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Fabelhafte Perspektiven?

Endlich stehen wieder deutsche Soldaten direkt an der russischen wie an der weißrussischen Grenze. Wer hätte vor zwanzig Jahren noch von so etwas zu träumen gewagt? Nicht einmal die Kyffhäuser Mumien und auch nicht die vermoderten Reste des Deutschherrenordens. Dass die Bundeswehr nicht in der Lage ist, das eigene Land auch nur für einige Tage vor einer fremden Aggression zu verteidigen, spielt bei Großmachtträumen, die von tiefem Revanchismus genährt werden, keine Rolle. Dabei sein ist alles.

Bei den Präsidentschaftswahlen in der Slowakei, die frei, geheim und gleich waren und bei denen ein Sozialdemokrat gewählt wurde, fanden die deutschen Militaristen dennoch etwas auszusetzen. Da er unter anderem für die Aussage gewählt wurde, dass er gegen eine weitere Lieferungen von Waffen an die Ukraine, dafür aber für die Aufnahme von Friedensverhandlungen sei, wurde gefordert, kurzerhand sowohl die Slowakei als auch Ungarn aus der EU zu werfen. Die Schreihälse, deren Stunde bereits schlägt, können einen solchen Unsinn nur absondern, weil ihre Verwahrlosung von „ganz oben“ gedeckt wird. Das ist, mit Verlaub gesagt, schon sehr historisch. Solche Figuren wie ein solches Hierarchieverständnis kannten viele nur aus Filmen über das Dritte Reich. Es wird allerdings gemunkelt, dass diese Brüder und Schwestern demnächst eingesammelt und direkt an die Front gebracht werden, damit sie beim Sturm auf Moskau dabei sind.

Apropos EU. Die Staatsanwaltschaft derselben ermittelt gegenwärtig gegen die derzeitige Präsidentin der EU-Kommission wegen Korruption und Vetternwirtschaft. Die Staatsmedien haben davon genauso wenig berichtet wie die Pressemonopole in privater Hand. Wären da nicht doch einige unabhängige, durchweg wegen dieser Qualität schlecht beleumundete Blätter, dann hätte das deutsche Publikum davon gar nichts mitbekommen. Warum denn auch? Gerade noch hat der sich bereits als Kanzlerkandidat fühlende Chef der CDU der Dame versichert, sie stünde als Kandidatin des Konservativen Blocks nach der EU-Wahl, bei der sie nicht einmal selbst kandidiert, ganz oben auf dem Zettel für die erneute EU-Kommissionspräsidentschaft. So geht Demokratie. Man hieve seine Cronies in die Ämter und alles läuft wie geschmiert.

Was die Öffentlichkeit allerdings auf breiter Front erfährt, ist die Tatsache, dass das Eintreten für eine Beendigung der Kampfhandlungen und die Aufnahme von Friedensverhandlungen einen automatisch zur Partei Russlands macht. Interessant. Friedrich Nietzsche schrieb zu seiner Zeit, dass, wenn es noch einhundert Jahre Zeitungen gebe, jedes Wort zu stinken anfange. Ich frage mich, warum mir dieses Zitat, das ich immer nur für ein altes, kurioses Bonmot gehalten hatte, permanent einfällt, wenn ich mir die monopolisierten Nachrichtenjournale ansehe? Es scheint, als hätte ein ganzes Land den Geruchssinn eingebüßt.

Jeden Tag dasselbe. Hört man auf die Lautsprecher, die überall hängen, dann ist alles in Butter. Und auch da fällt mir eine Collage ein. Von John Heartfield. Auf der war eine arme Proletarierfamilie zu sehen, die ausgehungert mit den weinenden Kindern an Kanonen lutschte.

Das Werk nahm Bezug auf den Slogan „Kanonen statt Butter“. (Wir werden zur Not auch einmal ohne Butter fertig werden, niemals aber ohne Kanonen.) Joseph Goebbels, 1936. Göring griff später das Gedankenspiel auf.

Heartfield untertitelte sein Bild mit „Hurrah, die Butter ist alle“. Sieht man sich die Entwicklung an, dann ist selbst das bald wieder aktuell. Fabelhafte Perspektiven? Und auch da hilft nur eine Bezugnahme auf Historisches: Die Regierung sagt Ja, mein Herz sagt Nein!

