefühl durch die Privatisierung essenzieller Bereiche auf ein Minimum reduziert und da sind die Plattformen für kollektive Identifikation durch individualistische Absurditäten bis auf die Grundmauern geschreddert. Da ist eine Welt, in der sich die Machtverhältnisse grundlegend verändern und ein Sicherheitskonzept, das aus einer völlig anderen Zeit stammt, dem man sich aber verpflichtet fühlt. Und da ist eine Erosion des Vertrauens, das durch das Kapern vieler Institutionen durch Karrieristen ohne Richtung und Haltung entstanden ist. 

In diesem Lichte wäre ein Fragenkatalog zu erstellen, der die sich als Protagonisten aufführenden Akteure in Argumentationszwang bringen könnte und darauf hinwiese, wohin die Reise zu gehen hat. Es ist davon auszugehen, dass die Befragung der Akteure aus dem geschilderten Blickwinkel zu einem ziemlichen Debakel führen würde. Sie bestehen nur auf der von ihnen vorgeschlagenen und für sie erstellten Bühne. Substanz ist da eher eine Seltenheit. 

Die Klage ist eine durch und durch deutsche Tugend. Die Beschreibung des Zustandes wäre ein weiterer Beitrag zu dieser These. Vielleicht hülfe es, den ganzen Irrsinn der Situation zunächst einmal als dadaistisches Happening zu verstehen und sich mittels einer kollektiv verstandenen Satire darauf einzulassen. Das entlastet für den Moment und bewahrt vor dem Schicksal der ewigen, weinerlichen Klage. Also nur zu, machen wir mit im Spiel der Groteske und verhalten uns wie die selbst ernannten Protagonisten, auf der Straße, im Verkehr, im Restaurant und bei der Arbeit. Zählen wir die Tage, wie lange es dauert, bis das gewohnte Leben zum Erliegen kommt und deutlich wird, dass abstrakte Formulierungen auf der Metaebene nichts bewirken und dass die Anmaßung keine Vorstufe der Kompetenz darstellt. Legen wir den ganzen Zirkus lahm, beschränken wir uns auf eine aktionsvermeidende Rhetorik und faseln von langen, aber intensiven Gesprächen, bei denen wir es uns wahrlich nicht leicht gemacht haben und dass es zum jetzigen Zeitpunkt zu früh sei, um sich zu äußern, weil das den Prozess der Vertrauensbildung gefährden würde. 

In der Theorie der Avantgarde ist der Schock ein wesentliches Element der Erkenntnisbildung. Ein gesellschaftlicher Schock entstünde, wenn wir uns alle so verhielten, wie die beschriebenen Politiker. Eine wunderbare Stille machte sich breit. Und dann, ja dann könnte es auch dämmern. 

Im Beinhaus der Merkeliana

Zur Geschichte von Demokratien gehört auch immer eine Dramaturgie des Wechsels. Immer, wenn die Partei einer bestimmten gesellschaftlichen Gruppe, die sehr lange regiert hat, beim Rest für genügend Überdruss gesorgt hat, kommt eine andere politische Kraft zur Geltung, die nicht nur den Regierungsanspruch reklamiert, sondern auch bei Wahlen den Auftrag für einen Wechsel erhält. Dann, so lässt sich nachlesen, sorgt das zumindest für einen Teil der Bevölkerung zu einem großen Glücksgefühl, dass sich noch in der Nacht auf den Straßen Ausdruck verschafft. Da wird demonstriert und gefeiert, da steht Hoffnung am Himmel und es darf geträumt werden. Dass danach der Alltag zurück ist, steht auf einem anderen Blatt.

Dass die Wahlen am 26. September eine Ära beendet haben, steht außer Zweifel. Allein dadurch, dass Angela Merkel nicht mehr kandidierte, war diese Gewissheit fix. Dass die Partei, der sie angehört, keinen Auftrag mehr erhielt, war folgerichtig, denn sie hatte sich mit der Protagonistin und deren eigener Personalpolitik verschlissen. Gewonnen hatten in erster Linie der Koalitionspartner und die Grünen. Und dennoch: von einer Aufbruchstimmung war nichts zu spüren. In den Parteizentralen wurde gefeiert, auf den Straßen nicht. Der Beginn einer neuen Ära sieht anders aus.

Ein Land, dass unzählige Krisen hinter sich hat, Weltfinanzkrise, Ukrainekrise, Eurokrise, Bankenkrise, Migrationskrise, Covidkrise, Afghanistankrise, und dabei immer, überall und in jedem Fall laut Aussage der politischen Administration auf Sicht gefahren ist, hat die Fähigkeit zu einer in einem größeren Zeitrahmen veranschlagten Strategie verloren. Die Orientierungslosigkeit hat sich wie ein alles durchdringender Nebel über das Land gelegt und zuverlässig jede Initiative zu etwas Neuem im Keim erstickt. Ein Land, dem es gut zu Gesicht stünde, an Lösungen zu arbeiten, hat sich spezialisiert auf die Diagnostik von Problemen. Es handelt sich dabei nicht um ein Phänomen, das bei einzelnen Parteien zu verorten ist, sondern um eine allumfassende kulturelle Erscheinung. Das Fahren auf Sicht hat nicht nur blind gemacht, sondern die Angst davor, einen Fehler zu machen, zu einer Massenpsychose geführt. 

Orchestriert wird diese Entwicklung von der zunächst schleichenden und dann rasend vonstatten gehenden Paralyse der Organe, die als gesellschaftliches Immunsystem gegen zunehmend totalitäre Formen der Regierungsführung bezeichnet werden können: der Gewerkschaften und der freien Presse. Beide sind in der Ära Merkel befriedet worden, beide spielen keine Rolle mehr als Regierungsregulativ, beide haben sich verwandelt in Sprachorgane der Regierung, statt sie zu kontrollieren. Wer welchen Anteil daran hatte, ist relativ schnell zu diagnostizieren. Die Gewerkschaften wurden substanzlos, als sie sich auf das Handeln einer Regierungspartei verließen und sich selbst als handelndes Subjekt aus dem Spiel nahmen. Die freie Presse wurde das Opfer der Monopolisierung, während die öffentlich-rechtlichen Anstalten durch Think Tanks unterwandert wurden, während die Aufsichtsgremien ihren Auftrag vergaßen.

Es hilft nichts. Es ist, wie es ist. Das Vermächtnis der hinter uns liegenden Periode, die nicht zuletzt durch das Diktum einer großen Koalition geprägt wurde, ist eine große Leere, in der die Schlafwandler noch am besten fahren. Es mangelt an Strategien, es mangelt an Mut und es mangelt an Akteuren, die gewillt und in der Lage sind, den schweren Gang der Veränderung zu gehen. Von Aufbruch kleine Spur. Wir stehen im Beinhaus der Merkeliana.