Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

„Dann wird die ganze Republik verhökert“

Die Geschichte, als Regisseurin des Weltgeschehens, ist nicht nur geübt in der Inszenierung großer Tragödien. Sie spielt auf verschiedenen dramaturgischen Klaviaturen, und das zuweilen so brillant, dass die betroffenen Zeitgenossen vor Faszination die Sprache verlieren. Staunend stehen sie da, die Menschen, sie bilden das Publikum, dem es erlaubt ist, sich selbst in dem Stück zu sehen, das dort aufgeführt wird. Und in dem Moment, in dem die Akteure die Bühne betreten, ist es so gebannt, dass es keinen Einfluss auf das Geschehen hat, obwohl es sich selbst agieren sieht. Mit dieser Absurdität spielt die Regisseurin namens Geschichte ihr zuweilen frivoles Spiel. Gestern war so ein Tag. Er wäre geeignet gewesen für das große Drama, aber es wurde eine Groteske.

Gemeint ist der noch kalkulierte Rücktritt der Kanzlerin, die als geschickte Brettspielerin der Macht doch noch in der Lage war, das Heft des Handelns selbst in der Hand zu halten. Sehr spät, aber noch früh genug, um nicht erlegt zu werden von dem Heer der Epigonen, die sich das Wolfspelzchen bereits übergestülpt hatten und anfingen, das Rudel zu mobilisieren. Merkel war schneller. Was sie hinterlässt, ist eine einigermaßen realistisch als Wüste zu beschreibende Personalsituation innerhalb der Partei. Oder eben auch nicht. Auch sie war nicht das geborene Charisma. Der Michel hat sich auf das glanzlose Geschäft verständigt, zumindest im Augenblick. Vielleicht schillert schon bald wieder der Hunger nach dem eloquenten Despoten durch. Wer weiß?

Aber eine Figur, um zu dem zurückzukommen, was aus dem großen Drama eine Groteske machte, eine Figur löste unter denen, die schon andere Zeiten erlebt hatten, ein doch erstauntes Raunen aus. Da wurde der Name eines Mannes genannt, der es aus dem sauerländischen Brilon, wo er vom fahrenden Moped aus schon mal Steine in das Geschäft des Apothekers geworfen hatte, weil der für die Aussöhnung mit dem Osten war.  Und dann hatte er es, mit der Aura des jungen Kalten Kriegers, bis in die Führungsspitze seiner Partei gebracht. Bis eine Angela Merkel aus dem deutschen Osten daherkam, um ihn zu entmachten.

Dann ging er nach New York, genauer gesagt an die Wall Street, um dort als Jurist für ein Konsortium mit dem mystischen Namen Schwarzer Stein alles zu verhökern, was sich verhökern ließ. Die einstige Rotznase aus dem Sauerland verdiente Unsummen, und das schien ihn zu versöhnen mit seinem politischen Aus. Ganz lassen konnte er es jedoch nie, er wurde Chef der Atlantikbrücke, jener Organisation, die seit Jahren zu einer heißen Konfrontation mit Russland bläst und die so viel Neoliberalismus in sich trägt, dass es selbst Wirtschaftsliberale schüttelt, wenn sie davon hören. 

Es kann natürlich sein, wie bei jedem guten Pokerspiel, dass eine Karte gezeigt wird, um die Mitspieler zu irritieren. Es kann aber auch sein, dass die gezogene Karte ernst gemeint ist. Sie ins Spiel zu bringen ist die offene Kriegserklärung gegen diese Republik, wie sie sich in den letzten vierzig Jahren entwickelt hat. Dann käme ein Vollstrecker, wie wir ihn noch nicht erlebt haben. 

