Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Vom Prothesengott zum Prothesenspott?

Unter Anthropologen ist es mittlerweile unstrittig, dass der Homo Sapiens des Neolithikums in seinen Fähigkeiten und Fertigkeiten dem Menschen der Moderne weit überlegen war. Die Notwendigkeit, ohne nennenswerte Instrumente in einer nicht kultivierten Umwelt überleben zu müssen, war eine große Herausforderung. Das, was unter dem Begriff des Sammlers und Jägers in die Epochenbezeichnung aufgenommen wurde, kennzeichnete das Wissen um das, was essbar und wo es zu finden war, und was wie erlegt werden musste. Dazu kam eine Menge gelerntes körperliches Geschick, Ausdauer und die Fähigkeit, sich ohne Hilfsmittel im eigenen Revier zu orientieren. Dazu dienten die Sterne wie die lokale Topographie und Gerüche. Fachleute könnten das alles noch spezifizieren, doch eines sollte bereits deutlich geworden sein: verglichen mit den Fähigkeiten und Fertigkeiten dieser antiken Ausgabe des Menschen sind wir bemitleidenswert schlecht ausgestattet. 

Wenn es einzelne Ausgaben der Gattung gibt, die den beschrieben Vorfahren überlegen sind, dann hat das etwas mit der Fähigkeit der Spezialisierung zu tun. Bestimmte, intensiv antrainierte Fähigkeiten wie zum Beispiel im Sport, die zu absoluten Höchstleistungen verhelfen, widerlegen die These nicht, dass die allgemeine Befähigung abgenommen hat, mit Ausnahme des Geistes. Und das scheint der magische Zusammenhang der Entwicklungsgeschichte zu sein. Je mehr der Denkapparat an Befähigung dazugetan, desto geringer wurde die physische und auch die spirituelle Befähigung. Je größer die Sozialisationsanteile durch die Übermittlung kollektiven Wissens, desto geringer der Anteil unmittelbarer Erfahrung.

Die Ursache scheint in dem Umstand zu liegen, dass die erdachten Werkzeuge und Instrumente der direkten menschlichen Ausführung weit überlegen sind, ihre Benutzung jedoch dazu führt, dass die ureigenen menschlichen Fertigkeiten nicht mehr benötigt werden und absterben. Man denke nur an Formulierungen, die als bloße Metapher in unserem Wortschatz verblieben sind, die jedoch als einstige reale Möglichkeiten des Menschen existierten. Oder riecht heute tatsächlich noch irgendwer Gefahr?

Je komplexer in ihrer Funktionsweise und je leistungsstärker die Werkzeuge und Instrumente wurden, desto mächtiger fühlte sich der Mensch, die Formulierung Sigmund Freuds, der in diesem Zusammenhang von einem Prothesengott sprach, bringt es auf den Punkt. Es handelt sich um die Arroganz des Geistes gegenüber dem eignen Körper. Wohin diese Entwicklung geführt hat, lässt sich beobachten. Neben der sich vermehrenden Unfähigkeit von Kindern, die von Pädagogen wie Medizinern als dramatisch bezeichnet wird im Hinblick auf Mobilität, Ausdauer, Geschick und Orientierung machen sich als dessen Ausdruck so genannte Zivilisationskrankheiten breit, die, sollte kein Umdenken stattfinden, in der Lage sind, die Dimension von Epidemien anzunehmen. Es führt übrigens dazu, dass ganz findige Finanzspekulatoren heute in Insulin produzierende Unternehmen investieren. 

Auf der anderen Seite beschert das digitale Zeitalter, in dem der Schlüssel zu jeder Lebenslage in Algorithmen zu liegen scheint, die Befähigung vom Sofa, das versaut ist mit süßen Teilchen und Erdnüssen, ganze Fabriken am Laufen zu halten oder, noch schlimmer, ganze Armeen in Bewegung zu setzen. Der Preis ist nicht nur die Entwicklung eines Großteils der Menschen vom Subjekt zum Objekt, sondern auch seine weitere physische und spirituelle Verkümmerung. Böse formuliert, befinden wir uns mittlerweile auf der Leiste vom Prothesengott zum Prothesenspott. 

Alle Versuche, auf diesen kritischen Konnex hinzuweisen, werden abgetan oder regelrecht verfolgt. Wie immer, bei jeder technologischen Entwicklungsstufe, geht es um die Verfügungsgewalt und den Nutzen. Diese Technologie in den falschen Händen, und der Weg vom Homo Sapiens zur Amöbe ist nicht mehr weit.