Der Krieg und die unmittelbare Erfahrung

Eins ist mit und seit der Digitalisierung gelungen. Die weitgehende Zurückdrängung unmittelbarer Erfahrung. Die Schulen geben das beste Beispiel. Schülerinnen und Schüler sammeln ihre Erkenntnisse über die digitalen Medien. Das beginnt bei ganz basalen Geschichten. Da fällt kaum noch jemand hin und hat Schmerzen, da wird mit dem eigenen Körper nichts mehr ausprobiert, da klettert niemand mehr auf den Baum. Wir kennen das. Und das, was sich nachweislich als ein großes Handicap bei der sozialen wie biologischen Sozialisation herausgestellt hat, erfasste die ganze Gesellschaft. Immer mehr expandieren die Möglichkeiten, die die digitalisierte Welt bietet. Und immer mehr Aufgaben, die die menschliche Existenz braucht, um überleben zu können, werden heute anders gemanagt. Das geht bis zum täglichen Einkauf. Man muss nicht mehr ins Geschäft gehen, trifft niemanden auf dem Weg dorthin, muss sich nicht bei der Auswahl von Waren beraten lassen, steht nicht an der Kasse, beobachtet keine anderen Menschen mehr, sieht nicht, was sie kaufen, hört nicht, wie sie kommunizieren und macht sich kein unmittelbares Bild von den Verhältnissen im eigenen Quartier. Einfach online bestellen und ein schlecht bezahlter armer Teufel liefert alles direkt an der Haustür ab. Und auch mit dem findet kein Gespräch mehr statt. Es scheitert zumeist schon an der Sprachkompetenz.

Damit kein falscher Eindruck entsteht: es ist so, wie es ist. Aber es erklärt, dass immer mehr Menschen im wahren Sinne der Formulierung kein Gefühl mehr für die sozialen Umstände haben, in denen andere leben. Unser Leben ist in hohem Maße abstrahiert und synthetisiert. Die Schmerzen, die man als Jugendlicher nach einer Schlägerei auf der Straße verspürte, sind für viele nicht mehr existent. Die, die diese unmittelbare Erfahrung noch machen dürfen, gelten als Prekariat oder als die „Bedauernswerten“. Und da die unmittelbare, direkte Erfahrung nicht mehr stattfindet, wundert es nicht, wie viele Meldungen über Kriege und Kriegsverbrechen bei vielen abperlen, als seien sie dagegen imprägniert. Schlimmer noch, eine wachsende Anzahl so genannter Strategen, die sich in das Gewand des Moralismus gehüllt haben, schwadronieren auf dem Feld der Rechthaberei daher, ohne auch nur eine Sekunde über die Kalamitäten nachzudenken, die ihre Positionen verursachen. Den Rest, oder das unbeteiligte Publikum, schweigt dazu und hat allenfalls noch so ein dumpfes Gefühl, dass da etwas ganz fürchterlich in die falsche Richtung läuft.

Dagegen zu protestieren, lohnt sich aus der Perspektive vieler nicht, weil man sich den Schmerz nicht mehr vorstellen kann und weil man nicht riskieren will, ausgegrenzt und beschimpft zu werden. In einer solchen Gemengelage mutet es an wie eine Binsenweisheit, dass sich diese emotionale Distanz gegenüber dem mörderischen Treiben aufgrund von Machtansprüchen erst dann justiert, wenn im direkten Umfeld das Blut spritzt und die Schreie menschlichen Leids ohne technische Verstärkung in die Ohren dringt. Zumindest das sollten sich diejenigen, die heute noch unbeteiligt mit den Achseln zucken, durch den Kopf gehen lassen, ehe sie die nächste Online-Bestellung aufgeben.

Und die militanten Zuckerschnuten, die medial gehypten Priester der Gewalt, die wahrscheinlich nach einer ganz profanen Maulschelle schon in lautes Klagen ausbrächen, sollten eingesammelt und als soldatisches Futter an die jeweilige Front gebracht werden, die sie als alternativlose Angelegenheit anpreisen. Noch besser formulierte es kürzlich ein russischer General. Er bat, ihm die Kinder der Eliten auf beiden Seiten der Front zum Kampf frei zu geben, und er prognostizierte das Ende des Krieges in wenigen Tagen. Soviel zur unmittelbaren Erfahrung.