Wie sehr schätze ich doch meinen Zeitungshändler hier im Viertel, der mich angesichts der möglichen Kandidatur der genannten Figur regelrecht an seiner Tür überfiel und in dem ihm eigenen Alltagsscharfsinn tönte: „Wenn der kommt, dann wird die ganze Republik hier an der Wall Street verhökert!“ 

Die Saat geht auf

Die Saat geht auf. Das, was im letzten Vierteljahrhundert der Welt als Design angelegt wurde, fruchtet zumindest in den Ursprungsländern. Der trotz der fatalen Entwicklung immer noch von vielen Politikern gelobte Washington Consensus, eigentlich die Neuaufteilung der Welt nach dem Niedergang der Sowjetunion, ist die Schaffung einer neuen Ordnung nach neoliberalem Design. Mehr Freiheiten für das frei fliegende Kapital, weniger Staat, weniger staatliche Verantwortung, Privatisierung wo eben möglich und möglichst wenig gemeinschaftliche Organisation. Gleich dem großen Fressen wurde alles verschlungen, was sich nicht wehren konnte. Am Schluss steht eine Weltordnung, die den Namen nicht mehr verdient. Die westlichen Demokratien wurden von innen heraus, mittels der eigenen Begehrlichkeiten, destabilisiert. Heute und in naher Zukunft werden die Staaten überleben, die sich nicht auf den Washington Consensus eingelassen haben. 

Was sich niemand im Schicksalsjahr 1990 hätte vorstellen können und wollen, heute ist, zumindest in der westlichen Hemisphäre, nicht nach den reichsten Staaten dieser Erde zu suchen, sondern es sind einzelne Individuen, die reicher sind als reiche Staaten. Wir stehen am Ende der Privatisierung der Welt. Dass das so ist, haben wir zugelassen, indem wir Regierungen das Vertrauen ausgesprochen haben, die den dreckigen Job der systematischen Vernichtung der Gemeinschaft mit besorgt haben.

Gestern, bei einem Vortrag, wies ein Frankfurter Politologe darauf hin, dass er in seinen Seminaren in den 1990er Jahren an Indikatoren für die Kennzeichnung von Ländern der damals so genannten Dritten Welt gearbeitet habe. Zu diesen Indikatoren hätten gehört eine gravierende Spaltung der Gesellschaft in viele Arme und wenige Reiche, die Abschottung der Eliten, eine lausige Steuermoral der Eliten, ein schlechtes Bildungssystem, Mängel in der gesundheitlichen Versorgung, Wohnungsnot etc.. Man braucht gar nicht erst darauf hinzuweisen: Die Dritte-Welt-Indikatoren beschreiben mittlerweile sehr gut die faktische Situation im Land der Export-Vize-Weltmeister. Washington Consensus – Mission accomplished! 

Die Privatisierung des Westens zugunsten einer Gruppe von Individuen hat deren Gemeinwesen drastisch geschwächt und gleichzeitig das Erscheinungsbild zumindest illiberaler Demokratien und autoritär organisierter Regimes verbessert. Wundert es da, wenn sich die Kritiker der Entwicklung daran zunehmend orientieren? Und es wird so bleiben! Warum? Weil die Saat, die der Neoliberalismus in gleichmäßigen, sich immer wiederholenden Bewegungen nach überallhin verteilt hat. Bis in die letzten Hirnwinkel auch verwirrter Geister ist die hyperventilierte Vision gedrungen, ein jeder könne walten wie der liebe Gott der Überlieferung. Es sei legitim über Leben und Tod zu entscheiden und es sei normal, dass er sein Schicksal selber in die Hand nimmt, und wahllos Menschen liquidiert, die in der eigenen individuellen Konzeption des Lebens stören. 

Ob die Erosion des alten Westens, oder zumindest dessen, was sich angesichts der gegenwärtigen Situation im Gedächtnis festgesetzt hat, die Konkordanz individueller Freiheiten und dem Rechtszustand, in dem ein kollektiver Wille der Gemeinschaft definiert ist, ob diese Erosion noch aufzuhalten ist, steht in den leuchtenden Sternen. Sicher ist nur, dass jedes Festhalten an der neoliberalen Doktrin den Prozess der Auflösung noch beschleunigen wird. Wer sich damit noch brüstet, und davon gibt es hierzulande nicht wenige, garantiert damit den Aufstieg eines neuen, autoritären Kurses. Noch ist es möglich, sich gegen diesen Trend, der im Abendland vorherrscht, zu stemmen. Dieser Trend ist die Frucht der Politik des letzten Vierteljahrhunderts, und wer das Abendland noch retten will, der muss gegen diesen Trend aufbegehren.