In Zeiten des Zorns

Nehmen wir einmal an, wir hätten es mit Mandatsträgern zu tun, die außerhalb eines Korsetts wie auch immer gearteter Zwänge die Freiheit besäßen, über die jetzige Lage in Europa und der Welt nachzudenken. Allein schon die Beschreibung müsste eine andere sein als diejenige, die im Vorfeld der Europawahlen kommuniziert wird: Angefangen in Deutschland, im eigenen Land, da treffen wir eine Situation an, die gekennzeichnet ist durch eine noch nie da gewesene Kluft zwischen Arm und Reich, durch eine Atmosphäre der Unsicherheit und Zukunftsangst. Die ökonomischen Statistiken weisen immer noch einen Handelsbilanzüberschuss aus, die Exportquoten sind sensationell, aber irgendwie kommt das in der Gesellschaft nicht an. Es gäbe eine gänzlich andere Regierung, wären die Alternativen real, aber vieles ist in Bewegung.

Deutschland ist in Europa wegen seiner Wirtschaftspolitik isoliert. Das Schema Aufnahme wirtschaftlich schwächerer Länder zwecks Marktschaffung, Überschwemmung dieser mit Krediten, Eintausch der Kredite gegen Warenerwerb vornehmlich aus Deutschland, Rückzahlungsunfähigkeit der Schuldner bei Sanierung derselben durch Privatisierung staatlichen Vermögens hat tiefe Narben hinterlassen. Hinzugekommen ist die Migrationspolitik, die in anderen europäischen Ländern Panik ausgelöst hat. Mehrere Risse gehen durch Europa, einer trennt zunehmend den Osten ab, beim Süden ist das bereits geschehen, mit dem Brexit folgt der äußere Westen. Die plötzlich wiederentdeckte Allianz mit Frankreich war bereits bei der jüngsten Zeichnung des Aachener Vertrages brüchig.

Die Sicherung durch die Vereinigten Staaten ist dahin, der Sturz derselben nach der Weltfinanzkrise 2008 hat die Weltsupermacht Nummer Eins nicht nur wirtschaftlich geschwächt, sondern ihr auch den ideologischen Esprit genommen. Sie treibt jetzt wie ein klassischer Imperator Deutschland und Europa vor sich her und rasselt mit dem Säbel.

Kennst du deine Feine, kennst du dich selbst, hundert Schlachten ohne Schlappe. Gemäß dieser alten Militärweisheit wäre es geraten, die durchaus vorhandenen wirtschaftlichen Stärken in der Ausgestaltung neuer außenpolitischer Konstrukte mit in die Waagschale zu werfen. Es würde allerdings, angesichts der geopolitisch sich zuspitzenden Lage, erforderlich sein, nationale, strikt auf Verteidigung ausgerichtete Streitkräfte aufzubauen, die diesen Namen verdienten. Zudem funktionierte das alles nur, wenn der aufgekündigte Konsens dessen, was einmal unter sozialer Marktwirtschaft bedingt funktionierte, wieder zu reanimieren, um die gesellschaftliche Kohäsion herzustellen, die erforderlich ist, um strategische Herausforderungen in Angriff zu nehmen.

Die obige Annahme entpuppt sich jedoch als Illusion, weil niemand willens und fähig ist, dieses Räsonnement anzustellen. Der große, abstrakte Diskurs über die Notwendigkeit der allumfassenden Digitalisierung hat anscheinend dem politischen Personal derart das Hirn frittiert, sodass niemand mehr in der Lage ist, eine realistische Situationsanalyse für eine klassische Mittelmacht anzustellen. Aus einem einstigen strategischen Vorteil, dem militärischen Schutz durch die USA ohne Rechnung, ist der gravierendste Nachteil überhaupt geworden.

Das Positive an der europäischen Situation ist ein gemeinsames Grundempfinden der Menschen in den Zentren wie an den Rändern. Die Enttäuschung, den der Appell an Frieden und Völkerverständigung ausgelöst hat, indem er verunstaltet wurde durch imperiale Gier und die systematische Verarmung und Entrechtung derer, die gezwungen sind, ihre Arbeitskraft zu verkaufen, ist riesengroß. Die Zorndepots in Europa sind prall gefüllt und die Aktivitäten, die nach innen gerichteten Polizei- und Sicherheitsapparate auszubauen, hektisch. Vieles spricht dafür, dass die Zeit des wohl temperierten Kalküls der des Zorns gewichen ist.