Aus den Werkstätten der Propaganda

Noch gestern gab eine Vize-Präsidentin des deutschen Bundestages zum besten, es sei für die Demokratie gefährlich, Licht in das Dunkel der Verfügungen und Beschlüsse während der Corona-Episode einzufordern. Damit hat sie sich und ihr Verständnis von Demokratie – einmal wieder – geoutet. Demnach ist so genannte Souverän ein unmündiges Etwas und die Gewählten kuratieren nach Belieben die dümmliche Masse. Und heute morgen wurde ein weder beim Namen genannter noch in seiner Funktion ausgewiesener Experte bei den Nachrichten des SWR eingespielt, der seiner Überzeugung Ausdruck gab, Russland sei militärisch durchaus bezwingbar. Das Land selber spiele mit einem Mythos, um uns einzuschüchtern. Und jeder, der darüber nachdenke, sei bereits ein Opfer der Propaganda.

Die Reihe derartiger Beispiele kann täglich komplettiert werden und findet derzeit kein Ende. Der Totalitarismus hat die Vorherrschaft erlangt. Und es sind, wie immer in totalitären Zeiten, nicht unbedingt Intelligenzbestien, die uns ein falsches Bild der Welt vorspiegeln. Nein, es handelt sich eher um bescheiden flackernde Lichter, die sich für das sprichwörtliche Linsengericht instrumentalisieren lassen und alles daher plappern, was die Angreifer auf Demokratie, Rechtsstatt und Frieden ihnen ins Regiebuch schreiben. Und sie sitzen überall. In den Redaktionsbüros der großen Tageszeitungen, in den Nachrichtenportalen, in den Ministerien und Schulen wie Universitäten. Der intellektuelle Mob hat die Herrschaft – scheinbar – übernommen und treibt es von Tag zu Tag schlimmer. Ein Ende ist nicht in Sicht, es sei denn, der Aufstand gewinnt an Fahrt.

Was zunächst befremdet, ist die Tatsache, dass viele Menschen, die genug berufliche Erfahrung aufweisen, die ihr bisheriges Leben durchaus reflektiert haben und die selbst in der Lage sind, ab und zu einen Blick auf den Globus zu werfen, vor dieser Suada der dümmlichen Demagogie auf die Knie zu gehen scheinen. Womit das erklärt werden kann, wird vor allem späteren Generationen vorbehalten bleiben. Was meines Erachtens jedoch in die Augen sticht, ist die Erkenntnis, dass eine allzu lange Passivität auf dem Feld des aktiven Widerstands den Faktor Angst vehement vergrößert, sodass er selbst die kognitiven Fähigkeiten überblendet. Anstatt den Mund aufzumachen, anstatt auf den Tisch zu schlagen, was sie noch vielleicht vor einem Jahrzehnt gemacht hätten, wenn sie mit einem derartigen intellektuellen, ideologischen Müll konfrontiert worden wären, reden sie sich heute die Lüge schön, kaprizieren sich auf so genannte Nebenkriegsschauplätze und blenden die großen Gefahren und Generalattacken auf die eigene Existenz aus. Das hilft den Aggressoren und sonst niemandem.

Nur wenige bleiben unbeirrt. Nicht, dass sie die sprichwörtliche Weisheit mit Schaumlöffeln gefressen hätten. Aber sie haben das, was sie vor allem bei der Beurteilung politischer Prozesse gelernt haben, nämlich was Ursache und Wirkung ist oder wem welche Entwicklung Nutzen bringt, weder verdrängt noch verlernt. Und sie sind es, die momentan täglich erleben müssen, dass ein Konsortium von Scharlatanen, Demagogen und charakterlich mehr als fragwürdigen Gestalten den Raum des gesellschaftlichen Diskurses dominieren. Beziehungsweise, den Raum, in dem einmal ein gesellschaftlicher Diskurs stattgefunden hat. Er ist mutiert zu Werkstätten der Propaganda, in denen Charaktermasken auftreten, in denen Tautologien und plumpe Lügen erdacht und Scheinmanöver einstudiert werden.

Mit der gesellschaftlichen Realität hat das nichts mehr zu tun. Und verwirrt, erzürnt und gleichzeitig erleuchtet werden alle sein, die jetzt wie die Kaninchen vor der Schlange verharren, wenn der Schein einmal verflogen ist. Denn, auch da hatte der kluge Bertolt Brecht Recht:

„Die Wahrheit ist das Kind der Zeit, nicht der Autorität.“