Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Eine Art Kolonialismus für jedermann

Die Botschaft der Stunde: Alles hängt mit allem zusammen. Das ist zwar ganz so neu nicht, denn irgendwann gab es einmal Pantheisten und Universalisten, die hatten das auch in ihrem Weltbild. Doch nun hat die Erkenntnis, wie immer, wenn sie zeitgenössisch ist, eine ganz andere Qualität aus der Sicht derer, die sie erlangen. Daher auch der immer ein wenig verschleiernd wirkende Satz, die Welt sei komplexer geworden und daher alles nicht so einfach, wie es sich der Kleingeist vorstellt. Wenn letzte Bemerkung mal nicht sehr einfach ist, doch das ist ein anderes Feld. Diejenigen, die von der totalen Vernetzung der Welt und deren Komplexität sprechen, sind oft leider etwas sehr  in Monokultur unterwegs. Ihre Komplexität reduziert sich auf die mittlerweile ins Binäre transformierte Welt. Dass daneben noch etwas anderes existieren könnte, wird mit ihrem Komplexitätsbegriff nicht abgedeckt.

Es ist Mainstream. Alles hängt mit allem zusammen und die Welt ist komplex. Doch worin besteht die Schlussfolgerung für diejenigen, die sich in diesem Mainstream wohlfühlen? Auch die Antwort ist Mainstream. Alles muss miteinander verbunden  und der totale Datenfluss inszeniert werden. Was dann geschieht? Dann, so die wiederum daraus resultierende Erkenntnis, dann entstehen Möglichkeiten, von denen vorher niemand träumte. Auch das ist sicherlich ebenso richtig wie trivial. Wenn alle Akteure auf der Welt miteinander verbunden sind, dann entstehen Partnerschaften, von deren Möglichkeit vorher niemand etwas ahnte. Man denke an den Bochumer Teppichdesigner mit seinem in Ehrenfeld von den Eltern übernommenen Laden für Orientteppiche, der jetzt wie ein Startup-Labor für Free Art daherkommt und für den im fernen Nepal 1800 Menschen arbeiten. Wie gesagt, alles ist möglich. Teilweise überzeugt es, teilweise berauscht es, teilweise ändert es jedoch gar nichts. 

Wenn alles mit allem verbunden ist und auf der einen Seite die Kreativität quasi aus den Nähten platzt, auf der anderen Seite aber archaische Arbeits- und Besitzverhältnisse bleiben und die Nähte von schwieligen, unterernährten Kinderhänden gezogen werden, darf die Frage gestattet sein, das gesamte Design der schönen neuen Welt auf bestimmte, existenziell entscheidende Dinge hin zu hinterfragen. Und lassen wir diese Fragen einfach einmal im Raum stehen und auf uns wirken. Wer jetzt alle Antworten parat zu haben glaubt, sollte der Skepsis aus reinem Realitätssinn etwas mehr Raum zugestehen. Wer vernetzt wen in welchem Interesse? Wem gehören die Netze? Zu wem gehen die Daten? Und wer bezahlt für was? Machen Sie bitte das Spiel, versuchen Sie die Fragen zu beantworten und lassen das Ganze auf sich wirken!

Schwenk zurück! Das, was als krass modern daherkommt, die Möglichkeit der totalen Vernetzung, ist wie bereits angedeutet, nicht so modern, wie es daher kommt. Alle, die sich an den Rändern ihrer eigenen Sozialisation aufgehalten haben, kennen die Arrangements, auf die jeder eingehen muss, wenn er mit fremden Lebenswelten konfrontiert ist. Verknüpfungen werden hergestellt, Kompromisse gemacht und – im besten Fall – ein Zusammenleben ermöglicht. So waren auch die Kolonisten unterwegs, von der Haushaltsführung bis zur Kulturentwicklung. Das, was uns gegenwärtig die globale Digitalisierung ermöglicht, geht in die gleiche Richtung. Provokativ könnte es bezeichnet werden als die radikale Demokratisierung der Möglichkeiten, oder, um es politisch zu würzen, eine Art Kolonialismus für jedermann.

Venezuela: Guerra eléctrica

Das nicht gerade als Verschwörungsjournal bekannte Organ BBC News / Mundo berichtet darüber, die deutschen Medien schweigen. Bei einer normalen Nachrichtenlage wäre das nachvollziehbar, bei der gegenwärtigen aber nicht. Wie es der Zufall will, tobt seit einigen Nächten in 21 der 23 Verwaltungseinheiten im fernen Venezuela der Krieg der Zukunft. Wie der aussieht? Man dreht den Strom ab! Wer letztendlich für diese Form der Sabotage verantwortlich ist, bleibt selbstverständlich noch zu ermitteln. Dass allerdings die amtierende Regierung Maduro dahintersteckt, ist sehr unwahrscheinlich, denn sie kann kein Interesse daran haben, dass sich die Versorgungslage der Bevölkerung zuspitzt. Sollte sich die Opposition um den selbst ernannten Präsidenten Guaido und seine Allianz von den USA bis zum deutschen Außenministerium dahinter verbergen, dann liegt eine erneute Signatur dessen vor, was momentan unter dem Begriff der Wertegemeinschaft inflationiert wird.

Während Militärs und der militärisch-industrielle Komplex und alle Bellizisten alter Schule noch auf den aggressiven und destruktiven Austausch von Kriegsgerät setzen, zeichnet sich mit wachsender Digitalisierung ab, wie die Kriege der Zukunft aussehen werden. Es reicht nämlich, das Stromnetz und dessen Backups lahmzulegen und nach kurzer Zeit bricht die Organisation der Gesellschaft komplett zusammen. Nach Entleerung der letzten Akkus ist keine Kommunikation mehr möglich, die Kühlhäuser beginnen zu stinken, auf den OP-Tischen in den Krankenhäusern erlischt das Licht, die Wasserversorgung bricht zusammen etc.. Es tritt genau das ein, was zahlreiche Katastrophenfilme bereits vorgezeichnet haben. Wozu da noch, bis auf den einen oder anderen gezielten Anschlag auf einzelne Personen oder Institutionen, das ganze ballistische Gewerk? Die Digitalisierung hat mit dieser strategischen Schwäche die Zivilisation schlechthin an den Rand des biblischen Jüngsten Gerichts gebracht.

Die Berichte, die aus Venezuela nach den Sabotageakten derer, die den guerra eléctrica eröffnet haben, vorliegen, belegen genau obiges Szenario. Vor allem die beschriebenen Situationen aus den Krankenhäusern sind Zeugnisse der Grausamkeit. Dass ausgerechnet diejenigen, die pausenlos die humanitären Zustände in Venezuela beklagen, hinter diesem Vorgehen stehen könnten, ist ein äußerst riskantes Spiel. Es kann dazu führen, dass die bereits bröckelnde Stimmung in Mittel- und Südamerika endgültig kippt und auch der Westentaschenstratege im deutschen Außenministerium es in wenigen Wochen hinbekommen hat, die Bundesrepublik Deutschland in das Feindensemble USA nahtlos mit eingereiht zu haben. Selbst der neue Präsident Brasiliens hat sich bereits scharf gegen die Pläne einer militärischen Intervention in Venezuela gewandt und in Kolumbien haben die Gewerkschaften einen Generalstreik ausgerufen, um gegen die Teilnahme der eigenen Regierung an der so genannten Lima-Gruppe, die den US-Interventionismus stützt, zu protestieren.

Neben der Ablehnung eines militärischen wie eines „elektrischen Krieges“ gegen Venezuela ist es erforderlich, sich hier und jetzt gegen eine Regierung zu stellen, deren Handlungsfähigkeit bereits bei Dieselfahrverboten und der Modernisierung von Schulausrüstungen aufhört und die sich stattdessen bereitwillig in jede nur mögliche Kriegskoalition einreiht. In diesem Kontext noch von Werten zu sprechen, ist nichts als hilflose Schwafelei eines in jeder Hinsicht überforderten Ensembles. Kein Wunder, dass die von dieser Regierung bereits gezahlten Beraterhonorare die Milliardengrenze überschritten haben. Und das ohne qualitativen Nutzen. Schaurig.